Foto: Peter Kaaden

GLORIA – Da

von

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
10/10
Klang / Produktion
8/10
Kreativität
7/10
Verpackung / Artwork / Extras
6/10
Fan-Faktor
10/10
Umfang / Spieldauer
5/10
Gesang
8/10
Gesamteindruck
7.5/10
Total
7.7/10

Wenn sich ein Fernsehmensch mit einem gestandenen Musiker zusammentut um ein Album aufzunehmen, dann kann man das gut und gerne als Liebhaberei, als eine Art Eintagsfliege abtun. Das ist schon oft vorgekommen, das wird auch weiterhin immer wieder passieren. Scheinbar entwickeln Menschen aus Film und Fernsehen, ganz gleich welcher Richtung, immer wieder Allüren, sich mal musikalisch zu probieren. Oftmals bleibt es bei wenigen Ausflügen in diese Gefilde, oftmals ist das auch besser so. Wenn es aber zu einem zweiten Album kommt, dann muss man schon eher eine gewisse Ernsthaftigkeit bezüglich der Ambitionen unterstellen. Als sich Moderator Klaas Heufer-Umlauf mit dem ehemaligen Wir sind Helden-Gitarristen Mark Tavassol zusammentat und 2013 als GLORIA mit dem ersten, selbstbetitelten Album auf der Bildfläche erschien, staunte wohl nicht nur ich angesichts der hohen Qualität der Musik und der unerwarteten Ernsthaftigkeit der Musik. 2015 beschworen die beiden ihre „Geister“ und überzeugten einmal und gleichzeit noch mehr als auf dem eh schon sensationellen Debüt. Nun, abermals zwei Jahre später, sind Klaas und Mark, quasi Batman und Robin anspruchsvoller, zeitgenössischer Gitarren-Pop-Musik, mit ihrem neuen Album wieder „DA“. Allerspätestens jetzt dürfte es keinen Zweifel mehr an den ernsthaften Ambitionen der beiden Protagonisten mehr geben. Und auch ein paar andere Zweifel dürften hiermit endgültig vom Tisch gefegt werden.

Die ersten beiden Alben Glorias funktionierten unter anderem deshalb so gut, weil sie mit der landläufigen Erwartungshaltung, die man – bedingt durch sein Tun bei Circus Halligalli usw. – vor allem im Bezug auf Klaas Heufer-Umlauf entwickelt hatte, brachen. Einer wie Klaas, was sollte der schon musikalisch reißen können? Mit der einnehmenden, gefälligen und mitreißenden Gitarren-Pop-Mucke, die trotz aller Eingänglichkeit unter der Oberfläche mit großer Tiefe und Ernsthaftigkeit glänzte, sowie der überraschend guten Gesangsstimme von Klaas – das kam schon einer Sensation gleich. Dass sie sich beim Debüt an Enno Bungers Meisterwerk „Regen“ vergriffen – geschenkt. Selten eine so gute Coverversion gehört. Dann kamen die erwähnten „Geister“ und politische Motive zogen in größerem Stil in die cleveren Texte. Man denke beispielsweise an „Stolpersteine“, die jene Gedenktafeln, den Opfern der Nazi-Zeit gewidmet, des Künstlers Gunter Demnig thematisierten. Für einen wie Klaas, der sich im Fernsehen für kaum einen infantilen Gag zu schade ist, waren die ersten beiden Alben ein bemerkenswertes Reifezeugnis.

Nun also „Da“, das inzwischen dritte Album. Prinzipiell sind Gloria ihrem funktionierenden Rezept treu geblieben. Es dominieren immer noch Gitarrenklänge, gleichwohl ist der Sound gewachsen: Streicher, diverse Blasinstrumente und Synthies haben Einzug gefunden. Sie machen ein ohnehin schon ziemlich rundes Klangbild noch runder. Das heißt: wo Gloria drauf steht, ist auch bei Album Nummer 3 immer noch Gloria drin. Nur eben mit jetzt noch mehr Details, die es zu entdecken gilt. Wenn man einen Moment der Muße hat, das Album ganz ungestört zu hören, dann kommt das einer akustischen Wonne schon ziemlich nahe. Die hervorragende Produktion, die den detailverliebten Arrangements die nötige Luft zum Atmen lässt, trägt dazu eine Menge bei.

Auch inhaltlich machen Gloria keine spontane Kehrtwende. Tatsächlich wirkt „Da“ noch ernsthafter, in Teilen noch melancholischer, nachdenklicher als seine älteren Geschwisteralben. Und: noch politischer. Nehmen wir als Beispiel die zuerst ausgekoppelte Single „Immer noch da“, eine durchaus festivaltaugliche Nummer, in der Klaas singt: Was sollen die ganzen Kreuze/vor deinem Tor/Was haben diese Haken/zu allem Unglück darauf verloren/Du wurdest doch anders geboren. Man muss gar nicht weit um die Ecke denken um zu erkennen, wo der Frosch hier die Locken hat. Dass die Zeiten, die lauter werdenden Stimmen und Stimmungen rechts und noch weiter rechts der gesellschaftlichen Mitte hier gemeint sind, liegt auf der Hand. Sie selbst schrieben anlässlich der Premiere des zugehörigen Videos bei Facebook:

Wir brauchen uns. Wir brauchen uns in der Liebe genauso wie beim Einparken. Wir brauchen uns beim Bauen und beim Tragen, beim Aufpassen und beim Beipflichten. In der Trauer, beim Lachen und beim Einschlafen.
Wären wir alleine, würden wir sterben. Nicht viele sind wie Chuck Noland aus Robert Zemeckis Cast Away, der sich vor lauter Einsamkeit einen Ball zum Freund macht.

Offenbar steckt es in uns, dass wir nicht allein sein sollen.
Und dennoch unterliegen zu viele von uns ihrer Angst vor anderen Menschen, nur weil sie ihnen zunächst fremd erscheinen. Ronja von Rönne bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt, dass es mitnichten mutig ist, sich zu Parteien zu bekennen, die diese Angst schüren um ihre Früchte zu ernten. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist feige. Und es ist unmenschlich. Und dennoch ist es genauso falsch, wenn wir darüber nicht mehr sprechen, auch mit Andersdenkenden. Sonst zerreißt es uns und die Filterblasen der sozialen Medien werden zu immer größeren, echten Gräben ohne Verbindung.

Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass im Nationalsozialismus niemand von jetzt auf gleich mit Gräueltaten als Wahlprogramm die politische Bühne betrat, sondern die Unmenschlichkeit immer weiter wachsen konnte, weil sie in kleinen Schritten immer salonfähiger gemacht wurde. Vor diesen kleinen Schritten müssen wir uns heute hüten.
Der Teufel ist manchmal ein Eichhörnchen. Und der Faschismus tötet. Wenn nicht jetzt, dann später.
Wenn der Faschismus wiederkommt, wird er nicht sagen: „Ich bin der Faschismus“.
Es ist immer besser, darüber sprechen, als zu entfreunden.

Deutlicher wird dieses Anliegen noch in dem wahnsinnig guten, enorm wichtigen Song „Erste Wahl“. Glaube mir denn ich trage / eine alte Tradition / Alles, was ich brauche, ist deine Angst / Komm schließ deine Augen / und gib mir die Hand / Denn jemand wird sich freuen / wenn ich mein böses Blut verbreite / Meine Lügen sind die erste Wahl / und hinter meinem Rücken sind eure Tränen so egal, heißt es dort. AfD, Pegida, Trump – Rattenfänger, die mit Ängsten spielen, Lügen bis sich die Balken biegen und sich einen Scheiß um das Elend kleiner Leute (Flüchtlinge, beispielsweise) kümmern, gibt es heute ja nun wirklich mehr als genug. So gut wie ich diesen Song finde, so sehr regt er mich auch auf – eben weil alles wahr ist! Weil sich die Petrygaulandhöckes sehr darüber freuen, dass ihre Lügen funktionieren, weil sie mit Sorgen und Ängsten spielen, davon profitieren und am Ende diejenigen, die sich wie auch immer abgehängt fühlen, noch mehr am Arsch sind. Eure Tränen sind denen so egal. Alles, was ich brauche, ist deine Angst. Alles, was ich brauche, ist deine Wut.

Aber es ist nicht alles politisch auf „Da“. „Der Sturm“, diese flotte Nummer direkt zum Einstieg, widmet sich dem Thema alter/schlechter Gewohnheiten und dem Umstand, wie schwer es ist, sich dieser zu entledigen. Habt Ihr schon mal ernsthaft versucht, das Rauchen aufzugeben? Bisschen weniger zu essen, mehr Sport zu treiben? Wann genau starten wir all die Dinge, die wir uns vornehmen? Stets am gleichen Tag. Morgen, richtig? Deine Gewohnheit ist ein scharfes Schwert / Es ist immer bei Dir, Du hast es so gelernt / Die nächste Hürde ist immer der nächste Tag / „Kick your habits“ ist so leicht gesagt.

Anderes, letztes Beispiel: „Narben“. Beziehungen funktionieren oder sie funktionieren nicht. „Narben“ handelt davon, sich Zeit zu lassen, Dinge passieren zu lassen und nichts übers Knie zu brechen. Und wenn es trotzdem nicht gereicht hat – naja, dann ist man nicht dümmer geworden dadurch. Selbst wenn es Narben hinterlässt – für gewisse Dinge, Erlebnisse und/oder Erkenntnisse kann man ruhig ein bisschen dankbar sein. Auch wenn es vielleicht zunächst schmerzt.

Fast möchte man meinen, es wäre alles eitel Sonnenschein auf Glorias neustem Output. Aber eben nur fast. Gerade mal neun Songs umfasst das Hörvergnügen, eine Spielzeit von etwas mehr als einer halben Stunde. Hallo Gloria, was ist da los? Ich weiß, ihr seid zwischendurch auf Tour gewesen und alles, aber nach zwei Jahren ist das bei einem Preis von mehr als 15 Euro für das Album bisschen sehr dürftig. Das Sprichwort, dass in der Kürze auch die Würze liegt, gilt eben nicht immer. Das ist Jammern auf hohem Niveau, da die gebotenen Songs durchaus sehr gelungen sind, aber dennoch. Ein LONGplayer geht anders. Das trübt den Gesamteindruck schon ein bisschen.


Fazit: Mein Genörgel hinsichtlich des Umfangs mal ausgeklammert, bleibt bezüglich des dritten Albums von Gloria festzuhalten: sie sind in allen Belangen besser geworden. Und das, obwohl Klaas und Mark von Anfang an ein enorm hohes Niveau an den Tag gelegt haben. Gesang, musikalische Ausgestaltung, tiefsinnige Texte – überall hat das dynamische Duo noch eine Schippe draufgelegt. Spätestens jetzt müssen Gloria in ihrem Bereich zu einer wichtigen Institutionen gezählt werden. Spätestens jetzt muss klar sein, dass das nicht nur ein Spleen eines Fernstehstars ist, der mal Bock auf was anderes hatte. Und spätestens jetzt dürfen wir davon ausgehen, dass Gloria auch beim zu erwartenden nächsten Album zu überraschen und zu überzeugen wissen werden. Bis dahin aber ist „Da“ eines dieser Alben, die man aus vielerlei Gründen immer wieder gerne aus dem Schrank kramt. Sei es, um über die Texte zu sinnieren oder aber um sich von den mal beschwingten, mal melancholischen Tönen mitreißen zu lassen.



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Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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