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TANZ DER VAMPIRE: Bericht von der Aufführung im Stage Theater an der Elbe, 07. Januar 2018

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Es gehört zweifelsohne zu den populärsten Musicals unserer Tage: TANZ DER VAMPIRE. Das Stück von Jim Steinman und Michael Kunze, das auf Roman Polanskis gleichnamigen Film von 1967 basiert, wurde im Oktober 1997 in Wien das erste Mal aufgeführt. In den nun mehr als 20 Jahren wurde der „Tanz der Vampire“ vor mehr als 8 Millionen Zuschauern in 13 Ländern getanzt. Die Gruselkomödie um den Grafen von Krolock begeistert nach wie vor Musical-Fans aller Altersgruppen. In Deutschland konnte man den Vampiren bei ihrem Treiben unter anderem in Berlin, Stuttgart und Oberhausen zuschauen. Seit 2016 wird der „Tanz der Vampire“ in verschiedenen Stationen als Tournee-Produktion aufgeführt, momentan gastieren von Krolock & Co. in Hamburg, bevor es sie im Februar weiter nach Köln führt. Einer Sonntagnachmittagsvorführung in der Elbmetropole Hamburg wohnten wir kürzlich bei.

Wie üblich an dieser Stelle die Zusammenfassung der Handlung, in diesem Fall direkt von Stage Entertainment, der Veranstaltungs- und Produktionsfirma des Musicals, zitiert:

Auf der Suche nach Vampiren finden der Vampirforscher Professor Abronsius und Assistent Alfred in einem transsylvanischen Bergdorf Quartier. Sarah, die schöne Tochter des Wirts Chagal, verdreht nicht nur Alfred den Kopf. Auch Vampirgraf von Krolock findet Gefallen an ihr und lädt sie zum Mitternachtsball in sein nahe gelegenes Schloss ein. Abronsius und Alfred folgen ihr, um endlich die Existenz von Vampiren zu beweisen und um sie vor Unheil zu bewahren. Sowohl die schöne Wirtstochter als auch sie selbst stehen auf der Speisekarte des Mitternachtsballs der Vampire. Können sie ihrem vermeintlichen Schicksal entkommen?

Foto: Stage Entertainment

Einen Blumentopf für die originellste Handlung gewinnt das Musical nicht, andererseits: das ist durchaus keine Seltenheit. Schließlich geht es in vielen Fällen eher um tolle Musik inklusive überzeugender Gesangs- und Tanzeinlagen, aufwendige Kostüme sowie ein schickes Bühnenbild. Und da lässt man sich bei Stage nicht lumpen. Die reinen Zahlen wissen schon zu beeindrucken. Auf der Bühne zu sehen: ein fahr- und drehbares Wirtshaus mit zwei Etagen und einem Gewicht von zwei Tonnen, eine sechs Meter breite, sieben Meter hohe und drei Tonnen schwere Grabwand sowie eine sechs Meter hohe Wendeltreppe bilden neben Videoprojektionen das Bühnenbild; ca. 70 Liter flüssiger Stickstoff werden je Show verwendet und insgesamt ist die Rede von 230 handbemalten (und definitiv sehenswerten) Kostümen, 70 Hüten, 200 Paar Schuhen und 80 Paar Handschuhen mit künstlichen Fingernägeln. Weiterhin heißt es, dass ein einzelner Darsteller bis zu 12 Kostüme (!) pro Show trägt. Kurzum: es ist schon ziemlich beachtlich, was in Sachen Ausstattung auf die Bühne gebracht wird. Man kann wohl davon ausgehen, dass dieser Aufwand nicht nur in Hamburg betrieben wird, sondern unabhängig vom Veranstaltungsort bei allen Produktionen ähnlich beeindruckende Schauwerte zu erleben sind.

Foto: Stage Entertainment

So ein populäres Unterhaltungs-Musical lebt wie gesagt in wesentlichen Teilen von der Musik, die sich im besten Fall als Ohrwurm im Hirn festsetzt. Nun, an entsprechenden Songs mangelt es dem „Tanz der Vampire“ nicht. Die bekannten musikalischen Hauptthemen des Stückes stammen aus der Feder von Jim Steinman, dereinst der Songschreiber für Künstler wie Bonnie Tyler und Meat Loaf. Offenbar ganz angetan von der eigenen Kreativität früherer Tage überrascht es nicht, dass beispielsweise TylersTotal Eclipse Of The Heart“ (hier: „Totale Finsternis“, 2006 immerhin als „Größter Musical-Hit aller Zeiten ausgezeichnet!) sowie Meat LoafsObjects In The Rear View Mirror (May Appear Closer Than They Are)“ (hier verwendet in „Die unstillbare Gier“) von Herrn Steinman in Musical-Arrangements umgewandelt wurden. Aber auch sonst ist die Musik dieses Stücks in gewisser Hinsicht eine Art Ideenrecycling. Versatzstücke aus Steinmans anderen Musicals wie „More Than You Deserve“ oder „Neverland“ sind genauso zu hören wie Songs, die auf den Arbeiten von David Bowie (etwa „Little Bombardier“ oder „Moonage Daydream“) basieren. Das kann man, wenn man möchte, nicht sonderlich kreativ finden. Andererseits sorgt diese Herangehensweise dafür, dass die Musik von „Tanz der Vampire“ von Beginn an vertraut wirkt, sehr gut ins Ohr geht, die Stimmung hebt und ganz einfach hervorragende Ohrwurmqualitäten aufweist. Anders gesagt: dass sich nicht die ein oder andere Melodie im Gehör festsetzt und/oder dass man fröhlich und beschwingt die Vorstellung verlässt, halte ich für reichlich unwahrscheinlich. Steinmans Songs bilden einfach einen den passenden Rahmen für die kitschige Gruselkomödie.

Foto: Stage Entertainment

Nun kann die Musik noch so einnehmend sein – wenn sie nicht entsprechend auf die Bühne gebracht wird, nützt das alles nix. Und in dem Punkt, muss ich sagen, hat mich die Show, der ich hier beiwohnte, in einigen Teilen nicht sonderlich überzeugt. Dass es scheinbar kein komplettes Sinfonieorchester war, das die Musik vorgetragen hat, sondern es sich wohl eher um eine Band in überschaubarer Größe, an dem Tag dirigiert von Leif Klinkhardt, gehandelt haben dürfte – geschenkt. Dass zudem manches scheinbar vom Band kam (wie beispielsweise das Intro – entweder das war aus der Konserve oder die Akustik im Stage Theater an der Elbe ist in den hinteren Reihen wirklich furchtbar) – ebenfalls geschenkt. Wichtiger sind die Darsteller. Und hier gab es teils sensationelle Leistungen zu bestaunen – und welche, die allenfalls mittelprächtig ausgefallen sind.

Hauptdarsteller David Arnsperger, der den Graf von Krolock spielte, machte einen ganz hervorragenden Job. Im Hinblick auf das Schauspiel hat er ja nicht sooo viel mehr zu tun, als bedeutungsschwanger mit dem Umgang zu wedeln, stimmlich jedoch wird er sehr gefordert. Und seine Interpretation des Grafen, vor allem sein Gesang, brauchte sich hinter der Referenz, dem „Ur-Grafen“ Steve Barton, nicht zu verstecken. Arnsperger hatte ich zuletzt in Oberhausen als und in „Phantom der Oper“ gesehen, und schon damals hatte er mich überzeugt. Als Graf aber setzte er seiner wirklich gelungenen Performance noch eins oben drauf. Ebenfalls sehr beeindruckend: Victor Petersen als Professor Abronsius. Petersen spielt so entzückend schrullig und ist auch stimmlich über alle Zweifel erhaben, dass es ein wahres Vergnügen ist, den verschrobenen Wissenschaftler bei seiner Jagd auf die Vampire zu beobachten. Schön, dass sich die beiden Kontrahenten, die ja so ziemlich die stützenden Pfeiler der Handlung sind, auch in ihrer Performance nichts schenken. Auch Sara Jane Checchi als Magda hat mich beeindruckt – puh, die Frau hat Stimmengewalt!
Bedauerlicherweise fielen Anja Wendzel (als Sarah) und Tom van der Ven (als Alfred) im Vergleich zu den anderen deutlich ab. Frau Wendzel schien manchmal Schwierigkeiten gehabt zu haben, Ton und Tempo halten zu können. Speziell zum Ende des ersten Aktes hin (ab „Draußen ist Freiheit“) wurde das ziemlich deutlich. Ob das eine generelle Geschichte oder nur in dieser einen Vorstellung der Fall war, vermag ich nicht zu sagen. Herr van der Ven hingegen war in Spiel und Gesang oftmals einfach „drüber“. Spielfreude hin oder her, aber das überschritt manches Mal die Grenze zum Overacting. Klar, die Leute auf der Bühne spielen ja auch für die Gäste in der letzten Reihe des Theaters, dennoch: überzeugt hat mich das nicht. Da hatte der „Tanz der Vampire“ in den letzten 20 Jahren schon überzeugendere Sarahs und Alfreds zu bieten.

Foto: Stage Entertainment

Bei einer Produktion wie „Tanz der Vampire“ frage ich mich, wie sehr die jeweiligen Regisseure frei sind, was die Inszenierung anbelangt. Da sich das Bühnenbild, die Kostüme und dergleichen über die Jahre aber nicht verändert hat (und wenn, nur unwesentlich), dürfte das Korsett der Vorgaben ziemlich eng geschnürt sein. Wäre schade, wenn das auch auf die Choreografie zuträfe. Die Traumszene des Stücks, zu der „Carpe Noctem“ ertönt, glänzte während meines Besuchs jedenfalls durch überraschende Einfallslosigkeit. Ich meine, Alfred wird von einem Albtraum seine angebetete Sarah betreffend heimgesucht – da sollte es doch möglich sein, dass auf der Bühne mehr die Post abgeht als das bisschen lieblos wirkende Getänzel, was zumindest während dieser Vorstellung geboten wurde, oder? Vor allem, weil Stage Entertainment mit „furiosen Tanzszenen“ wirbt. Furios war das Gebotene nicht. Schade, hier wurde ein bisschen Potential verschenkt. Wobei aber, wie gesagt, die Frage bleibt, wieviel Handlungsspielraum hier vorhanden ist.

Foto: Stage Entertainment

Tanz der Vampire“ zählt seit ungefähr immer zu meinen Lieblingsmusicals. Diese Mischung aus Humor, Kitsch, Romantik, Grusel und Bombast holt mich schlicht und ergreifend ab, zudem stört es mich nicht, dass Komponist Jim Steinman seine Melodien hier wieder aufgewärmt hat. Und auch wenn es durchaus Punkte gab, die ich an der Hamburger Inszenierung zu benörgeln hatte (mitunter lieblos wirkende Choreografie und Tonabmischung sowie darstellerisch nur halb überzeugend), so hat mir der Besuch bei Graf von Krolock und all den anderen Figuren dennoch eine Menge Spaß gemacht. Wesentlicher Anteil des Unterhaltungswertes: die Musik, die auch dann nicht kaputt zu kriegen ist, wenn die Akustik des Theaters nicht berauschend ist, sowie das Spiel der Herren Arnsperger und Petersen. Das alleine macht den Besuch schon lohnenswert. Und die Songs des Stückes geben sich gerade als Ohrwurm in meinem Kopf die Klinke in die Hand. Die Vampire treiben noch bis Ende Januar ihr Unwesen in Hamburg; ab dem 14. Februar sind sie im Musical Dome in Köln zu Gast. Musical-Freunden mit einem Hang zu Kitsch und Bombast sei ein Besuch bei den lebend Toten ans Herz gelegt – ganz gleich, in welcher Stadt sie gerade zu erleben sind. Die Songs und Melodien sind, analog zum Thema, schlicht unsterblich.


Foto: Dewynters / Stage Entertainment

Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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