Portrait von Kovacs in schwarzweiß. Sie trägt einen Fellmantel und richtet sich gerade den Kragen. Den Kopf hat sie zur rechten Seite gedreht.
Foto: Robert Winter

Musikvorstellung: Kovacs – Shades Of Black

Weiße Frau mit überraschend schwarzer Stimme

Von wirklich guten Alben rede ich immer dann gerne, wenn es das betreffende Werk schafft, einen Film in meinem Kopf abzuspielen. Ganz gleich, ob das vielleicht vom Künstler aufgrund eines inhaltlichen Konzepts so gewollt ist oder nicht. Mit steigendem Musikkonsum steigt jedoch nicht automatisch die Zahl der Alben, die diesen Effekt erzielen. Ganz im Gegenteil, gefühlt wird das sogar weniger. Dabei gibt es in diesem Zusammenhang doch nichts Schöneres, als sich ganz der Musik hinzugeben, darin zu versinken und die gebotene Mucke als Soundtrack für das eigene Kopfkino zu nehmen. Welt aus, Musik an sozusagen. Eines dieser Alben, die dieses Kunststück vollbringen, ist das Debütalbum von Kovacs. „Shades Of Black“ heißt es. Ein wahrer Wohlgenuss und ein höchst willkommener Gegenentwurf zu dem ganzen seelenlosen Mist, der zuletzt als das nächste große Ding angekündigt wurde. Werte Lesende, ich darf kurz vorstellen: eine entzückende, musikalische Großtat für Genussmenschen.

Vielleicht erinnert Ihr Euch. Bereits im August des letzten Jahres durfte ich Euch erstmals von der zierlichen Niederländerin mit dem modischen Kurzhaarschnitt und der beeindruckend dunklen Stimme erzählen. Damals ging es um die „My Love“-EP, die dann doch irgendwie nicht so richtig den Weg in unser Ländle gefunden hat. Warum auch immer. Der Einfachheit halber zitiere ich mich an dieser Stelle kurz aus besagter Review:

„Manche Gesangslehrer wussten nicht, was sie mit mir anstellen sollten.“ (Sharon Kovacs)

Sharon Kovacs ist gerade Mitte 20 und stammt aus den Niederlanden. Über ihren Weg zur Musik heißt es, sie habe schon gesungen, noch bevor sie so richtig sprechen konnte. Dieser Weg führte sie im Teenager-Alter von Schulbands zu Talentshows. Doch so richtig Fuß fassen konnte sie damals noch nicht. Nicht immer ist der Weg in die Musikindustrie im Alleingang von Erfolg gekrönt. Nach ihrem Schulabschluss kellnerte sie in verschiedenen Bars und Clubs, wo sie an den dort veranstalteten Open-Mic-Abenden teilnahm. Dem Publikum dort schien gefallen zu haben, was es dort hörte. Man gab ihr den Tipp, sich für ein Studium am Rock City Institute in Eindhoven einzuschreiben. Beim Bewerbungsvorsingen reichten der jungen Frau zwei Songs, um sofort akzeptiert zu werden. Auch wenn sie ihre Lehrer fortan manches Mal vor eine Herausforderung stellen sollte. „Manche Gesangslehrer wussten nicht, was sie mit mir anstellen sollten. Einmal empfohlen sie mir sogar, aufzuhören und irgendwas anderes zu tun. Ihnen zufolge nutzte ich meine Stimme auf eine falsche Weise. Aber so bin ich, ich kann nicht anders singen“, erinnert sie sich. War es früher noch MySpace, mit dem junge Musiker auf sich aufmerksam machen und in Kontakt mit Entscheidungsträger*innen und Produzent*innen der Industrie treten konnten, so ist es heute wenig überraschend Facebook. Und so nutzte auch Sharon Kovacs die Möglichkeiten von Zuckerbergs sozialem Netzwerk, um mit dem Produzenten Oscar Holleman in Kontakt zu treten. Holleman war unter anderem bereits für Within Temptation, After Forever und Gorefest tätig. Sie schickte ihm einen Link zu ihrer Musik. „Normalerweise höre ich mir solche Links nicht an“, sagt Holleman, „aber ich war gelangweilt und saß nur herum. Sobald ich die ersten Worte hörte, war ich wie weggeblasen! Es klang zu gut, deshalb rief ich Sharon an und fragte sie, wer dort sänge. ‚Das bin ich‘ sagte sie. Als wir uns dann trafen, sah sie komplett anders aus, als ich sie mir vorgestellt hatte. Obwohl ihre Stimme schwarz klingt, stand dort ein weißes Mädchen mit rasiertem Kopf vor mir. Ich war fasziniert, also fingen wir an, zusammenzuarbeiten.“

I am no angel / No, I’m hard to handle (aus He Talks That Shit)

Dieses Gefühl der Überraschung wird nachvollziehen und nachempfinden können, wer Kovacs faszinierender Debüt-EP „My Love“ das erste Mal Gehör verschafft. Gerade und ganz besonders das Titelstück ist mit „sensationell“ noch viel zu schwach umschrieben. Da ist diese kleine Lady, wo äußere Erscheinung und diese wunderbar dunkle, manchmal sogar an Marla Glen oder Nina Simone erinnernde Stimme nicht so recht in Einklang zu bringen sind. Da sind diese tollen Arrangements, die ein wenig an die James-Bond-Titelsongs einer Shirley Bassey erinnern. Und dann sind da nicht zuletzt die Texte, in denen die 24-jährige Sängerin kein Blatt vor den Mund nimmt. Aber wie sie in „He Talks That Shit“ so treffend singt: I am no angel / No, I’m hard to handle.

So, genug zitiert. Nun also ein ganzes Album. Endlich, möchte man sagen. Spätestens, nachdem man es gehört hat. Die Assoziation zu James Bond-Titelsongs der 60er-Jahre ist mir mittlerweile zu einfach. Noch immer empfinde ich ihre Stimme und Musik als eine aufregende Mischung aus Marla Glen, Shirley Bassey und Nina Simone. Was dieses Album für mich aber zu einem echten Glanzstück im diesjährigen Veröffentlichungszirkus macht, sind die Geschichten, die es in meinem Kopf hervorruft.

Ein Beispiel: Ich fühle mich ins letzte Jahrhundert zurückversetzt. In die späten 40er, die frühen 50er Jahre. In die Zeit der leichten Mädchen und der schweren Jungs. Die Zeit, kurz bevor Sinatra und sein Ratpack die Szenerie beherrschen können. Wann immer ich mich diesem Album hingeben kann, bin ich plötzlich mittendrin in einem zwielichtigen Etablissement, wo die Hutkrempen lang und die Schatten noch länger sind. Rauchschwaden schwängern die Luft und Whiskey lockert die Stimmung. Eine anrüchige Atmosphäre umringt mich. Ich hocke allein an der Bar, die Schuhe glänzen und die Gamaschen sitzen perfekt. Hut und Anzug sowieso. Und dann taucht sie auf. Eine Lichtgestalt. Sie betritt die Bühne, nimmt jeden Anwesenden sofort für sich gefangen mit ihrer Stimme. Auch mich. Gebannt lausche ich dem Wohlklang ihres Gesangs, vergesse Zeit und Raum um mich herum. Die Zigarette brennt unmotiviert in meiner Hand herunter. In dem Moment, in dem ich die Szenerie wieder bewusst wahrnehme, sitzt sie neben mir an der Bar. Ihr süßes Parfum vernebelt mir die Sinne. Sie zieht an ihrer Zigarette, selbstverständlich mit langem Handschuh und Zigarettenspitzel und schaut mich gleichzeitig leicht amüsiert und unverwandt an. Ihr Blick kann alles und nichts bedeuten. Die Nacht ist noch jung. Ich proste ihr zu. Sie zieht an ihrer Zigarette und bläst mir den Rauch ins Gesicht, beugt sich zu mir herüber und flüstert mir lasziv ins Ohr: vorsicht, Kleiner – verbrenn dir nicht die Finger. Dann lehnt sie sich zurück, steht auf. Geht ein paar Schritte, dreht sich um und zwinkert mir zu. Ich lächle. Und schon verschwindet sie, umringt von Hutträgern, die wirken, als könnten sie mich unangespitzt in den Boden rammen, irgendwo in der Nacht …

Bämm! Und schon bin ich zurück in der Wirklichkeit. Warum? Die 12 Tracks dieses Albums sind vorbei und ich muss mich beeilen, die Wiedergabe erneut zu starten, um möglichst rasch wieder in diese eigentümliche Welt abtauchen zu können. Ihr seht schon: Kovacs Debütalbum ist hochgradig bildgewaltig. Klar, ihre famose Stimme hat einen großen Anteil daran. Aber es ist auch die musikalische Ausgestaltung, die dem Gesang den perfekten Rahmen bietet.

Ob es die „Schneebesen“ sind (wie etwa in „50 Shades Of Black“), die stimmungsvollen Streicher („My Love“, „Night Of The Nights“), die schwere, blecherne Trompete („Wolf In Cheap Clothes“) – Sharon Kovacs und ihre Musikerkollegen haben es auf meisterliche Weise verstanden, den Retro-Sound der 50er und 60er zu entstauben und in die Neuzeit zu holen. Jazz-Pop für die Moderne. Stimmungsvoll ist hier überhaupt das Wort der Stunde. Nicht ein Track dieses Albums hätte dieses Prädikat nicht verdient. Und damit vollbringt Kovacs das Kunststück, nicht wie viele andere Debütantinnen auf klebrigen Plastikpop, der wie am Reißbrett entworfen scheint, zu setzen. Stattdessen ist sie der ungeschliffene Diamant, roh und viel faszinierender als so vieles, was zuletzt in der Industrie zutage gefördert wurde. Dass sie aber stimmlich auch noch ganz anders kann, als die toughe Femme fatale heraushängen zu lassen, das zeigt Sharon Kovacs auf „Sweet Symphony“. Eine wunderhübsche Ballade, vornehmlich von Akustikgitarre und Klavier getragen, singt sie ihren Text hier in viel höheren Tonlagen als auf dem Rest des Albums. Und wirkt dabei so zart, so zerbrechlich, dass man ihr Tee, Kekse, eine Kuscheldecke und einen Platz am Kamin anbieten möchte, über den Kopf streicheln und sagen: Alles wird gut. Hochgradig beachtlich ist es, dieses Debüt, und von Sharon Kovacs dürfen wir künftig wohl noch so einiges erwarten!

In den vergangenen Monaten haben mir Promoter*innen so einige Newcomer*innen zugesteckt und mir erklärt, es handele sich hierbei um das heißeste Eisen im Pop-Business. Eins wie das andere ging mir dabei meist bis zur Belastungsgrenze auf den Saque. Mit Graus und Schrecken denke ich da beispielsweise an Tove Lo oder oder Charli XCX mit ihrem lauten, überkandidelten Plastikpop zurück. Kovacs ist der Gegenentwurf dazu. Musikalisch eine ganz andere Richtung, stimmlich eine ganz andere Liga. Die einen wirken künstlich, die andere authentisch. Etepetete versus Whiskey and Fun. Müsste ich mich entscheiden, ich wüsste, mit wem ich lieber was trinken gehen würde. Mit der kleinen weißen Frau mit der umwerfenden schwarzen Stimme nämlich. In einer Zeit, in der Pop-Musik oft so austauschbar, so beliebig daherkommt, ist sie ein Unikat. Ich bin begeistert. Aber ich glaube, das habt Ihr mitbekommen.

Cover des Albums Shades of Black von Kovacs.
Erscheinungsdatum
3. April 2015
Band / Künstler*in
Kovacs
Album
Shades Of Black
Label
Warner Music
Unsere Wertung
8.6
Fazit
In den vergangenen Monaten haben mir Promoter*innen so einige Newcomer*innen zugesteckt und mir erklärt, es handele sich hierbei um das heißeste Eisen im Pop-Business. Eins wie das andere ging mir dabei meist bis zur Belastungsgrenze auf den Saque. Mit Graus und Schrecken denke ich da beispielsweise an Tove Lo oder oder Charli XCX mit ihrem lauten, überkandidelten Plastikpop zurück. Kovacs ist der Gegenentwurf dazu. Musikalisch eine ganz andere Richtung, stimmlich eine ganz andere Liga. Die einen wirken künstlich, die andere authentisch. Etepetete versus Whiskey and Fun. Müsste ich mich entscheiden, ich wüsste, mit wem ich lieber was trinken gehen würde. Mit der kleinen weißen Frau mit der umwerfenden schwarzen Stimme nämlich. In einer Zeit, in der Pop-Musik oft so austauschbar, so beliebig daherkommt, ist sie ein Unikat
Inhalt / Konzept
8
Texte
8.5
Gesang
9
Produktion
9
Umfang
8
Gesamteindruck
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
Pro
Kontra
8.6
Wertung
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