ASPGothic RockMusikMusik-ReviewSpotlightASP – Verfallen Folge 1: Astoria (Limited 2CD Edition)

Michael Kanzler24. Oktober 20154621 minFoto: Joachim Luetke

Jedes Mal, wenn ich ein neues ASP-Album höre, frage ich mich, ob die traditionelle Unterscheidung zwischen E- und U-Musik überhaupt noch zeitgemäß ist. Denn nach den Definitionen der Musik-Lexika haben wir es mit unterhaltender Musik zu tun, die sich durch ihre Kommerzialität und Popularität von der “ernsten” oder auch Kunstmusik unterscheidet. Sicher ist der Gothic-Novel-Rock von ASP unterhaltsam, doch gelingt es Alex Spreng seit nun mehr 16 Jahren, seine Zuhörer auf die kunstvollste aller Weisen in die von ihm beschriebenen Welten zu entführen. Auch die besungenen Themen entbehren selten einer Ernsthaftigkeit, weshalb ich für mich zu dem Entschluss komme, dass ASP sehr wohl für meine Auffassung von moderner E-Musik steht.

So, nun genug ‚abgeschwiffen’. Gemeinsam mit dem preisgekrönten Autor Kai Meyer unterbricht ASP den „Fremder“-Zyklus für den Zweiteiler „Verfallen“, dessen Debüt „VERFALLEN – FOLGE 1: ASTORIA“ seit 16. Oktober erhältlich ist. Meyers bis dato noch unveröffentlichte Kurzgeschichte „Das Fleisch der Vielen“ liefert die inspirierende Vorlage für ASPs gruseliges Konzeptalbum und ist auf 37 Seiten im Booklet der Limited Edition exklusiv abgedruckt. Überhaupt ist das Artwork der limitierten 2CD Edition wieder einmal ein echter Hingucker. Das hübsche Hardcover-Buch im Querformat misst beinahe 20 cm in der Breite, über 14 cm in der Höhe und ist mit zahlreichen Zeichnungen und Fotografien von Joachim Luetke geschmückt, der bereits mit Marilyn Manson, Sopor Aeternus und Dimmu Borgir gearbeitet hat. Die Illustrationen geben der Geschichte und dem Album einen weiteren schaurig, gruseligen Rahmen. Die limitierte Ausgabe enthält neben der 13 Titel umfassenden “Folge 1: Astoria“-CD außerdem noch eine Bonus-CD, auf der sich Live-Mitschnitte von Auszügen Meyers Lesung, sowie zwei ASP-Titel vom M’era Luna 2013 befinden.

Hören wir mal schnell rein, oder lesen wir zu erst die Geschichte? Nun, ich habe zu aller erst das Album gehört. Darin entführt uns der Protagonist in das Leipzig kurz nach dem ersten Weltkrieg (1919 heisst es in einem Liedtext) und erzählt von den schaurigen Vorgängen im Hotel Astoria. Doch immer der Reihe nach.

Den Anfang auf dem Album macht „Himmel und Hölle (Kreuzweg)“, gemeint ist das Kinder-Hüpfspiel. Vielleicht steht es als Metapher für die Pläne des Protagonisten, seinen bisher eingeschlagenen Weg zu verlassen. „Vorsicht! Kreuzweg!“ mahnt eine Textzeile. Vielleicht spielt auch mehr die Regel, die mit Kreide auf den Bürgersteig gemalten Hüppe-Kästchen mit den Füßen nicht zu berühren, die wichtigere Rolle, denn an einer Stelle heisst es da „Es gibt keine Schritte ohne Konsequenzen“. Der Song beginnt mit zartem Nylon-String-Gitarren-Spiel oder auch Harfe, welche dann der harten E-Gitarre, Bass und Schlagzeug weichen. Ein temporeicher Auftakt und plötzlich steckt der Zuhörer mitten in … ja, in was eigentlich? Song, Erzählung, Hörspiel? In etwas ganz großem und spannendem allemal, in einer Gothic-Rock-Novelle. Der Erzähler scheint entschlossen und doch noch etwas zerrissen, er steht an einem Wendepunkt, versucht letzten Endes, sich selbst zu überreden: „Spring!“ – Schon nach dem ersten Titel wird deutlich, dass das kein Album zum „mal eben durchhören“ ist, diese Geschichte will verschlungen werden. Meine eigene Zerrissenheit breitet sich plötzlich aus, nachdem ich die Geschichte gelesen habe und den Song noch einmal höre. Alles ergibt einen vollkommen anderen Sinn und „Spring!“ steht vielleicht nicht für den Anfang, sondern das Ende für etwas…? Ich bin verwirrt und fasziniert.

Ich möchte nicht weiter ‚spoilern‘, weil ich glaube, dass ihr mit dem Album eure eigenen Erlebnisse haben solltet. Deshalb fasse ich mich von nun an kurz, was mir nicht leicht fallen wird.

Der Song „Mach’s gut, Berlin!“ beginnt als Piano-Ballade, die sich nach und nach dann doch zu einer Rockballade entwickelt, die sicher live auf der Bühne auch sehr gut wirkt. Der Protagonist besingt seinen Abschied von der Stadt, die ihm kein Glück brachte. Er trägt dabei die Kleider eines anderen. Ob sie ihm freiwillig überlassen wurden?

Es folgt eine fröhliche Zugfahrt mit Akkordeon und Streichern. „Zwischentöne: Ich nenne mich Paul“ heisst der Song, in dem eine Snaredrum mit ihrem Rhythmus das Stampfen einer Dampflokomotive imitiert. Paul heisst der Protagonist also, der diese Zwischentöne jeweils nutzt, um die Rahmenhandlung zu erzählen. In diesem Fall von den Beobachtungen auf der heiteren Zugfahrt und von seinen Plänen im „neuen Leben“, so voller Vorfreude. Nachdem der Zug im Bahnhof Leipzig hält und Paul das Bahnhofsgebäude verlässt, beschreibt er in „Zwischentöne: Baukörper“, die Szenerie vor dem Hotel Astoria, dessen Anblick ihn so vollkommen in den Bann zieht. Im Vordergrund der Zwischentöne steht der Text der Geschichte, die musikalisch sanft umgarnt wird.

Mit dem Titel „Begeistert (Ich bin unsichtbar)“ verhält es sich da ganz anders. Der Song erinnert mich musikalisch ein wenig an „Wechselbalg“ vom Album „Fremd“ aus dem Jahr 2011. Ein rasanter Metal-Song, der auch elektronische Einflüsse beinhaltet und so metaphorisch ein wenig zwischen den Welten steht. Das findet sich auch in den Lyrics wieder, denn Paul beschreibt etwas oder jemanden, der womöglich nur für ihn real zu sein scheint.

Gleich darauf folgt erneut musikalisch ein Bruch. Mit „Zwischentöne: Lift“ gibt ASP einen Tango in klassischer Instrumentierung zum Besten und brilliert mit Gesang im Stil der Berliner Operette, die in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt hatte. Paul schwärmt von einer unbekannten Schönheit, die ihm häufig im Hotel begegnet. Man kann seine Euphorie beinahe spüren.

Gerade war ich von der Vielseitigkeit des Albums überwältigt, da beginnt auch schon „Astoria verfallen“, eine Rock-Novelle mit einer sehr aufwändigen Gesangslinie. Das Loblied auf Astoria, den „schönsten Stern von allen“, überflügelt gesanglich „Begeistert (Ich bin unsichtbar)“ noch einmal und stellt den Höhepunkt des Albums dar. Textlich spielt der Song, der sicher auf ASP-Konzerten nicht fehlen wird, eine große Rolle, besingt Paul doch selbst, dass er Astoria verfallen ist. Mhh, ich fange schon selbst an, sie zu personifizieren. Sie? Es? Also ich meine das Hotel Astoria, um das es ja in „Verfallen Folge 1: Astoria“ geht. Puh, da kann einem schon ein Schauer über den Rücken laufen. Schnell weiter machen sagt ihr? Habt ihr eine Ahnung.

Mit der Rock-Nummer „Souvenir, Souvenir“ offenbart Paul das Ausmaß seines Wahnes, in welchem er Astoria grausige Opfergaben beschert. Nur eine kleine Textzeile geb ich mal Preis, um nicht zu viel vorweg zu nehmen: „…ein kleiner Teil von dir wird bei uns bleiben…“. Der Song gibt, wie schon „Astoria verfallen“, viel von der Geschichte Preis und ist doch so arrangiert, dass er eigenständig auf einem ASP-Konzert gespielt werden kann. Es wird kein Halten geben, denn der Dance-Track lädt trotz makaberer Geschichte schon sehr zum Feiern ein.

Nach „Souvenir, Souvenir“ folgt ein von ASP gelesener Text. “Zwischentöne: Blank” unterscheidet sich von den übrigen Zwischentönen dadurch, dass dieser Text sich nicht reimt, sondern als dramaturgisches Stilmittel im Blankvers geschrieben ist. Bereits Lessing, Goethe und Schiller verwendeten dieses Versmaß in ihren Dramen. Auch Pauls Situation gleicht einem Drama. Er beschreibt in einer schaurig bildlichen Sprache, wie er Nacht für Nacht tiefer in den Bann von Astoria gezogen wird. Nahtlos fügt sich an die “Zwischentöne: Blank” der nahezu 10 minütige Titel “Dro[eh]nen aus dem rostigen Kellerherzen” an. Paul beschreibt seine Beobachtungen auf dem Weg immer tiefer in den Keller des Astoria, begleitet wird er von bombastischen Doom-Metal-Gitarren. ASP erschaffen einen riesigen Klangraum, der ein wenig an eine riesige Angst-Kathedrale erinnert (da war doch mal was ?). Textlich, wie musikalisch werden die Bilder ausgeschmückt, die ich schon beim lesen der Kai Meyer-Geschichte in meinem Kopf zu zeichnen begann. Ein beklommenes Gefühl breitet sich in mir aus und Mitleid mit Paul.

Zum Glück trägt der nächste Titel „Alles, nur das nicht!“ wenigstens musikalisch dazu bei, mir diese Beklommenheit zu nehmen. Eine liebevoll arrangierte Ballade mit akustischer Gitarre, Streichern, die sich langsam zu einer Rock-Ballade mit E-Gitarren und grandiosen Drums steigert. Die Lyrics zu „Alles, nur das nicht!“ stehen stark im Kontrast zur Musik, denn Paul realisiert seine ausweglose Situation und Astoria fordert immer größere Opfer. Paul, der nach innerer Zerrissenheit Astoria vollends hörig ist, ergibt sich ihren Forderungen, von denen ASP im nächsten Titel singt, verzeiht, Paul im nächsten Titel erzählt.

Loreley“ lässt Paul das letzte Tabu brechen. In seiner Realität fordert Astoria als Opfergabe das Leben der Tänzerin Hannelore. Der Song beginnt als Goth-Rock-Ballade mit getragenen verzerrten E-Gitarren. Mit dem Todeskampf um Hannelore, die sich Loreley nennt, wechselt der Song in einen leidenschaftlichen Tango, der treffend die Gier und Aggression Pauls, doch auch Hannelores schmerzvollen Todeskampf umspielt. Nachdem ihr Leben ausgehaucht ist, vollzieht der Song musikalisch wieder eine Wende zur seichten Ballade und einem ruhigen Abschluss des Albums „Verfallen Folge 1: Astoria“. Moment, da ist doch noch „Fortsetzung folgt…1“…

Richtig, der letzt Titel auf dem Album ist „Fortsetzung folgt…1“, wobei doch die Handlung des ersten Teils der akustischen Gothic Novel „Verfallen Folge 1: Astoria“ mit „Loreley“ endet. Der Gothic-Rock-Song „Fortsetzung folgt…1“ hätte auch ebenso passend ‚Ode an die schönen Menschen‘ heissen können, denn es handelt sich dabei um ASPs musikalische Verneigung vor seinen Fans. Dabei durchstreift er viele seiner Songs der letzten 15 Jahre, die mit Zitaten den Weg in „Fortsetzung folgt…1“ finden. Ich musste dabei sehr schmunzeln, erinnert mich der Text ein wenig an einen Kommentar, den ich Ende September letztes Jahr verfasst habe, um mich in eben einem solchen Streifzug durch 15 Jahre ASP – Historie bei selbigem für all’ die vielen schönen Jahre mit seiner Musik zu bedanken. Ich glaube der Kommentar findet sich noch in einer Review zu „Per Aspera Ad Aspara“. Wie dem auch sei, „Fortsetzung folgt…1“ deutet natürlich auch darauf hin, dass wir ASP spätestens in „Verfallen Folge 2: Fassaden“ wieder hören werden.

Zur Bonus-CD habe ich mich eingangs schon geäußert. Sie enthält zwei Auszüge aus Kai Meyers Lesungen vom M’era Luna 2013, Teil 1 (Arkadien) und Teil 2 (Die Alchimistin). Außerdem die Live-Mitschnitte von „Die Löcher in der Menge“ und „Die Gabe“ von ASPs Auftritt auf dem Festival in Hildesheim.


Fazit: Wow, „Verfallen Folge 1: Astoria“ in der Limited 2CD Edition ist ein mehrdimensionales Klang-Bild-Text-Kunstwerk. Immer wieder ertappe ich mich selbst dabei, Astoria zu personifizieren. ASP ist es gelungen mit diesem Werk den Hörer sehr intensiv auf der Gefühlsebene zu fesseln, weil parallel so viele Sinne angesprochen werden. Das ist sie also, die Gothic Novel. Ich habe noch immer Gänsehaut. Musikalisch spielt sich diese Novel absolut melodisch zwischen Gothic-Rock und Metal ab, doch garnieren auch Anleihen aus dem Tango oder, im Kontrast dazu, Doom diesen spannenden Ohrenschmaus. Zeigte uns ASP einst, wie es klingt, als habe man die Einsamkeit vertont, so lehrt er uns nun das Gruseln. Und das bezieht sich lediglich auf die schaurige Story, denn musikalisch wird der Hörer auf höchstem Niveau unterhalten und so kann ASP mit Fug’ und Recht auf den nächsten Konzerten weiterhin „Denn ich bin dein Meister“ anstimmen. Apropos Konzerte, neben der langen und spannenden Geschicht, von der das Album „Verfallen Folge 1: Astoria“ erzählt, hält es eine Hand voll Festival-tauglicher Songs bereit. Für mich ist „Verfallen Folge 1: Astoria“ definitiv die persönlich aktuelle Nummer 1 der „AVALOST TOP 30“-Alben 2015 und das Jahr neigt sich schon dem Ende. Ende, ja stimmt, ich wollte mich kurz fassen. Dann verabschiede ich mich, noch immer von den musikalischen Eindrücken des Albums gerührt und den Texten sehr berührt, mit einem Dank an ASP für dieses Epos.


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Michael Kanzler

Michael Kanzler ist der Künstlername und das fiktive Hirngespinst von sideshowmick, in dessen Brust mehr als nur ein Herz für die Musik schlägt. Seine Affinität zur Technik auf der einen, der Spinnensinn des Skorpions auf der anderen Seite, machen seinen Musikgeschmack zum mentalen Himmelfahrtskommando. Zwischen Agonoize und Zentriert ins Antlitz entgeht seinen Ohren kein Goldkehlchen und wird gnadenlos aufs musikalische Sezierbrett genagelt.