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KMFDM – Hell Yeah

von

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
7/10
Klang / Produktion
8.5/10
Kreativität
6.5/10
Verpackung / Artwork / Extras
6/10
Fan-Faktor
10/10
Umfang / Spieldauer
8/10
Gesang
7/10
Gesamteindruck
9.5/10
Total
7.8/10

Ich könnte an dieser Stelle natürlich so einiges über die 33-jährige Schaffenszeit von KMFDM schreiben. Ich könnte auch über ihre Bedeutung für die Genres Industrial-Rock, Gothic, Crossover (die Liste könnte beliebig erweitert werden) sowie all die Musiker, welche durch Sascha Konietzko und Co. nachhaltig beeinflusst wurden, ein Essay verfassen. Aber wozu? Wer KMFDM nicht kennt, hat Musik doch sowieso nie wirklich geliebt. Da gibt es bei mir kein Mitleid für damische Musikbanausen. Das muss einmal so deutlich auf den Punkt formuliert werden. Damit wären wir auch gleich beim Thema. Die Dinge auf den Punkt bringen. KMFDM haben ja irgendwie schon immer genre-übergreifende Werke veröffentlicht und ihre Fans dabei mal mehr mal etwas weniger begeistert. Was aber anno 2017 auf uns zu gerollt kommt – zur Hölle – der Albumtitel trifft es wahrlich auf den Punkt.

Der Opener „Hell Yeah“, welcher vorab schon als Single veröffentlicht wurde, begrüßt den Hörer mit knackigen Electrobeats, Stakkato-Gitarren und dem markanten Gesang von Mastermind Sascha Konietzko. Ein schnörkellos rockiger Kracher, mal von sphärischen und mal von verspielten Synthies unterlegt. Der Song treibt den Hörer sofort ohne Pause angriffslustig nach vorn. Wie auf der Single folgt auch auf dem Album der Song „Freak Flag“. Hymnisch trägt die anmutige Stimme von Lucia Cifarelli einen Lobgesang auf Außenseiter aller Art vor. Beide Titel sind sehr klubtauglich. „Freak Flag“ besticht zudem durch die ausgefeilten elektronischen (fast dubstep-artigen) Elemente in Verbindung mit den treibenden Gitarrenriffs. Selbst wer die Single im Vorfeld schon rauf und runter gehört haben sollte, kann sich diesen beiden Tracks nicht entziehen. Es geht nicht – ich hab es versucht und bin kopfwippend „gescheitert“.

KMFDM können aber auch anders. Mit „Oppression 1/2“ folgt ein gekonnt inszenierter Reggaesong – für ganze 42 Sekunden. Zusammen mit „Oppression 2/2“ bilden diese zwei Kurzausflüge nach Jamaika den Rahmen für „Total State Machine“. Spätestens wenn SaschaYour government hates you“ in sein Mirkofon brüllt und die Riffs samt Drumms rasent schnell losprügeln, wünscht sich jeder aktive Konzertbesucher in den nächsten Moshpit. Eine bissige Abrechnung mit der Obrigkeit. Wütend geht es auch unvermittelt weiter. Allerdings mit der Wut eines gebrochenen Herzens. „Murder My Heart“ ist einer der Hits des Albums. Der bittersüße Text über eine zerstörte Liebe, von Lucia exorbitant gut vorgetragen, ist wahrscheinlich der neue Prototyp einer Industrial-Power-Rock-Ballade. Eine fast schon poppige Komposition wird vor allem von den dance-lastigen Synthies getragen. Die Gitarren bilden etwas hintergründig, aber passend arrangiert, den Rock`n`Roll-Rahmen zu diesem Tanzflächenfüller. Ein Schmankerl ist zudem der kurze Einsatz einer (synthetischen) Orgel als Bridge. Ein wahrhaft grandioses Stück.

Foto: earMUSIC / Franz Schepers

Es folgen bekannte Klänge und Zeilen: „Black Man, White Man – Rip The System“. Eine KMFDM-Retrospektive muss sein. „Rip the System 2.0“ spielt mit seinen Drumloops sowie Synthies und beschehrt uns eine moderne Version des Klassikers. An der Aussage des Songs hat sich seit 1989 (leider) nicht viel geändert. Während der Hörer also in alten Zeiten zu schwelgen beginnt, holt Lucia diesen wieder in die Gegenwart. Bei „Shock“ zeigt die Sängerin ihre hypnotisch-laszive Seite. Verspielte Synthies und abgehackte Riffs werden von wiederrum abwechslungsreichen Drums unterlegt. Spätestens wenn Luciacan`t stop the fever – burning in me“ aus den Lautsprechern erklingen lässt, will der geneigte Hörer beschwingt über die nächste Tanzfläche schwofen.

Die in den USA beheimatete Band würde ihre Fans sicher enttäuschen, würde sie nicht eine Abrechnung mit der Trump-Administration wagen. „Fake News“ ist dabei eine eindeutige und zugleich klubtaugliche politische Aussage. Ein typisch cooler KMFDM-Song. Bei „Rx 4 the Damned“ zeigt sich anschließend die wilde Seite von Lucia. Eine sehr wilde, möchte ich meinen. Der im Midtempo angesiedelte Song klingt sehr beat-lastig und wird von den verspielten Loops und den Gitarren- sowie Bassriffs getragen. Ein fast schon oldschooliger Track, welcher sich von Sekunde zu Sekunde mehr ins Wütende steigert.
Burning Brain“ wartet wieder mit den aggressiven Shouts von Kaptain K. auf. Treibende Riffs und die gezielt eingesetzten schreienden Synthies wirken erneut angriffslustig. Dieses Arrangement wird von einem sehr eingängigen Refrain konterkariert. Gerade durch diesen Kniff wirkt der Song organisch und brennt sich sofort ins Gehirn.

Leider steuert der geneigte Hörer nun langsam aber sicher dem Finale entgegen. Dieses wird wiederrum von Lucia eingeläutet. Sie war auf diesem Album schon hymnisch, gekränkt, hypnotisch-lasziv und wütend. Nun zeigt sie sich auch noch melancholisch-lasziv. Meine Güte. „Only Lovers“ ist eine exzellente Ballade. KMFDM haben uns ja schon so einige bittersüße Stücke geschenkt, „Only Lovers“ treibt die Melancholie noch weiter als bisher. Der Song wird von Lucias Stimme getragen und von einer an ein Schifferklavier erinnernden Melodie begleitet. Die verworrenen Drumloops und nach Dubstep klingenden Synthies wirken als ideale Ergänzung zu diesem schwermütigen Tenor. An dieser Stelle des Album ist mein Gehemitipp der Platte zudem perfekt angeordnet – das Lucia-Highlight Nummer Zwei.

Das finale grande markiert „Glam Glitz Guts & Gore“. Nachdem Lucia so schön auf die Tränendrüse gedrückt hat, legen KMFDM nun alles in Schutt und Asche. Ein Track – ein Moshpit. Sascha Konietzko brüllt uns nochmal so richtig ordentlich an. Die Drumms dreschen alles nieder und die Gitarren schneiden sich ins Fleisch. Fetzt.


Fazit: Dieser schnörkellose Mix aus Industrial, Electronica und Rock wird per excellence und mit treibender Intensität vorgetragen. Das Artwork ist ebenfalls wiedereinmal grandios gelungen. KMFDM liefern uns eine Schiebe, welche auch nach KMFDM klingt. Das ganze Album ist zudem verdammt gut produziert und mit 13-fachem Klubhitpotenzial ausgestattet. KMFDM haben hier ein opulentes Album ohne Schwächen komponiert. Dabei präsentiert sich die Band gleichzeitig sehr abwechslungsreich. Sascha und Lucia wechseln sich fast permanent am Mirkofon ab. Ebenso varriiert das Arrangement der Stücke von knallig über hart zu balladesk und zurück. So entstehen während der ca. 52 Minuten keinerlei Leerstellen. Fast jeder Song hätte eine eigene Single verdient und jeder Song scheint auf den Punkt komponiert worden zu sein. „Hell Yeah“ ist eines der besten Alben der Band und sollte in jede alternativen Plattensammlung Einzug halten. Selten scheint der Hörer eine Platte so zügig und gleichzeitig nachhaltig durchhören zu können. Ist der letzte Song vorbei, kann ich nur noch dem Motto meines alten Englischlehrers folgen: LISTEN AND REPEAT!



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Unter dem Pseudonym Joker Montana hat der Autor bisher eher selbst Musik „geschrieben“ als selbst über Musik zu schreiben. Doch als studierter Historiker und Germanist war es wohl nur eine Frage der Zeit sowie logische Konsequenz, die Schreibtätigkeit über die Musik als weitere Leidenschaft aufzunehmen. Musikalisch aus dem Punk und Alternative stammend, erweiterte sich das eigene Spektrum schnell über Gothic hin zu diversen Subgenre aus Metal und Electro. Dabei fühlt man sich vor allem in den härteren Gefilden wohl – Dark-Electro/Aggrotech, Noise, Industrial-Rock/Metal, Goth-Metal... Ob entspannt über Kopfhörer oder bei Konzerten eher unkontrolliert im Pulk umher springend, ist Musik doch eines der erhellendsten Ereignisse im Leben. Der Tellerrand ist dabei nie zu hoch und dennoch ist „Alles“ auch bloß keine Musikrichtung. Diskutiert werden kann ja über alles, aber gestaltet sich die bescheidene Meinung dieses Schreiberlings frei nach Jean-Jacques Nattiez: „The border between music and noise is always culturally defined […] there is no single an intercultural universal concept defining what music might be.“ und Trent Reznor: „I think there`s something strangely musical about noise.“

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