Foto: Studio Migliorini

KIRLIAN CAMERA – Hologram Moon

von

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
7/10
Klang / Produktion
8.5/10
Kreativität
7/10
Verpackung / Artwork / Extras
8/10
Fan-Faktor
6.5/10
Umfang / Spieldauer
8/10
Gesang
7/10
Gesamteindruck
6.5/10
Total
7.3/10

Fünf Jahre warteten geneigte Hörer von KIRLIAN CAMERA auf einen Nachfolger von „Black Summer Choirs“ – eine Wartezeit so lang, wie seit den ersten beiden Alben nicht mehr! Aber auf die Musik des italienischen Duos Elena Alice Fossi und Angelo Bergamini wartet man gerne, schließlich gehören sie im Bereich düsterer Electro-Musik zu den Ausnahmeerscheinungen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Das fängt bei Elenas markanter und stets unverfremdeter Stimme an und endet bei den eingängigen, immer wieder aber auch mal ein bisschen verschrobenen Songs, die über die fast 40 Jahre des Bestehens der Band nie irgendwelchen Trends oder dem Zeitgeist verhaftet gewesen sind. Es war im Hause Kirlian Camera nie alles Gold, was glänzte, aber stets hatten wir es mit sehr eigenständigen Werken zu tun. Das neue Album „Hologram Moon“ macht in diesem Punkt keine Ausnahme – stolpert aber in einigen Punkten über die eigenen Füße.

Die thematische Ausgangslage für das dreizehnte Studioalbum von Elena Alice Fossi und Angelo Bergamini klingt grundsätzlich ja ganz spannend. In der begleitenden Ankündigung durch ihr neues Label Dependent werden zunächst zwei Zitate in den Raum gestellt. Zunächst ein biblisches, entnommen dem Spruch über die Vernichtung Babels:

Die Sterne und Sternbilder am Himmel lassen ihr Licht nicht leuchten. Die Sonne ist dunkel bei ihrem Aufgang und der Mond lässt sein Licht nicht scheinen.“ (Jesaja, 13:10)

Um Babel und etwaige Türme geht es aber nicht, sondern viel mehr um den Mond, wie das zweite veröffentlichte Zitat zeigt. Es stammt von der Astrophysikerin Giuliana Conforto und lautet: „Wir können mit ziemlicher Gewissheit schlussfolgern, dass der Moon ein Hologramm ist.

Inspiration lieferte also die (Verschwörungs-)Theorie, wonach der Mond gar kein Himmelskörper ist, sondern lediglich ein Hologramm, das etwas verbergen soll – ein von Außerirdischen geschaffenes Konstrukt womöglich. Starker Tobak, andererseits: der Mond ist vermutlich schon seit ungefähr immer Inspirationsquelle und gleichwohl Gegenstand von Hirngespinsten aller Art. Von Nazis, die auf der dunklen Seite des Mondes eine Basis errichtet haben sollen über die angeblich gefakte Mondlandung in den 1960ern bis hin zu eben dieser Hologramm-Theorie – der Mond, der da friedlich am Himmel steht, regt offenbar die Fantasie an.

Foto: Studio Migliorini

Dass Kirlian Camera keine detaillierte Abhandlung über den Mond und damit in Verbindung stehende Theorien servieren, dürfte wohl klar sein. Viel mehr lieferte die seltsame Theorie über den Erdtrabanten eben die Inspiration, manchmal schimmert das genannte Motiv auch durch, doch davon ab ist die Handlung, wenn man es denn so nennen möchte, deutlich abstrakter. Was ok ist, schließlich ist das hier ja auch kein Konzeptalbum. Sie starten mit „Holograms“, eine ziemlich ruhige, ziemlich entspannte Nummer mit sehr weitläufigen Synthieflächen. Bisschen spacig klingt das schon, der vielstimmige Venus Choir trägt viel zu der Science-Fiction-mäßigen Stimmung bei. Rein instrumental würde sich dieses Intro sicher auch gut als Filmmusik machen.

Kirlian Camera ist mit „Hologram Moon“ ein gutes, dunkel-meliertes Pop-Album gelungen, das zwar durchaus unterhaltsam ausgefallen ist, aber eben auch auf mehreren Ebenen und auf hohem Niveau scheitert.

Es folgt „Sky Collapse“, das bereits im Vorfeld ausgekoppelte Duett mit Covenants Eskil Simonsson. Mit dem Track habe ich diverse Probleme. Eines davon ist, dass „Sky Collapse“ sich für mich mehr nach Covenant anfühlt als nach Kirlian Camera. Ein anderes: „Sky Collapse“ ist den Beteiligten so überaus gut gelungen, dass es alle anderen Songs dieses Albums weit überragt. Im Schatten dieses Songs (oder: im Schatten dieses Mondes?) wirken diverse Songs so, als hätte man jetzt diesen Knaller und wüsste nicht so richtig, wie man die restliche Spielzeit des Albums sinnvoll befüllen soll. Klar, es gibt durchaus noch ein paar großartige Nummern auf „Hologram Moon“, aber „Sky Collapse“ ist in gewisser Hinsicht Fluch und Segen gleichermaßen. Dafür sorgt auch der Inhalt des Songs: Inspiration lieferte das Jonestown-Massaker (bzw. der Massensuizid von Jonestown), bei dem im November 1978 mehr als 900 Menschen durch (teilweise erzwungene) Selbsttötung und Ermordung den Tod fanden. Der Text des Songs lässt diesbezüglich kaum eine andere Interpretation zu, zudem beinhaltet „Sky Collapse“ ein Sample der letzten Rede des Kirchengründers Jim Jones, bevor er sich und hunderte Menschen in den Tod schickte. Gruppenzwang, Massenhysterie, blindes Vertrauen ohne eigenes Checken der Faktenlage – gefährliche Dinge, die in Kombination oftmals ein nur noch krasseres Gemisch ergeben. Der Bogen zu Verschwörungstheorien ist von hier aus schnell gespannt.

Tja, und „Sky Collapse“ fängt „Hologram Moon“ bereits an, abzuflachen. Es folgt „Lost Islands“, das trotz der Fassade einer Ballade eher wie ein überlanges, aufgeblähtes Interludium wirkt. Anschließend bäumt sich das Album noch einmal zu einem wirklichen Highlight auf: „Polar IHS“, mit flottem und tanzbarem Beat gesegnet, ist die zweite Zusammenarbeit mit Eskil. Es nimmt mich ein bisschen wunder, dass die stärksten Tracks des Albums alle in Zusammenarbeit mit dem Schweden entstanden sind. Nach bald 40 Jahren Bandgeschichte kann man durchaus sagen: eigentlich können Kirlian Camera es auch alleine. „Polar IHS“ wirkt durch die flirrenden Melodiebögen ähnlich spacig und außerweltlich wie schon „Holograms“ und gehört zu den Songs, die in Erinnerung bleiben.

Foto: Studio Migliorini

Erwähnenswert wäre noch „I Don’t Sing“, das als eines der wenigen Songs dieses Albums sich wie ein klassischer Kirlian Camera-Song anfühlt. Es lässt mich an „Fields Of Sunset (Days Of The Scythe)“ denken, nur ohne Akustikgitarre und die Hippie-Attitüde. Ein bisschen verspielt, ein bisschen experimentell, ein bisschen drüber – und doch die vertraute Eingängigkeit, ohne sich zu sehr im Pop zu verlieren. Ach, wenn sich das doch nur über das ganze Album sagen ließe!

Ich jammere auf hohem Niveau, aber die anfängliche Faszination von „Hologram Moon“ weicht schnell der ernüchternden Erkenntnis, es hier mit einem – für die Verhältnisse von Kirlian Camera – eher durchschnittlichen Album zu haben. Es nutzt sich vergleichsweise schnell ab, es ist sehr auf Gefälligkeit getrimmt und es hat seine stärksten Momente in der Zusammenarbeit mit Eskil. Ich frage mich, wie „Hologram Moon“ ohne das übermächtige „Sky Collapse“ und das gleichfalls sehr eindrucksvolle „Polar IHS“ wirken würde. Möglicherweise würde ein potentieller Tanzflächenfüller wie „Kryostar“ dann mehr Eindruck schinden, da es stilistisch an die letzten Alben „Black Summer Choirs“ und „Nightglory“ anknüpft. Vielleicht würde „Haunted River“, mit seinen hintergründigen Streichern, dann als Highlight dieses Albums gefeiert werden und das dann durchaus mit Recht?

Man weiß es nicht. „Hologram Moon“ ist nun so, wie es ist. Als Pop-Album mit düsterem Anstrich durchaus gelungen. Für ein Kirlian Camera-Album aber ein bisschen zu sehr Pop und unterm Strich hinter den Möglichkeiten geblieben. Auch im Hinblick auf Elenas stimmliche Leistung. Sie hat sich früher schon mal mehr gefordert. Die stärksten Kirlian Camera-Momente hat das Album immer dann, wenn Angelo Bergamini alleine für einen Song verantwortlich war. Vielleicht sollte der Ball beim nächsten Album wieder mehr auf seinem Spielfeld verbleiben, Elena Alice Fossi hat schließlich ihr Projekt SPECTRA*paris, um etwaige Pop-Gelüste auszuleben – wie zuletzt mit „Retromachine Betty“ geschehen.


Fazit: Hätte ich direkt nach den ersten paar Hördurchgängen einen Artikel über „Hologram Moon“ geschrieben, ich wäre vermutlich förmlich geplatzt vor Begeisterung. Manchmal ist es aber ganz gut, wenn man nicht gleich dem ersten Impuls folgt. Noch ein paar weitere Hördurchgänge später muss ich festhalten: nein, in die Lobgesänge anderer Blogs und Magazine kann ich nich einsteigen. Kirlian Camera ist mit „Hologram Moon“ ein gutes, dunkel-meliertes Pop-Album gelungen, das zwar durchaus unterhaltsam ausgefallen ist, aber eben auch auf mehreren Ebenen und auf hohem Niveau scheitert. Größter Knackpunkt: die Kollaboration „Sky Collapse“ mit Eskil Simonsson von Covenant. Die Nummer überragt alles mit großem Abstand, lässt viele andere Songs des Albums fast schon zu Lückenfüllern werden. Musikalisch gehen Kirlian Camera zudem zu sehr den Wohlfühlkuschelkurs und Frau Fossi bleibt stimmlich schon wieder hinter dem, was sie eigentlich kann. Damit wir uns nicht falsch verstehen: „Hologram Moon“ ist ein gutes Album, aber nicht so gut, wie es sein könnte. „Nightglory“ bleibt daher (zumindest für mich) die bisher letzte Großtat des italienischen Duos und lässt mich in der Hoffnung zurück, dass sich die Italiener wieder ihrer Stärken besinnen. So gesehen ist der Name des Albums fast schon Programm: man kann sie erahnen, aber nicht wirklich greifen.



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Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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