Foto: Michael Kanzler / AVALOST

DIARY OF DREAMS – Grau im Licht

von

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
8/10
Klang / Produktion
8/10
Kreativität
7.5/10
Verpackung / Artwork / Extras
7/10
Fan-Faktor
7.5/10
Umfang / Spieldauer
8/10
Gesang
7.5/10
Gesamteindruck
8/10
Total
7.7/10

Von wegen goldener Herbst! Die einzige Farbe, welche die Welt präsentiert, sobald man einen Fuß vor die Türe setzt, ist grau. Grau, grau, nichts als grau! Manchmal zusätzlich garniert mit Regen. Nicht einer von dieser gemütlichen Sorte, der fröhlich an die Fensterscheiben klopft und für wohlige Atmosphäre in der eigenen Stube sorgt. Nee, einer von der Art, die wie Millionen feiner Nadelstiche die Haut berühren und dafür sorgen, dass man das Gesicht nur noch mehr in Furchen legt. Im übertragenen Sinn passt sich das Wetter der herrschenden Stimmung in diesem Land, ja in vielen Ländern dieser Welt, an. Die leuchtenden, die fröhlichen Farben – sie scheinen verschwunden. Es gibt nur noch dieses „Grau im Licht“ – und damit kommen wir an dieser Stelle auf das neue DIARY OF DREAMS Album zu sprechen, dessen ausufernder, von Menschen geschaffener und bedingter Trübsinn ein thematischer Eckpfeiler ist.

Dass sie in den letzten Monaten auf der faulen Haut gelegen und sich auf den Lorbeeren für ihr sensationelles Album „Elegies In Darkness“ ausgeruht hätten, das kann man der Band um Adrian Hates nun wirklich nicht unterstellen. Besagtes Album datiert auf das Frühjahr 2014 zurück – und gerade mal anderthalb Jahre später gibt es schon einen Nachfolger mit gleichem Umfang. Da war wohl 2014 mit den Elegien der Dunkelheit noch nicht alles gesagt. Ach, wie könnte es auch nur, angesichts der Zustände in dieser Welt! Und so überrascht es mich nur wenig, dass sich „Grau im Licht“ über weite Strecken so anfühlt, als sei es das Schwesteralbum, die direkte Fortsetzung. Eben die andere Seite. Die, die stets dem Licht abgewandt ist und ihren Glanz in die Dunkelheit abstrahlt. Natürlich, schließlich wurde sie geschmiedet durch Einflüsse des aktuellen Zeitgeschehens.

In der Ankündigung zum vorliegenden Album ließen Diary Of Dreams wissen: „Wenn man sich in der Welt so umschaut, kann man doch eigentlich emotional nur abstumpfen und verkümmern oder komplett verzweifeln. Krieg, Zerstörung, Fanatismus, Egoismus, Leid und Trauer, so weit das Auge reicht. Jeder kämpft für sich und seine Interessen. Das große Ganze bleibt wie immer auf der Strecke. Und genau darum geht es auf „Grau im Licht“. Auch die Medien mit ihrer national geprägten Massenmanipulation sind gedankliches Thema des Albums“.

Mit diesem Wissen im Hintergrund überrascht es gleich noch weniger, dass die abermals 12 Songs, die Diary Of Dreams hier geschaffen haben, so schwer und manchmal schon fast so quälend bedrückend sind, dass man beim Hören zwischendurch manchmal eine Pause einlegen möchte, ja muss, um das Gehörte sacken zu lassen. Um es zu verarbeiten. Dabei machen sie musikalisch im Prinzip das gleiche wie seit vielen Jahren schon. Nehmen wir nur als Beispiel den Opener „Sinferno“. Da zirkulieren dezente Anflüge von Eletronik um Gitarrenriffs, die wie Maschinengewehrsalven um die Ohren des Hörers geballert werden. Adrians dunkle Stimme intoniert Texte, die sich wie immer einer definitiven Interpretation entziehen und nur die Türe zu Euren eigenen Überlegungen aufstoßen sollen (Embrace the silent soldiers / Your talk beyond all bearing / Identify the only suspect / Sacrifice your rational thinking). Dazu ein paar gesampelte Choreffekte und das alles so verwoben, dass sich schon im ersten Song ein eigentümliches Gefühl von Unbehagen ausbreitet. Dieses Gefühl soll im Verlauf des Albums auch nicht mehr weichen. Daran ändert weder ein „Endless Nights“ etwas mit seinen beinahe schon eingängigen Melodiebögen und den Synthie-Tupfern, zart durchbrechenden Sonnenstrahlen gleich, noch das balladenhafte „Ikarus“.

Diary Of Dreams – das Tagebuch der Träume. Aber wer sagt denn, dass es immer die schönen Träume sind? Wo wird denn ausgeschlossen, dass es nicht eventuell auch Albträume sind? „SinnFlut“, „HomeSick“, „Schuldig!“ – die Liste der unbequemen Songs dieses Albums, die dem Hörer in brachialer, mahnender und ungewohnt wuchtiger DoD-Manier die Furchtbarkeit der aktuellen Zustände vor Ohren führt, ließe sich beliebig fortsetzen.

Die Krönung dieses Albums ist das neuneinhalb Minuten lange, das Album beendende „Schwarz“. Es beginnt wie eine dieser bekannten und beliebten, klaviergeschwängerten Pianoballaden und besteht textlich aus nur drei Worten: weiß, grau und schwarz. Zwischendurch steigert sich der Song, gewinnt an pulsierender Elektronik und Tempo dazu – und lässt den Hörer abschließend mit einer Art knapp viereinhalb Minuten andauerndem, statischem Rauschen zurück. Ein Sinnbild, wie wir Menschen unsere Unschuld, die wir vielleicht eh nie hatten, verloren haben und ohne Fallschirm dem Abgrund entgegenstürzen. Ein Loch ohne Boden, das wir selbst geschaufelt haben. Von allen Stücken, die Diary Of Dreams im Laufe ihrer langen Karriere geschaffen haben, gehört dieses hier zu den eindrucksvollsten und eindringlichsten. Es ist das Ende der musikalischen Reise auf „Grau im Licht“, das noch einmal aufzeigt, dass Musik eine Kunstform ist, die manchmal den Finger tief hineindrückt in die Wunden der Zeit und dabei zum Glück nicht auf Eingängigkeit getrimmt sein muss. Anders dargeboten würde „Grau im Licht“ ganz Gewiss nicht die beklemmende Wirkung erzeugen, die diesem Album innewohnt. Womöglich sorgt „Grau im Licht“ dafür, dass wir noch tiefere Furchen in unsere Gesichter graben. Wenn wir dabei vielleicht aber über unsere aktuelle Lage nachdenken und, im Idealfall, wie wir sie verändern können – ja, dann haben Diary Of Dreams mit diesem Album alles richtig gemacht. Vielleicht sollen wir dieses Mal ganz einfach nicht träumen. Vielleicht sollen wir viel eher endlich einmal aufwachen.


Um ehrlich zu sein, schiebe ich die Review zu Diary Of Dreams’ neuem Album schon ein paar Tage vor mir her. Nicht etwa weil es schlecht wäre oder es mich nicht kümmern würde. Sondern weil das komplette Gegenteil der Fall ist! Es berührt mich, es wühlt mich auf, es sorgt dafür, dass ich immerzu an die vielen Nuancen, die zwischen schwarz und weiß in unserem Alltag existieren, grübele. „Grau im Licht“, der gefühlte direkte Nachfolger zu „Elegies in Darkness“, ist kein Party-Album, Nörgler werden sagen, es lässt die konzerttauglichen Hymnen vermissen. Und das stimmt sogar. In der Bandgeschichte gab es immer wieder Alben, bei denen es schwierig war, einzelne Songs herauszupicken und die nur im Ganzen funktionieren. „Grau im Licht“ gehört dazu. Im zwölften (je nach zählweise vierzehnten) Kapitel ihres Traumtagebuchs sind Diary Of Dreams düster, wütend, brachial und schwer bekömmlich wie schon lange nicht mehr! Schön, dass es ihnen nach all den Jahren immer noch vor allem darum geht, ihre Botschaft in Töne zu gießen und nicht auf irgendwelche Charts schielen. Ich gehe davon aus, dass die Band in nicht allzu ferner Zukunft das Traumtagebuch erneut öffnen wird. An dieses Kapitel hier, daran wird man jedoch noch lange denken.



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Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

2 Comments

  1. Dieses Review setzt sich wirklich fantastisch mit dem Album auseinander. Wer es kennt, kann nur begeistert nicken, bei allen anderen sollte es ein riesen Interesse wecken. Also wirklich großes Lob, gibt nicht oft so gründliche Auseinandersetzungen 🙂

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