Dark ElectroDark PopDear StrangeMusikMusik-ReviewDEAR STRANGE – Lonely Heroes

Patrick Frambach4. Dezember 20151210 minFoto: Alexa Vachon

Für geneigte Musikfans Synthesizer gestützter Ohrwürmer gibt es seinen neuen Leckerbissen aus unserer Hauptstadt. Seit dem 28. August 2015 ist das ungewöhnlich klangvolle Debütalbum „Lonely Heroes“ des Duos DEAR STRANGE zu bekommen. Der Electro-Gigant Out of Line hat die Band seinerzeit via Zufall auf YouTube gefunden und von da an gefördert. Damals stolperten Mitarbeiter des Labels über den ersten, selbst geschriebenen Werk Track „The Unicorn“, der nun auch das Debüt einleitet.

Dear Strange, das sind die beiden Künstler Dorian Electrique und der gebürtige Franzose und Wahlberliner Romain Frequency.  Ich schreibe bewusst Künstler, da der Begriff Musiker den beiden nicht ganz gerecht wird. Dorian E. verleiht dem Projekt ihre Stimme, während Romain Frequency mit seinem Gespür für kraftvolle und tragende Synthiesounds den Klangteppich dafür liefert.

Das Duo setzt seine „Instrumente“ so harmonisch ein, dass der Gesang und die Synthies zu gleichberechtigten Bestandteilen ihrer Kompositionen werden. Weniger ist oft mehr und auf „Lonely Heroes“ wird bewiesen, dass mit geschicktem Einsatz von Klängen Volumen generiert werden kann, ohne einen zu erschlagen. Dabei treiben die Sounds Dorians Gesang durch die einzelnen Songs, ohne sie dabei zu hetzen.

Mir ist aufgefallen, dass das Album so penibel und fokussiert abgemischt ist, dass sich die volle Wirkung der Kompositionen erst entfaltet, wenn man sie sich auf einer guten Anlage anhört oder wirklich gute Kopfhörer nutzt. Der Klangteppich wirkt nämlich teils leider nur, wenn man auch die tiefsten Frequenzen mit zur Geltung kommen lassen kann. Sicherlich ist das Kritik auf sehr hohem Niveau, sei aber als kleiner Tipp für die geneigten Leser und späteren Hörer gerne eingestreut.

Ich werde mich nachfolgend nicht zu allen Songs auslassen, da ich sie, mit minimalen Abstrichen, allesamt sehr gelungen finde. In den letzten Jahren ist es leider immer seltener geworden, dass sich Alben einfach komplett durchhören lassen. Oft klappt das nur beim ersten Mal und schon beim zweiten Durlauf fängt man an, die uninspirierten Füllwerke zu überspringen. „Lonely Heroes“ bildet da eine willkommene Ausnahme. Mancher Hörer könnte eventuell zu dem Schluss kommen, dass sich einige Lieder sehr ähnlich anhören. Die konsequente Umsetzen des Konzeptes von Dear Strange macht aber Sinn. Es verleiht dem Album eine selten zu hörende Konsistenz.

Ich habe mir vier Songs als Beispiele ausgesucht, die ich Euch vorstellen möchte.

The Unicorn:
Ein monumentaler Teppich aus synthetischem Klang führt in das erste Stück und somit in das Album ein. Dieser schiebt sich aber schon nach wenigen Sekunden in den Hintergrund, um Dorian E. den Einstieg zu erlauben. Eine leicht verzehrte, eher rauchige Samtstimme beginnt sich langsam ins Bewusstsein zu drängen. Keine Angst, das macht sie sehr sanft und schmerzlos. Nach diesem Einstand beginnen sich die „Instrumente“ – Stimme und Synthies – zu ergänzen und führen durch einen wunderbar tragenden Song. Wir hören hier auch ein Instrument, das eher zu den Ausnahmen gehört. Soundtüftler Romain Frequency schafft es, ein Theremin in den Song ein zu bauen – und das so wunderbar unauffällig und dennoch passend, dass ich hoffe, es auch an anderer Stelle wieder zu hören. Toller Einstieg in das folgende Album. Damit wird schon verständlich, warum Out Of Line auf das Duo aufmerksam geworden ist.

I Can See Through This:
Versteckt Euch nicht hinter Masken, denn das Teufelchen in Eurem Inneren wird sich dennoch immer zeigen. So würde ich den vierten Song der Scheibe inhaltlich zusammenfassen. Ein fast schon hüpfender Beat zusammen mit einer eingängigen Bass Line sind die Grundlage, dazu nehmen die Beiden den ein oder anderen Effekt und setzten ihn sehr geschickt für Dorians Stimme ein. Keine Taktsprünge, kein Aufblähen der Sounds durch noch ein Instrument – nein, einfach nur den Gesang ein wenig mehr in Szene gesetzt und schon treibt man von Strophe zu Strophe.

Licht:
Wie erinnert man sich an seine Vergangenheit? Wie findet man Worte dafür, seine inneren Dämonen in Klang und Gesang zu wandeln? Den letzten noch zu wagenden Schritt ins Licht, diesen Zustand auf Messers Schneide, verpacken Dear Strange in ihrem fünften Titel, dem auf Deutsch gesungenen Song „Licht“. Ein dezenter und minimalistischer Beat trägt Dorians Stimme durch dieses Stück. Das Ganze ist wunderbar unaufgeregt und, meiner Meinung nach, nicht wirklich zum Tanzen geeignet, sondern eher um mit einem Glas Cognac in einem Ohrensessel in die Dämmerung hinaus zu schauen. Und dabei die Feststellung zu erlauben, dass man ebenfalls – wie wohl jeder – schon in einer ähnlichen Situation war, in der die inneren Dämonen hinaus ins Licht wollten.

Sweeter Than This:
Grenzen sind dafür da, um sie auszutesten. Auch wenn das Ziel nur der nächste Morgen ist. Schämt euch nicht für das was ihr tut! So erschließt sich für mich zu guter Letzt noch ein wunderbar tanzbarer Song. Der zehnte Titel des Albums macht Lust, die Band live zu erleben oder ihre Mucke in dem ein oder anderen Club zu hören. Ein unerwartet fröhlicher Beat konterkariert die rauchige Samtstimme von Dorian E. ausgezeichnet. Der Rhythmus wird nicht einfach zu treffen sein, aber er wird sicher vielen den Abend noch ein Stück besser machen.


Fazit: Abschließend muss ich sagen, dass ich sehr froh bin, immer wieder Neues in der Musikwelt zu finden, das noch mit Herz und Feingefühl erdacht und erschaffen wird. So wie in dem Fall dieser dunklen Electro-Perle geschehen. Sicher, das hier ist meine eigene ganz persönliche Meinung – Ihr solltet Euch aber nicht scheuen, selbst einmal hinein zu hören und das bereits seit Ende August erhältliche Album „Lonely Heroes“ von „Dear Strange“ auf euch wirken zu lassen. Es lohnt sich.


lonelyheroes


Patrick Frambach