Foto: Kreativpixel - Pascal Jesser

LACRIMOSA – Testimonium

von

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
7.5/10
Klang / Produktion
9/10
Kreativität
7/10
Verpackung / Artwork / Extras
7/10
Fan-Faktor
10/10
Umfang / Spieldauer
8.5/10
Gesang
7.5/10
Gesamteindruck
8.5/10
Total
8.1/10

David Bowie. Lemmy Kilmister. Prince. Chester Bennington. Chris Cornell. Chuck Berry. George Michael. Leonard Cohen. Natalie Cole. Glenn Frey. Colin Vearncombe. Scott Weiland. Die Musiker dieser Liste, die sich leider noch fortsetzen ließe, eint eine Tatsache: sie sind verstorben. Viel zu früh, viel zu plötzlich. So viele musikalische Helden sind innerhalb kurzer Zeit von uns gegangen, dass einem als Musikliebhaber nur das Herz weinen kann. Es gab schon Momente, in denen habe ich mich gar nicht mehr getraut, morgens ins Internet zu gehen weil ich fürchtete, schon wieder vom Ableben einer meiner Idole lesen zu müssen. Idole, die mich teilweise schon mein ganzes Leben lang mit ihrer Musik begleiten. Sicherlich, gestorben wird immer, gefühlt aber ist die Todeszahl in den letzten zwei, drei Jahren sehr hoch gewesen. Vielleicht kommt es mir aber auch nur so vor, da diese traurigen Ereignisse durch die ganzen Social Media-Kanäle irgendwie mittelbarer werden. Bezüglich der Trauer(-bewältigung) über das oftmals viel zu zeitige Ableben großartiger Menschen und Musiker, hat Casi drüben bei Mobilegeeks Anfang des letzten Jahres einen tollen Artikel geschrieben, der nichts von seiner Aktualität verloren hat. Aber um diesen Beitrag des Kolllegen geht es mir gerade gar nicht. Der Verlust musikalischer Helden ist etwas, das auch Tilo Wolff von LACRIMOSA sehr bewegt zu haben scheint, schließlich ist das neue Album „Testimonium“ all jenen Künstlern gewidmet, die nicht mehr unter uns weilen. Und damit komme ich nun zum eigentlichen Anliegen dieses Artikels.

Über das neue Album „Testimonium“ sagt Tilo: „Im Jahr 2016 hat die Welt Abschied nehmen müssen von zu vielen großen Künstlern – Schöpfern einzigartiger Momente für die Ewigkeit!  Mit ihrer Kunst bin ich aufgewachsen, ihre Bodenständigkeit, ihr Größenwahn, ihre Einzigartigkeit, ihr gesamtes Werk hat meine Kindheit und Jugend geprägt und war mir oftmals Vorbild und Leitbild: Die Kunstverliebtheit und Demut eines Götz George, die visionäre Wandlungsfähigkeit eines David Bowie, die Vielseitigkeit in ihrer unverwechselbaren Einzigartigkeit eines Prince, die Tiefe und Melancholie eines Leonard Cohen, sie alle haben Anteil an dem, was ich sein darf und was ich mit Lacrimosa seit 27 Jahren zum Ausdruck bringe! Dieses Album ist ihnen zum Dank gewidmet“. Um das mal vorweg zu nehmen: mehr noch als bei jedem Lacrimosa-Album zuvor kann ich Tilos Beweggründe, seine Gedanken und Gefühle in Musik zu gießen, hier nachvollziehen. Mich hat beispielsweise der Tod von David Bowie sehr getroffen. Noch immer frage ich mich, was er der Musikwelt wohl noch hätte schenken können, wäre er noch am Leben. Und wäre ich Musiker, ich hätte ihm vermutlich auch einen entsprechenden Tribut gezollt.

Die genannte Motivation Tilos für dieses Album lässt auch nicht lange auf sich warten, bis sie gehört werden kann. Direkt der Einstieg ins Album „Wenn unsere Helden sterben“ lässt uns an dieser Art musikalischer Trauerbewältigung teilhaben. Wenn Tilo singt: Uns bleibt euer Lebenswerk / Uns bleibt euer Licht / Uns bleibt euer Wahnsinn / Euer Liebe, eure Hingabe als Spiegelbild, dann jagt es mir Schauer über den Rücken und ich kann nicht leugnen, beim Hören des Songs einen Kloß im Hals zu haben. Musikalisch verlässt man sich bei Lacrimosa auf die bewährte Rezeptur, die der Band (inzwischen vor allem außerhalb Deutschlands) eine treue Fangemeinde eingebracht hat. Heißt: rockige, bisweilen metallische Klänge treffen auf klassische Elemente. Da kommt mir in den Sinn: dieses „Gothic meets Klassik“-Festival, das wäre doch was für Lacrimosa? Wärend sich beim genannten Festival gerne mal irgendwelche Electro-Bands mehr oder weniger gelungen ein klassisches Korsett anzuziehen versuchen, leben Lacrimosa dieses Konzept seit vielen, vielen Jahren. Und, das muss ihnen der Neid lassen, so schnell wird ihnen auf diesem Gebiet wohl keiner mehr was vormachen. Dass Lacrimosa in der hiesigen Düsterszene inzwischen arrogant belächelt werden, will mir nicht in den Kopf. Im Hinblick auf kompositorisches Können versteht Tilo Wolff jedenfalls sein Handwerk. „Wenn unsere Helden sterben“ macht dies direkt zum Einstieg einmal mehr deutlich. Da sind die harten Klänge, klar, aber da ist auch diese feingliedrige klassische Musik mit all den Streichern usw., die Kontrast und Abrundung des rockigen Unterbaus gleichermaßen darstellt. Nun kann man sich fragen, ob dieses Konzept im Spätsommer des Jahres 2017 noch zeitgemäß ist. Andererseits: unbeirrbar fahren Lacrimosa seit Jahrzehnten diesen Kurs und das in einer Konsequenz, die man andernorts vermisst. Somit lässt sich sagen: wo Lacrimosa drauf steht, ist nach wie vor Lacrimosa drin. Gut so.

Foto: Kreativpixel – Pascal Jesser

Testimonium“ hat aber mehr zu bieten als „nur“ das Thema Heldenverlust. Da ist beispielsweise „Nach dem Sturm“, das die Band in der Zwischenzeit mit einem Video bedacht hat. Typisch Lacrimosa, würde ich sagen, für meinen Geschmack allerdings eine Spur zuuu beliebig. Zwischenmenschliches ist von Lacrimosa schon bewegender aufbereitet worden, als es hier der Fall ist. Komisch, dass ausgerechnet diese Nummer, die bei Lacrimosa wohl einen hohen Stellenwert hat – warum sonst wohl ein Video dazu? – bei mir nicht zünden will. Da gibt es auf diesem Album ganz andere Kaliber. „Weltenbrand“ zum Beispiel. Du liebe Güte, was für ein knüppelhartes Brett! Der reinste Metal-Wüterich – was angesichts der Anklage, die Lacrimosa hier erheben, auch nur passend ist. So vieles habt Ihr schon zerstört / Und macht das immer wieder / Dieses Leiden wird nie enden / Solange Menschen hier regieren / Die Habgier sie regiert, wütet Tilo hier, nur um später zu erklären: Wir wollen leben, trotz des Lebens. Ist so. In „Weltenbrand“ fahren Lacrimosa die ganze Bandbreite ihres Könnens auf und hinterlassen mächtig Eindruck! Double-Basses, breiteste Gitarrenwände und orchestrale Verziehrung – das kann sich Hören lassen. Konsumenten mit einer potenten Musikanlage freuen sich überdies über eine wirklich mächtige und sehr druckvolle Produktion – eine Aussage, die sich übrigens auch auf die restlichen Songs anwenden lässt.

Versöhnlicher und beinahe schon folkiger, wenn nicht gar poppiger wird es in „Herz und Verstand“. Gemessen an Lacrimosa-Maßstäben ist dies ja fast schon eine gute-Laune-Nummer, vielleicht auch gerade wegen des durchschimmernden Optimismus in Textzeilen wie Wir leben, und leben heißt mehr als nur sein / Dem Stumpfsinn zu trotzen, mit Herz und Verstand. Die besagten Helden, deren Verlust wir betrauern, haben aus ihrem Leben allesamt mehr gemacht als bloß irgendwie zu roboten. Vielleicht sollten wir es ihnen gleichtun.

Black Wedding Day“ und „My Pain“ sind die obligatorischen englischsprachigen Nummern des Albums. Erstes gefällt durch die zarten Streicher und den gekonnten Einsatz von Glockenklängen, zweites ist das Solo für Anne, das ja kommen musste. Und ich gebe zu: ich bin überrascht! Stimmlich hat sich bei Anne so einiges getan, entgegen früherer Gesangsbeiträge wirkt ihre Stimme hier wesentlich dynamischer. Und wenn sie im letzten Drittel des Songs über die kreischenden Gitarren ihr „this is my pain“ ins Mikro verzweifelt, dann kaufe ich ihr das sogar ab. Der hintergründe Chor trägt ein Übriges zu einer tatsächlich ziemlich gelungenen Nummer bei. „Der leise Tod“ erinnert mich musikalisch ein bisschen an selige „Elodia“-Zeiten. Tja und dann ist da ja noch das Titelstück „Testimonium“, dem Titel entsprechend ein zehnminütiges, extrem düsteres und schweres Zeugnis davon, dass Lacrimosa dunkle Klänge aus den Boxen pusten können, wie keine zweite Band der Düsterszene. Ich bin geneigt, „Testimonium“ als eine der stärksten Nummern der Band überhaupt zu feiern. Dass die genannten letzten beiden Songs des Albums quasi inhaltliche Geschwister sind, verleiht ihnen eine besondere Note. Sie machen das Sterben aus zwei Perspektiven begreiflicher (bzw. versuchen es): die der Betroffenen, deren Gedanken- und Gefühlswelt wohl noch nicht so richtig durcherforscht ist, sowie die derer, die hilflos und verzweifelt übrig bleiben.

Wenn der letzte Ton verklungen ist, bleibt man möglicherweise einigermaßen beklommen zurück. Die aber immerhin in der Gewissheit, eines der insgesamt düstersten Alben in der Geschichte Lacrimosas gehört zu haben. Vielleicht auch eines ihrer besten.


Fazit: Ich freue mich, dass Lacrimosa dieses Album den Künstlern widmen, die teilweise viel zu früh diese Welt verließen. Weiterhin freue ich mich darüber, dass Tilo und Anne mit „Wenn unsere Helden sterben“ eine Art Denkmal und musikalischen Nachruf schufen. Ein Nachruf, der wohl fortan immer wieder dann ertönt, wenn jemand stirbt, der einem persönlich am Herzen liegt. Das bringt Lacrimosa auf eine Ebene, die sie – je nach persönlicher Stimmungslage – immer schon und immer wieder erreicht haben. Es gab und gibt und wird immer Situationen geben, in denen man Trost in der Musik sucht. Es gab und gibt und wird immer Situationen geben, in denen dann die Musik von Lacrimosa zum Einsatz kommt. Danke dafür. Danke auch, dass sich „Testimonium“ nicht darauf ausruht, nur den Verlust von Künstlern aufzuarbeiten, sondern darüber hinaus ein breites Spektrum an musikalischen Stimmungen und Motiven abdeckt. Die Liste zeitloser Klassiker aus dem Hause Lacrimosa ist lang – nach gut 27 Jahren auch nicht überraschend. Mit „Testimonium“ sind in Form des Titelstücks sowie „Weltenbrand“ oder eben jenem besagten „Wenn unsere Helden sterben“ noch ein paar weitere hinzugekommen. Dieses „Requiem in vier Akten“ ist Tilo und Anne hervorragend gelungen und ich hoffe sehr, dass sie uns noch viele weitere Alben schenken werden. Gleichwohl hoffe ich, dass Lacrimosa ihre Inspiration künftig wieder woanders finden. Auch wenn das womöglich ein frommer Wunsch bleiben wird. Denn die Einschläge, sie kommen näher. Ich bin der Zeuge meiner Sterblichkeit.



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Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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