Foto: Carsten Arnold

PLANETARIUM – Versilberte Welt

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Es gibt Begriffe, deren Bedeutung ist so eindeutig und so klar definiert, dass es manchmal schwer fällt, sich eine weitere Assoziation ins Hirn zu meißeln, wenn künftig die betreffenden Worte fallen. Nehmen wir mal das Wort Planetarium. Der Definition nach einstmals ein Gerät zur Darstellung der Lage, Größe und/oder Bewegung von Himmelskörpern, ist es heute landläufig gebräuchlich für diese kugelförmigen Gebäude, in denen sich ein Blick in die Unendlichkeit des Alls erhaschen lässt. Ich gehe jede Wette ein, dass es vornehmlich diese Kugelgebäude sind, die Euch beim Begriff Planetarium durch den Kopf gehen. Möglicherweise aber muss diesen Kugel künftig einer weiteren Assoziation Platz einräumen. Schließlich gibt es da diese Kölner Newcomer-Band, die sich ebenfalls PLANETARIUM nennt und die mit ihrer ersten EP „Versilberte Welt“ angetreten ist, um Fans von Deutsch-Pop-Poeten, Indie-Pop und ähnlichen von sich zu überzeugen. Wie gut das gelungen ist, wollen wir uns nachfolgend mal näher anschauen.

Eventuell klingelt es sogar gerade bei Euch – Planetarium haben wir hier im Blog vor ein paar Monaten schon einmal thematisiert. Im August war’s, seinerzeit ging es um die Veröffentlichung ihres Videos zum Song „Raus„. Quasi das Trittchen auf die große Musikbühne. Ein gutes halbes Jahr hat es dann noch gedauert, bis mit „Versilberte Welt“ nun also die erste offizielle Veröffentlichung vorliegt, die für den Heimkonsum zu bekommen ist.

Bei Planetarium handelt es sich um vier junge Leute aus der wunderschönen Stadt Köln: Julia, Martin, Uwe und Alex. Irgendwann mal haben sie sich gefunden, um gemeinsam Musik zu machen. Das Gefilde, in dem sie sich tummeln, ließe sich mit Deutsch-Pop-Poesie oder Indie-Pop oder ähnlichem ganz gut umschreiben. Will sagen: von Julia in deutscher Sprache vorgetragene Texte treffen auf ziemlich entspannte, wunderbar zurückhaltende Indie-Musik, die immer wieder mit entzückender Elektronik aufgepeppt wird. Klar hören wir Gitarren, und klar auch das obligatorische Klavier – immer schon ein Stimmungsmacher deluxe -, aber insgesamt betrachtet wirkt die Musik des Quartetts wie ein großer, aufgespannter Regenschirm, der über allem schwebt. Der da ist, aber sich nicht in den Vordergrund rückt. Einer, der gleichzeitig wie ein Sieb funktioniert. Das Leben und die Welt und all ihre Komplikationen prasseln auf diesen Schirm, Eindrücke und Gedanken dringen hindurch und sammeln sich darunter in Pfützen, die Sorgenfreiheit und Zweifel heißen. Und dazwischen springen Planetarium hin und her. Platsch, platsch. So wie vermutlich ziemlich jeder Mensch, der entweder noch immer nach seinem Platz in der Welt sucht oder wegen Gründen, wie man so sagt, Sorgenfalten zur Schau trägt. Neu ist das alles nicht, aber wie kann es das auch sein? Die Welt dreht sich schließlich nicht erst seit gestern, die musikalische gleich gar nicht. Planetarium muss allerdings zugestanden werden, dass sie durchaus einen ziemlich individuellen Weg gefunden haben, ihre Themen anzugehen und sie in schicke Songs zu stecken.

Dabei gelingen ihnen Songs wie „Murmeltiertag“, das sich in seiner wunderbaren Ambivalenz aus Leichtigkeit und Schwere nicht hinter den ganz großen Singer-Songwritern zu verstecken braucht. Überhaupt ist Leichtigkeit und Schwere der rote Faden, der sich durch diese EP zieht. Nehmen wir mal das Stück „Ladei“ als Beispiel. Federleicht tanzen die Melodien durch den Raum und legen sich wie Schneeflocken auf den Mantel. Nur wenn man dann ins Warme kommt, dann steht man da wie ein begossener Pudel. Wohin hätt’ es unsere Sehnsucht verschlagen? Du siehst nach gestern aus, ich seh den Winter in deinen Haaren. So spielt das Leben manchmal. Dieses Manchmal, dieses Verharren zwischen nicht mehr und noch nicht, das haben die Kölner hier auf ziemlich sensationelle Weise eingefangen.

Wer sich für Musik begeistern kann, wie sie beispielsweise ein Enno Bunger macht, wenn er einen melancholischen Anflug hat, wie sie eine Lilou macht oder die Künstler, die bei den Hamburger Küchensessions zu Gast sind, wird mit Gewissheit auch mit Planetarium etwas anzufangen wissen. Und bei wem dies der Fall ist, wird fortan bei diesem Begriff nicht mehr nur an Kugelgebäude denken, sondern möglicherweise auch an eine bemerkenswerte neue Band aus Köln.

Fazit

Es wäre zu kurzsichtig gedacht, die Kölner Neulinge Planetarium als eine von vielen dieser neuen Pop-Poeten abzutun, die andauernd wie Pilze aus dem Boden schießen, und ihnen deshalb kein Gehör zu schenken. Sicherlich erfinden die Damen und Herren das Rad nicht neu – fairerweise muss da aber auch die Frage gestellt werden, ob das überhaupt noch möglich ist. Innerhalb ihres gewählten Genres bewegen sich Planetarium jedoch bemerkenswert ziel- und stilsicher. Tänzern gleich, die sich auf jedem Parkett bewegen können. Als wären sie eben nicht gerade erst mit ihrer allerersten EP an den Start gegangen. Was Planetarium und ihre „Versilberte Welt“ auszeichnet, sind die stimmungsvollen, atmosphärisch sehr dichten Songs voller Melancholie, ohne dabei ins Jammerlappige abzudriften. Dass die Songs hübsch arrangiert und produziert sind, ist ein willkommener Bonus. „Versilberte Welt“ gießt dieses eigentümliche Gefühl, das immer von einem Besitz ergreift, wenn man sich zwischen nicht mehr und noch nicht bewegt, in gefällige Töne. Lange Rede, kurzer Sinn: „Versilberte Welt“ ist ein gelungener Einstand und Planetarium eine Band, die Genre-Freunde definitiv auf dem Schirm behalten sollen. Ich selbst wittere auch einiges an Gespannung, die ob der Dinge, die noch kommen mögen, in der Luft liegt!


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CoverInfosTracklisteAnspieltippsVideosVersilberte Welt Tour 2017Kaufen
  • Medium: Audio CD (3. Februar 2017)
  1. Raus
  2. Barbara
  3. Murmeltiertag
  4. Wo bin ich
  5. Ladei


  • 15.02. Göttingen – APEX
  • 16.02. Weimar – Zum Falken
  • 17.02. Karlsruhe – Tempel
  • 18.02. Magdeburg – Wohnzimmerkonzerte
  • 24.02. München – Sing Matröse Sing @ Heppel & Ettlich 25.02. Berlin – Culture Container
  • 02.03. Köln – YUCA
Physisch

Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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