18. Dezember 2014
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MARIA TAYLOR – Something About Knowing

MARIA TAYLOR – Something About Knowing

Kann man eigentlich glücklich sein und trotzdem tolle Musik schaffen? Gerade die Teilnehmer der Schwarzen Szene werden dies womöglich verneinen. Schließlich ist es doch so oft der Fall, dass die Gassenhauer dieser Welt, egal welche Geschmacksrichtung, immer auch eine Portion Herzschmerz beinhalten. Wenn nun aber jemand käme, um den Gegenbeweis anzutreten, nämlich dass persönliches Glück und hochwertige Musik durchaus im Einklang daherkommen können – wäre Euch das eine Probehörung wert? Noch dazu, wenn ich Euch schon an dieser Stelle versichern kann, dass es sich dabei nicht um belangloses, inhaltsbefreites Hipp-Hipp-Hurra-Gemache handelt? Falls ja, merkt Euch schon mal den 1. November vor, denn dann steht das neue Album “Something About Knowing” von Maria Taylor in den Läden. Gucken wir mal, ob Euch die Dame mit Album Nummer fünf überzeugen kann.

Auch wenn es das erste Mal ist, dass ich Euch von Maria Taylor erzähle – ein Neuling im Musikgeschäft ist die in Alabama lebende Sängerin und Songschreiberin definitiv nicht mehr. Als Solo-Künstlerin blickt sie auf inzwischen vier Alben und eine EP zurück, hat sich Lorbeeren als Teil des Dream-Pop-Projekts Azure Ray verdient und arbeite bereits mit Künstlern wie Michael Stipe (R.E.M.) oder Moby zusammen. Mit anderen Worten: Die Lady hat schon einiges vorzuweisen. Und doch ist “Something About Knowing” so etwas wie eine Art Neudefinition ihres Tuns. Dream-Pop, um mal dabei zu bleiben, ist irgendwie immer noch herauszuhören. Manchmal. Dazu eine ganz gehörige, ziemlichen Südstaatenflair verbeitende Folk-Note und eine geschmeidige Lässigkeit, über die vielleicht nur jemand verfügen kann, bei dem sich manche Fragen des Lebens nicht mehr stellen – einfach weil endlich eine Antwort gefunden wurde. Zum Beispiel: wenn liebst du und wer liebt dich? Und wenn man dann, wie Frau Taylor, das Wunder des Lebens am eigenen Leibe erfahren hat und ein Kind zu Welt brachte, überrascht es nicht, dass plötzlich alles in einem anderen, ganz neuen Licht erstrahlt. Maria sagt: “In der Vergangenheit schrieb ich [Songs], wenn ich traurig oder depressiv war. Das war das erste Mal, dass ich Songs schrieb und nicht traurig war. Wenn es da Tränen in meinem Leben gab, dann waren es Freudentränen. Viele der großen Fragen des Lebens sind beantwortet. Ich weiß jetzt, was die Zukunft bringen wird“. Klingt nach einer emotionalen Angelegenheit? Jepp.

Eingeleitet wird das Album vom Stück “Folk Song Melody”. Und ganz wie es der Name vermuten lässt, entführt Maria ihre Hörer hier auf eine leise, folkige Reise und vermittelt: lehn dich zurück, entspann dich, alles ist gut. Etwas flotter geht es direkt danach mit “Up All Night” zur Sache, einer Südstaaten-Folk-Blues-Nummer. Es ruft unweigerlich folgende Bilder im Kopf hervor: eine typische, amerikansiche Großraumkneipe, bei die Bardamen zwischen den Tischen herumwuseln, um in karierten Hemden und kurzen Shorts Truckern und Cowboyhüten tragenden Gästen Bier zu den Tischen zu bringen. Irgendwo im Hintergrund ist eine Bühne installiert, auf der Maria und Kollegen einen Stimmungsmacher nach dem anderen zum Besten geben. Die Stimmung ist gut und es fühlt sich so an, als sollte es immer so sein.

Richtig spannend wird es bei “Tunnel Vision”, ganz klar der Song, der sich am ehesten als Single-Auskopplung eignet – und dabei doch irgendwie ein falsches Bild von diesem Album zeichnet. Sollte sich mal ein Entscheider in der Musikindustrie hinsetzen und eine neue “Heavenly Voices”-Compilation in Auftrag geben – diese Nummer gehört ganz klar mit auf den Silberling! Temporeich, in geschmeidigen Wellen dahingleitend, fesselnd, überirdisch, Fernweh weckend – Umschreibungen gäbe es hier viele. Und dazu Marias tolle Stimme. Ganz klar eines der Highlights dieses Albums, und doch aufgrund seiner musikalischen Ausgestaltung eher auf einer Enya-Platte zu vermuten als hier. Fühlt sich beinahe an wie ein Ausreißer, dennoch wie ein willkommener. Zurück zur eigentlichen Intention hinter diesem Album geht es mit dem Titelstück “Something About Knowing”, der textlich das Mutterglück von Frau Taylor umreisst. “Ich arbeitete an diesem Album in Schüben“, sagt sie, “wenn mein Sohn schlief. Anstatt dann eine Dusche zu nehmen, lief ich mit dem Babyphone die Treppe hinab und schrieb Songs und nahm Demos auf“. Abgerundet wird das Album mit “A Lullaby For You”. Und das klingt ganz genau so, wie man es anhand des Titels und der vorangegangenen folkigen und entspannt (dream-)popigen Nummern erwarten würde. Es ist übrigens keine Schande oder ein Zeichen mangelnder Qualität, wenn Ihr hierbei tatsächlich eingeschlafen seid. Dann nämlich hat das Album gerade für die gestresste Seele sein Ziel erreicht und die Botschaft “alles ist gut” erfolgreich vermittelt. :)

“Something About Knowing” wird nicht jeden Geschmack treffen. Wer Maria Taylor vielleicht vorher schon kannte, wird sich womöglich ein bisschen umgewöhnen müssen, auch wenn die Dame sagt: “Dieses Album hat diesen Geist von ‘das ist wie ich jetzt fühle und das sind all die Dinge, die mich hierher brachten’. Ich hörte mir meine vorherigen Alben an und ging ins Studio, um die besten Dinge daraus zu nehmen… ich habe das Gefühl, hier wirklich etwas erreicht zu haben”. Von experimentellen Spielereien wie auf dem 2011er Album “Overlook” fehlt hier genauso jede Spur wie von sanft groovendem Indie-Pop vom 2007er “Lynn Teeter Flower”. Schlicht, einfach und doch herausragend produziert sind die Songs und laden gerade dadurch zum Verweilen ein. Vielleicht mehr als auf den bisherigen Alben zuvor. Vielleicht aber liegt es auch an dem positiven Gefühl, an dem Glauben, dass Dinge irgendwann doch noch mal gut werden, der hier immerzu durchschimmert. Was auch immer der Grund sein mag – wer Lust hat auf ein kleines, feines Album, das nicht klingt wie ein Rezitieren gängiger Pop-Musik, der wird hier sicher seine Freude haben. Hört es abends oder bei der Fahrt über Alleen, über die der Wind die derzeit so bunten Blätter wirbelt und die Chance ist sehr hoch, dass die Magie dieses Albums Euch mitreißt. Vielleicht findet Ihr ja auch die ein oder Antwort auf die vielen Fragen des Lebens.

Fazit

Oft genug berichte ich hier über Musik, der nicht selten eine anständige Portion Seelenschmerz innewohnt. Logisch, der “Vincent”-Theorie folgend entsteht große Kunst eben oft nur dann, wenn es dem Kunstschaffenden aus diesem oder jenem Grund nicht so richtig gut geht. Beispiele ließen sich dafür gerade in der Musikwelt, ganz gleich in welchem Genre, zur Genüge finden. Maria Taylor beweist mit “Something About Knowing”, dass es auch anders geht. Als frisch gebackene Mutter hat sie inzwischen eine andere, sehr viel entspanntere und wohlgesonnere Sicht auf das Leben gewonnen. Ihr neues Album ist keine belanglose Gute-Laune-Lala, aber doch von so viel positiver Energie durchzogen, dass es durchaus ansteckend wirkt. Ein kleines, feines Werk ist es, dem man gerne folgt – möglicherweise gerade auch dann, wenn man selbst gerade den Weg aus einem finsteren Tal sucht.


Maria Taylor - Something About Knowing
  • Medium: Audio CD (1. November 2013)
  • Anzahl Tonträger: 1
  • Label: Saddle Creek (Cargo)
  1. Folk Song Melody
  2. Up All Night
  3. Tunnel Vision
  4. Sum Of Our Lives
  5. You’ve Got A Way With The Light
  6. Something About Knowing
  7. This Is It
  8. Broken Objects
  9. Saturday In June
  10. A Lullaby For You
  1. Folk Song Melody
  2. Up All Night
  3. Tunnel Vision
  4. Broken Objects
  5. Something About Knowing
  6. A Lullaby For You
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Über Roman Jasiek

Roman Jasiek ist der Gründer und Hausmeister dieser Seite. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Und bekennender Apple-Jünger ist er. Verbringt seinen Urlaub lieber auf Festivals als am Strand, auch wenn er seit wenigen Jahren von der Kreuzfahrerei sehr angetan ist, trinkt manchmal gerne ein Bier (höchstens 2 oder 7) und schreibt seit Ende der 90er über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.