ORDO ROSARIUS EQUILIBRIO - Vision: Libertine – The Hangman's Triad
Foto: Pyhai Jin

ORDO ROSARIUS EQUILIBRIO – Vision: Libertine – The Hangman’s Triad

von

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
7.5/10
Klang / Produktion
7/10
Kreativität
8/10
Verpackung / Artwork / Extras
6/10
Fan-Faktor
8/10
Umfang / Spieldauer
10/10
Gesang
6/10
Gesamteindruck
8/10
Total
7.6/10

Cold Meat Industry ist Geschichte. Einst federführend im Bereich Dark Ambient, Death Industrial und Neofolk haben einige der damaligen Bands des schwedischen Kult-Labels inzwischen die Tätigkeit eingestellt. Andere hingegen sind nach wie vor aktiv. So wie ORDO ROSARIUS EQUILIBRIO, die inzwischen bei Out Of Line eine neue Labelheimat gefunden haben. Einige Jahre war es still um die Schweden, doch nun wollen sie es mit ihrem neuen Album „Vision: Libertine – The Hangman’s Triad“ wieder wissen. Die Welt hat sich seit der letzten Veröffentlichung „Songs 4 Hate & Devotion“ (2010) weiterbewegt. Aber solcherlei „Katakombenmusik“ gerät doch niemals aus der Mode, oder?

Nein, tut sie nicht. Dadurch dass sich die Schweden, die immerhin auch schon seit 1993 in wechselnder Besetzung umtriebig sind, nie irgendwelchen Zeitgeist-Moden unterworfen hatte, kann man ihr durchaus ganz bequem eine gewisse Zeitlosigkeit unterstellen. So auch dem nun vorliegenden Album, dessen Fertigstellung dann doch etwas länger gedauert hat. Man kennt das ja: eigentlich hat man nur eine kurze Geschichte im Sinn und ganz plötzlich, ehe man es sich versieht, verselbstständigt sich die Sache und am Ende ist das Ergebnis deutlich umfangreicher ausgefallen, als ursprünglich geplant. So geschehen auch hier. „Vision:Libertine – The Hangman’s Triad“ war zunächst als EP angedacht. Doch in der dreijährigen Phase des Entstehens hatten die fünf Musiker, die als Einflüsse selbst Cocktails, Carnage, Crucifixion & Pornography angeben, scheinbar einen kreativen Schub nach dem anderen, sodass am Ende ein Doppelalbum entstanden ist. Eines, das sich aus den beiden Teilen “Part I – Holy Blood, Holy Union” und “Part II – The Tribalism Of Tribalism” zusammensetzt – und dem geneigten Hörer eine musikalische Reise quer durch das bisherige Schaffen der Band verschafft. Wer in den 90ern, den seligen Cold Meat Industry-Zeiten schon zugeschaltet hat, wird sich von dem spärlichen Ambient-Minimalismus wohl genauso angesprochen fühlen wie diejenigen, die erst kurz vor dem Wechsel zu Out Of Line hinzugekommen sind. Jener Zeit also, als sich die Musik der Band immer mehr zu dem formte, was sie heute als Apocalyptic Pop – oder: Pop-Musik für Non-Konformisten – bezeichnen. Sprich: ein Hauch mehr Eingängigkeit, eine ordentliche Portion zusätzlichen sakralen Monumentalität.

Ordo Rosarius Equilibrio – im Folgenden der Einfachheit halber einfach nur noch ORE genannt – eröffnen ihren Hörern den Weg in ihre abgründigen musikalischen Visionen mittels des Openers „Eschatos and Hedone – The Killing of Ataraxia“. Tribalistisches Getrommel, eine Melodie, die eher als Andeutung verstanden werden muss, der übliche monotone Sprechsingsang und die gewohnt düstere Stimmung – fertig. Wer sich zur Düster- oder BDSM-Szene zählt und da vor allem die Top 10 der Deutschen Alternative Charts konsumiert, wird sich über das Fehlen eines klaren musikalischen Höhepunkts vermutlich überrascht die Ohren reiben. ORE machen Musik mit einer Eingängigkeit, die sich nicht notwendigerweise sofort erschließt. Das war früher schon so, das wird wohl auch immer so bleiben. Apocalyptic Pop sagt ja schon, dass es nicht so leicht ins Ohr geht wie Peter Alexander. Im Verlaufe des Albums hören wir ein Füllhorn verschiedenster Streich- und Blasinstrumente und vermutlich sind sie auch so synthetisch, wie sie klingen. Das neben den wuchtigen Bässen und dem raumfüllenden Getrommel aller Art die restliche Instrumentierung einstweilen ziemlich blechern aus den Boxen tönt, verstärkt die apokalyptische Stimmung nur. Im Rennen um die Krone für das kälteste und sterilste Album dieses Jahres sind ORE jedenfalls ganz vorne mit dabei.

Das Apocalyptic in der Selbstbeschreibung Apocalyptic Pop trifft es ziemlich gut. „Vision: Libertine – The Hangman’s Triad“ ist gleichermaßen verstörend wie betörend. Gewiss kein Album, das man mal eben so konsumiert. Zu gleichförmig wirken die Songs, wenn man ihnen nicht die gebotene Aufmerksamkeit schenkt, zu düster ist die transportierte Stimmung. Wenn der entsprechende Rahmen aber gegeben ist – ob nun bei angezündeten Grabkerzen und einem Glas Rotwein, einem Gothic Festival oder auf einer BDSM-/Fetischparty überlasse ich mal Euch – entwickelt dieses Album jedoch eine Sogwirkung, der man sich nur schwerlich widersetzen kann.

Manche Stücke, so zum Beispiel „If Love Was A Crooked Cross And God Was A Girl“ sind derart düster, unbequem und abgründig ausgefallen, dass ich mich an andere, frühere Labelkollegen der einstigen Cold Meat Industry-Ära erinnert fühle. An Arcana zum Beispiel, oder All My Faith Lost. Falls es da bei Euch klingelt – in eine ähnliche Schublade könnt Ihr auch (noch immer) ORE stecken. Bis zum Stück „Holy Blood Holy Union“, dem Ende des ersten Teils, bleibt das Album tiefschwarz. Daran ändert auch das sparsam eingesetzte, panflötenartige Blasinstrument nichts, welches eher noch mal einen Eimer schwarzer Farbe über das gesamte Klangbild schüttet.

Der zweite Teil wird durch „The Misanthropic Polygamist (How Gods dream)“ eingeleitet. Siehe da, ganz plötzlich werden ORE glatt ein bisschen so was wie eingängig. Oder, sagen wir so: manchmal wirkt das schwarz hier ein bisschen heller. Wie tiefes, dunkles grau. Die Zutaten bleiben freilich die gleichen: markantes, perkussives Spiel, begleitet von fast schon orchestraler Instrumentierung. Nach wie vor der monotone Sprechgesang, aber immerhin: ein wesentlich klarer zu erkennender Refrain. Das verleiht dem Song den Hauch des Monumentalen. Wie eine Reise durch die Katakomben einer von der Welt vergessenen Kathedrale, die ein ums andere Mal als Austragungsort merkwürdiger Rituale dient. Ein Eindruck übrigens, der für den Rest des Albums bestehen bleibt. Auch gestatten sich ORE fortan viel mehr klanglicher Spielereien, kurz angedeute, rauschende Störgeräusche zum Beispiel oder (Sprach-)Samples, die sich dezent im Hintergrund halten, das Gesamtbild aber eben nicht nur tiefschwarz wirken lassen. Das Titelstück „Vision Libertine (The Magnificence Of Nihilism)“ ist das wohl beste Beispiel dafür, wie gekonnt ORE ihre bisherige musikalische Entwicklung zu nutzen verstehen. Diesen Song gehört überrascht es übrigens keineswegs, dass die Musik OREs bei BDSM-Sessions oder auf Fetisch-Parties zur Verwendung kommt. Life and sperm is not a dream. Vision Libertine. […] Life itself is just obscene. Vision Libertine.

Dann gibt es Songs wie „Venus In Nothing But Nylons And Pearls“, denen mit ihrem Hauch akustischer Gitarre und den schweren, drückenden Synthies eine Größe verliehen wurde, die sich nur schwerlich erfassen lässt. Die Wände der Kathedrale sind wohl sichtbar, die hohe Decke jedoch verschwindet in der Dunkelheit. Gestalten, gewandet in Latex, Lack und Leder – oder eben Nylons und Perlen – tauchen kurz aus den Schatten auf und verschwinden wieder in ihnen. Manche geführt an der Leine auf allen Vieren. Lust is born where shadows die… Begriffe wie monumental oder epochal geistern einem spontan durchs Hirn. Und mit dem abschließenden „Four Pretty Little Horses And The Four Last Things On Earth“ haben ORE glatt noch so etwas wie einen potenziellen Tanzflächenfüller für entsprechend orientierte Veranstaltungen geschaffen. So man denn zu der Musik von Ordo Rosario Equilibrius tanzen möchte. Oder sich stattdessen wie auch immer dieser faszinierenden Vision aus Ritual und Lust hingeben. Vielleicht auch ergeben. Die Sache beim Blick in den Abgrund ist ja: wenn du zu lange in den Abgrund schaust, schaut der Abgrund irgendwann zurück in dich. Und Ordo Rosiario Equilibrio gucken hier wieder ganz genau hin.


Fazit: Puh! Das Apocalyptic in der Selbstbeschreibung Apocalyptic Pop trifft es ziemlich gut. „Vision: Libertine – The Hangman’s Triad“ ist gleichermaßen verstörend wie betörend. Gewiss kein Album, das man mal eben so konsumiert. Zu gleichförmig wirken die Songs, wenn man ihnen nicht die gebotene Aufmerksamkeit schenkt, zu düster ist die transportierte Stimmung. Wenn der entsprechende Rahmen aber gegeben ist – ob nun bei angezündeten Grabkerzen und einem Glas Rotwein, einem Gothic Festival oder auf einer BDSM-/Fetischparty überlasse ich mal Euch – entwickelt dieses Album jedoch eine Sogwirkung, der man sich nur schwerlich widersetzen kann. Wie ein schwarzes Halsband mit einer Kette, die zwar die Illusion vortäuscht, einigermaßen frei zu sein – und doch immer wieder zurückholt, wenn man sich zu weit entfernt. Diese eigenwillige, manchmal ketzerische Mischung aus Neofolk, Tribal und Death Industrial zieht eben immer noch. Im Wortsinn.


visionlibertine


Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.