Foto: AVALOST

AVALOSTS TOP ALBEN 2015

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Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell so ein Jahr vergeht. Gefühlt war es doch gerade eben erst, dass ich ein paar Worte als Einleitung für den Jahresabschluss 2014 geschrieben hatte. Ein Blick auf den Kalender bestätigt aber: es ist zweifelsfrei 12 Monate her, dass wir hier bei AVALOST zuletzt das Jahr beendeten. Seitdem ist viel passiert. Viel gute Musik erreichte uns; mit Marilyn Manson und Olli Schulz gab es direkt im Januar schon die ersten Kracher. Welche Alben es schlussendlich in unsere berühmt-berüchtigte Top-30-Liste geschafft haben, möchten wir Euch nachfolgend gerne zeigen. Wie immer ist die Wahl von AVALOSTS TOP ALBEN des Jahres keine leichte gewesen!

Bevor jedoch dazu übergehen, Euch unsere absoluten Lieblinge vorzustellen, noch ein paar persönliche Worte. Das Jahr 2015 war ein ziemlich bewegendes. Privat wie musikalisch. Avalost bekam zweimal in einem Jahr einen neuen Anstrich spendiert und ist in eine neue Serverheimat gezogen. Keine Sorge, aktuell gibt es weder Ambitionen, unseren Blog schon wieder neu anzustreichen, noch planen wir (weitere) Ausfälle der Seite wegen Umzugs, da wir derzeit mit der Optik und der Performance ziemlich zufrieden sind. Wir hoffen, Ihr seid es auch.

Musikalisch haben wir wieder versucht, viele Bereiche abzudecken, Euch spannende Neuheiten vorzustellen und gleichzeitig immer wieder zu unseren Wurzeln in der Schwarzen Szene zurückzukehren. Darüber hinaus haben wir mit der festen Aufnahme des Themas Kreuzfahrten einen weiteren Themenbereich hinzugefügt, den wir ziemlich spannend finden. Musik und Meer ergänzt sich gut, das lernten wir damals von unseren Namensgebern Seabound. Jetzt ist diese Mischung fester Bestandteil unseres Tuns.

Wie immer ist leider viel zu viel gute bzw. vorstellenswerte Musik liegen geblieben. Unser Ziel für das nächste Jahr ist es, den thematisch eingeschlagenen Weg weiterzugehen, eine Schippe draufzulegen, Euch noch mehr tolle Mucke empfehlen zu können und auch in den anderen Themenbereichen unterhaltsame, spannende und/oder informative Artikel zu bieten, die Ihr so vielleicht nirgendwo sonst geboten bekommt. Außerdem haben wir vor, uns auch wieder öfter auf Konzerten und Festivals blicken zu lassen, um Euch anschließend davon berichten zu können. Wenn wir Euch mit unserem Tun für dieses oder jenes begeistern bzw. interessieren konnten, dann haben wir unser Ziel erreicht.

Unser Jahresabschluss ist gleichzeitig auch immer der Moment, in dem wir uns bedanken möchten. Los geht’s: Einmal mehr danken wir allen Musikern da draußen, die mit ihrer Arbeit dafür sorgen, dass wir stets aufs Neue mit frischer Musik versorgt werden und somit andauernd unserer liebsten Leidenschaft frönen können. Weiterhin gilt unser Dank allen Partnern, Promotern, Veranstaltern und Labels, die uns so fleißig mit neuem Material versorgen, damit uns auch garantiert nicht langweilig wird. Ein herzlicher Dank geht raus an die Menschen in unserem persönlichen Umfeld für ihr Verständnis und ihre Unterstützung. Ein mit Herzblut betriebenes, aufwendiges und zeitintensives Projekt wie dieses bedeutet manchmal eben leider auch, für andere Dinge oder Leute gerade mal keine Zeit zu haben. Und ganz besonders danken wir Euch, den Lesern, die Ihr nach wie vor die Grundlage unseres Tuns bildet. Schön, dass Ihr auch 2015 dabei gewesen seid!

Im Hinblick auf Reviews beenden wir stets mit der Liste unserer Top Alben ein Musikjahr. So auch dieses Mal. Wir wünschen Euch eine schöne Weihnachtszeit, später einen guten Rutsch und ein spannendes, tolles neues (Musik-)Jahr 2016!

Cheers,
die AVALOST Bande


AVALOSTS TOP ALBEN 2015 | Die Gewinner

Wie in den Jahren zuvor ist die Reihenfolge unserer Lieblingsalben rein alphabetisch. Jedes Album gehört für uns zu den besten Alben des Jahres 2015 und ist als solches eine lohnenswerte Anschaffung. Unsere 30 Gewinner:

Ashbury Heights – The Looking Glass Society

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Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Elektronische Pop-Musik aus Schweden, gerne mal auch mit düstererem Anstrich versehen, kommt immer gut. Auch und ganz besonders bei Ashbury Heights, bei denen man ja hätte vermuten können, dass sie nach ihrem letzten Album und der Zankerei mit ihrem Label Out Of Line in der Versenke verschwinden würden. Erfreulich für uns Konsumenten, dass dem nicht der Fall war. Anders Hagström suchte sich abermals eine neue Sängerin, klopfte seinem Projekt den Staub aus dem Scheitel und lieferte. Ein ganz fantastisches Synthie-Pop-Album. Hoffentlich dauert es bis zum nächsten Album nicht wieder so lange und hoffentlich geht das dann ohne albernes Gemache über die Bühne.

Originalfazit:

Wie beim Vorgänger bleibt hier nur eine Empfehlung festzuhalten: Kauft euch die Scheibe, jetzt, sofort, digital, als Silberling, völlig egal. Hauptsache kaufen. Ashbury Heights ist für mich die Band überhaupt aktuell, kein Rohrkrepierer auf dem Album, Spaßfaktor hoch zehn, tolle Beats, abwechslungsreiche Lieder und so weiter. Wer bisher noch nicht die Möglichkeit hatte, die Band zu hören, dem empfehle ich direkt den Kauf mit den Vorgänger-Alben zusammen. Hier kann man nichts falsch machen, wenn man synthie-poppige Musik mag. Die Schweden können es eben. Und Ashbury Heights sowieso. Schön, dass sie wieder da sind!

ASP – Verfallen, Folge 1: Astoria

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Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Es gibt Bands, die schaffen es im Laufe ihrer Karriere, sich nicht nur ihre eigene Nische zu suchen, sondern sich selbst ein ganz eigenes Genre zu schaffen. ASP ist eine dieser Bands. Schon seit geraumer Zeit musizieren Alexander Spreng und Kollegen mit dem Anspruch, „Gothic Novel Rock“ zu schaffen. Also musikalische Geschichten für Finsterlinge zu erzählen. Niemand wird ernsthaft bestreiten wollen, dass ihnen das gelingt wie keiner zweiten Band. Die erste Folge von „Verfallen“, basierend auf einer Kurzgeschichte von Fantasy-Autor Kai Meyer, ist ein Paradebeispiel für beeindruckenden Fertigkeiten von ASP. Ein bisschen wie ein Hörbuch zum Tanzen, gleichzeitig aber spannend und fesselnd. Wir sind maximal gespannt auf das große Finale dieser Erzählung!

Originalfazit:

Wow, „Verfallen Folge 1: Astoria“ in der Limited 2CD Edition ist ein mehrdimensionales Klang-Bild-Text-Kunstwerk. Immer wieder ertappe ich mich selbst dabei, Astoria zu personifizieren. ASP ist es gelungen mit diesem Werk den Hörer sehr intensiv auf der Gefühlsebene zu fesseln, weil parallel so viele Sinne angesprochen werden. Das ist sie also, die Gothic Novel. Ich habe noch immer Gänsehaut. Musikalisch spielt sich diese Novel absolut melodisch zwischen Gothic-Rock und Metal ab, doch garnieren auch Anleihen aus dem Tango oder, im Kontrast dazu, Doom diesen spannenden Ohrenschmaus. Zeigte uns ASP einst, wie es klingt, als habe man die Einsamkeit vertont, so lehrt er uns nun das Gruseln. Und das bezieht sich lediglich auf die schaurige Story, denn musikalisch wird der Hörer auf höchstem Niveau unterhalten und so kann ASP mit Fug’ und Recht auf den nächsten Konzerten weiterhin „Denn ich bin dein Meister“ anstimmen. Apropos Konzerte, neben der langen und spannenden Geschicht, von der das Album „Verfallen Folge 1: Astoria“ erzählt, hält es eine Hand voll Festival-tauglicher Songs bereit. Für mich ist „Verfallen Folge 1: Astoria“ definitiv die persönlich aktuelle Nummer 1 der „AVALOST TOP 30“-Alben 2015 und das Jahr neigt sich schon dem Ende. Ende, ja stimmt, ich wollte mich kurz fassen. Dann verabschiede ich mich, noch immer von den musikalischen Eindrücken des Albums gerührt und den Texten sehr berührt, mit einem Dank an ASP für dieses Epos.

Beborn Beton – A Worthy Compensation

Foto: Roman Kasperski
Foto: Roman Kasperski

Manchmal bekommen wir Alben schon viele Monate vor ihrer Veröffentlichung zugeschickt. Und manchmal passiert es dann, dass wir ein so tolles Album zu hören bekommen, dass wir vor lauter Aufregung am liebsten sofort davon berichten möchten. Macht natürlich keinen Sinn. Und so warten wir, bis der Tag der Veröffentlichung näher rückt und wir endlich was tun können. Beborn Betons sensationelle Rückkehr nach locker 15 Jahren ist eines dieser Alben. Das beste Synthie-Pop-Album dieses Jahres, dem man vom ersten bis zum letzten Ton die Mühe und die lange Arbeit daran anhört.

Originalfazit:

Zu den Dingen, die ich in diesem Leben wohl nicht mehr selbst mitbekommen werde gehört wohl auch zu erfahren, wie das so ist, wenn man Musik in sich trägt. Wenn man aus einer Idee oder Laune heraus anfängt, Songs zu schreiben und die Stück für Stück, nach ewiger Frickelei, Gestalt annehmen. Umso dankbarer bin ich oftmals, wenn ich als Konsument an dem fertigen Produkt teilhaben darf. Ein bisschen was von den zugrunde liegenden Gedanken und Gefühlen aufschnappen und mich meinen eigenen hingeben kann. Vor allem und ganz besonders dankbar bin ich stets dann, wenn es sich dabei um ein Produkt von solch erlesener Güte wie „A Worthy Compensation“ handelt. Nicht nur, dass Beborn Beton das überraschendste und gelungenste Comeback des Jahres geglück ist, nö, das Resultat ihrer jahrelangen Fleißarbeit ist zudem das definitive Synthie-Pop-Album des Jahres 2015! Besser war es bisher nicht, besser wird es wohl auch nicht mehr werden. Ich bin mir sicher: irgendwann in ferner Zukunft werden Connaisseure zusammensitzen und philosophieren und dann werden sie sagen: weißt du noch damals, in der Mitte der Zehner-Jahre… dieses „A Worthy Compensation“. Das war ein Fest!

Biomekkanik – Violently Beautiful – Foto: Biomekkanik

Foto: Biomekkanik
Foto: Biomekkanik

Tanzbar, treibend und ziemlich intensiv, dazu spannende Texte und die für schwedische Produktionen so typische Eingängigkeit – so ließe sich „Violently Beautiful“ von Biomekkanik zusammenfassen. Unmittelbar nach Jahresstart gab es ein beeindruckendes Stück Düsterelektro, das im Verlaufe des restlichen Jahres in seiner Güteklasse nur noch selten eingeholt und nie überholt wurde. Ein mächtig beeindruckendes Album, auch Monate später noch. Die Chancen stehen gut, dass Biomekkanik hier ein Klassiker gelungen ist, der die Zeiten überdauert.

Originalfazit:

„Violently Beautiful“ ist wieder eines dieser Alben bei denen ich froh bin, es nicht beim ersten Durchgang belassen zu haben. Offenbar musste ich erst den Kopf bzw. die Ohren freibekommen, um mich auf dieses Album einzulassen. Im Gegensatz zu manchem Nörgler im Netz finde ich die Gitarrenwände im Klangbild Biomekkaniks nicht störend. Viel mehr verleihen die peitschenden Riffs den Songs die Extraportion Power und Energie. Rockelemente in elektronischen Grundgerüsten funktioniert mal mehr, mal weniger gut. Hier aber ist es in meinen Ohren die perfekte Symbiose. Dazu die mitunter gesellschaftskritischen Texte – et voilà ist ein Meisterwerk. Ja, Meisterwerk! Christer Hermoddsons und seine Mitstreiter haben ein fesselndes, atmosphärisch unheimlich dichtes Album geschaffen, einen schrecklich schönen Soundtrack für einen dystopischen Film im Kopf des Hörers, der die reale Welt auf beklemmende Weise spiegelt. Es ist eines dieser Alben, die ich künftig anführen werde, wenn ich wieder von Schweden als Exportweltmeister hochwertiger (Electro-)Mucke ins Schwärmen gerate. Das Jahr ist noch jung und wir wissen natürlich nicht, was alles noch so kommt. Dass wir uns am Ende des Jahres noch einmal „Violently Beautiful“ ins Gedächtnis rufen, wenn es um die jährlichen Top-Alben geht, scheint mir aber schon jetzt so sicher wie das Amen in der Kirche.

Boy – We Were Here

Foto: Deborah Mittelstaedt
Foto: Deborah Mittelstaedt

Manchmal muss man sich in Musik einkuscheln können, sie wie eine zweite Haut anlegen und sich für eine kurze Weile einfach wohlfühlen. Die Musik von Boy bietet sich dafür ganz hervorragend an. Mit ihrem mit großer Spannung erwarteten zweiten Album zeigte das Damenduo, dass sie nicht nur kein One-Hit-Wonder sind, sondern tatsächlich ein sehr feines Gespür für herzerwärmende, ganz große und großartige Pop-Songs haben. Eines dieser Alben, das man herzen möchte. So wie Plüschtiere früher.

Originalfazit:

In einer Welt, die zunehmend mehr aus den Fugen gerät, ist die Musik der Damen von Boy eine gute Gelegenheit, mal auszusteigen. Die Welt da draußen für eine kleine Weile auszublenden. Wer hier von Wohlfühl- oder Kuschel-Pop spricht, trifft den Nagel auf den Kopf. Und das meine ich gänzlich ohne irgendwelche negativen Konnotationen. Herrlich unaufgeregt und betörend zurückhaltend produziert sind die Geschichten, die Sonja und Valeska hier erzählen, wie kleine Fluchtpunkte. Die Promo zu diesem Album liegt mir schon seit einiger Zeit vor. Und seit Erhalt ist es immer und immer wieder eine bequeme und willkommene Haltestelle, wenn mir ringsherum alles zu viel wird. War es früher die Großmutter, die mit Keksen, Kakao und lieben Worten Empathie und Wärme zurück in den Alltag brachte, so ist es heute die Musik. Musik von der Sorte, wie sie auf „We Were Here“ zu finden ist. In dem schier endlosen Nachthimmel voller Pop-Alben, die um die Gunst des Hörers buhlen, ist dieses Sternchen hier eines, das ganz besonders funkelt. So wie damals 2011. So wie vermutlich auch beim nächsten Mal.

Chvrches – Every Open Eye

Foto: Danny Clinch
Foto: Danny Clinch

Auch das Glasgower Trio um die Lichtgestalt Lauren Mayberry gehört in unserer diesjährigen Top-Liste zu den Wiederholungstätern. Das Debüt landete damals hier, auch das zweite Album ist ein unheimlich gelungenes Werk in ganz eigenem Stil geworden. Dass sich so langsam erste Abnutzungserscheinungen zeigen, soll für das Jahr 2015 noch nicht von Belang sein. Darum kann sich das Electro-Pop-Trio für das nächste Album Gedanken machen. In diesem Jahr aber war das Gelieferte immer noch besser als so vieles andere, was die gleiche Zielgruppe bedient.

Originalfazit:

In der IT-Branche gilt die olle Binsenweisheit: never change a running system! Die Einhaltung dieses Leitsatzes ist manchmal sinnvoll, manchmal nicht. Umgemünzt auf die Musikindustrie lässt sich bequem die Behauptung aufstellen, dass so manche Band bzw. mancher Künstler vielleicht besser daran getan hätte, etwas das funktioniert nicht zu verändern. Auf das Glasgower Trio Chvrches lässt sich das jedoch nicht anwenden. Mit einer nahezu erstaunlichen Konsequenz gehen sie auf „Every Open Eye“ den Weg weiter, den sie mit ihrem umjubelten Debüt „The Bones Of What You Believe“ eingeschlagen haben. Auch 2015 ist noch Chvrches drin, wo Chvrches drauf steht. Und zwar exakt so. Änderungen im Sound müsste man schon mit der Lupe suchen. Man kann es aber auch dabei belassen und sich stattdessen darüber freuen, dass eine der unterhaltsamsten und progressivsten Alternative-Electro-Pop-Bands dieser Tage ganz genau das liefert, wonach es so vielen begeisterten Fans dürstet. Da lässt sich die fehlende Innovationsbereitschaft oder Experimentierfreude gut verkraften. Kurz gesagt: wer mit Chvrches damals schon nix anfangen konnte, wird durch „Every Open Eye“ nicht bekehrt werden. Wer das aber damals schon großartig fand feiert die Platte als eine der besten ihrer Art in diesem Jahr ab, betitelt sie vielleicht sogar als Wucht in Tüten. Schon wieder mal. Zu recht, wie ich finde. Für Album Nummer drei, das Gewiss irgendwann folgen wird, dürften sie dann aber gerne einen Schritt weiter gehen. Andernfalls verlöre auch eine Band wie Chvrches an Leuchtkraft.

David Gilmour – Rattle That Lock

Foto: Kevin Westenberg
Foto: Kevin Westenberg

2014 noch einmal ein Abschiedsalbum von Pink Floyd, 2015 nach vielen Jahren wieder ein Solo-Album des ehemaligen Masterminds der Briten – Fans des Tuns von David Gilmour hatten in den letzen zwei Jahren ganz sicher keinen Grund zur Klage, was den Nachschub mit neuem Material anbelangt. Zwar hält David Gilmour krampfhaft an seiner Aussage fest, dass die Ära Pink Floyd vorbei sei – solange er aber Alben wie dieses abliefert, ist das nicht sooo schlimm. Da steckt eben doch immer noch eine Menge Pink Floyd aus der Zeit seiner Bandführung drin. Und live funktioniert dieses Album auch bestens. Viel mehr kann man angesichts der Umstände wohl nicht verlangen. Und vor allem nicht erwarten.

Originalfazit:

Die Welt verändern wird David Gilmour mit „Rattle That Lock“ nicht mehr. Poppiger Gefälligkeitsrock ist es, dem deutlich anzuhören ist, in welcher Band Gilmour die letzten fast 50 Jahre verbracht hat. Wer mit Pink Floyd unter seiner Ägide nichts anfangen kann/konnte, den wird Gilmour auch mit seinem neuerlichen Solo-Ausflug nicht abholen können. Alle anderen hingegen können sich über ein Album freuen, bei dem sich vieles heraushören lässt, was Gilmours musikalisches Schaffen in dem letzten halben Jahrhundert (!) ausgemacht hat. Und das bei einer Live-Darbietung noch einmal deutlich an Energie gewinnt. Wer weiß, vielleicht kommen wir ja noch einmal in den Genuss. Hey David, ein einziges Deutschlandkonzert war deutlich zu wenig, hörst du?

Die Krupps – V – Metal Machine Music

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Puh, was für ein Brett! Nach dem durchwachsenen Vorgänger, der nicht überall mit ungeteilter Gegenliebe aufgenommen wurde, verursachten Jürgen Engler und Kollegen mit diesem Album wohl so mancherorts ordentliches Ohrenklingeln. Nachdem eines der Urgesteine des Industrial in der Zwischenzeit von den geistigen Zöglingen überholt wurde, wurde mit „V – Metal Machine Music“ wieder deutlich gezeigt, wo das Stahlophon hängt!

Originalfazit:

DIE KRUPPS SIND ENDLICH WIEDER DA! “V – Metal Machine Music“ ist für mich ein absoluter Anwärter auf die AVALOST TOP-ALBEN 2015. 20 Jahre nach der „Odyssey of the Mind“ schaffen Engler, Borcher, Zürcher, Finkeisen und Dörper den Spagat, ohne angestaubt zu klingen ihre Wurzeln wieder auszugraben. Die Urväter des Industrial sind zurück und spielen mit dem Album jeden an die Wand. Ein Kracher-Song jagt den nächsten, Zeit zum Ausruhen gibt es nach dem Album. Es macht einmal mehr deutlich, für welche anderen Bands DIE KRUPPS der 1990er die kreativen Vorlagen lieferten. Ich danke den KRUPPS jetzt schon für meinen persönlichen Jungbrunnen 2015, wir sehen uns auf dem NCN.

Die Wilde Jagd – Die Wilde Jagd

Foto: Chrisa Ralli
Foto: Chrisa Ralli

Manchmal gehen einem einfach die Superlative aus, mit denen man ein Album schmücken möchte. Das Debütalbum von Die Wilde Jagd, dem Projekt von Ralf Beck und Sebastian Lee Philipp, ist eines dieser Alben. Nahezu hypnotisch sind die hier versammelten Neo-Krautrock-Songs. So sehr übrigens, dass man das Album besser nicht beim Autofahren hört. Man könnte zu sehr in Gedanken abdriften und das Geschehen um einen herum nur noch am Rande wahrnehmen… Gilt bei allen anderen Tätigkeiten übrigens auch. Deshalb: irgendwo hinsetzen, bestenfalls mit Kopfhörern auf den Ohren, Musik an, den Filmprojektor im eigenen Kopf anwerfen und die von der Musik geschaffenen Bilder genießen.

Originalfazit:

Ein bisschen experimentell, ein bisschen alte Schule und gleichzeitig ein bisschen monoton und minimal und doch ganz nett – wer so urteilt über „Die Wilde Jagd“, der steht auch im Inneren der sixtischen Kapelle und urteilt über Michelangelos Deckengemälde, och, die Tapete ist ja ganz hübsch. Um es mal ganz klar zu sagen: ein intensiveres, bildgewaltigeres, zu vielfältigen Interpretationen verleitendes, spannenderes und besseres Album wird es diese Jahr nicht mehr geben. Punkt. Darüber hinaus ist es ein Lehrstück darüber, wie man mit dem Einsatz vermeintlich weniger Mittel größtmögliche Wirkung erzielen kann. Für jeden, der sich nach einer willkommenen Abwechslung im Musikzirkus sehnt, ist dieses Album eine Offenbarung. Machen wir uns nichts vor: Ralf Beck und Sebastian Lee Philipp haben hier das Jahr 2015 musikalisch beendet. Besser wird es nicht mehr!

Editors – In Dream

Foto: Rahi Rezvani
Foto: Rahi Rezvani

Wenn sich Künstler stilistisch von eine in die andere Richtung bewegen, dann ist das manchmal so eine Sache. Gemeint ist eine Entwicklung von Rock in Richtung eher elektronischer Musik. Manche Künstler bedienen sich dafür eines Nebenprojekts, das in einigen Fällen sogar die bisherige Hauptband ablöst. Andere entwickeln sich einfach in diese Richtung. Und manchmal braucht man als Konsument einfach ein bisschen Zeit, um sich an die neuen Gegebenheiten zu gewöhnen. Beim vorliegenden Editors Album war es genauso. Das brauchte eine Weile um zu reifen. Aber dann!

Originalfazit

Wer wie ich die Editors kennen und lieben gelernt hat durch Songs wie „An End Has A Start“ oder „Munich“, der wird verstehen, weshalb ich oben noch schrieb, dass ich nach Hören des neuen Albums ein wenig betroffen war. Beim ersten Durchhören nämlich war ich geradezu empört darüber, dass dieses Album nur sehr wenig mit dem zutun hatte, was ich mir vorgestellt habe. Weniger Gitarre, mehr Elektro. Weniger treiben, mehr tragen. Aber ich ahnte schon, dass dieses Album eines ist, was man mehr als einmal hören muss, um es zu verstehen. So ganz verstanden habe ich es noch immer nicht, was ohnehin schwer ist, da es durch die verschiedenen Spielarten der Songs nicht ganz rund ist. Dennoch kann ich sagen, dass ich mittlerweile eher betroffen bin von meiner eigenen Engstirnigkeit, die mir zunächst versagt hat dieses Album gut zu finden. Nun kann ich definitiv einen Daumen nach oben geben, wenn auch nicht ganz vorbehaltlos.

Enno Bunger – Flüssiges Glück

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Hauptberuflich sei er Flausenleger. Zumindest singt es der ehemalige Barpianist, Organist und Ostfriese Enno Bunger auf seinem neuen Album. Überraschend elektronisch ist es ausgefallen, nicht mehr ganz so melancholisch und einen Song wie „Regen“ gibt es auch nicht. Dafür aber die erwähnte Elektronik, die so gut in die Songs passt, als hätte es immer schon so sein müssen. An den gewohnten und geschätzten Wortspielen mangelt es ebenfalls nicht. Und die neue, inoffizielle Hamburg-Hymne ist auch im Paket enthalten. Enno singt von flüssigem Glück, wir hingegen hören akustisches Glück.

Originalfazit:

Ich vergleiche Musik ja gerne mit Malbüchern. Manchmal mit groben, manchmal mit feinen Linien werden Bilder im Kopf skizziert, die jeder Hörer ganz individuell mit eigenen Farben füllt. Sie dadurch zum Leben erweckt. Enno Bungers „Flüssiges Glück“ ist eines dieser Alben, wo zwar die Linien durch die wortreichen Texte relativ deutlich gezeichnet sind – und wo dennoch zwischen den Worten, zwischen den Tönen und den Melodien so unendlich viel Platz ist, um sich bequem dazwischen zu setzen. Umringt von Farbtöpfen aller Art. Ich mache keinen Hehl daraus, dass sich „Flüssiges Glück“ innerhalb kürzester Zeit zu einem meiner absoluten Lieblinge dieses Jahres gemausert hat. Die Gründe, warum man dieses Album toll finden kann, sie sind ja auch so zahlreich! Sind es die Texte? Die musikalische Abwechslung und Vielfalt? Ist es der Mut, zu neuen Ufern aufzubrechen und dabei keinen Schiffbruch zu erleiden? Das große Gefühlskino gar? Sucht es Euch aus. In der wohligen Gewissheit, dass „Flüssiges Glück“ gleichbedeutend ist mit musikalisch erzeugtem Glück starte ich jetzt den nächsten Hördurchgang und gehe noch ein bisschen malen. Eines von den vielen Bildern in meinem Kopf.

Escape With Romeo – After The Future

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Escape With Romeo dürfte wohl zu den wunderbar unaufgeregtesten Bands der Schwarzen Szene gehören. Tiefenmelancholische, eingängige und sehr verträumte Musik im Spannungsfeld von Darkwave und Electro ist es, die seit fast drei Jahrzehnten die Fans begeistert. „After The Future“ legte den Fokus mehr auf die elektronische Seite der Band. Geblieben ist die Möglichkeit, die Musik einzuschalten und die Welt anzuhalten. Träumereien inklusive.

Originalfazit:

Escape With Romeo waren nie eine dieser ganz großen, ganz besonders populären Bands – auch nicht innerhalb der Düsterszene – und auch nie eine von denen, die auf dem Wunschzettel für das nächste Festival ganz weit oben aufgeführt wurden. Trotz demnächst 30 Jahre Bandgeschichte gibt es immer noch viele Konsumenten, die mit der Stirn runzeln, sobald die Sprache auf Escape With Romeo gelenkt wird. Daran wird sich nichts mehr ändern, vermute ich. Das macht aber nüscht und soll die Leistung der Band in keiner Weise in Abrede stellen. Viel mehr ist EWR für mich eine dieser kleinen, ganz besonderen Musikperlen, die man von Zeit zu Zeit immer wieder gerne aus dem Regal holt, wenn einem der Sinn nach ganz besonderer Mucke steht. Das neue Album „After The Future“ macht hier keine Ausnahme. Der Verzicht auf die deutschen Texte und die noch elektronischere Ausrichtung macht das Erleben dieser Musik zu einer noch runderen Sache in meinen Ohren. Es ist vergleichbar mit einer edlen, sehr teuren Flasche Wein: die schüttet man sich auch nicht einfach so in den Hals, sondern konsumiert sie erst dann, wenn man Lust auf etwas wirklich außergewöhnliches hat. Für die unaufmerksame Dauerbeschallung ist die Musik von Escape With Romeo viel zu schade. Auch daran wird sich nichts mehr ändern.

Gloria – Geister

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Nach ihrem Debüt vor zwei Jahren hätte man durchaus denken können, das Projekt Gloria sei nur eine weitere Laune, eine kurze Alberei von Klaas Heufer-Umlauf. Zum Glück war dem nicht so. Zusammen mit Mark Tavassol kamen sie im Sommer mit ihrem Nachfolger angerauscht, der überraschend ernsthaft ausgefallen ist. Eine leichtfüßige Party-Platte vor das Debüt schon nicht, „Geister“ jedoch setzte dem Ganzen durch das Wälzen teilweise sehr ernster und schwieriger Themen jedoch die Krone auf. „Geister“ gehört ganz klar zu den Sternstunden der deutschsprachigen Pop-Musik mit Anspruch.

Originalfazit:

Um „Geister“ abschließend wirklich gut beschreiben zu können, müssen wir uns kurz mit dem Wort Geister selbst beschäftigen. Es leitet sich von vom mittelhochdeutschen geist ab und meint in seiner ursprünglichen Bedeutung so viel wie Erregung. Oder Ergriffenheit. Und das, liebe Leute, passt wie die Faust aufs Auge. Beim ersten Hören war ich so ergriffen von diesen „Geister“n, dass ich es kaum in Worte fassen kann – und ich bin echt selten um Buchstaben verlegen. Was Klaas Heufer-Umlauf und Mark Tavassol mit ihrem Zweitalbum geschaffen haben, ist nicht einfach “nur” ein weiteres Album, das auf den Markt geschmissen wird in der Hoffnung auf ein paar Hörer. Es gehört zu den absolut schönsten Alben, die ich jemals hören durfte. Die Wirkung aus Musik, Text und transportierter Stimmung wird wohl nicht nur mich so manches Mal ergriffen innehalten lassen… „Geister“ gehört zu den größten Highlights des Jahres 2015! Zwar ist das Jahr noch nicht vorbei und ein paar potentielle Knüller stehen uns noch bevor. Irgendwie beschleicht mich aber dennoch das Gefühl, dass die Krone womöglich schon vergeben wurde.

Kovacs – Shades Of Black

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Wir hatten Kovacs bereits letztes Jahr das erste Mal zu Gehör bekommen, als ihr Label Warner Music noch damit beschäftigt war, mittels Anfütterung von Musikmagazinen und -blogs einen neuen Künstler aufzubauen. Wir haben dieses Album gehört. Wir waren auf einem ihrer Konzerte. Und noch immer können wir nicht begreifen, wie diese zierliche Frau mit den extrem kurzen Haaren über eine solch markante Stimme verfügen kann. Und dann noch dieser charmante Musikstil, der an Titelsongs von früheren James-Bond-Filmen erinnert.

Originalfazit:

In den letzten Monaten haben mir Promoter so einige Newcomerinnen zugesteckt und mir erklärt, es handele sich hierbei um das heißeste Eisen im Pop-Business. Eine wie die andere ging mir dabei meist bis zur Belastungsgrenze auf den Saque. Mit Graus und Schrecken denke ich da beispielsweise an Tove Lo oder oder Charli XCX mit ihrem lauten, überkandidelten Plastikpop zurück. Kovacs ist der Gegenentwurf dazu. Musikalisch eine ganz andere Richtung, stimmlich eine ganz andere Liga. Die einen wirken künstlich, die andere authentisch. Etepetete versus Whiskey and Fun. Müsste ich mich entscheiden, ich wüsste, mit wem ich lieber was trinken gehen würde. Mit der kleinen weißen Frau mit der umwerfenden schwarzen Stimme nämlich. In einer Zeit, in der Pop-Musik oft so austauschbar, so beliebig daherkommt, ist sie ein Unikat. Ich bin begeistert. Aber ich glaube, das habt Ihr mitbekommen.

Larry Gus – I Need New Eyes

Foto: PIAS
Foto: PIAS

Es ist ein bisschen bedauerlich, dass wir so selten mit Musik aus Griechenland versorgt werden. Sicherlich, die Griechen haben womöglich andere Dinge im Kopf als Musik für ein internationales Publikum zu schaffen. Das ist umso bedauerlicher, wenn man sich das vorliegende Album von Larry Gus anhört und eine abgefahrene Mischung verschiedenster Stile geboten bekommt. Es ist wie eine Art Dimensionsportal, dass den Hörer zu verschiedensten Zeiten an die verschiedensten Orte beamt.

Originalfazit:

Ihr könnt Euch das ungefähr so vorstellen: jede Woche erreichen mich etliche Promos. Viele von denen zunächst mal als Download. Ich lade mir also alles runter, bzw. versuche es zumindest. Und dann schiebe ich mir das Zeug in iTunes und klicke mich durch. Höre mir das alles an. Genug von dem Zeug, dass da sintflutartig angespült wird, vergesse ich schon wieder, wenn der letzte Song verklungen ist. Und dann gibt es Alben wie „I Need New Eyes“ von Larry Gus, bei dem ich denke: hö?! Wie unfassbar gut ist denn das gerade bitte? Und dann setzte ich mich und schreibe und versuche das, was ich gehört habe in Worte zu fassen. Wie gerade geschehen. Um eine lange Rede nicht noch länger zu machen: dieses Album ist ein Erlebnis, eine Reise durch Zeit und Raum. Eines, das dem anfangs erwähnten, gestressten und gehetzten Menschen tatsächlich für eine kurze Weile die Flucht aus seiner Realität ermöglicht. Kann man von einem Album mehr verlangen?

Leichtmatrose – Du, ich und die anderen

Foto: Elmar Herrmann
Foto: Elmar Herrmann

Der zweite Act unserer diesjährigen Top-Alben, der sich mit seiner Musik eine eigene Nische geschaffen hat: Andreas Stitz, der Leichtmatrose. Der „Elektro-Chansonier“ bedient sich eingängiger Melodien und hintergründigen Humors, um seine stetig wachsene Fanschar zu begeistern. Mit seinem zweiten Album ist ihm einmal mehr ein großer Wurf gelungen. Bleibt nur zu hoffen, dass er langfristig auf dem Radar deutschsprachiger Pop-Musik ein genauso großes Echo erzeugt wie so manch anderer Teilnehmer unserer Liste hier.

Originalfazit:

Kommen wir noch einmal auf den Begriff Leichtmatrose zurück. Als Leichtmatrosen bezeichnet man einen in der Ausbildung befindliche Matrosen. Meist ist er jedoch erst im zweiten Lehrjahr. Im übertragenen Sinne lässt sich dem Projekt von Andreas Stitz und seinen Kollegen aber nur zu gerne attestieren: Ausbildung mit Bravour abgeschlossen! Mit „Du, ich und die anderen“ hat sich der Leichtmatrose zu einer ernsthaften Alternative im Bereich deutschsprachiger Musik entwickelt, unabhängig irgendwelcher subkultureller Grenzen. Zudem: dieser ewig frische Elektro-Chanson, der zum Mitsingen und Tanzen anregt, gleichzeitig aber auch den Verstand kitzelt, nutzt sich nicht ab. Weder musikalisch noch inhaltlich. Ich habe es in den vergangenen Wochen etliche Male hören dürfen – ein Sättigungseffekt, der sich sonst nach einer solchen Dauerbeschallung einstellt, fehlt noch immer. „Du, ich und die anderen“ – ein rundherum gelungenes weil abwechslungsreiches und aussagekräftiges Album. Abschließend wünsche ich den beteiligten Leichtmatrosen allzeit gute Fahrt und stets eine Handvoll Wasser unter dem Kiel, ganz gleich welche musikalischen Ufer sie künftig noch ansteuern mögen.

Marilyn Manson – The Pale Emperor

Foto: Nicholas Alan Cope
Foto: Nicholas Alan Cope

Das Jahr fing mit einem ziemlichen Knaller an. Marilyn Manson, einstmals der Schockrocker schlechthin, war mit Sicherheit bei vielen Leuten vom Radar verschwunden. Wenig verwunderlich, zuletzt waren seine musikalischen Ergüsse ja auch nichts, an das man sich großartig erinnern könnte oder müsste. Ganz anders dagegen „The Pale Emperor“, mit dem Manson Anfang des Jahres um die Ecke kam und direkt zum Start die Messlatte enorm hoch anlegte. Das neue Bandmitglied Tyler Bates ist daran ganz Gewiss nicht unschuldig, sorge Bates doch dafür, dass Mansons Rockmusik eine famose, filmmusikartige Note bekam.An diesem Album wird sich künftig nicht nur Manson selbst messen lassen müssen.

Originalfazit:

Mein Promoter will mir „The Pale Emperor“ nicht als Comeback sondern gleich als Wiedergeburt verkaufen. Bisschen starker Tobak, wenn Ihr mich fragt. Für mich war Manson weder weg vom Fenster noch gestorben. Fans sehen das eventuell ähnlich. Einzig: die letzten beiden Alben „The High End Of Low“ und „Born Villain“ hatten weitem nicht die Halbwertszeit früher Alben und können auch gerne im Gesamtkunstwerk des Meisters ignoriert werden. Wenn ich zurückdenke an mein Fazit zum 2007er Album „Eat Me, Drink Me“… dort hieß es sinngemäß: wenn sich Manson jetzt zur Ruhe setzte hätte er sich ein schickes, abschließendes Denkmal geschaffen. Dank „The Pale Emperor“ bin ich echt maximal froh, dass er’s nicht getan hat! Der einstige „Antichrist Superstar“ der Rockmusik ist jetzt zu ihrem blassen Kaiser (oder besser: ihrer grauen Eminenz) geworden. Über die Wichtigkeit, Besonderheit und seine wegweisende Kraft von “The Pale Emperor” werden die Gelehrten noch in Jahren streiten, davon bin ich überzeugt. Ich bin auf die nächste Evolutionsstufe von Mansons Klangimperium mehr als gespannt!

Mew – +/-

Foto: Wendy Lynch Redfern
Foto: Wendy Lynch Redfern

Ein Beitrag aus der Reihe „großer, an Genialität grenzender Wurf“ war das Album „+-„ der dänischen Band Mew. Melodiebögen, die nach Unendlichkeit schmecken, Arrangements, bei denen man unweigerlich anerkennend mit dem Kopf nicken muss und das Gefühl, dass wenn jemand sich das nächste Mal an einer Rock-Oper probieren will, es Mew sein sollten. Ein in jeder Hinsicht großes Werk aus dem Indie-Bereich.

Originalfazit:

Hat man sich erst einmal an den teilweise doch sehr hohen (Falsett-)Gesang gewöhnt, freut man sich nur noch über ein Album voller schillernder, hintergründiger Indie-Pop-Perlen, die aufgrund ihrer Dramaturgie, ihrer Arrangements, ihrer tollen Melodiebögen manchmal ganz dicht an der Genialität vorbei schrammen. Und sie manchmal überschreiten. Stücke wie „Rows“ oder „Cross The River On Your Own“ werfen unweigerlich die Frage auf, ob sich die Kopenhagener Band demnächst mal an einer Rock-Oper probieren möchten. Die Veranlagung ist jedenfalls da. Wer sich für synthetischen Indie-Pop begeistern kann, kommt in diesem Frühjahr nicht an “+-” aus dem Hause Mew vorbei. Aufgrund anhaltender Dauerbeschallung frage ich mich gerade, wann ich den Punkt erreiche, an welchem ich mir “+-” überhört habe… In meinen Ohren eindeutig DAS Indie-Album dieses Frühjahrs!

Natalie Walker – Strange Bird

Foto: Nicole Marcelli
Foto: Nicole Marcelli

Ein bisschen schade ist das ja schon, dass Natalie Walker in unserem Land wohl nur einem eher überschaubaren Personenkreis bekannt sein dürfte. Völlig unklar, eigentlich. An ihrem tiefenentspannten Indie-Pop jedenfalls kann es nicht liegen. Wenn überhaupt, dann nur daran, dass sie bei einem kleinen Indie-Label drüben in den Staaten unter Vertrag ist. Dank der weltweiten Vernetzung kann aber dennoch jeder in den Genuss dieser Perle kommen. Und wenigstens einmal sollte man das auch getan haben.

Originalfazit:

Hach, wat schön! Inzwischen kann man sagen: wie immer ist Natalie Walker ein großer Wurf gelungen, der durch erfrischende Bodenständigkeit und mitreißender Entschleunigung begeistert. Das ist übrigens gar nicht so widersprüchlich, wie es sich vielleicht lesen mag. Jeder Musikliebhaber sollte Natalie Walker mal gehört haben. Und somit dieses Album. Ich hoffe inständig, dass dieser “seltsame Vogel” auch bei Euch landet. Beim nächsten Mal dürfte es von mir aus dann aber gerne wieder mit geringfügig mehr Tempo zur Sache gehen. So wie in seligen „With You“-Zeiten. Apropos Zeit (zum letzten Mal in diesem Artikel, versprochen!): das nächste Album kann auch nur zu gerne in einem kürzeren Abstand kommen als es zwischen „Spark“ und „Strange Bird“ der Fall war. Die Sache mit der Zeit ist nämlich auch die, dass niemand sagen kann, wann sie abgelaufen ist.

Niconé – Slowen

Foto: Niconé
Foto: Niconé

In diesen aufgeregten, hektischen Zeiten kann elektronische Musik, die ihren Schwerpunkt auf Entschleunigung legt, ein ganz hervorragendes Mittel zur Entspannung sein. Niconés Slowtronic, wie er die Mucke dieses Albums nennt, zeigt auf, wie wunderbar das funktionieren kann. Es ist kein Album zum Feiern, keines auf dem man irgendwelche Hits findet. Es ist der Knopf, um die Welt für etwa eine Stunde anzuhalten.

Originalfazit:

Viel minimalistischer kann ein Album kaum noch ausfallen, ohne dass es anschließend eine unhörbare Ansammlung von Tönen wäre. Niconés „Slowen“ ist aber hörbar. Sehr gut sogar. Seinen Ansatz der Entschleunigung, den Versuch der elektronisch orientierten Musikwelt „Slowtronic“ als neue Spielart beizufügen finde ich sehr begrüßenswert. „Slowen“ ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache. Wer sich aber bewusst darauf einlässt – und das muss man, „nur so nebenbei“ funktioniert hier nicht – bekommt inspirierende, neue Kraft schöpfende, musikalische Tiefenentspannung der Sonderklasse. Wenn ich das nächste Mal in einer Balkonkabine eines Kreuzfahrtschiffes übers Meer schippere, werde ich mir das Album noch einmal geben. Über Kopfhörer. Sollte dann eine freak wave den Kahn in die Tiefe reißen, habe ich vermutlich aufgrund dieser Kombination vorher meinen Frieden mit der Welt gemacht und jeden Gedanken zuende gedacht. Dolles Ding, dieses „Slowen“.

Olli Schulz – Feelings aus der Asche

Foto: Oliver Rath
Foto: Oliver Rath

2015 war ein ganz hervorragender Jahrgang, was deutschsprachige Pop-Musik anbelangt. Über die Monate verteilt haben wir so einige Hochkaräter hören dürfen: Leichtmatrose, Enno Bunger, Gloria, … – Den Anfang machte im Januar aber Olli Schulz, mit einem kleinen, feinen Werk, das sich über die Monate zu einem Immer-Wieder-Gern-Hör-Album mauserte.

Originalfazit:

Radiomoderator, Fernsehfigur, die sich für keinen Schabernack zu schade ist – von allen Dingen, die Showman Olli Schulz anpackt ist es doch die Liedermacherei, die er am besten beherrscht. Und die – zumindest meiner Beobachtung nach – irgendwie am wenigsten Beachtung findet. Es wäre extrem schade, würde er immer nur auf den aus Funk und Fernsehen bekannten „Komiker“ reduziert werden. Wenn sich der Fame irgendwann gelegt haben sollte wäre es schön, wenn Schulz als das im kollektiven Gedächtnis haften geblieben ist, was er am meisten ist: ein begnadeter Liedermacher mit einem sicheren Gespür für bewegende Momente, verpackt in kleine Pralinen. „Feelings aus der Asche“ ist ein leuchtendes Beispiel dafür. Auch wenn es zunächst no big deal zu sein scheint, so wächst es mit jedem Hördurchgang ein bisschen mehr. Ein kleines Album, überraschend ernsthaft, zunächst so winzig und dann doch so mächtig! 2015 mag gerade erst begonnen haben, ein erstes Highlight gibt es aber bereits schon jetzt. Feiner Kerl, feines Album. Danke, Olli!

Samsas Traum – Poesie: Friedrichs Geschichte

Foto: Samsas Traum
Foto: Samsas Traum

Unbequeme Themen zu bearbeiten, Finger in Wunden zu legen und darin zu bohren, darum war Alexander Kaschte mit seinem Projekt Samsas Traum noch nie verlegen. Was er jedoch mit diesem Werk abgeliefert hat, muss nicht nur als die bisherige Krönung seines Schaffens betrachtet werden, sondern gleichzeitig auch als Mahnmal, das in der aktuellen politischen Lage in Deutschland und der Welt zunehmend  wieder aktueller wird. Auf einem Zeitstrahl betrachtet ist dieses Album vor- und rückwärts blickend eines der wichtigsten Werke überhaupt, welches die Grausamkeiten der Nazis behandelt und steht nach unserem Dafürhalten auf gleicher Stufe mit Filmen wie „Schindlers Liste“. Ohne Zweifel das beklemmendste und intensivste, richtigste und wichtigste Album des Jahres!

Originalfazit:

Oh Gott, wie ich dieses Album gerne nehmen und es den ganzen fehlgeleiteten besorgten Bürgern da draußen um die Ohren hauen möchte! Ich möchte sie nehmen und schütteln und anschreien: hör dir das an, lerne und begreife endlich! Wach endlich auf, ey! Lerne, welchen grundsätzlich falschen Idealen und Vorstellungen du hinterherläufst. Begreife, dass du genauso aussortiert werden kannst, sobald sich der Wind nur ein bisschen dreht und sich krankhafte, ideologische Weltbilder noch weiter ins Extreme verschieben! Und wenn es nicht dich trifft, dann womöglich deine Kinder. Vielleicht, weil sie nur einen leichten Silberblick haben und somit nicht mehr einer wie auch immer gerichteten Norm entsprechen! Oder vielleicht einfach nur, weil irgendwer ihre oder deine Nützlichkeit bezweifelt – so wie damals ebenfalls geschehen. Die Zeiten, in denen wir leben, die Strömungen, die immer stärker und lauter werden, sie sind brandgefährlich. Das, was zu Zeiten der Nazis in diesem Land passierte, darf sich niemals wiederholen! Wenn die Stimmen der Rechten immer lauter werden, dann muss die Stimme der Vernunft noch lauter sein und sie übertönen. Demzufolge kann man nicht oft genug darauf hinweisen und nicht oft genug erzählen, was sich in den Jahren von 1933 bis 1945 ereignet hat. Ich danke Alexander Kaschte für dieses richtige, dieses wichtige Samsas Traum Album! Ich bin gleichzeitig tief beeindruckt, berührt und erschüttert. Nach meinem Dafürhalten ist Kaschte eine sehr eindringliche künstlerische Aufarbeitungen der Gräueltaten der Nazis gelungen. Und spätestens hier dürfte es keine zwei Meinungen mehr geben, Samsas Traum hin oder her.

Sascha Braemer – No Home

Foto: Arne Grugel
Foto: Arne Grugel

Als Mädchenmusik bezeichnet Sascha Braemer seine Form der elektronischen (Tanz-)Musik. Sein Album „No Home“ ist ein bisschen der Soundtrack seines eigenen Lebens, passt aber auch wunderbar zu vielen anderen in diesen hektischen Zeiten, in denen der moderne Mensch ruhelos durch das Leben stolpert. Weiberelectro für Jungs und Mädels, das sich ganz bequem zu jeder Tages- und Nachtzeit konsumieren lässt.

Originalfazit:

Würde man das musikalische Tun eines Oliver Koletzki, eines Niconé und eines Paul Kalbrenners triangulieren, man fände Sascha Braemer sicher irgendwo in der Mitte. Tiefenentspannte Electro-Mucke liefert er auf seinem Debüt „No Home“, würzig zusammengerührt aus Zutaten von (Deep-)House, Minimal und Electro(-Pop). Dass die Songs über große Strecken eher rhythmisch als melodisch sind, liegt in der Natur der Sache, verleiht ihnen aber eine zusätzlich hypnotische Wirkung. In den Momenten aber, wo sich Braemer Melodien und Gesang gestattet, wird „No Home“ erst recht träumerisch schön. Wer für diese Art „Weiberelectro“ (Braemer selbst bezeichnet seine Mucke gerne mal als Mädchenmusik!) empfänglich ist, bekommt hier ein Album geliefert, das förmlich dazu einlädt, sich fallen zu lassen. Musik an, Welt aus und alles ist gut mit dieser Electro-Perle. Entgegen des Titels lässt es sich hier nämlich wirklich ganz wunderbar einziehen.

 

Sizarr – Nurture

Foto: Stefan Zinsbauer
Foto: Stefan Zinsbauer

Bereits im März kamen die Jungs mit „Nurture“ um die Ecke, Ende November aufgepeppt durch vier weitere, allesamt sehr großartige Songs. Hört man sich Sizarr an ohne zu wissen, wen man da vor Ohren hat, man käme glatt auf die Idee, es handele sich um das Werk irgendeiner großen Band aus England oder den USA, die auf den Festivalplakaten immer ganz oben stehen. Im verspielt-vertrackten Indie-Rock kann zumindest in Deutschland den Jungs hier in diesem Jahr niemand das Wasser reichen.

Originalfazit:

Sizarrs „Nurture“ erstaunt mich. Im positiven Sinne und aus mehreren Gründen. Hört man sich die Platte an, ohne die biografischen Hintergründe zu kennen, käme man glatt auf die Idee, das nächste große Ding zu hören. Eines von dieser Sorte das da zusammengeschustert wird, wo sonst Bands wie die Editors, die White Lies und was weiß ich sonst noch mit internationalem Format entspringt. Dass eine so junge Band einen derart international konkurrenzfähigen Sound einspielen kann – alle Achtung! Dass sie nach ihrem viel umjubelten Debütalbum „Psycho Boy Happy“ und dem Fame, den es brachte, weiterhin auf dem Teppich blieben und sich nicht in irgendwelche Star-Allüren verloren bringt nochmals Kudos! Abschließend: pfiffig arrangierte, toll produzierte, gesanglich über jeden Zweifel erhabene Pop-Songs lassen eigentlich nur ein Urteil zu: beide Daumen nach oben!

Solar Fake – Another Manic Episode

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Elektronische Düstermucke gibt es wie Sand am Meer. Zumal andauernd neue Bands wie Pilze aus dem Boden aufploppen und versuchen, vom inzwischen ziemlich abgefressenen Kuchen ein paar Krümel zu ergattern. Eine Band hingegen, die seit geraumer Zeit ziemlich konstant hochwertige Mucke, noch dazu mit tollem Gesang, liefert, ist Solar Fake. Zu vermuten, dass es sich um Sven Friedrichs (Solar Fake, The Dreadful Shadows, Zeraphine) größtes, wichtigstes und liebstes Projekt handelt, ist gar nicht so abwegig. Dank dieses Albums könnten sie auf künftigen Festivalplakaten wieder einen Slot nach oben wandern.

Originalfazit:

Da haben Sven Friedrich und Andrè Feller ja ganz schön was angerichtet. „Another Manic Episode“ liefert einen Club-Track nach dem anderen, ist zweifelsohne das schnellste und härteste Solar Fake Album und doch ist es außerdem auch das gefühlvollste Album, das die beiden bisher abgeliefert haben. Selten begegnen sich Wut, Resignation, Trauer, Verzweiflung, Hoffnung, harte Beats und einfühlsame Piano-Passagen mit aggressivem und dann doch wieder ruhigem Gesang, wie auf diesem Album. „Another Manic Episode“ kommt mit zehn hochwertigen Songs daher, in denen sich auch nach mehrmaligem Hören noch schöne Details entdecken lassen. Bei all dem Auf und Ab der Gefühle, welches die Songs auch auf den Hörer überspringen lassen, kennt die Qualität nur ein gleichbleibend hohes Niveau. „Another Manic Episode“ ist ein traurig schönes Powerelektro-Album mit vielen Titeln, die auf den Club-Tanzflächen Dauerfüller-Potenzial haben.

The Mynabirds – Lovers Know

Foto: Bliss Braoudakis
Foto: Bliss Braoudakis

„Lovers Know“ ist eines dieser Alben, das ganz plötzlich einfach irgendwie da ist. Das man sich anhört, durchaus angetan, und dann noch einmal. Und nochmal. Mit jedem Hördurchgang wächst die Begeisterung für das, was da aus den Boxen tönt. Mit großer Gespannung werden wir fortan beobachten, wohin die Reise von Laura Burhenn geht. Bis dahin aber kann man mit diesem Album immer und immer wieder viel Spaß haben.

Originalfazit:

Unverhofft kommt oft. Das ist eine olle Binsenweisheit, klar, aber sie passt hier gerade wieder bestens. The Mynabirds gehört zu den Bands, die ich persönlich bis dato so gar nicht auf dem Schirm hatte. Die aber mit ihrem vorliegenden dritten Album „Lovers Know“ ganz plötzlich bei mir aufgeploppt ist – und auch bleiben wird. Zu spannend finde ich die wilde Soundmixtur, die hier geschaffen wurde. Die zarten Anleihen aus den 80ern und 90ern, der Hauch spannungserzeugender Elektronik. Und die markante Stimme von Laura Burhenn regelt den Rest. So wie The Mynabirds ganz plötzlich und unverhofft auf meinem Radar auftauchten (und mich begeisterten!), so hoffe ich, dass sie es auf dem Euren ebenfalls tun werden.

The Saint Paul – Days Without Rain

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Zu den Wiederholungstätern in dieser Liste gehört auch die zum Trio angewachsene FuturePop-Band aus dem Ruhrgebiet. Einem Genre, das schon so oft tot gesagt wurde, noch derart viel frischen Wind zu verleihen, gleichzeitig eingängige, potenzielle Tanzflächenfüller bietet und mit teilweise spannenden Texten aufwartet – jepp, das ist uns einmal mehr den Platz in dieser Liste hier wert. Ein besseres FuturePop-Album gab es 2015 nicht.

Originalfazit:

Es wäre ja nun ein leichtes, mir eine gewisse Befangenheit zu unterstellen. Schließlich kenne ich die Menschen hinter The Saint Paul persönlich und habe schon bei verschiedenen Gelegenheiten das ein oder andere Bier mit ihnen in Ehren konsumiert. Aber, und das ist jetzt wichtig, ich gucke bzw. höre gerade dann ganz besonders gründlich hin, wenn ich die Musikschaffenden kenne, ja vielleicht sogar freundschaftlich mit ihnen verbunden bin. Schließlich kann es nur mein innigstes Anliegen sein, sie weiterzubringen. Knackpunkte aufzuzeigen, die sie vielleicht selbst nicht bemerkt haben, damit sie noch besser werden können. Vielleicht andere Perspektiven oder Sichtweisen zu nennen. Andernfalls wäre ja niemandem geholfen. Den Künstlern nicht, Euch als Konsumenten nicht. So und jetzt kommt’s: „Days Without Rain“ habe ich seit Veröffentlichung immer und immer wieder gehört. In Dauerrotation. Und jedes Mal habe ich versucht etwas zu finden, an dem ich eventuell herumkritteln könnte/müsste. Ich habe nichts gefunden. Keinen einzigen Song zum Skippen. Keine Stelle, keinen Moment wo ich dachte: na, was ist das denn jetzt? Paul, Marc und Robin erfinden das Future-Pop-Rad nicht neu, das können sie gar nicht. Aber innerhalb ihres selbst gewählten Rahmens bewegen sie sich so frisch, so neu, so unverwechselbar und originell, als wollten sie das Genre eben doch erstmals aus der Taufe heben. Oder wenigstens erneut. Und wer weiß, vielleicht tun sie das ein Stück weit ja auch. Und zwar in dem Sinne, dass nun wirklich die Zeit gekommen ist, in den Clubs die neuen Helden zu spielen, sie auf Festivals auf den besseren Slots zu positionieren als immer nur die altgedienten Veteranen der Szene. Der frische Wind, den der melodisch-elektronische Teil der Düsterszene so dringend nötig hat(te), teilweise so dringend herbeisehnt(e) – er ist ja schon da. Nennt sich The Saint Paul und kam gerade mit dem besten Future-Pop-Album des Jahres 2015 um die Ecke. Das muss sich jetzt nur noch herumsprechen.

Time Spent Driving – Passed & Presence

Foto: Time Spent Driving
Foto: Time Spent Driving

Wenn in Gesprächsrunden über Musik das Thema Emo zur Sprache kommt, dann fällt meist ein Bandname als Schlagwort, der das Genre umfassend umschreibt: Jimmy Eat World. Keine Frage, eine tolle Band. Eine andere, nicht weniger tolle Band, die im gleichen Atemzug genannt werden sollte, sind Time Spent Driving aus dem kalifornischen Santa Cruz. Die machen nicht weniger spannende Mucke, wie sie mit ihrem Album „Passed & Presence“ bewiesen haben.

Originalfazit:

Ich weiß gar nicht, warum Emo-Mucke in den letzten Jahren teilweise so ein schlechtes Image bekommen hat. So wie ich das manchmal beobachten kann, wird mitunter ganz schön verächtlich geschnaubt, wenn in Gesprächen das Thema auf Emo gelenkt wird. Warum eigentlich? An den Frisuren wird es doch wohl kaum liegen? Dabei kann Musik aus dem Bereich doch so schön sein. Und ist auch gar nicht das Geheule, was oft unterstellt wird. Time Spent Driving liefern mit „Passed & Presence“ ein gefälliges Beispiel dafür ab. „Passed & Presence“ ist ein sehr melodisches, sehr gefühlvolles Rockalbum sanfter Machart, das geschickt mit den Erwartungen der Hörer spielt. Oftmals ist es so, dass wenn man einen Höhepunkt in einem Song erwartet, kommt keiner. Dafür aber viele kleinere, was die Spannung konstant aufrecht erhält. Ich hatte in den letzten Tagen viele Gelegenheiten, „Passed & Presence“ zu hören; ganz gleich ob via iPod bei längeren Zugfahrten oder abends einsam in einem Hotelzimmer. Bei jeder Gelegenheit war dieses Album ein ganz wunderbarer, sehr angenehmer Begleiter. Wenn Euch also nach geschickt eingefädelter, gefühlvoller Rockmusik der Sinn steht – haltet Ausschau nach diesem Kleinod.

Tyske Ludder – Evolution

Foto: Roman Jasiek / AVALOST
Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Wenn einem der Sinn nach körperbetonter Tanzmusik mit politischen Ansagen steht, die einen durchaus schon mal von den Beinen reißen kann – sprichwörtlich – dann führt kaum ein Weg vorbei an Tyske Ludder. Die EBM-Institution weiß, was sie ihrem Status zu verdanken hat. Und liefert. Einen Knaller in Form von „Evolution“ nämlich.

Originalfazit:

Das sechste Album „Evolution“ von Tyske Ludder ist der absolute Ohrenschmeichler für Freunde dieses dunklen EBM. Nicht umsonst hat die Band mittlerweile einen absoluten Kultstatus erreicht. Über eine Stunde raffiniert abgemischter und gekonnt komponierter Sound in unverkennbaren, ludderischen Stil. Während ich dieses Album so gefühlte 100e Male durchgehört habe, kam mir immer wieder die Assoziation einer brettharten Welle am Meer in den Sinn, die dem geneigten Hörer eiskalt ins Gesicht schlägt und fast umhaut. Perfekter, harter und abwechslungsreicher EBM Sound über die gesamte Länge und immer wieder neue Spielereien, die jeden Titel für sich allein einzigartig zu machen scheinen. Ruhe? Stillstehen? Nicht notwendig und so gar nicht gewünscht! Wie gut, dass wieder eine neue Tour auf dem Plan steht. Denn stillstehen kann man bei diesen Klängen definitiv nicht. „Evolution“ ist mehr als alles was ich im Vorfeld zu erwarten hoffte und die lange Wartezeit ist vergessen. Von mir gibt’s so was von eine Kaufempfehlung für Fans des Genres. Tilt! Danke. Gut gemacht.

VNV Nation – Resonance

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Nach unserem Dafürhalten wurde dieses „Gothic meets Klassik“-Thema zuletzt ein bisschen sehr überstrapaziert. Gefühlt brachte jede auch nur halbwegs große Electro-Formation der Schwarzen Szene ein Album heraus, bei dem ihre Mucke auf Orchester gepimpt wurde. Ein Ende ist noch nicht abzusehen, das nächste GmK-Festival wird 2016 über die Bühne gehen. Von allen Bands, die sich daran versucht haben, ihre Musik für ein Orchester umzusetzen – oder besser: umsetzen zu lassen – hat das bei VNV Nation am besten und eindrucksvollsten geklappt. In dieses neue Gewand gesteckt zeigte sich, dass die epische Größe und Erhabenheit, die klassischer Musik innewohnt, immer schon in der DNA von VNV Nation lag. Und das Ronan die Songs noch einmal neu eingesungen hat und dabei eine Performance an den Tag legte wie schon lange nicht mehr, war die Krönung dieses Albums.

Originalfazit:

Ein orchestraler Hauch wohnte den Songs von VNV Nation ja schon immer inne. In dieser klassischen Fassung gewinnen die hier versammelten Stücke aber nochmals deutlich an Tiefe und Gewicht. Songs, die man teilweise schon viele Jahre lang auf Konzerten, Festivals und Parties bis zum geht nicht mehr abfeierte, bieten hier viel Raum, sie neu zu erleben, neu zu interpretieren, ja sie neu zu fühlen. Wessen Herz beispielsweise nicht von „Beloved“ berührt wird, der hat vermutlich gar keins. Wenn man sich mit Ronan unterhält oder die Beiträge bei Facebook verfolgt merkt man deutlich, wie stolz er auf dieses Baby ist. Und ganz ehrlich? Das kann er auch sein! Sicherlich nimmt es aufgrund seiner Art eine Sonderstellung in der Diskografie VNV Nations ein, dennoch: es ist ohne Zweifel eines der besten Alben, die Herr Harris bis dato geliefert hat. Wenn nicht sogar! Die orchestrale Neuvertonung und vor allem der gefühlvolle, zur Musik passende Gesang – Ronans beste Leistung seit Jahren! – machen die „Resonance“ zu einem absoluten Volltreffer. PS: Die restlichen Kollegen aus dem Bereich Düsterelectro brauchen ähnliche Ambitionen nach meinem Dafürhalten jetzt nicht mehr weiter verfolgen. Das Thema „Düsterelectro trifft auf Klassik“ ist damit eigentlich zu einem krönenden Abschluss gebracht worden.


AVALOSTS TOP ALBEN 2015 | Die Reviews


AVALOSTS TOP ALBEN 2015 | Spotify

Auch in diesem Jahr haben wir wieder die Gewinner in eine Spotify Playlist gepackt, damit Ihr Euch selbst einen Eindruck vom Tun der hier aufgeführten Künstler und ihren hier ausgezeichneten Alben machen könnt. Jedenfalls soweit es der Musikkatalog von Spotify zulässt:


AVALOSTS TOP ALBEN 2015 | Die Perlentaucherei

Auf dem Weg zu diesem Jahresabschluss führten wir in diesem Jahr auch wieder eine Art musikalisches Tagebuch bei Spotify – unsere Perlentaucherei. Der Vollständigkeit wegen binden wir diese hier ebenfalls mit ein:

Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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