THE SAINT PAUL: Neues Album "Days Without Rain" am 20.11.2015
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

THE SAINT PAUL – Days Without Rain

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
7.5/10
Klang / Produktion
8/10
Kreativität
8/10
Verpackung / Artwork / Extras
6/10
Fan-Faktor
9.5/10
Umfang / Spieldauer
7/10
Gesang
8/10
Gesamteindruck
9.5/10
Gesamt
7.9/10

Es war im Jahre des Herren 2011, da landete eine EP auf meinem Schreibtisch, die – nachdem ich sie mir zu Gehör geführt hatte – für großes Entzücken sorgte. Die Rede ist von „Rewind The Time“, vor allem aber von THE SAINT PAUL. Schon damals beschlich mich das Gefühl, gerade ganz schön coole Mucke konsumiert zu haben. Mucke von der Sorte, wo man gespannt ist, wie es wohl künftig weitergehen würde. Ich fühlte mich in die Zeit versetzt, als gefeierte Future-Pop-Helden ihre besten Tage hatten und ihre größten Werke lieferten. Gespannt wartete ich auf Fortsetzung. Eine Fortsetzung, die 2013 in Form des ersten Albums „Consequence“ auf meinem musikalischen Radar erschien – und ohne weitere Umwege in unserer Jahresendauswertung Platz genommen hatte. Und nun sind wir hier, um uns über „Days Without Rain“ zu unterhalten, dem von mir mit größtmöglicher Spannung erwarteten neuen Album von The Saint Paul. Was soll ich sagen… Ich habe ja mit allem Möglichen gerechnet, nur damit nicht.

Seit der Veröffentlichung von „Consequence“ ist ein bisschen was passiert. The Saint Paul, bis dato bestehend aus Paul und Marc, ist zum Trio gewachsen und wird nun durch Robin ergänzt, der live schon mal auf die Pauke haut. Sprichwörtlich. Zudem hat die Band mit Infacted eine neue Labelheimat gefunden. Im Rahmen des Electro Forces Festivals im Mai 2014 spielten The Saint Paul als Headliner in der Löwenstadt Braunschweig. Ein rundherum gelungener Abend war das, bei dem meine Freunde und Kollegen und ich nicht nur das Ruhrpott-Trio persönlich kennenlernen durften, sondern auch uns von deren tollen Live-Qualitäten überzeugen konnten. Das ging soweit, dass „E:Dot“, mein bisheriger Lieblingstrack von TSP, glatt noch ein zweites Mal vorgetragen wurde. Auf Wunsch einzelner Herren, die ich hier namentlich nicht näher erwähne. Ähem. Bisheriger Lieblingstrack klingt so, als wäre das nicht mehr so? Nun, „E:Dot“ mag ich immer noch sehr gerne, nicht zuletzt aufgrund der Erinnerungen an jenen Abend im B58, die untrennbar damit verbunden sind. Aber das neue Album „Days Without Rain“ ist quasi bis zum Rand voll mit neuen, potentiellen Lieblingsstücken.

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Eröffnet wird das Album mit dem Stück „Grey“. Erstaunlich ruhig und getragen werden wir in „Days Without Rain“ eingeführt. Sänger Paul stolpert inhaltlich durch diese Zeiten, versucht sich in diesem Leben zurechtzufinden. Ein dezentes Gefühl der Orientierungslosigkeit begleitet diesen Song über eine Welt, die scheinbar in Richtung Abgrund taumelt. Die Nummer transportiert ein Gefühl, das wir alle sicher nur zu gut kennen. Dass es musikalisch eher getragen zur Sache geht, sich gegen Ende aber in punkto Dramatik zuspitzt, steht dem Song gut zu Gesicht. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass TSP Euch bereits nach diesem Opener abgeholt haben.

Weiter geht es mit dem „Reality Distortion Field“. Steve Jobs litt dereinst auch unter diesem Phänomen. Sich die Wahrheit so zurechtbiegen, bis sie ins persönliche Weltbild passt. I am a liar / Can’t you see my fucking truth / I am a liar / You have to tell me something new singt Paul hier und beschreibt damit damit Personen, die wir alle gut kennen. Vielleicht steckte manche/r von uns auch schon mal in Situationen, wo man sich die Wahrheit zurecht gelogen hat. Suchtabhängige beispielsweise hängen mitunter auch in so einem „Reality Distortion Field“ fest, unfähig oder nicht willens, daraus zu fliehen.

What You Want“ trägt hörbare Gene aus klassischem EBM in sich, gefällt aber zusätzlich auch durch einen eingängigen Refrain. Zu diesem Stück kann man sich völlig gelöst auf der Tanzfläche verlieren. Und dann kommt auch schon „White Unicorn“, quasi das „E:Dot“ dieser Platte. Aus dem TSP-Lager hatte ich diese Nummer schon vor einigen Monaten als Demo bekommen und sie ist damals wie heute quasi DER Song, den ich Euch aktuell vorspielen wollen würde, um zu erklären, warum ich diese Band so abfeiere. Eingängig, tanzbar, melodisch, ein Hauch 80er, catchy – definitive Hymne für Clubs und Konzerte. Wenn wir uns künftig über Perlen aus dem Dark-Electro bzw. Future-Pop-Bereich unterhalten, dann ist „White Unicorn“ bitte Bestandteil dieser Diskussion, ja? Was für ein großer, großer Wurf!

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

But He Will“ ist wieder deutlich kälter, mechanischer und steigert sich auch erst gegen Ende hin. Wenig verwunderlich, ist dieses Stück doch die Aufarbeitung eines Themas, das uns alle treffen kann: Alzheimer. He tries not to forget their life / Won’t forget her smile / Won’t forget her tears / …their last goodbye singt Paul mit einer Eindringlichkeit hier, die mir Schauer über den Rücken jagt – um dann in den letzten zwei, ziemlich stampfenden Minuten he will ins Mikro zu schreien. Es ist beinahe ein bisschen so, als sei hier die Verzweiflung des unbekannten Protagonisten vertont worden, der sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, ja quasi auf den Boden stampfend dagegen ankämpft, seine Erinnerungen an sich, sein Leben und seine Geliebte zu verlieren. Und da sage noch mal jemand, Mucke aus der Düsterszene verlöre sich immer nur in Klischees. Geht ja offensichtlich auch anders.

In „Neon Light“ geht hingegen wieder die Post ab. Eine schnelle, tanzbare Nummer, die in den Düstertanztempeln ganz Gewiss eine gute Figur abgeben wird. „T1“ ist ebenfalls eine klassische Diskonummer. Nicht zuletzt des Inhalts wegen. Paul besingt hier eine Situation, die auch gut nachvollziehbar ist: in einer Disko lernt man eine schöne Frau kennen, tanzt mit ihr zu WolfsheimsThe Sparrow And The Nightingales“ (Extra-Kudos für diese Referenz übrigens!) und schiebt den sich einschleichenden Eindruck beiseite, nur ein weiteres Spielzeug in der Sammlung besagter Dame zu sein. Die Stimmung passt, die Nacht ist jung und die Musik gut – so what? Vielleicht gibt es keine zweite Nacht. Aber diese hier, sie ist noch nicht vorbei…

Es folgt ein Wiederhören mit einem alten Bekannten. „Unempathic“, hier in der Version 2, war 2011 schon auf „Rewind The Time“ mit an Bord. Dass Future-Pop gut altern kann, zeigt sich hier. Die neue Fassung ist druckvoller, besser produziert, tönt sauberer aus den Boxen – daran, dass die Nummer ein potentieller Tanzfüller mit unbedingter Ohrwurmqualität ist, hat sich in den Jahren nichts geändert. Ich möchte schon wieder an vorderster Front bei einem Konzert stehen und den Refrain förmlich herausschreien, tanzend eskalieren. Was für ein Brett!

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Dass TSP aber auch Lieferanten für herzerwärmende Balladen sind, zeigen sie in „Retrospect“. Jenes hier beschriebene Gefühl, über vergangene, nicht notwendigerweise richtige Entscheidungen zu sinnieren und auf bessere Zeiten zu hoffen, dürfte auch allerorten bekannt sein, denke ich. Schon wieder eine dieser Gänsehautnummern, wo man trotz eventuellen Wasserstands in den Augen gerne nochmals auf Repeat drückt. „Leave Without Answer“ bleibt ruhig und getragen und lebt ganz besonders von Paules einmal mehr eindringlichem Gesang. Habe ich übrigens schon mal erwähnt dass es eine wahre Wonne ist, endlich mal wieder ein Düsterelektroalbum zu hören, bei dem der Gesang ohne etliche Effekte auf der Stimme auskommt? Was das ausmacht, wenn Sänger auch singen können!

In „Not Tonight“ dürfen wir wieder das Tanzbein schwingen und mit dem abschließenden „Dead End“ wird es noch einmal dramatisch. Synthetische Streicher und ein Kinderchor untermalen ein famoses Finale eines durch die Bank gelungenen, hörenswerten Albums!

Als mir Paul vor einigen Monaten ein paar Demos dessen schickte, an was er, Marc und Robin gerade arbeiteten, da hatte ich schon wieder das Gefühl, dass uns hier womöglich etwas ganz Großes ins Haus steht. Den Rest des Albums habe ich, genauso wie alle anderen, erst mit der Veröffentlichung kennengelernt. Bis dahin war es auch für mich eine Art Hoffen und Beten. Eines von dieser Sorte wo man sich denkt, bitte bitte, lass es gut werden. Es erfüllt mich mit Stolz und Freude gleichermaßen Euch abschließend mitteilen zu können, dass dieser Fall eingetreten ist. Dass es gut geworden ist. Sehr sogar. Ich bin glücklich, The Saint Paul und ihre Musik kennengelernt zu haben und lade Euch hiermit ein, es mir gleichzutun. Wer sich auch nur ansatzweise für die Musik begeistern kann, wie sie aus den Häusern VNV Nation, Apoptygma Berzerk oder Covenant, um nur ein paar Beispiele zu nennen, kommt, sollte The Saint Paul mit in die Playlist und Konzertliste aufnehmen. Spätestens jetzt spielen sie in der gleichen Liga, haben aber zusätzlich noch den Bonus des Frischen, Unverbrauchten inne.


Fazit: Es wäre ja nun ein leichtes, mir eine gewisse Befangenheit zu unterstellen. Schließlich kenne ich die Menschen hinter The Saint Paul persönlich und habe schon bei verschiedenen Gelegenheiten das ein oder andere Bier mit ihnen in Ehren konsumiert. Aber, und das ist jetzt wichtig, ich gucke bzw. höre gerade dann ganz besonders gründlich hin, wenn ich die Musikschaffenden kenne, ja vielleicht sogar freundschaftlich mit ihnen verbunden bin. Schließlich kann es nur mein innigstes Anliegen sein, sie weiterzubringen. Knackpunkte aufzuzeigen, die sie vielleicht selbst nicht bemerkt haben, damit sie noch besser werden können. Vielleicht andere Perspektiven oder Sichtweisen zu nennen. Andernfalls wäre ja niemandem geholfen. Den Künstlern nicht, Euch als Konsumenten nicht. So und jetzt kommt’s: „Days Without Rain“ habe ich seit Veröffentlichung immer und immer wieder gehört. In Dauerrotation. Und jedes Mal habe ich versucht etwas zu finden, an dem ich eventuell herumkritteln könnte/müsste. Ich habe nichts gefunden. Keinen einzigen Song zum Skippen. Keine Stelle, keinen Moment wo ich dachte: na, was ist das denn jetzt? Paul, Marc und Robin erfinden das Future-Pop-Rad nicht neu, das können sie gar nicht. Aber innerhalb ihres selbst gewählten Rahmens bewegen sie sich so frisch, so neu, so unverwechselbar und originell, als wollten sie das Genre eben doch erstmals aus der Taufe heben. Oder wenigstens erneut. Und wer weiß, vielleicht tun sie das ein Stück weit ja auch. Und zwar in dem Sinne, dass nun wirklich die Zeit gekommen ist, in den Clubs die neuen Helden zu spielen, sie auf Festivals auf den besseren Slots zu positionieren als immer nur die altgedienten Veteranen der Szene. Der frische Wind, den der melodisch-elektronische Teil der Düsterszene so dringend nötig hat(te), teilweise so dringend herbeisehnt(e) – er ist ja schon da. Nennt sich The Saint Paul und kam gerade mit dem besten Future-Pop-Album des Jahres 2015 um die Ecke. Das muss sich jetzt nur noch herumsprechen.


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Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.