Foto: Stephanie Kurpjeweit / Nubigena Art / AVALOST

WELLE: ERDBALL – Gaudeamus Igitur

von

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
7.5/10
Klang / Produktion
7.5/10
Kreativität
7.5/10
Verpackung / Artwork / Extras
6/10
Fan-Faktor
8/10
Umfang / Spieldauer
8/10
Gesang
8/10
Gesamteindruck
8/10
Total
7.6/10

WELLE: ERDBALL steuern schwer auf ihr dreißigjähriges Bestehen zu, was – so Gott will – im Jahr 2020 der Fall sein wird. In dieser durchaus sehr langen Karriere sind sich die Hannoveraner über all die Jahre treu geblieben, was das Konzept, die Inhalte und den Sound anbelangt. Da mögen im Laufe der Jahre Moderatorinnen gekommen und gegangen sein, der Kern des Senders – Honey und Alf – hat sich nie verändert. Und auch wenn die Produktion immer moderner und klanglich hochwertiger ausgefallen ist, so hat sich der grundsätzliche Ansatz – elektronische Unterhaltungsmusik, oftmals mit schweren Einschlag von Nintendo-, C64- und/oder NDW-Sounds versehen – nie verändert. Zwischendurch gibt es immer mal wieder einen Ausreißer in Form eines wirklich alten oder aber irgendeines Cover-Songs. Ansonsten aber weiß man seit nunmehr bald 30 Jahren, was einen erwartet, wenn der Sender Welle: Erdball eine neue Sendung ankündigt. So auch bei „Gaudeamus Igitur“. Ich könnte es mir jetzt einfach machen und schreiben: jo, typisch Welle: Erdball eben, Ihr wisst was Euch erwartet, wenn Ihr auch nur einen einzigen Song kennt. Mache ich aber nicht. Ein paar Worte sollten wohl doch noch verloren werden.

Bei Welle: Erdball habe ich manchmal den Eindruck, dass sich die Herren Honey und Alf durch die Wikipedia klicken (oder alternativ nostalgisch im Brockhaus blättern) und zufällig irgendwas herauspicken, was ein Thema abgeben könnte und inhaltlich zum bestehenden Kontext passt. Nachdem uns der Sender vor Jahren schon einen Song über einen VW Käfer schenkte, folgt auf der aktuellen Sendung eine Art Nachfolger in Form des Songs über die „Vespa 50N Special“. Technische Inhalte wären damit abgehakt. Weiter oben erwähnte ich, dass Welle: Erdball gerne mal Songs ausgraben, die mitunter schon ziemlich alt sind. Man denke nur an „Die Moorsoldaten“, „Die Gedanken sind frei“ oder die berühmte „Laterne“. Auf der vorliegenden Sendung gibt es einen weiteren Beitrag dazu. Der Titelsong „Gaudeamus Igitur“, das aus dem Lateinischen übersetzt „Lasst uns also fröhlich sein!“ bedeutet, ist ein weltweit bekanntes Studentenlied, dessen Spuren sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lassen. Ich sag’s doch: wirklich alt. Musikalisch ist dies der übliche Ausreißer, tönt es doch ziemlich mächtig und gewaltig und beinahe schon orchestral aus den Boxen.

Danach bleibt alles gewohnt und vertraut. „20000 Meilen unter dem Meer“ befasst sich mit Jules Vernes Kapitän-Nemo-Abenteuern und klingt wie der typische Welle-Erdball-Electro-Pop. Honey trällert die Strophen ins Mikrofon, die Damen Lila und Venus übernehmen den Refrain. „Die letzte Chance zu leben“ ist dem Sender zufolge der Sommer-Hit von 1965 – und als solcher ganz schön ohrwurmend! Endlich auch wieder (in Teilen) Französisch geht es in „L’Inconnue de la Seine“ zu. Eine hübsche Ballade, bei der Lady Lila einmal mehr zeigt, dass sie für das Programm des Senders ein echter Zugewinn ist!

Foto: Welle Erdball / Oblivion (SPV)

Mit „Nur mit mir allein“ gönnt sich der Sender (wie beispielsweise schon auf „1000 Engel“) abermals ein Remake – bzw. ein Cover-Song des eigenen Schaffens. Der Titel war schon in der 1998er Sendung „Der Sinn des Lebens“ enthalten. Den Staub aus dem Klangkorsett geklopft haben sie hier, Fräulein Lila ins Mikrofon gestellt und dem Beitrag somit ein zeitgemäßes Gewand spendiert. Ob das nötig war, muss wohl jede/r Hörer/-in selbst entscheiden. Für mich persönlich hätte auch weiterhin das Original gereicht, so gravierend sind die Unterschiede nicht und live wird die Nummer ohnehin von den jeweils aktuellen Moderatorinnen vorgetragen. Neu hingegen ist „Polyamorie“, wobei mir nicht sooo ganz klar ist, ob sich der Sender hier für oder gegen dieses Beziehungsmodell positioniert. Und die obligatorische Huldigung eines berühmten Heimcomputers ist ebenfalls wieder enthalten. Hier als Teil von „Stirb mir nicht weg (C=64)“, das sich ansonsten mit dem Wegsterben von Ikonen beschäftigt. Dies ist wohl DER Programmbeitrag der aktuellen Sendung für die Publikumsbewegung bei Live-Darbietung. Abgerundet wird die ganze Geschichte durch einen Remix des Titelsongs der letzten Sendung, „1000 Engel“ sowie einer ebenfalls auf Tanzbarkeitsmaximierung hin ausgelegten Bearbeitung von „20000 Meilen unter dem Meer“.

Alles in allem: Welle: Erdball senden auch nach fast 30 Jahren das, was sie immer gesendet haben. Ihr bisheriges Song-Portfolio erhält mit „Gaudeamus Igitur“ ein paar gefällige Ergänzungen. Damit man bei Konzerten nicht die ewig gleichen Gassenhauer singen muss, ist doch prima! Wer bisher mit dem Programm Welle: Erdballs nichts anfangen konnte, wird wohl auch von der neuen Sendung der Hannoveraner nicht abgeholt werden. Umgekehrt gilt aber eben auch: Fans und Freunde bekommen hier eine unterhaltsame neue Sendung mit vorbildlichem Umfang geboten. Und mal ehrlich: eigentlich würden wir es auch gar nicht wollen, dass der Sender sein Konzept umkrempelt und plötzlich ganz anders ertönt, oder?


Es ist ja gerne mal so: macht eine Band immer das gleiche, wird gejammert und schnell von Kritikern die Keule der Ideenlosigkeit geschwungen. Macht sie irgendwann mal was anderes, wird auch gejammert, weil der Mensch doch ein Gewohnheitstier ist und sich mit Veränderungen, noch dazu von geliebten Bands, nur schwerlich arrangieren kann. Bei Welle: Erdball jedoch ist das irgendwie anders. Seit bald 30 Jahren machen sie das, was sie immer machen, deshalb kann man als Fan neue Sendungen auch blind kaufen – es ist drin, was eben immer drin ist. Und für alle Beteiligten ist das okee so. Da die Hannoveraner sehr konzert- und tourfreudig sind, habe ich manchmal das Gefühl, sie produzieren neue Sendungen nur, damit sie eine Entschuldigung haben, wieder auf Tour zu gehen. Was ebenfalls mehr als ok ist. Von mir aus kann Welle: Erdball noch weitere 100 Jahre senden. Ein, zwei Ohrwürmer sind noch immer auf jeder neuen Veröffentlichung gewesen und so ist es auch dieses Mal. Und sei es nur der Sommerhit von 1965, „Die letzte Chance zu leben“. Nach meinem Dafürhalten ist dem Sender allerdings mit „Gaudeamus Igitur“ die unterhaltsamste Produktion seit „Tanzmusik für Roboter“ gelungen.



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Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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