DIORAMA: Neues Album "Zero Soldier Army" erscheint am 9. September
Foto: Thomas Wuhrer

DIORAMA – Zero Soldier Army

von

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
9/10
Klang / Produktion
9/10
Kreativität
9/10
Verpackung / Artwork / Extras
6.5/10
Fan-Faktor
8/10
Umfang / Spieldauer
8/10
Gesang
8.5/10
Gesamteindruck
9/10
Total
8.4/10

„Even The Devil Doesn’t Care“ hieß das letzte DIORAMA-Album, das vor etwa dreieinhalb Jahren veröffentlicht wurde. Was war das seinerzeit doch für ein musikalischer Hochgenuss. Für den sich der Teufel am Ende vielleicht doch interessiert hat. Anders ist manchmal kaum zu erklären, warum nach wie vor Monat für Monat so unglaublich viel musikalischer Sondermüll veröffentlicht wird. Der Massengeschmack immer noch ein kleines bisschen weiter nach unten gezogen wird. Und eine Band wie Diorama noch immer als eine Art Ausnahmeerscheinung gegen Windmühlen ankämpft. Was für ein Glück, dass man sich nicht auf Gedeih und Verderb den teuflischen großen Labels und ihrem Ausstoß an Veröffentlichungen ergeben muss. Wer es gerne komplex mag und beim Hören ein bisschen gefordert werden möchte, der ist bei DIORAMA gut aufgehoben. Das galt wohl noch nie so sehr wie im Falle ihres neuen Albums „Zero Soldier Army“.

Der Definition nach ist ein Diorama meist ein Schaukasten, in dem bestimmte Szenen nachgestellt werden. Der Begriff leitet sich aus dem altgriechischen Wort dioráein ab und meint so viel wie hindurchsehen oder durchschauen. Wie sehr der Reutlingener Band die Wahl des Namens damit gelungen ist, wird mit jedem Album, das sie veröffentlichen, deutlicher. Im Prinzip nehmen sie Dinge des aktuellen Zeitgeschehens, schneiden sie quasi aus der Welt heraus, stecken sie in so einen Schaukasten – ein Diorama eben – und vertonen dann, was sie beobachtet haben. Vereinfacht ausgedrückt. Über das neue Album sagt Torben Wendt, Sänger der Band: „Die Songs sind in einer Zeit immer vertrackter werdender globaler Krisen bei gleichzeitigem Erstarken zunehmend fanatischer Nationalismen und anderer Wahnvorstellungen entstanden. Der Fassungslosigkeit angesichts des Fiaskos, auf das wir langsam aber sicher hinsteuern, wollten wir einen Begriff entgegensetzen, der gleichzeitig Wehrlosigkeit und Wehrhaftigkeit verkörpert – die ZERO SOLDIER ARMY. Wir haben keine Waffen. Aber wir haben Liebe, Freiheit und Musik. Und Gin“. Manchmal kann man wirklich nur noch fassungslos auf das gucken, was in dieser Welt passiert. Dass es angesichts dieser Umstände nicht angezeigt ist, ein belangloses Pop-Album zu machen, liegt auf der Hand. Aber das ist von Diorama ohnehin nicht zu erwarten. Für wen Diorama bislang eine Eintrittskarte in schwelgerische Träumereien war – angesichts von Balladen wie „Belle“ oder „Das Meer“ auch irgendwie verständlich – der wird sich bei „Zero Soldier Army“ aber vermutlich erstaunt die Ohren reiben.

Foto: Nicole Bringer / Nicole Bringer Photography / AVALOST
Foto: Nicole Bringer / Nicole Bringer Photography / AVALOST

Den Titeltrack liefern Diorama direkt zu Beginn – und gestalten damit schon den Einstieg schwierig. Eher ruhig, schwer und bedrückend startet „ZSA“ und mischt in den ersten drei Minuten pulsierende Elektronik mit wimmernden Streichern, die von Torbens markanter Stimme umgarnt werden. Nur um sich in den letzten drei Minuten doch noch elektrisch zu entladen. Schwermut, Bitterkeit, vielleicht Verzweiflung- Begleiter, mit denen wir es neben Wut und Aggression das ganze Album über zu tun haben werden. Fire! Reload! Broadsides from the ghost ships! Das Ding muss erst mal sacken.

Seit ein paar Alben schon machen es Diorama ihren Hörern immer noch ein bisschen schwieriger, den Zugang zu finden. Oder halt, nein, das trifft es nicht ganz. Besser wäre: mit ihren komplexen Songs sperren sie Hörer aus, die nicht bereit sind, die Mühe und die Aufmerksamkeit zu investieren, die ein Album – „Zero Soldier Army“ in diesem Fall – nicht nur erfordert, sondern vor allem verdient. Schließlich haben die Herren Diorama auch größte Sorgfalt und Mühe investiert, knapp 70 Minuten außergewöhnlich spannender Songs zu erschaffen. Die, wenn man den Fuß in die Türe bekommen hat, den Aufwand mit einer Detailtiefe belohnen, dass man nur noch staunend vor der Boxen klebt und jeden einzelnen Ton förmlich herausziehen möchte.

Danach wird es so viel freundlicher – glaubt man. „Off“ fängt mit sanften, freundlichen Tönen an, die beinahe aus einem 80er-Jahre-Wave-Song entstammen könnten und verwandelt sich dann ganz schnell in ein elektronisch knarzenden Stampfer. Hier schimmert das erste Mal die oben erwähnte Wut durch, wenn zwischen der fast poppigen Eingängigkeit im Refrain immer jemand brüllt you will burn oder let them burn! Aber hey – don’t be concerned, the power is off. Das nachfolgende „Defcon“ ist von allen der zwölf neuen Songs dieses Albums wohl das, welches sich in jeder Hinsicht wie ein typischer Diorama-Song anfühlt. Der Refrain, der Beat, die musikalische Gestaltung – das wirkt so vertraut, so heimelig, dass es wirklich nicht schwer fällt, es sich quasi in diesem Song bequem zu machen. Es ist das einzige Zugeständnis dieser Art, dass Diorama hier den Hörern machen, die in punkto Eingängigkeit noch auf der „A Different Life“-Stufe und somit im Jahr 2007 (oder gar noch davor) stehengeblieben sind. Auf wen das zutrifft und wer sich hier nicht abholen lässt, wird vermutlich künftig noch weniger Gelegenheit dazu haben. Schließlich folgen die Reutlingener seit Jahren schon einem Kurs, der ihre Musik immer ernsthafter wirken lässt und immer weniger auf pure Unterhaltung getrimmt. Als würden sie ihre Hörer stets erneut auf die Probe stellen wollen.

Foto: Roman Jasiek / AVALOST
Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Zurück zum Album. Mit „Smolik“ liefern Diorama den bisher aggressivsten und gleichzeitig einen ihrer besten Songs überhaupt ab. Für Diorama-Verhältnisse schon ziemlich harte Gitarrenriffs werden dem Hörer zusammen mit unbequemer Elektronik vor den Latz geballert, zudem bietet der Inhalt abermals einiges an Brisanz. In den Refrains zählt die Band Verbots- und Warnhinweise aller Art auf, wie sie uns jeden Tag überall auf der Welt begegnen. Warnung vor dem Hunde, runter mit dem Tempo, kein Alkohol an Minderjährige, Vorsicht Hochspannung, Betreten des Rasens verboten, genauso das Berühren des Monuments – die Liste der Neuzeitgebote, mit der wir vermeintlich geschützt werden sollen, ist so unfassbar lang. Wie kann es da also sein, dass wir dennoch alles tun, um diese eine Welt die wir haben, so konsequent zu verheizen? Klimawandel, maßloses Verschwenden natürlicher Rohstoffe und das mehr, als die Erde liefern kann, Fracking, Kriege, Terror – die Liste, mit der wir unseren nachfolgenden Generationen mit jedem Tag das Leben hier schwerer machen, ist fast noch länger. But what about the unborn / alien under your skin fragen Diorama hier. Nein, eigentlich fragen sie nicht, es ist eine eher eine wütende Anklage, ein Anprangern einer seltsamen Doppelmoral. Wasser predigen, aber Wein saufen. Da ist das gewählte musikalische Korsett nur konsequent. Dass es mich kurz an KMFDM denken lässt, ist sicher kein Zufall. Die Industrial-Rocker, stets auch um gesellschaftskritische Äußerungen nie verlegen, hätten es nicht besser hinbekommen können. Es ist ein Beispiel für das Erreichen des selbst gesteckten Ziels, aber nicht das einzige.

Reality Show“ ist ein weiteres. You only talk about feelings without having them. Zu elektronischen, durchaus tanzbaren Beats mit weitläufigen Synthie-Flächen im Hintergrund halten Diorama eine Beobachtung fest, die wir alle immer zu machen können. Alles ist gestellt, nichts ist mehr wahr, wir sind nur noch Selbstdarsteller. Wäre der Mensch ein Gewässer, so wäre er bis vor wenigen Jahren noch ein See gewesen, klein und tief. Der moderne Mensch jedoch, er wird immer mehr zu einem Ozean – mit einer Wassertiefe von einem Zentimeter. Da ist einfach oft nichts mehr, was unter der Oberfläche wartet. Die, die es begriffen haben, leiden manchmal unter dieser Erkenntnis. Die anderen nicht. Die feiern dann den totalen Abriss im „Amnesia Club“. Übrigens die nächste Wucht in Tüten auf diesem Album. Nicht nur dem Namen nach ein Tanzflächenfüller. Kann mir auch vorstellen, dass diese Nummer live bestens funktioniert. Hey – HEY! – where’s the party? / You – YOU! are you with me? / Hey – HEY! where’s the party? / Here – HERE! – here we go again! Nee, da gehört wirklich nicht allzu viel Fantasie dazu sich auszumalen, wie bei einem Konzert dieser Refrain aus hunderten Kehlen mitgebrüllt wird.

Foto: Roman Jasiek / AVALOST
Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Insgesamt betrachtet hat „Zero Soldier Army“, das sich stilistisch wie gehabt zwischen Dark Wave und Düster-Electro positioniert, nicht nur deutlich mehr Tempo als der Vorgänger „Even The Devil Doesn’t Care“, es wirkt auch insgesamt wütender, aggressiver und manchmal verzweifelter. Da Diorama ihre Inspiration hier wie erwähnt aus globalen Krisen, gefährlichen Nationalismen und anderen, ähnlichen Abgründen gezogen haben, ist dies aber auch kein Wunder. Mit jedem Tag, der vergeht, wird es eben immer schwerer, auf diese Welt zu blicken und dabei nicht vollkommen zu verzweifeln. Ein Album, dass thematisch so manchen Missstand beackert, kann halt kein gefälliger Gute-Laune-Pop werden. Zudem: seit einigen Jahren scheinen sich Diorama immer weniger darum zu scheren, ob und wenn ja wie eingängig und ohrschmeichelnd ihre Musik ist. Album Nummer neun ist abermals ein bisschen sperrig, ein bisschen experimentell, in seinen Arrangements detailverliebt wie nie zuvor und ein ganz schön komplexer Brocken. Mal eben nebenbei hören ist nicht. Über Sinn und Unsinn der Unterteilung in ernste Musik und Unterhaltungsmusik wird gerne debattiert. In der Szene, in der sich Diorama bewegen, sind sie der puren Unterhaltung jedenfalls schon lange entwachsen. Dafür sind ihre Alben von mal zu mal immer noch ein bisschen kopflastiger, was den Inhalt angeht und immer noch ein bisschen vertrackter, was die musikalische Ausgestaltung anbelangt. Aber wer sagt denn, dass man nicht auch mit ernster Musik Spaß haben kann?


Fazit: Seit ein paar Alben schon machen es Diorama ihren Hörern immer noch ein bisschen schwieriger, den Zugang zu finden. Oder halt, nein, das trifft es nicht ganz. Besser wäre: mit ihren komplexen Songs sperren sie Hörer aus, die nicht bereit sind, die Mühe und die Aufmerksamkeit zu investieren, die ein Album – „Zero Soldier Army“ in diesem Fall – nicht nur erfordert, sondern vor allem verdient. Schließlich haben die Herren Diorama auch größte Sorgfalt und Mühe investiert, knapp 70 Minuten außergewöhnlich spannender Songs zu erschaffen. Die, wenn man den Fuß in die Türe bekommen hat, den Aufwand mit einer Detailtiefe belohnen, dass man nur noch staunend vor der Boxen klebt und jeden einzelnen Ton förmlich herausziehen möchte. Darüber hinaus sind es abermals Texte, die direkt den und im Kern treffen. „Zero Soldier Army“ ist nicht das eingängigste Album Dioramas geworden. Ich bezweifle aber, dass die Herren darauf besonderen Wert gelegt haben. Es ist dafür das, welches den Finger bisher am tiefsten in diverse Wunden drückt und so nachhaltig Eindruck schafft. Manchmal wie ein Koloss, der seine Hörer einfach über den Haufen rennt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Wir sollten so langsam mal darüber nachdenken, ob Diorama nicht nur der Begriff für Schaukästen ist, die uns die Welt erklären sollen, sondern gleichzeitig für ein ganz eigenes Musikgenre steht. Ganz fantastische Arbeit, meine Herren!


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Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.