Foto: Julia Kiecksee

B.O.X.E.R. – Opium

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Auch wenn im Jahre fünf anno avalosti unser Themenspektrum seit Gründung ziemlich in die Breite gegangen ist, so ist es doch eine Sache, die mir persönlich immer noch den meisten Spaß an diesem Job bringt: Debütalben von Neulingen. Sie sind es schließlich, die in den meisten Fällen für die größten Überraschungen sorgen können. Die Band, um die es mir nachfolgend geht, ist allerdings in unserer Berichterstattung hier keine unbekannte mehr. B.O.X.E.R. haben wir erstmals im November 2014 mit einer Meldung bedacht. Damals ging es um deren ersten Auftritt auf der internationalen Musikbühne in Form des Songs „Have Mercy With The Naked“. Einigermaßen aus dem Häuschen warteten wir auf das, was da hoffentlich noch kommen würde. Bis zur Veröffentlichung eines Debütalbums jedoch vergingen noch fast zwei weitere Jahre. Nun aber ist es tatsächlich soweit und B.O.X.E.R. lassen ihr „Opium“ auf die Musikwelt los. Was lange währt, wird irgendwann gut. Ist doch so, oder nicht?

Man kann nicht behaupten, dass B.O.X.E.R. in der Zeit seit der ersten Single untätig in der Ecke herumgelegen hätten. Nach „Have Mercy For The Naked“ folgten zwei weitere Singles, „Happiness For A Dream“ sowie „Sweat And Stripes“, die in der gleichnamigen Debüt-EP mündeten. Doch auch danach war weiterhin von einem ersten Langspieler nichts zu sehen. Stattdessen hielt die Band die neugierige Hörerschaft mit zwei weiteren Singles bei Laune: „Issue No 5“ und „Dirty Light“. Zwischendurch trällerte sich Sängerin Anna-Maria durch die Casting-Show „The Voice of Germany“, ehe B.O.X.E.R. Ende Januar dieses Jahres mit „Opium“ nicht nur eine weitere Single veröffentlichten, sondern damit gleichzeitig auch den letzten Vorboten des nun aber wirklich in den Startlöchern stehenden ersten Album gleichen Namens. „Opium“ ist im Kasten und steht ab dem letzten Februarwochenende 2017 in gängigen Musikportalen zum Anhören und/oder Erwerben bereit. Doch bevor ich genauer darauf eingehe, gilt es noch einmal aufzufrischen: wer sind B.O.X.E.R. eigentlich?

Foto: Roman Dachsel

Als B.O.X.E.R. an den Start gingen, war die Band aus Hamburg noch ein Trio: Anna-Maria Nemetz, Jan Ole Joensson sowie Carl Jakob Haupt, alle drei entweder modelnd tätig oder in anderer Weise sehr mit der Mode-Welt verbunden. Anna-Maria lief für Lagerfeld und Joop über den Laufsteg, Jan Ole spielte neben seiner Modeltätigkeit in der Hamburger Electro-Punk-Band Caracho. Inzwischen ist in der offiziellen Bandbiografie nur noch von Anna-Maria und Jan Ole die Rede, Carl Jakob hat offenbar, aus welchen Gründen auch immer, einen anderen Weg eingeschlagen, anstatt Pop-Star werden zu wollen. Dafür wird bei Facebook ein Ivo Vossen genannt, der als Produzent, Gitarrist, Bassist und Programmierer in Personalunion fungiert. Lange Rede, gar kein Sinn: B.O.X.E.R. sind im Jahre 2017 vor allem Anna-Maria und und Jan Ole. Geblieben ist aber nach wie vor ihre Kombination von Musik, Kunst, Mode und Stil. Ihre Art, einen eigenen Weg zu gehen, brachte ihnen unter anderem den Musik Express Style Award ein sowie Shows unter anderem bei GQ oder Michalsky. Ihre Shows gelten als sehenswert, ihre künstlerischen Videos sind es allemal. Somit ist es durchaus angebracht, einiges an Gespannnung an den Tag zu legen im Hinblick auf das, was sie an geschmeidigem Indie-Electro-Pop auf einem Langspieler versammeln. So manche, mit reichlich Vorschusslorbeeren bedachte Band, konnte dann letztlich doch nicht liefern und die erste LP erwies sich als Flop. Entwarnung an dieser Stelle: B.O.X.E.R. haben sich in der Zwischenzeit nicht neu erfunden; wer sich bis dato für ihre Mucke begeistern konnte, dem wird auch „Opium“ mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gefallen. Sehr sogar.

Wie zu erwarten war, hören wir ein paar der Stücke, die B.O.X.E.R. in den vergangenen Jahren schon veröffentlicht hatten. So unter anderem natürlich das nach wie vor traumhafte „Have Mercy With The Naked“. Es wäre ja auch irgendwie ein Ei gewesen wenn ausgerechnet der Song, der den Stein ins Rollen brachte, nun ausgelassen worden wäre. Aber auch das peppige „Sweat & Stripes“ ist auf „Opium“ vertreten sowie logischerweise auch die gleichnamige Single.

Foto: Dima Chyornyy

B.O.X.E.R. eröffnen ihr Album mit dem Stück „Freedom“, das nicht nur wegen des gefälligen Grooves überrascht, sondern auch dadurch, dass Anna-Maria mit ihrer Stimme ganz offensichtlich viel mehr anzufangen weiß, als sie nur lasziv-verführerisch aus den Boxen tönen zu lassen. Dass der Beat ein bisschen an Snap erinnert – geschenkt. Überhaupt ist es eine Eigenart dieses Albums, einen Song zu hören und sich an einen anderen erinnert zu fühlen. Dennoch sind B.O.X.E.R. meilenweit davon entfernt, irgendwas nachzuäffen. Frisch und neu wirken die Songs auf „Opium“ dennoch. Da kann auch ein „Million Faces“ in kurzen Momenten an „Mad World“ von Tears For Fears erinnern. Könnte echt schlimmer sein. Ich vermisse ja tatsächlich „Dirty Light“ ein bisschen auf diesem Album. Formidablen Ersatz gibt es jedoch in Form des Stücks „Angel Machines“. Das ist damit zwar nur seeehr bedingt vergleichbar, versprüht aufgrund seiner musikalisch tiefenentspannten Gestaltung aber etwas, das ich am liebsten mit „außerweltlichem Urlaubsfeeling“ vergleichen möchte. Augen zu, Musik an und die Welt um sich herum ausblenden funktioniert hier genauso gut, wie bei besagtem „Dirty Light“.

Bands, die sich das Abzeichen „Electro Indie Pop“ ans Revers heften, gibt es wie Sand am Meer. Trotzdem würde ich behaupten wollen, dass B.O.X.E.R. aufgrund ihres Gespürs für absolute Ästhetik – eben ganz besonders auch musikalisch – schon aus der Masse herausragen. Ein tolles Beispiel hierfür ist „Two Perfect Strangers“. Es beginnt wie eine dieser vielen, extrem ausschweifenden und atmosphärisch so dichten Songs dieser Band, verwandelt sich aber nach ungefähr halber Songlänge in eine Hüftwackelnummer mit treibenden Beats, bei der es schlicht nicht möglich ist, still zu sitzen. Ich kann Euch sagen: Es ist gar nicht so einfach gerade, die Buchstaben auf der Tastatur einzuhämmern, wenn die dafür ausgelegten Extremitäten sich eigentlich viel lieber bewegen möchten! Ein anderes Beispiel für die stylische, gleichzeitig kühle, unnahbare und doch warme Klangästhetik B.O.X.E.R.s ist die aktuelle Single und das Titelstück „Opium“. Diesen Song (er-)fassen zu wollen ist ungefähr genauso erfolgversprechend wie der Versuch, Schneeflocken mit bloßen Händen vom Himmel zu pflücken. Gerade wenn man denkt, man hätte eine erhascht, ist sie schon in der Handfläche geschmolzen. Ähnlich dahinschmelzen lässt es sich eben auch zu „Opium“. Damit es aber nicht zu kuschelig wird, drehen Anna-Maria und Jan Ole gegen Ende noch mal ein bisschen an der Temposchraube. „Let Us See“ überzeugt mit hintergründigen Gitarren. Damit lässt es sich morgens ganz prima in die Gänge kommen. Ähnlich verhält es sich bei „Rise Above“. Unterm Strich der „lauteste“ Song dieses Albums, leider jedoch eine Spur zu sehr klassischem Radio-Pop verhaftet. Gegenüber dem ganzen Rest fällt „Rise Above“ ein bisschen ab. Schon wieder wünsche ich mir stattdessen „Dirty Light“ zurück. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau und tut einem insgesamt sehr überzeugendem Debütalbum keinen Abbruch.

Fazit

Ich weiß es noch wie heute: es war ein Freitag im November 2014, als B.O.X.E.R. das erste Mal auf meinem Radar aufgetaucht sind. Bekanntlich war es „Have Mercy With The Naked“ und, oh Junge, was war ich seinerzeit angetan von dieser Nummer! Nachschub hätte ich mir viel schneller und viel mehr gewünscht, als diese homöopathischen Dosen, in denen die Hamburger ihre Aufmerksamkeitserreger verteilten. Zwischendurch überkam mich schon ein bisschen die Sorge, dass es viel mehr nicht werden würde oder, schlimmer noch, dass B.O.X.E.R. bereits das ganze Pulver verschossen hätten. Dass der Rest dieses Erstlingswerks mit Füllmaterial angereichert worden wäre, um ein Album irgendwie zu rechtfertigen. Wie froh bin ich jetzt, dass sich alle Befürchtungen als unbegründet erwiesen haben! Tatsächlich ist B.O.X.E.R. ein von Anfang bis Ende abwechslungsreiches, unterhaltsames und mitreissendes Debüt gelungen, das aufgrund seiner musikalischen Ästhetik, einer Vielzahl fetziger Ideen zur Klanggestaltung, der erstklassigen Produktion sowie Anna-Marias stimmlicher Leistung unbedingt ganz weit vorne im Bereich Indie Electro Pop mitspielen möchte. Wie man weiß, ist „Opium“ auch der Begriff für ein aus Schlafmohn gewonnenes Rauschmittel. Für Genre-Freunde ist im Falle von B.O.X.E.R. der Name Programm.


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CoverInfosTracklisteAnspieltippsVideosLinksKaufen
  • Medium: Download (24. Februar 2017)
  • Medium: One Eyed Charlie
  1. Freedom
  2. Sweat & Stripes
  3. Million Faces
  4. Interlude 1
  5. Angel Machines
  6. Two Perfect Strangers
  7. Opium Interlude
  8. Opium
  9. Issue No 5
  10. Into The Woods
  11. Let Us See
  12. Rise Above
  13. Have Mercy With The Naked
  • Freedom
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  • Two Perfect Strangers
  • Opium





Digital

Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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