Foto: Proleturan

PROLETURAN – Empathy Masked

von

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
9/10
Klang / Produktion
9/10
Kreativität
9.5/10
Verpackung / Artwork / Extras
5.5/10
Fan-Faktor
9.5/10
Umfang / Spieldauer
8/10
Gesang
7/10
Gesamteindruck
10/10
Total
8.4/10

Grenzen sind bekanntlich nur da um selbige zu überschreiten. Eine solche Grenzerfahrung im musikalischen Bereich erwartet uns mit dem neuesten Streich von Andreas Schubert. Seines Zeichens der Frontmann von Full Contact 69 und Edriver69. Das neue Projekt wurde PROLETURAN getauft und ist eine elektronische Grenzüberschreitung der besonderen Art. Stehen die beiden anderen Projekte für Industrial-Rock und Industrial-EBM wird es mit Proleturan nun auf eine tanzbare Weise verschachtelter und nachdenklicher. Die musikalische Nähe zu Bands wie Front Line Assembly und Co sind nicht zu überhören, was aber sicher auch nicht beabsichtigt ist.

Undone“ eröffnet das Album mit einem düsteren Intro, welches den Hörer ziemlich schnell neugierig macht. Allein das ist schon eine Kunst. Verspielte Synthies und ein langsamer Beat unterstützen den melancholischen Track. Der Gesang ist ebenso düster und durch das partiell eingesetzte Piano wirkt der Opener fast etwas verträumt. Die in der zweiten Songhälfte einsetzenden Gitarren lassen den Hörer aus dem verträumten ausbrechen, bevor er wieder eingefangen wird. Ein sehr gelungener Anfang. „My Race I Am“ beginnt da schon härter. Auch wenn der Song ebenfalls eher im Midtempo angesiedelt ist, wird schnell klar, dass es auf diesem Album auch aggressive Töne zu hören geben wird. Mit Druck wabert die Bassline und der Gesang wird fast schon angepisst vorgetragen. Industrial und Break-Beat werden sehr homogen vermengt und es fährt ein erstes Zucken ins Tanzbein. Die Geschwindigkeit wird bei „Isolation“ etwas angezogen. Jedoch wechselt die Stimmung ebenso. „Isolation“ klingt wie der Soundtrack eines Science-Fiction-Films. Der schnörkellose Beat ist sehr tanzbar und geradeaus. Dennoch wirkt der Track durch seine gefrickelten Synthies und die Gitarrenriffs atmosphärisch. „Critical Imbalance“ hält den Hörer in einem kleinen Horrorfilm gefangen. Monotone Beats und Effekte erzeugen eine düstere Atmosphäre. Die partiellen Gitarrenriffs und die schreienden Synthies betten den aggressiven Gesang hervorragend ein.

What Is the Impuls“ beginnt wieder etwas electro-lastiger und verschachtelt. Das Klangkonstrukt bietet einige verspielte Elemente, welche insgesamt eine eingängige Komposition ergeben. Wieder etwas langsamer, aber nicht weniger interessant. Ergibt sich an dieser Stelle doch eine weitere Variation im Albumkonzept. „All Lies Come True“ setzte an der verträumten und sphärischen Klangkulisse des Openers an. Der Beat wechselt zischen ruhig und straight. Der Refrain wirkt zunächst nach vorn preschend, wird jedoch vom Arrangement wieder eingefangen. Gesanglich weniger aggressiv und eher anklagend, steigert sich der Song gegen Ende. „Ma World“ zieht das Tempo und die Wut wieder an. Die Lead-Synthies unterstützen den wütenden Gesang. Ein Track, der zugleich ziemlich cool und beklemmend wirkt. Dieses beklemmende Gefühl wird mit „Witwc“ wieder aufgelöst. Der atmosphärische und verschachtelte Song ist unterlegt mit einigen Effekten und treibenden Beats. Der Sound ist härter und auch die hintergründigen Gitarren kommen stellenweise zurück. Zudem wird der Gesang verzerrt und passt sich so dem Klangkonstrukt und der härte der Snare an.

Suckerface“ beginnt mit einem Sample und allerlei Effekten. Die Bassline beginnt an zu blubbern und weitere interessante Synthies begleiten den verzerrten Gesang. Das erneut härtere Drumsetting wird durch die partiell pop-lastigen Synthies ergänzt. Vor allem der Refrain ist recht eingängig. Klubtauglich und interessant. „Dirty Thoughts In My Mind“ beginnt mit Schritten im Hintergrund. Das atmosphärische Intro versetzt den Hörer erneut in einen avantgardistischen Film. Die Drum’n‘Bass-lastigen Beats und die tiefe Bassline setzen plötzlich ein und tragen den geshouteten Gesang. Die effektartigen Synthies klingen verspielt ohne dabei jedoch unpassend zu sein. Wieder ein sehr klubtauglicher Song. „Not In My Name“ ist von einer treibenden und druckvollen Bassline geprägt. Die verzerrten Vocals werden von verschachtelten Effekten und Break-Beat-Elementen getragen. Der nächste potentielle Klubhit. An dieser Stelle ist man als Hörer schon fast schwermütig, da mit „Master Of Confusion“ der letzte Song folgt. Proleturan heizen uns noch einmal mit fetten Drum’n’Bass-Beats ein. Der Bass blubbert wieder im Hintergrund und auch die Gitarren dürfen sich noch einmal beteiligen. Ein teilweise experimenteller Track, welcher ein würdiges Finale ist.


Proleturan legen mit „Empathy Masked“ ein grandioses und abwechslungsreiches Debut hin. Genregrenzen werden gekonnt missachtet. Herausgekommen ist ein grandioser Mix aus EBM, Industrial, Drum’n’Bass und Break-Beat. Ein Hauch Retro-Electro schwingt ebenfalls mit. Ergänzt wird das facettenreiche Klangkonstrukt gelegentlich mit einigen Gitarren, welche jedoch stets im Hintergrund als erweiterndes Element auftauchen. Der Sound ist großartig und auf den Punkt abgemischt. Die Effekte, Beats und Synthies wirken jederzeit passend. Der Gesang ist mal monoton und mal aggressiv. Trotz des etwas zurückhaltenden Tempos ist das gesamte Album tanzbar und hat an keiner Stelle einen Durchhänger. Dabei ist „Empathy Masked“ stets experimentell, düster und verschachtelt. Wo in diesem Jahr schon Fïx8:Sëd8 mit intelligentem, aber etwas sperrigen Electro auf „Foren 6“ begeisterten, setzen Proleturan an und gehen den Weg in eine tanzbarere Richtung weiter. Stellenweise scheint Andreas Schubert den klubtauglichen Soundtrack zu Blade Runner 2049 geschrieben zu haben. Das gesamte Album ist durchweg gelungen arrangiert. Atmosphäre wird erzeugt und stetig verändert. Düsterer Electro, welcher eine eigenständige Interpretation des Genres darstellt und den Hörer sofort in seinen Bann zieht. Wann kommt eigentlich das nächste Album?



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Unter dem Pseudonym Joker Montana hat der Autor bisher eher selbst Musik „geschrieben“ als selbst über Musik zu schreiben. Doch als studierter Historiker und Germanist war es wohl nur eine Frage der Zeit sowie logische Konsequenz, die Schreibtätigkeit über die Musik als weitere Leidenschaft aufzunehmen. Musikalisch aus dem Punk und Alternative stammend, erweiterte sich das eigene Spektrum schnell über Gothic hin zu diversen Subgenre aus Metal und Electro. Dabei fühlt man sich vor allem in den härteren Gefilden wohl – Dark-Electro/Aggrotech, Noise, Industrial-Rock/Metal, Goth-Metal... Ob entspannt über Kopfhörer oder bei Konzerten eher unkontrolliert im Pulk umher springend, ist Musik doch eines der erhellendsten Ereignisse im Leben. Der Tellerrand ist dabei nie zu hoch und dennoch ist „Alles“ auch bloß keine Musikrichtung. Diskutiert werden kann ja über alles, aber gestaltet sich die bescheidene Meinung dieses Schreiberlings frei nach Jean-Jacques Nattiez: „The border between music and noise is always culturally defined […] there is no single an intercultural universal concept defining what music might be.“ und Trent Reznor: „I think there`s something strangely musical about noise.“

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