BATMAN - THE TELLTALE SERIES: REALM OF SHADOWS
Foto: Telltale / DC Comics / Warner Bros. Entertainment

BATMAN – THE TELLTALE SERIES: REALM OF SHADOWS

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An den Spielen des Hauses Telltale scheiden sich die Geister. Es gibt Zocker, die freuen sich über jede neue Lizenz, die eine Umsetzung durch Telltale erfährt. Und dann gibt es diejenigen die sagen, die Sachen von Telltale sind alles, aber keine Spiele. Richtig: gemessen an den Interaktionsmöglichkeiten, die man woanders findet, sind die Telltale-Titel in ihren Möglichkeiten mit dem gelegentlichen Drücken diverser Knöppe auf dem Controller doch sehr überschaubar. Der Fokus von Telltale liegt ganz offensichtlich auf ihren Geschichten, in denen sie den Spielern vorgaukeln, die Handlung beeinflussen zu können. Dass dabei nicht so wirklich gravierende Handlungsverläufe herauskommen und manchmal Figuren schneller sterben als Eintagsfliegen, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin haben sie sich stets Eure Entscheidung gemerkt, bevor das Drehbuch sie einfach aus dem Spiel genommen hat. Na wie dem auch sei: das mag man oder nicht. Wer sich jedoch dafür begeistern kann, hat seit wenigen Tagen endlich Nachschub bekommen: BATMAN – THE TELLTALE SERIES ist mit der ersten Episode „Realm Of Shadows“ an den Start gegangen. Nach „Game Of Thrones“ und „The Walking Dead“ also die nächste ganz große Lizenz, die da umgesetzt wurde. Ich komme ja an Telltale-Spielen nie vorbei und an Batman erst recht nicht. Also: auf nach Gotham City!

Seit 1939 ist die von Bill Finger und Bob Kane geschaffene Figur schon im Einsatz für Recht und Gerechtigkeit. In den fast 80 Jahren, in welchen die Fledermaus nun durch Gotham City düst, ist dessen Geschichte unzählige Male erzählt und immer wieder neu interpretiert worden. Von einem ganz schönen Verschleiß an Sidekicks in Form von Robin über ein gebrochenes Rückgrat bis hin zur Witzfigur in der sicher allseits bekannten TV-Serie aus den 60ern war schon ziemlich alles dabei. Demnach kann Telltale das Rad gar nicht neu erfinden, bemühen sich aber dennoch, ihre Geschichte wie einen frischen Anfang aussehen zu lassen. Sie orientieren sich dabei sehr stark an der ganz famosen Dark-Knight-Trilogie von Christopher Nolan, was schon mal keine schlechte Idee ist. Das bedeutet: Bruce Wayne ist eigentlich noch ziemlich am Anfang seiner Karriere als maskierter Rächer. Gotham City wird vor allem von Mafiosi und korrupten Politikern beherrscht, irgendwelche Superfreaks, wie sie in den Comics in schöner Regelmäßigkeit auftauchen, fehlen hier. Noch? Wird man sehen. Bisher durchstreifen Gothams Nächte lediglich der besagte Flattermann – und ein Katzenweib. Die Polizei und die Medien wissen noch nicht so richtig, was sie von maskierter Selbstjustiz in Form der Fledermaus halten sollen und auch die Freundschaft zwischen Batman und Polizeichef Jim Gordon, hier noch einfacher Lieutenant, ist zu Beginn von Telltales Erzählung noch nicht existent.

Foto: Telltale / DC Comics / Warner Bros. Entertainment
Foto: Telltale / DC Comics / Warner Bros. Entertainment

Vielmehr werfen uns die Damen und Herren Telltale zunächst mal in einen Raubüberfall auf das Rathaus von Gotham, dem das beliebte Spitzohr mittels altbekannter Quicktime-Events ziemlich schnell den Garaus macht – und dabei auf Catwoman trifft, die offenkundig auch ein großes Interesse an jenem Datenträger hat, der bei diesem Einbruch aus dem Rathaus geklaut werden sollte. Die kurze Auseinandersetzung zwischen Fledermaus und Katze verläuft nicht ohne Reibereien, klar. Wenn Bruce Wayne jedoch nicht das Cape überstreift und als Schrecken die Nacht durchflattert, gibt er sich als generöser Unterstützer des Bezirksstaatsanwaltes Harvey Dent. Dieser ist hier ein enger Freund von Bruce Wayne und meilenweit davon entfernt, Two-Face zu sein. Noch? Auch hier ist noch nicht klar, ob Telltale dem erfrischend realistischen Ansatz treu bleiben wird. Es findet eine Spendengala im Wayne Manor statt, zu der sich auch Obermafiosi Carmine Falcone selbst eingeladen hat. Zwar gaukeln uns Telltale Spiele in schöner Regelmäßigkeit Entscheidungsfreiheit vor. Zu bezweifeln bleibt aber dennoch, dass die folgenden Geschehnisse irgendeine gravierend andere Wendung nehmen würden, wenn man wie ich, nicht auf Konfrontationskurs zu Falcone gegangen wäre sondern ihn vielleicht eher hofiert hätte. Mehr soll zu der knapp zweistündigen Episode in Sachen Handlung gar nicht gesagt werden. Sie startet mäßig spannend, steigert sich aber minütlich und endet ganz typisch mit einem fiesen Cliffhanger. Den Handlungsbogen, den Telltale hier aufmacht und der Batman in all seinem Sein und Tun in seinen Grundfesten erschüttert, hat das Potential dazu, eine ganz große Batman-Story zu werden!

Foto: Telltale / DC Comics / Warner Bros. Entertainment
Foto: Telltale / DC Comics / Warner Bros. Entertainment

Spielerisch wagen Telltale kaum Experimente. Im Prinzip ist es genau wie immer: ein interaktiver Film, bei dem man Zuschauer einer schick inszenierten Handlung ist und ab und zu mal ein paar Knöpfchen drücken darf. Als Bruce Wayne ist man vor allem damit beschäftigt, in Dialogen Antworten auszuwählen und somit (politische) Entscheidungen zu treffen, die den Verlauf der Handlung beeinflussen. Wie gesagt: grundlegende Änderungen diesbezüglich darf man von Telltale wohl nicht mehr erwarten. Trotzdem ist es immer wieder erstaunlich wie diese Entscheidungsmöglichkeiten ein Gefühl vermitteln, als sei es ganz alleine „meine“ Geschichte, die sich hier auftut. Ob ich zum Beispiel belastende Unterlagen der Reporterin Vicky Vale gebe oder doch lieber Jim Gordon und somit der Polizei, liegt in meiner Hand und hängt, wie so viele Optionen, von meiner aktuellen Gesinnung ab. Interessant, wie man sich bei einigen Entscheidungen manchmal selber testet, ob man mit den eventuellen Konsequenzen leben kann bzw. möchte. Allerdings: viel Zeit, das Für und Wider einer jeweiligen Situation abzuwägen, bleibt nicht. Stets läuft ein knapp bemessener Timer ab. Immerhin haben es die Telltale-Leute dieses Mal geschafft, direkt zum Start deutsche Untertitel und Übersetzungen aller Texte im Spiel mitzuliefern – und dieses Mal sogar brauchbar. Wer mit der wie immer exzellenten, aber eben englischen Sprachausgabe sonst Probleme hätte, kann somit ebenfalls gut der Handlung folgen.

Foto: Telltale / DC Comics / Warner Bros. Entertainment
Foto: Telltale / DC Comics / Warner Bros. Entertainment

Als Batman prügelt man sich in Quicktime-Events durch die hübschen Szenen, darf einmal sogar ein bisschen Detektiv spielen und einen Mordfall untersuchen (für ein Comic-Spiel teilweise erstaunlich brutal ausgefallen das Ganze) und ansonsten ebenfalls Entscheidungen treffen. So ist es eben Eure Wahl, ob ihr einem geschnappten Gangster zu Verhörzwecken den Arm brecht oder eben nicht. Dadurch wird es eben „Euer“ Batman, den Ihr da spielt. Wenn man sich vor Augen führt, wie wenig Interaktionsmöglichkeiten damals die erste Staffel von „The Walking Dead“ geboten hatte und wie sehr sie sich in der Zwischenzeit weiterentwickelt haben (Lieblingsbeispiel: „Tales From The Borderlands“, in meinen Augen Telltales bisher größter Wurf), dann haben Telltale definitiv einen großen Sprung nach vorne gemacht. Ich kann aber auch verstehen, wem die vorgegaukelte Entscheidungsfreiheit nicht konsequent genug oder das gelegentliche Knöpfchendrücken nicht genügend Spiel ist, um aus den Telltale-Titeln wirklich Spiele zu machen. So ist es letztlich auch bei ihrer Batman-Variante. Sie bleiben bei ihrem bewährten Konzept und weichen einzig insofern davon ab, dass sich beispielsweise via Smartphone weitere Mitspieler einklinken und die Entscheidungen mit beeinflussen können. Probiert habe ich dieses Feature nicht, das könnte aber in der Tat ganz unterhaltsam werden, wenn der Mehrheitsentscheid eine andere Variante hervorbringt als das, was man selbst gerne als Entscheidung genommen hätte. Crowd Play nennt sich das, ist ausgelegt für 6 bis 12 Spieler im gleichen Raum und man kann wohl vermuten, dass es auch in die anderen Serien Einzug halten wird. Wer sich der Mehrheit nicht beugen möchte, kann den alternativen Spielmodus wählen. Hier behält immer der Hauptspieler das letzte Wort, kann dann aber hinterher seine Entscheidungen mit denen der anderen Vergleichen. Quasi so, wie es immer schon war im Bezug auf die Gesamtheit aller Spieler, nur in diesem Fall eben lokal.

Foto: Telltale / DC Comics / Warner Bros. Entertainment
Foto: Telltale / DC Comics / Warner Bros. Entertainment

Grafisch präsentiert sich Telltales Batman auf gewohnt hohem Niveau. Die Charaktere sehen nach Comic aus, sind aber nicht gnadenlos überzogen. Tatsächlich hätte ich mir sogar einen Look gewünscht, der mehr nach Comic aussieht (mit „The Wolf Among Us“ haben sie ja gezeigt, wie das aussehen kann). Aber unterm Strich passt das so zum realistischeren Ansatz. Oscar Cobblepot zum Beispiel ist trotzdem eindeutig als die Person zu erkennen, die sie sonst darstellt. Dass die Bewegungen der Figuren manchmal etwas steif wirken, darüber lässt sich großzügig hinwegsehen. Wer sich länger mit Batman beschäftigt hat, wird viele Anleihen an bestehendes Material erkennen. Ich habe mich zum Beispiel darüber gefreut, dass ich als Bruce Wayne den Großkotz raushängen lassen konnte, wie es Christian Bale in seiner Interpretation von Bruce Wayne getan hat bzw. tun musste. Antwortoption: „Genießen Sie den Wein, er war teuer“. Oder die Szene, in der sich Bruce Wayne und Selina Kyle in einem Straßencafé begegnen. Ist das nicht eine direkte Hommage an jene Szene aus „Batman Returns“, in der sich die gleichen Protagonisten in einem Büro treffen und beide eigentlich wissen, dass sie sich in der Nacht zuvor kostümiert den Hintern versohlt haben? Nur ist eben hier nicht Max Schreck der Dritte im Bunde, sondern Harvey Dent. Solcherlei Kleinigkeiten finden sich so einige in der ersten Episode und sie sind der Grund, warum Batman-Fans Telltales Versoftung dieses ach so ergiebigen Stoffes noch ein paar Sympathiepunkte zusätzlich verleihen können. Und dass es eigentlich spannender ist, Bruce Wayne zu anstatt Batman – das ist auch irgendwie eine reife Leistung.


Fazit: Telltale erfindet das Rad nicht neu. Weder im gewählten Ansatz, die Batman-Story neu aufzurollen, noch weniger aber sich selbst und ihre Gameplay-Mechaniken. Wer einmal ein Episodenspiel von Telltale gespielt hat, weiß ziemlich genau, was ihn in „Batman – The Telltale Series“ erwartet. Vor allem passives Zugucken einer gut geschriebenen Handlung. Das mag man oder eben nicht. Irgendwas dazwischen scheint kaum noch möglich. Ich selbst empfinde die Spiele stets als sehr unterhaltsam. Tolle Geschichten erzählen können sie nämlich. Dass sie nebenbei das Spiel vergessen, stört mich nicht weiter. „Realm Of Shadows“ ist ein guter Auftakt zu einer wirklich vielversprechenden Batman-Story, der ich nach dem Finale des ersten Aktes schon jetzt Klassiker-Potential zusprechen möchte. Ob das so bleibt, wird sich zeigen. Im Vergleich zu anderen Serien jedoch war der Auftakt erstaunlich behäbig und zurückhaltend. Da haben „Game Of Thrones“ oder „Tales From The Borderlands“ zu Beginn mehr geknallt. Dennoch muss ich einfach wissen, wie es weitergeht.


Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.