Foto: Jimmy King

DAVID BOWIE – No Plan (EP)

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Wir alle wissen, dass der 10. Januar 2016 die (Musik-)Welt für immer verändert hat. DAVID BOWIE, die Ausnahmeerscheinung der Pop-Welt, ist an jenem Tage seinem Krebsleiden erlegen, welches er bis zuletzt vor der Weltöffentlichkeit verborgen gehalten hatte. Oder, um es etwas poetischer auszudrücken: der Mann, der vom Himmel fiel ist genau dorthin zurückgekehrt. Am 8. Januar dieses Jahres wäre David Bowie 70 Jahre alt geworden. An eben diesem Wintertag wurde die EP „No Plan“ digital veröffentlicht, die neben dem inzwischen wohl allseits bekannten „Lazarus“ drei weitere Songs beinhaltet. Sie waren zunächst nur auf der Gesamtaufnahme des gleichnamigen Musicals zu finden und gelten als die letzten jemals aufgenommen Stücke Bowies. Man kann sich nun darüber freuen, noch ein allerletztes Mal in den Genuss neuer Songs zu kommen – man kann das aber auch irgendwie nicht so ganz richtig finden. Warum? Dem versuche ich nachfolgend auf die Spur zu kommen.

In so mancher Review die „No Plan„-EP betreffend las ich ein (manchmal unterschwelliges) Monieren darüber, dass drei der vier hier versammelten Songs nicht den Weg auf Bowies letztes Album „★ (Blackstar)“ gefunden haben. Obwohl sie da doch hätten stattfinden können! Dass sie stilistisch durchaus auf dieses Album passen würden – gar keine Frage. Ich glaube aber schon, dass Bowie sich damals sehr bewusst dagegen entschieden hat. Die drei vermeintlich neuen Songs machen in einem anderen Kontext sehr viel mehr Sinn. Im Rahmen seines Musicals „Lazarus“ nämlich. Zwar sind es seine Songs, und doch: es wirkt auf mich viel mehr so, als hätte er sie seinerzeit geschrieben, um die Worte den Figuren des Stücks in den Mund zu legen. Durch die Original Cast Recordings von „Lazarus„, auf denen die letzten vier Songs bis zu dieser EP ursprünglich ausschließlich verfügbar waren, kannte ich sie schon eine Weile vor ihrer Separation von der Gesamtaufnahme. Nachdem ich im Januar dieses Jahres in den Genuss kam, einer Aufführung von „Lazarus“ in London beizuwohnen, ist der Eindruck, „Killing A Little Time„, „Love Is Lost“ und „No Plan“ seien nie auch nur im Ansatz für ersonnen worden, nur noch mehr gefestigt. Die musikalische Ähnlichkeit zum besagten Album hin oder her.

Foto: Jimmy King / Sony Music

Beinahe erscheint es mir mittlerweile so, als sei das, was noch gesagt werden musste, nachdem „Lazarus“ als Bühnenstück fertig durchdacht worden war. Etwas, das Bowie noch in der Schublade hatte und das im Wissen seines nahenden Todes unbedingt noch hinaus in die Welt posaunt werden wollte. Das eher ruhige Titelstück „No Plan“ beispielsweise wird auf der Bühne von Sophia Ann Caruso, die das Mädchen in „Lazarus“ spielt und welches Thomas Newton zurück nach Hause bringen möchte, vorgetragen. Und auch wenn Bowie die Worte geschrieben haben mag – es ist schlicht und ergreifend ein Song, der dem Mädchen der Rolle entsprechend auf den Leib getextet wurde. Genauso verhält es sich mit dem lauten, schnellen und ziemlich sperrigen „Killing A Little Time„. Bowies Lyrics, ja, aber dennoch ist es eine Nummer für Michael C. Hall. Er spielt(e) in jenem Musiktheater die Hauptrolle in Form der Figur Thomas Newton und seine Figur war in jener Szene schon Verzweiflung und Wahnsinn ziemlich nahe. Wenig überraschend bleibt dieser Eindruck auch beim fast schon klassischen und an Bowies Musik aus den 70ern erinnernden „When I Met You“ bestehen. Im Musical wird an dieser Stelle von Caruso und Hall übrigens das Finale eingeleitet. Ich habe den Eindruck, dass alle auf dieser EP versammelten Songs von Bowie vor seinem viel zu frühen Tode noch eingesungen worden sind, damit es sie eben auch in einer Bowie-Fassung gibt. Quasi der Vollständigkeit wegen. Und doch sind es allesamt Stücke, die in erster Intention ausschließlich für „Lazarus“ entstanden sein dürften und somit aus gutem Grund nicht auf zu finden waren.

Und dann ist auf dieser EP ja noch „Lazarus„. Auch hier bin ich mir sicher, dass dieser Song, der zum Schwanengesang Bowies mutierte, zunächst exklusiv für das Musical angedacht war. Er passt ja auch perfekt zu dem auf der Erde festsitzenden Alien Thomas Newton, der sein irdisches Gefängnis verflucht und gleichermaßen den Verlust seiner geliebten Mary-Lou betrauert. Schaut man sich die Tracklist von genauer an fällt auf, dass von den sieben Songs diverse davon schon vorher veröffentlicht worden sind. Sooo viel Neues bot also gar nicht. Angesichts des Ereignisses, das der Veröffentlichung folgte, kaum überraschend. Ich gehe davon aus, dass Bowie sich für die Aufnahme von „Lazarus“ in die Trackliste von entschieden hat als er wusste, wie es wirklich um ihn bestellt ist. Ein Fuchs, wie er war, hat er seine Abschiedsgruß mit auf das Album gepackt von dem er wusste, es würde sein letztes werden. Und keiner hat es im Vorfeld begriffen. Wirklich niemand. Ich erinnere mich noch gut daran, wie die gesamte Musikpresse versuchte, und „Lazarus“ zu deuten. Mich eingeschlossen. Am Tag, als wir von Bowies Tod erfuhren, erschien jedem von uns in einem ganz anderen Licht. Ganz plötzlich war uns allen so klar, was der Mann hier wirklich geliefert hatte. Abgesehen vielleicht von denen, die das Musical schon gesehen hatten. Aber hatten wir auch sein Musical mit der nötigen Aufmerksamkeit bedacht? Ich bin mir da nicht so sicher. Here is my place without a plan, singt er im Titelstück. Oh doch, Mr. Bowie – Sie hatten einen Plan, da bin ich mir sicher. Gesamtkunst bis zum Schluss.

Foto: Jimmy King / Sony Music

Unterm Strich sind es tolle Songs und es ist schön, dem Meister ein letztes Mal zuhören zu können und doch… „No Plan“ sollte es irgendwie nicht geben. Auf gehören die Lieder nicht hin und ohne den „Lazarus„-Kontext geht ein gehöriger Teil ihrer Wirkung verloren. Ich verstehe, dass man den Fans die Songs auch noch jenseits der Gesamtaufnahme des Musicals oder dem Bühnenstück selbst zugänglich machen wollte. Aber so richtig richtig fühlt sich das nicht an. Es ist schon schlimm genug, dass wir nie wieder was von Bowie hören werden. Da muss nicht auch noch sein letzter großer Geniestreich auseinandergerissen werden. Es macht wenigstens drei der vier Songs irgendwie beliebig. Wie irgendwas, das in irgendeinem Archiv gefunden wurde und der schnellen Mark wegen noch auf den Markt geworfen wurde.


Fazit: Ich bleibe dabei: ich kann mich des Eindrucks einfach nicht erwehren, dass diese vier Songs, die zunächst nur im Musical „Lazarus“ bzw. der Gesamtaufnahme davon zu hören waren, ursprünglich auch nur dafür gedacht waren. Dass die vier Stücke den Figuren und ihrem jeweiligen Schicksal angedichtet wurden und dass Bowie die Songs erst im Nachhinein noch einmal selbst aufgenommen hat, damit es eben davon auch „Originale“ gibt. Was wohl keine sind. Und somit stehe ich der „No Plan“-EP auch ziemlich ambivalent gegenüber. Natürlich freue ich mich darüber, dass es auch die „fehlenden“ drei Songs auch in einer von David Bowie vorgetragen Fassung gibt. Und doch… es fühlt sich einfach nicht richtig an, sie losgelöst vom Musical zu veröffentlichen. Inzwischen glaube ich nämlich, dass „Lazarus“ das sehr viel größere Vermächtnis Bowies ist, als es ★ jemals war bzw. ist.



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Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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