Foto: Andreas Lander / Theater Magdeburg

DER KLEINE HORRORLADEN: Bericht von der Musical-Premiere im Theater Magdeburg am 11. November 2017

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Von einem B-Movie der 1960er Jahre zu einem Musical aus den 1980ern, einer darauf folgenden neuerlichen Verfilmung mit Rick Moranis und Steve Martin aus dem gleichen Jahrzehnt und wieder zurück auf die Bühne – so ungefähr ließe sich der Werdegang von DER KLEINE HORRORLADEN in nur wenigen Worten zusammenfassen. Was heute in Deutschland zu den am häufigsten aufgeführten Musicals ohne einen bestimmen, festen Aufführungsort zählt, hat demnach eine lange Karriere hinter sich, die 1960 als Horror-Komödie „Kleiner Laden voller Schrecken“ (Original: „The Little Shop of Horrors“) ihren Anfang nahm. Auch das Theater Magdeburg hat sich des Stoffes (erneut) angenommen und feierte am 11. November 2017 die erste Musical-Premiere der neuen Spielzeit. Da in die Zeit zwischen Halloween und dem Beginn der Rauhnächte ganz bequem noch eine Horror-Komödie passt und weil die Magdeburger in der letzten Spielzeit mit ein paar wirklich sehenswerten Musical-Produktionen überzeugten, machten wir uns auf den Weg, um der Inszenierung von Ulrich Wiggers beizuwohnen. 

Die Geschichte des kleinen Horrorladens ist schnell erzählt; als Zusammenfassung soll hier erneut die des Theaters Magdeburg dienen:

Ein Blumenladen in einem heruntergekommenen Teil New Yorks ist Schauplatz dieser wahnwitzigen Geschichte um bestialische Botanik und utopische Aufstiegsfantasien. Das Geschäft von Mr. Mushnik läuft schlecht. Erst als sein Angestellter Seymour eine merkwürdige Pflanze ins Fenster stellt, die er unter mysteriösen Umständen einem chinesischen Händler abgekauft hat, ändert sich die Situation: Plötzlich brummt der Laden. Doch als sich herausstellt, dass die Pflanze menschliches Blut braucht, um gedeihen zu können, spitzt sich die Lage zu. Seymour füttert sie und die Pflanze wächst und wächst …

Das Stück ist eine Parodie auf Horrorfilme der 1960er Jahre – schräg, witzig und abgedreht. Nach seiner Uraufführung 1982 avancierte es schnell zu einem der erfolgreichsten Off-Broadway-Musicals überhaupt. Der locker-lässige Motown-Sound, Soul-Klänge und eingängige Balladen schaffen den musikalischen Rahmen für ein schwarz-humoriges Blumen-Musical der besonderen Art. Die Verfilmung von Frank Oz heimste 1987 zwei Oscar-Nominierungen ein.

Milica Jovanović, Jan Rekeszus / Foto: Andreas Lander

Die Inszenierung dieses Musicals in zwei Akten, im Original von Alan Menken (Musik) und Howard Ashman (Buch/Liedtexte), hier aufgezogen von Ulrich Wiggers, kann mit einigen Highlights aufwarten, die es zu einer sehr kurzweiligen und vergnüglichen Abendunterhaltung werden lassen. Da wäre zunächst der Kniff, die altbekannte Handlung der Vorlage in eine neuerliche Rahmenhandlung einzubetten. Anstatt schlicht die ursprüngliche Handlung herunterzurattern, entschied sich Wiggers dazu, dem Klassiker ein paar kleine, aber feine Modifikationen zu verpassen. Im Interview, das der Dramaturg des Stückes, Thomas Schmidt-Ehrenberg, mit Ulrich Wiggers führte und das im Programmheft nachzulesen ist, sagt Wiggers: „Ich habe den Eindruck, dass das Stück meist sehr ähnlich gemacht wird, was Ausstattung und Figurenzeichnung anbelangt. Ein Laden, eine Straße, ein chinesischer Markt usw. – all das sieht immer irgendwie gleich aus. Mir kam dann die Idee, das Ganze in einem Gewächshaus spielen zu lassen und diese groteske Horror-Geschichte als Traum eines kleinen Jungen zu erzählen“. Eine Entscheidung, die für mich total Sinn macht. Schließlich wirkt die Geschichte, die nun mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat, somit gleich ein bisschen frischer.

Das erwähnte Gewächshaus als Bühnenbild, welches Dreh- und Angelpunkt der ganzen Aufführung ist und in dem sich Mushniks Blumenladen befindet, ist definitiv ein Hingucker! Verantwortlich für das liebevoll und sehr detailliert ausgearbeitete Bühnenbild zeichnete Leif-Erik Heine, der diesbezüglich zuletzt in Magdeburg für die übrigens ebenfalls sehr sehenswerte, weil wirklich witzige Produktion von Pippi Langstrumpf verantwortlich war. Stilistisch musste ich beim Betrachten des Bühnenbildes immer ein bisschen an das Reich von Poison Ivy aus diversen Batman-Comics, -Filmen und -Videospielen denken. Angesichts der Tatsache, dass die Magdeburger Version vom Horrorladen so manch popkulturelle Anspielung beinhaltet, Audrey leuchtend orange Haare verpasst bekommen hat und rot bzw. grün die dominierenden Farben dieser Inszenierung sind, kann ich mir gut vorstellen, dass diese Assoziation sich nicht gänzlich zufällig in meinem Kopf manifestiert hat. Die Kostüme, allen voran die der Bewohner der Skid Row zu Beginn des Stücks sowie der drei Soulgirls, selbst als Pflanzen unterwegs, runden das stimmige und stimmungsvolle Bild ab. Und dann ist da ja noch die fantasievoll ausgearbeitete fleischfressende Pflanze Audrey Zwo selbst, die in vier verschiedenen Wachstumsstadien auf der Bühne thront und Jim Hensons Puppen („Die Muppets“) zur Ehre gereicht hätte. Audrey Zwo ist der heimliche Star dieser Produktion. Eine eindrucksvoll bespielte Puppe in verschiedenen Wachstumsphasen. Demnach gibt es auch jenseits des Treibens von Darstellern und Tänzern auf der Bühne viel zu sehen und zu entdecken.

Ensemble / Foto: Andreas Lander

Das schönste Bühnenbild, die tollsten Kostüme und die witzigsten Details sind aber alles nicht viel wert, wenn es bei einem Musical am eigentlich Kern krankt: den Darstellern/Sängern. Erfreulicherweise hat man in Magdeburg in der jüngsten Vergangenheit stets ein sicheres Händchen bei der Besetzung bewiesen – „Der kleine Horrorladen“ macht hier keine Ausnahme. Für die Hauptrolle als Seymour Krelbourn verpflichtete man Jan Rekeszus, der in Magdeburg zuletzt als Löwe in „Der Zauberer von Oz“ für Aufsehen sorgte. Und ganz ehrlich: ich könnte mir spontan keine gelungenere Besetzung vorstellen! Rekeszus spielt mit fast schon kindlicher Naivität einen Nerd, der seine Audrey anhimmelt und durch die fleischfressende Pflanze zu schrecklichen Taten verführt wird. Nur um dann, mit der Erkenntnis was er angerichtet hat, eine Kehrwende zu vollziehen und sich Audrey Zwo entgegenzustellen. Glaubhaft und überzeugend spielt Rekeszus hier, scheinbar mühelos wandelnd zwischen Naivität, Korrumpierung und Verzweiflung. Dass der Mann überdies eine tolle Singstimme hat, ist ein willkommener Bonus obendrauf. Wer ihn als Löwe in „Oz“ toll fand, wird an seinem Seymour mit Sicherheit viel Freude haben. Die Alternativbesetzung ist übrigens Christian Miebach, den man in Magdeburg zuletzt ebenfalls im „Zauberer von Oz“ (als Vogelscheuche) erleben konnte.

Eigentlich fast noch eindrucksvoller als Rekeszus ist Milica Jovanović als Audrey. Im Film von 1986 wird Audrey, die mit dem sadistischen Zahnarzt Dr. Orin Scrivello eine dramatische Beziehung führt, als naives Dummchen dargestellt, noch dazu mit Sprachfehler. Für seine Audrey hat sich Regisseur Wiggers ebenfalls etwas anderes überlegt. In erwähntem Interview erklärt er: „Die Personenbeschreibung dieser Figur im Textbuch lautet „etwas unbedarft“. Dazu wird sie meist noch als lispelndes Dummchen dargestellt. Das erschien mir einfach zu oberflächlich – speziell heutzutage! Ich möchte einfach eine junge Frau auf der Bühne sehen, über die man zwar durchaus lachen darf und soll, bei der man aber eben auch sieht, wohin die Umstände sie gebracht haben“. Ja, lachen kann man ganz wunderbar über diese Audrey, wenn sie in ihrem Solo-Auftritt „Im Grünen irgendwo“ von einem Leben mit Seymour träumt, abwaschbares Plastikgeschirr und gehäkelte Klodeckel-Bezüge inklusive. Mehr Eindruck hinterlässt Jovanović jedoch jenseits des Humors. Nämlich immer dann, wenn sie durchblicken lässt, welch ein geprügelter Hund ihre Audrey tatsächlich ist, geschlagen und misshandelt von ihrem Freund und auch schon vor dieser unglückseligen Beziehung nicht gerade ein Glückskind. Ganz tolle Leistung, auch stimmlich, von Milica Jovanović!

Nina Baukus, Mariyama Ebel, Rubini Zöllner, Jan. Rekeszus, Markus Liske / Foto: Andreas Lander

Die dritte wesentliche Rolle dieses Stücks ist der besagte Zahnarzt Dr. Orin Scrivello, der neben seiner abgründigen Affinität zur Gewalt eine verhängnisvolle Leidenschaft für Lachgas pflegt. Scrivello wird von Karsten Kenzel gespielt, der überdies auch Audrey Zwo seine Stimme leiht. Die meisten Kudos sammelt Kenzel in jener Szene, in der sein Scrivello zu sehr am Lachgas schnuppert. Erstaunlich, über welche Bandbreite verschiedener Lacharten der Mann verfügt. Vom hysterischen Gekicher bis zum wahnsinnigen Gelächter ist so ziemlich alles dabei. Auch seine Audrey Zwo wird mit eindrucksvoller Lache bedacht. Kenzels Darstellung des boshaften Zahnarztes hat mir gut gefallen, dennoch: gerade, weil seine Figur ein echt mieses Schwein ist, hätte seine Interpretation für meinen Geschmack ruhig noch ein bisschen gemeiner und böser ausfallen können.

Neben den Genannten spielen Markus Liske (u.a. Mr. Mushnik), Latif Stanarius (als junger Seymour) und Mariyama Ebel, Rubini Zöllner und Nina Baukus als die Soulgirls Ronnette, Chiffon und Crystal. In weiteren Rollen zu sehen (und wie immer ein Erlebnis): Peter Wittig (als Howard Stern-mäßiger Radiomoderator, als Kunde, als Chinese und als Mrs. Luce). Zumindest rund um meinen Sitzplatz während der Premiere bekam Wittig, der hier sein komisches Talent abermals zur Schau stellte, kürzlich aber in dem Holocaust-Drama „Hinter den Rosen“ auch zeigte, dass er definitiv noch ganz anders kann, mit den meisten Szenenapplaus. Eigentlich wurde schon gejohlt, sobald er die Bühne betrat. Lange Rede, kurzer Sinn: wenig überraschend machten die Darsteller auf der Bühne allesamt einen tollen Job. Es schien auch, als hätten sie so richtig Lust auf das Stück. Regisseur Ulrich Wiggers hat es ganz offensichtlich verstanden, seine Darsteller zu Höchstleistungen zu motivieren. Darüber hinaus verteilte er das Geschehen auch gut über die gesamte Tiefe der Bühne, anstatt alles nur zentriert im vorderen Bereich ablaufen zu lassen.

Milica Jovanović / Foto: Andreas Lander

Die musikalische Leitung hatte Damian Omansen, der zusammen mit einer insgesamt sechsköpfigen Band im Orchestergraben am Keyboard Platz genommen hatte. Bei den eingängigen Melodien, die noch so mancher Gast beim Verlassen des Hauses vor sich hin summte, dürfte er relativ leichtes Spiel gehabt haben. „Der kleine Horrorladen“ ist von Anfang bis Ende gefüllt mit potentiellen Ohrwürmern!

Im letzten Jahr war es „Cabaret“, mit der das Theater Magdeburg seinen Musical-Einstand in die neue Spielzeit gab. Ein schwer zu verdauendes Stück, das seinerzeit durch die gelungene Inszenierung die Stimmung deutlich nach unten drückte. In diesem Jahr verlässt man hingegen bestens unterhalten, gut gelaunt und beschwingt das Haus, wenn der Vorhang gefallen ist. Natürlich: „Der kleine Horrorladen“ führt vor Augen, wie schnell man sich von möglicher Macht, von augenscheinlichem Erfolg und dem großen Geld korrumpieren lassen kann. Dass so manch vermeintlich erfolgreiche Weg mit Leichen gepflastert wird. Und tatsächlich wird die Filmvorlage von Roger Corman auch als Attacke auf die dekadente, auf Genusssteigerung ausgelegte Gesellschaft verstanden. Im Musical ist das ähnlich, allerdings liegt der Schwerpunkt dieser Inszenierung hier mehr auf der guten Unterhaltung als darauf, moralische Themen zu bearbeiten und tiefergehend zu hinterfragen. Und das ist auch gut so. Manchmal reicht es eben, wenn ein Stück einfach nur Spaß macht.

Jan Rekeszus, Ensemble / Foto: Andreas Lander

Der kleine Horrorladen“, so wie er derzeit im Theater Magdeburg zu erleben ist, bietet knallbunte, vergnügliche Horror-Comedy-Unterhaltung auf hohem Niveau, bei welcher der absurde, zuweilen trashige Charakter des Stücks gut herausgearbeitet wurde. Die größten Pluspunkte dabei: tolle, überzeugende Darsteller, eine wirklich gelungene Ausstattung inklusive Audrey Zwo, die mich sehr an Jim Hensons Puppenspielerei erinnert und die vielen unsterblichen Melodien, die sich nachhaltig ins Hirn brennen. Die standing ovations nach Ende der Vorstellung haben sich alle Beteiligten sehr verdient.


Foto: Andreas Lander

Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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