Foto: SPECTRA*paris / Dependent

SPECTRA*PARIS – Retromachine Betty

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Bekanntlich halte ich viel von dem Gelsenkirchener Label Dependent. Über die Jahre wurde dort schon so manche Perle düsterelektronischer Musikkunst veröffentlicht. Es war bislang bei Dependent für mich so wie bei Büchern aus dem Diogenes Verlag: kannste blind kaufen was da veröffentlicht wird, das wird schon passen. Allerdings: als ich neulich zur Kenntnis genommen habe, dass Kirlian Camera und Elena Alice Fossis Solo-Projekt SPECTRA*PARIS fortan via Dependent veröffentlicht werden würden, konnte ich mir eine gewisse Skepsis nicht verkneifen. Bei Kirlian Camera werde ich das Gefühl nicht los, dass deren beste Tage bereits hinter ihnen liegen und SPECTRA*paris… nun ja, das schien mir nicht so richtig ins bisherige Portfolio zu passen. Andererseits: Dependent hat sich nicht zuletzt mit seinem Sublabel Cellar Door auch mal Ausreißer wie The Birthday Massacre gestattet. Daher: warum also nicht? Von den Neuzugängen in Gelsenkirchen macht SPECTRA*paris den Anfang in punkto Veröffentlichungen. „Retromachine Betty“ heißt der erste Beitrag und wird als eine Art musikalische Zeitreise in die 80er Jahre angepriesen. Da werde ich natürlich hellhörig. Mal gucken was dran ist, an diesem Retro-Kitsch.

Das hat sie gerade nicht ernsthaft gemacht?!“, denke ich mir, während noch das erste Lied („Star Bubbles“) von „Retromachine Betty“ durch die Bude flirrt. Hat Elena Alice Fossi in dieses zuckersüße, kitschig-klebrige Stück Musik einen kleinen Teil von Mike OldfieldsMoonlight Shadow“ beigemengt? Ernsthaft? Ja, hat sie. #darfsiedas? Ich gebe zu: den Klassiker von 1983 so charmant zu verwursteln, wie es hier geschehen ist, weckt Aufmerksamkeit – und macht gleich die Marschrichtung deutlich, welcher der Rest des Albums nachfolgen wird. Dass ich dennoch mehr an Juliane Werdings deutsche Fassung dieses Songs, „Nacht voll Schatten“ denken muss, steht freilich auf einem anderen Blatt. Direkt zum Auftakt einen Ohrwurm ins Hirn pflanzen ist schon eine Leistung – wenn auch in diesem Fall nur bedingt eine von Frau Fossi.

Zurück zu SPECTRA*paris: Nachdem Elena Alice Fossi mit Kirlian Camera sowie ihrem Solo-Projekt zu Dependent gewechselt ist, hat sich die Dame für ihr neues Album gänzlich dem Ausflug in die 80er Jahre verschrieben. Im Pressetext zum Album beschwört Dependent, dass sie dabei nicht versucht zu klingen, wie der drölfhundertste Depeche-Mode-Klon, sondern sich eher an Visage oder Desireless orientiert und in eine zeitgemäße, von John Fryer (HIM, NIN, Depeche Mode und andere) gestemmte Produktion jede Menge Teilchen aus Italo-Pop und 80er-Electro-Wave gestreut habe. Das kann man so stehen lassen. Allerdings ist der Italo-Pop-Anteil enorm hoch. Das muss man wissen. Wem Italo-Disco damals schon auf den Zeiger ging, wird bei „Retromachine Betty“ vermutlich zunächst mit den Augen leiern und anschließend ausschalten. Folgendes Bild kommt mir gerade zu diesem Album in den Sinn: Wenn die 80er ein großer Rummel waren und die verschiedenen Stilrichtung einzelne Fahrgeschäfte, dann gleicht dieses Album einem Spaziergang über eben diesen Rummel – selbstverständlich mit Zuckerwatte in der Hand.

Foto: SPECTRA*paris / Dependent

Nach dem Ohrenreiber-Opener folgt „Alice (Geistersterne)“ und stampft fröhlich vor sich hin, während diverse klangliche Spielereien Einzug gehalten haben, die das Stück gleichermaßen für Düstertanztempel und die örtliche Dorf-Disko fit machen. Wenn es noch einen Beweis brauchte, dass die Grenzen längst verwischt sind – bitte sehr, hier ist er. Apropos Dorf-Disko: Da ist irgendwann im späteren Verlauf das spacige, chillige „Machinedream“ in der Trackliste. Erneuter WTF?!-Moment inklusive. Es ertönt nämlich kurz mal ein Getröte, wie man es auf einem Rummel gerne mal zu hören bekommt, kurz bevor ein Fahrgeschäft zur nächsten Runde startet.

Gerade als ich denke, Frau Fossi hätte es sich in ihrer Zuckerwattewelt bequem gemacht, haut sie „Universal“ raus – eine ziemlich starke, tanzbare Nummer mit hohem Melancholie-Faktor. Tanzbar für die Situationen, wo man sich eher mit geschlossenen Augen über die Tanzfläche schiebt. Einen WTF?!-Moment hat SPECTRA*paris übrigens noch in petto: „(Girl) You really got me“. Völlig unverhofft beweist die Lady hier, dass sie nicht nur Teile anderer Songs in ihren eigenen verwerten kann, sondern überdies auch ein Händchen für geschmeidige Cover-Versionen hat. Dreckig, stampfend, quitschend und ein bisschen sexy tönt der Kinks-Klassiker von 1964 aus den Boxen. Ein wenig macht das auf mich schon den Eindruck, als sei dieser Coversong eigentlich für Kirlian Camera entstanden. Um mal bei dem Bildnis eines Rummels zu bleiben: entgegen der sonstigen, auf diesem Album gebotenen Zuckerwatte ist das hier eher die deftige Bratwurst, die ein bisschen aus dem musikalischen Rahmen fällt. Daran ändert auch das gegen Ende verwendete Geräusch eines Beamers aus Star Trek nüscht. Und der „E-Girl“-Song hätte auch einer Madonna in ihrer „Erotica“- / „Bedtime Stories“-Phase ganz gut ins Konzept gepasst, denke ich.

Foto: SPECTRA*paris / Dependent

Halten wir mal fest: „Retromachine Betty“ ist ein kurzweiliges und vergnügliches Album geworden, dem es an überraschenden WTF?!-Momenten nicht mangelt. Was in diesem Fall durchaus positiv zu verstehen ist, schließlich hält das zumindest beim ersten Hören die Spannung konstant aufrecht. Man fragt sich stets, was Elena Alice Fossi als nächstes aus der Mottenkiste der Musikgeschichte hervorholt, um es in einem Song zu verwursten. Aber die Sache an Überraschungen ist: sie funktionieren immer nur einmal. Was danach übrig bleibt, ist ein Album, das man immer wieder mal hören kann – vor allem jetzt, wo das Wetter gerade mal so tut als könnte es Sommer und man Körper und Geist ohnehin nicht so richtig in Bewegung versetzen mag – aber wo es eben auch kein größerer Verlust ist, wenn man sich stattdessen für echte Zuckerwatte entscheidet. Oder für Bratwurst.


Fazit:Als eine Art musikalische Zeitreise zurück in die 80er wird „Retromachine Betty“ vom Label Dependent angepriesen und zweifelsohne kann dem Album attestiert werden: das ist gelungen. Da ich selbst großer Fan der Musik des schillerndsten Jahrzehnts der Pop-Geschichte bin, holt mich Elena Alice Fossi mit ihrem Solo-Projekt SPECTRA*paris auch pauschal zunächst mal ab. Dass ich dennoch nicht in die allergrößte Euphorie verfalle, hat mehrere Ursachen. Zunächst mal bleibt Elena stimmlich hier weit hinter ihren Möglichkeiten. Das mag zum Konzept passen, dennoch ist das Mini-Maus-Gehauche nicht alles, was sie zu leisten imstande ist. Nur ist es leider alles, was sie hier bietet. Und musikalisch ist mir das Album unterm Strich eine Spur zu sehr Italo-Disco – eine Stilrichtung, die mir damals wie heute eher auf den Keks geht. 80er-Jahre-Gewand hin oder her, irgendwann wird es ein bisschen sehr kitschig und klebrig. Und irgendwie fällt das Album eben doch aus dem bisherigen Programm von Dependent heraus. „Retromachine Betty“ ist unterm Strich wie einer dieser Kaugummis, die man früher überall aus den Automaten ziehen konnte. Die schmeckten zwar gut, das aber nicht lange. So verhält es sich hier irgendwie auch. Immerhin: ähnlich wie die besagten Kaugummis lässt sich auch dieses Album immer mal wieder konsumieren.



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Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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