Foto: Klaus Sahm

MAX GIESINGER – Der Junge, der rennt

von

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
8/10
Klang / Produktion
8/10
Kreativität
7/10
Verpackung / Artwork / Extras
7/10
Fan-Faktor
8.5/10
Umfang / Spieldauer
8.5/10
Gesang
8/10
Gesamteindruck
9/10
Total
8.0/10

Mein Spinnensinn irrt sich nie. Bei meinem Gestrauchel durch diese Welt und dieses Leben merke ich stets ziemlich zuverlässig, wenn Dinge zum Scheitern verurteilt sind. So wie bei Spider-Man quasi, dessen Spinnensinn ihn vor Gefahren warnt. Klar, man könnte es auch Intuition nennen, aber das klingt nicht so schön. Genauso funktioniert es übrigens auch umgekehrt. Immer wieder sagt mir mein Spinnensinn, wenn aus Dingen etwas wird, sie sich positiv entwickeln. Was das mit MAX GIESINGER und seinem zweiten Album „Der Junge, der rennt“ zu tun hat? Ganz einfach: 2014 erschien sein Debütalbum „Laufen lernen“. Und schon damals sagte mein Spinnensinn mir: behalt den Typen mal im Auge, aus dem wird noch was. Ehemaliger Castingshow-Finalist hin oder her. Am Freitag, den 8. April erscheint nun das zweite Album, von dem ich Euch nachfolgend erzählen möchte. Tja und was soll ich sagen… wieder einmal sollte mein Spinnensinn Recht behalten.

Über das Debüt schrieb ich damals: „Laufen Lernen“ lässt sich gut konsumieren – auch, ohne dass man bewusst hinhört. Dass das Album sich dennoch weit über dem Mittelmaß positioniert, liegt vor allem an Giesingers Gesang in Zusammenspiel mit den clever verfassten Texten. Wo es andere Bands hervorragend verstehen, ihre Hörer so einzulullen, dass die Aufmerksamkeit erst zurückkommt, nachdem schon eine Weile Stille im Raum herrscht, fängt Giesinger seine Hörer rechtzeitig immer wieder ein. Wünschenswert wäre nur gewesen, wenn er die erkämpfte Freiheit genutzt hätte, noch mehr die propagierten Ecken und Kanten herauszustellen. Zur Not halt auch mal auf Kosten der permanent vorherrschenden Eingängigkeit. Oder der radiotauglichen Formulierungen der Texte. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Laufen gelernt hat Max Giesinger ja jetzt. Vielleicht möchte er beim nächsten Album fliegen?

Foto: Klaus Sahm
Foto: Klaus Sahm

Als hätte Giesinger das gehört, hat er an allen Enden und Ecken geschraubt, gemacht und getan. Im direkten Vergleich wirkt das Debüt wie flauschige Zuckerwatte. Als wäre die Richtung noch nicht ganz klar, wohin er eigentlich möchte. Das ist jetzt anders. Ankommen ist nicht mehr so sehr das Ziel wie überhaupt unterwegs zu sein. Und einfach so nebenbei hören möchte man das neue Album auch nicht mehr, sondern lieber bewusst und mit ganzer Aufmerksamkeit konsumieren. Dass sich dabei so manches Mal das Gefühl einschleicht, das eigene Leben wäre hier besungen worden, dürfte wohl mitunter eine Absicht des Barden gewesen sein.

Unvermutet rockig lässt Max Giesinger sein Album starten. „Barfuß und allein“ nennt sich der Track und vermittelt sehr gut das Gefühl, welches sich ausbreitet, wenn sich ein neuer Anfang am Horizont abzeichnet. In welcher Form auch immer. Bei Giesinger ist das vorliegende Album dieser Neuanfang. „Ich habe mich vor einem Jahr hingesetzt und wieder angefangen, Lieder zu schreiben. Ich hatte schon 15 neue Songs am Start, bis ich in einer Session mit einem Kollegen ‚Roulette‘ schrieb. Ich war total geflasht von dem Song und wusste dann in welche Richtung mein Album gehen soll, die restlichen Songs verwarf ich wieder“, erklärt der Mann, der vom Süden Deutschlands in die Elbperle Hamburg gezogen ist. Und zwischendurch mal ein halbes Jahr als Straßenmusiker in Australien gelebt hat.

Besagtes „Roulette“ ist dann auch schon der erste große Wurf dieses Albums. Wenn wir uns sehen spielst du gelegentlich Roulette mit mir / ich bin der Einsatz den du gern riskierst / am Ende werd ich sowieso verlieren denn / ich spiel eigentlich nur Schach, singt er hier und erzählt von Beziehungen, von denen man nur zu genau weiß, dass sie eigentlich zum Scheitern verurteilt sind – und man aber doch nicht die Finger davon lassen kann. „80 Millionen“ macht ja gerade die Runde im Netz und diversen anderen Kanälen, war es doch auch der Vorbote dieses Albums. Ein fast schon hymnischer Song mit ganz viel guter Launer. Und vor allem einer, der das Leitmotiv des Albums – ständig on the run zu sein – gut einfängt. Mit all den Unwahrscheinlichkeiten, die dieser Lebensstil halt so mit sich bringt. Manchmal findet dich das Glück eben auch einfach so, auch wenn du dich eigentlich ganz woanders wähnst.

Foto: Klaus Sahm
Foto: Klaus Sahm

Bemerkenswert ist überdies das Stück „Ins Blaue“, zusammen mit Elif eingesungen. Whoa, was für ein perfekter akustischer Tag am Meer. Man kann die salzige See, den besungenen Tonic mit Gin, förmlich schmecken, die Hitze der am Himmel stehenden Sonne spüren und sich in den etwas mehr als drei Minuten wunderbar treiben lassen. Kleine Alltagsflucht im Umfang einer Minutenterrine. Dass sich Giesinger für zwei Wochen in ein Kaff irgendwo an der Ostsee verzogen hatte, um fokussiert an dem Album zu arbeiten, ist nirgendwo so gut hör- und erlebbar wie in diesem Stück.

Aber eigentlich ist der Giesinger zu einem ziemlich guten Geschichtenerzähler, oder nein, besser noch: Alltagschronisten gereift. Einer, der die Geschichten im eigenen Leben sowie im direkten Umfeld findet und sie zu Songs verarbeiten kann. So wie in „Wenn sie tanzt“ zum Beispiel, das von einer alleinerziehenden, berufstätigen Mutter erzählt, die sich in ein anderes Leben träumt. Vielleicht auch gerne mal wieder ein Date hätte. Aber der Alltag… Auch hier wieder: wie viele andere Protagonisten in Giesingers Song strauchelt sie durch das Leben und ist ebenfalls noch nicht so richtig irgendwo angekommen. Vielleicht werden sie alle es auch nie. Aber mit Abstand betrachtet ist es durchaus manchmal der Weg, der das Ziel sein kann. Man bemerkt es nur vielleicht nicht sofort.

Die größten Momente hat das Album jedoch in Songs wie „Nicht anders gelernt“. Das ist so ein bisschen wie mit dem Finger auf den Hörer zeigen und sagen: Na? Erkennst Du Dich? Oder die geschilderte Situation? Keine Gespräche / lieber schweigend vorm Fernseher / Ich hab’s nicht anders gelernt / Probleme vertagen oder nicht ernst nehmen / ich hab’s nicht anders gelernt / Dass man seinen Mann nicht steht / wenn’s mal schwer wird / ich hab’s nicht anders gelernt… Mal kurz die Hände hoch bitte, wer sich hier auf unangenehme Weise ertappt fühlt. Dazu passt auch das Stück „Melancholiker“, in dem Giesinger von verlorener Liebe erzählt. Einer Liebe, die man selbst und ganz freiwillig hat gehen lassen. Auch hier, denke ich, werden sich so manche Hörer wiederfinden. Ich selbst komme auch nicht umhin, mich an Episoden in meinem Leben zu erinnern, die ich im Nachhinein gerne anders bewältigt hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette. Hinterher ist man immer schlauer, ich weiß.

Foto: Klaus Sahm
Foto: Klaus Sahm

Abschließende Krönung ist jedoch das Titelstück selbst, das in wunderbar melancholische Tönen von Menschen erzählt, die scheinbar ewig getrieben sind. Hatte das Album vorher schon ein einigermaßen großes Identifikations- bzw. Wiedererkennungspotential, dann bringt es Max Giesinger hier auf famose Weise auf den Punkt: Lebe auf der Überholspur / doch komme niemals an / die Kartons noch nicht ausgepackt / Fremder in meiner Stadt. Hat er gerade Gedanken und Gefühle aus meinem Inneren vertont? Er kennt mich doch gar nicht! Zum Abschluss eines gelungenen Albums katapultiert sich Giesinger ganz weit nach oben in die Riege der ernstzunehmenden Singer-Songwriter. Mit diesem Stück ist ihm fraglos einer der besten Songs dieses Jahres gelungen. Ganz großes Kino!

Dass es auf „Der Junge, der rennt“ vor allem Alltagsgeschichten sind und nicht etwa politische Themen, die bewältigt werden – geschenkt. Nicht jeder muss schließlich ausziehen um die Welt zu retten. Sie mit toller Musik ein bisschen bunter zu machen, das reicht ja schon. Und das tut der Max hier.

Er malt mit vielen Farben ein tolles, musikalisches Bild. Stilistisch bewegt sich Giesinger weiterhin im großen Feld zwischen Pop und softem Rock. Und auch wenn die Möglichkeiten durch das gewählte Klangkorsett ein wenig eingeschränkt sein mögen – an Abwechslung mangelt es dem „Jungen, der rennt“ nicht. Im Gegensatz zu manch anderem, gefeierten Debütalbum dieser Tage gibt es musikalisch keine schiefen Töne. Alles ist ziemlich gefällig auf den Punkt produziert, arrangiert und eingespielt – so als würde der Mann schon lange zu den ganz Großen gehören. Apropos ganz groß: in manchen Momenten nuschelt Giesinger seine Texte auf eine Weise ins Mikro, dass spontan Assoziationen an Bruce Springsteen aufkommen. Wahrlich, der Vergleich könnte wohl schlimmer sein, was? Und der ist ja auch eher ein so ein working class hero. Wer weiß, wer weiß, vielleicht wird der Giesinger ja ebenfalls mal zu einem solchen. Das Zeug dafür hat er.


Fazit: Noch mal: Mein Spinnensinn irrt sich nie. Als 2014 Giesingers Debütalbum „Laufen lernen“ erschien, konnte es seinerzeit noch so gelungen gewesen sein – es haftete ihm noch ein bisschen der „Makel“ eines Castingshow-Finalisten an, der es jetzt eben auch mal wissen will. Ungeachtet der Tatsache, dass Album Nummer 1 durch Crowdfunding finanziert wurde und somit irgendwie indie war. Aber zugegeben: so ganz rund war das erste Album auch noch nicht. Vielversprechend, aber es fehlte noch an Feinschliff. Den hat sich Max Giesinger mit seinem zweiten Album „Der Junge, der rennt“ selbst verpasst. Zwar auch hier alles nix Konkretes, wie es bei anderen, momentan sehr abgefeierten Newcomern heißen würde, aber dennoch: das Gefühl von durch das Leben strauchelnden Mittzwanzigern, deren Sinn- und Zielsuche, wurde hier bestens eingefangen. Und bietet genug Projektionsfläche, dass man sich auch dann noch mit den Inhalten identifizieren kann, wenn man die 20 schon längst hinter sich gelassen hat. Das alles verpackt in gefälligen Pop-Rock und dazu manchmal Genuschel, was mich ein bisschen an den Boss Bruce Springsteen denken lässt. Ernsthaft jetzt. Lange Rede, gar kein Sinn: „Der Junge, der rennt“ macht viel Spaß und vor allem aus Max Giesinger das, was sich schon beim Debüt erahnen ließ: einen großartigen Singer-Songwriter mit einem Gespür für tolle Pop-Songs. Ich bin gespannt, wie seine Reise weitergeht und hoffe, dass der Junge der rennt, nicht stehen bleibt. Mein Spinnensinn hat jedoch ein gutes Gefühl dabei. Wieder einmal.



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Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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