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ADELE – 25

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Es war das meist verkaufte Album der Jahre 2011 und 2012, wurde mit Brit Awards, Echos, Grammys und mehrfachem Platin förmlich überschüttet, schaffte es in mehr als 25 Ländern auf den ersten Platz der Charts und verkaufte sich ingesamt weltweit über 30 Millionen mal. Keine Frage: ADELE ist mit ihrem Album „21“ ein unglaublicher Erfolg gelungen. Verdient, möchte man sagen, denn ein Album wo ein Song von der Güte wie „Set Fire To The Rain“ enthalten ist, gehört einfach maximaler Erfolg beschieden. Seit ein paar Tagen ist Adele nach längerer, nicht zuletzt durch die Geburt ihres ersten Kindes bedingten Pause zurück. Nach „19“ und „21“ folgt nun konsequenterweise „25“. Wenig überraschend fährt sie die ersten Rekorde damit jetzt schon ein. In 106 von 119 Ländern in denen es iTunes gibt, so berichtet es der Tonspion, schaffte es die Londonerin auf Anhieb an die Spitze. Aber: was kann das Album eigentlich, außer wieder diverse Bestmarken setzen?

Das vorab ausgekoppelte „Hello“ eröffnet dem Hörer die Türe in Adeles Musikwelt des Jahres 2015. Die mäßig komische Anspielung auf Lionel Richies Song gleichen Titels brauchen wir hier nicht mehr bringen, die hat ungefähr das halbe Internet schon mehrfach durchgekaut. Auch der schon eher unterhaltsame Muppets-Videobeitrag von Miss Piggy, die diesen Song ihrem Kermit als Schmachtfetzen trällert und damit das originale Musikvideo charmant auf die Schippe nimmt, dürfte vermutlich ebenfalls schon bekannt sein. Darum halten wir einfach mal fest: „Hello“ ist hochglänzender Bombast-Pop, der ein bisschen an die gute, alte Zeit erinnert, als eine frühe Whitney Houston oder eine Jennifer Rush mit ihren Röhren noch Muttis Kristall in der Wohnzimmerstube zum Klirren brachten. Meine Güte, hat diese Frau eine Stimme – sagenhaft! Nach wie vor ist das ziemlich beeindruckend, was sie ihren Stimmbändern für gewaltige Töne entlocken kann. Dass sie auf „21“ noch ein bisschen mehr Dampf dahinter hatte – geschenkt. In die Sphären einer Adele muss erst einmal jemand kommen. Und doch ist es im Falle des vorliegenden Albums ein bisschen so, dass sie das meiste Pulver schon direkt zu Beginn verschossen hat.

„Send Me Love (To Your New Lover)“, das folgende Stück, zeigt, dass die Popwelt auch in ihrer Pause nicht spurlos an ihr vorbeigezogen ist. Ist hier irgendjemand, der sich bei der Nummer nicht an das beachtliche Debüt von Lorde erinnert fühlt? Hier ist es so: ich höre Adele, singe in meinem Kopf aber „Royals“. Eine gewisse Ähnlichkeit, nicht wegen zuletzt der Vortragsweise von Adele, wird wohl niemand ernsthaft abstreiten können. Fällt ein bisschen aus dem Rahmen, hat auch schnell das Potential zu nerven – weghören kann man aber dennoch nicht. „I Miss You“ schafft hier zum Glück schnell einen Ausgleich, nicht zuletzt der luftigen Percussions wegen. Langfristig vielleicht einer der Songs, die Adele im Laufe ihrer Karriere am besten gelungen sind. Im Bezug auf die herrschende Grundstimmung wunderbar düster. Hätte gerne so bleiben dürfen. Leider passiert das nicht. In einem Interview mit der ZEIT gab Adele zu, dass ihr mangels Traurigkeit in ihrem Leben die Themen ausgegangen seien. „Früher schrieb ich aus tiefer Verzweiflung heraus„, sagt sie dort. Und weiter, dass sie Probleme gehabt hätte, Zugang zu Themen zu finden, die sie berührten. Merkt man so ein bisschen.

Foto: XL Recordings Beggars Group
Foto: XL Recordings Beggars Group

„When We Were Young“ ist eine dieser Balladen, die so ein bisschen retro um die Ecke kommen. „Remedy“ knüpft direkt daran an, lebt von melodramatischem Klaviergeklimper, ist insgesamt aber eher geht so. Mit „Water Under The Bridge“, angereichert mit einer Gitarre die von U2 entliehen wirkt, gehen Tempo und postive Eindrücke wieder weit nach oben. Und hätte sie mit dem von Danger Mouse produzierten, ein bisschen gospeligen „River Lea“ das Album vorzeitig ausklingen lassen, wäre alles gut gewesen. Dann hätte ich mir vielleicht gedacht, ok, ein bisschen kurz vielleicht, dafür aber unterhaltsam, beeindruckend produziert und, hach!, was für eine tolle Sängerin sie doch ist!

Leider endet es dort nicht, das obligatorische Füllmaterial kommt – aus welchen Gründen auch immer – komprimiert zum Schluss. „Love In The Dark“, flankiert von Streichern und Klavier, tropft förmlich vor Pathos. So sehr kann ein Herz gar nicht brechen, dass man das irgendwie als Schokolade für die Seele gebrauchen könnte. „Million Years Ago“, ob der vordringlichen Akustikgitarre ein bisschen spanisch angehaucht, zeigt ein anderes Problem auf: wenn Adeles Stimme nicht mit voller Inbrunst aus den Boxen röhrt, dann fällt sie deutlich hinter anderen Pop-Sirenen zurück, die wesentlich eindringlicher ins Mikrofon schnurren können. Adeles Stimme braucht größtmöglichen Raum, sie muss Stadien beschallen – und den entsprechenden musikalischen Rahmen bekommen. So eine Akustiknummer ist ja ein ganz nettes Gewand, ein bisschen kneift und zwickt es aber schon.

In stiller Hoffnung, jetzt wieder ein bisschen pompösen Hochglanz geboten zu bekommen, bleibt Adele auf dem Pfad der Tränendrückerballaden. 20 Jahre früher hätte diese Nummer auch bequem von Celine Dion vorgetragen werden können. Ob es Fluch oder Segen war, dass Bruno Mars an dem Song mitgeschrieben hat, sei mal dahingestellt. Abgeschlossen wird das Album mit „Sweetest Devotion“. Das Lied plätschert vor sich hin, kann nicht ganz verleugnen, dass der Produzent ansonsten auch mit Coldplay oder U2 arbeitet, und wird ebenfalls nicht als Adeles stärkste Nummer in Erinnerung bleiben. Immerhin geht der Trend hier aber wieder nach oben. Leider ein bisschen spät, manch einer hat an dieser Stelle das Album vielleicht schon abgedreht oder ist zum deutlich besseren und spannenderen Anfang zurück.

Schade, dass wir nicht zu hören bekommen, was Damon Albarn (Gorillaz, Blur) und Adele zusammen ausgeheckt haben. Die beiden Protagonisten ergehen sich ja aktuell in einer medialen Kindergartenvorstellung, die mit „Mimimimi“ ganz gut umschrieben ist. Da sich die beiden derzeit nicht so richtig grün sind, wurde das Material vorsichtshalber gleich gar nicht erst veröffentlicht. Schade, wie gesagt. Vorstellbar, das die Ideen und Einflüsse des Brit-Poppers dem Album noch den nötigen Dreh gegeben hätten, um so richtig gut zu sein.

Und somit ist „25“, dieser lang erwartete Hoffnungsträger der gesamten Musikindustrie, vor allem eines: ein Zeugnis von Adeles noch immer mächtigen Stimme, das sich musikalisch zwischen tollem, ganz großem Bombast-Pop und erschreckend langweiliger Mittelmäßigkeit bewegt. „21“ ist und bleibt bis auf Weiteres das Maß aller Dinge in Sachen Adele.

Fazit

Ja, schade. Richtige Begeisterung für Adeles neues Album will sich nicht einstellen. Zwar ist „25“ mit seinem schillernden Bombast-Pop immer noch um einiges besser als so manch anderes, ähnlich gelagertes Album – das liegt aber vor allem an der nach wie vor überragenden Stimmgewalt Adeles. Und weniger an der manchmal erschreckend beliebig wirkenden Musik. Mit anders zusammengestellter Trackliste wäre der Eindruck bezüglich „25“ vielleicht auch noch mal ein anderer gewesen, so aber kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass es zum Ende hin ganz schön abflacht. Mit den letzten vier Songs stürzt die Spannungskurve so enorm ab, dass mir andauernd der Begriff „Füllmaterial“ über die innere Leinwand flimmert. Es fängt stark an, lässt aber eben auch ganz stark nach. Für riesige (wirtschaftliche) Erfolge und das Aufstellen/Brechen diverser Rekorde wird es aber sicher auch dieses Mal wieder reichen, davon bin ich überzeugt.


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Adele Albumcover ©XLRecordings Beggars Group 2

  • Medium: Audio CD (20. November 2015)
  • Label: XL Recordings / Beggars Group (Indigo)
  1. Hello
  2. Send My Love (To Your New Lover)
  3. I Miss You
  4. When We Were Young
  5. Remedy
  6. Water Under The Bridge
  7. River Lea
  8. Love In The Dark
  9. Million Years Ago
  10. All I Ask
  11. Sweetest Devotion
  1. Hello
  2. I Miss You
  3. When We Were Young
  4. River Lea

Physisch

Digital

Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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