Bands/MusikerEBMElectroMusikMusik-ReviewSpotlightSynthpop/ElectropopWelle: ErdballWELLE: ERDBALL – 1000 Engel

Michael Kanzler5. März 20164515 minFoto: Roman Jasiek / AVALOST

Neues vom Sender WELLE: ERDBALL bekommt ihr ab dem 18. März mit ihrer EP „1000 Engel“. Der Titel kommt euch bekannt vor? Kein Wunder, denn hier handelt es sich um die CD-only Version der bereits Ende November veröffentlichten Limited-Box mit 7“ Vinyl und Fan-Dreingaben, die jedoch im nu ausverkauft war. Wer das gute Stück also nicht noch unter dem Weihnachtsbaum vorgefunden hat, dem bietet sich jetzt die Möglichkeit, mit dem musikalischen Schätzchen seine Sammlung zu komplettieren.

1000 Engel“ ist mit 10 Tracks schon recht ordentlich ausgestattet und auch ein Osterei haben Honey, Alf, Fräulein Venus und Lady Lila auf die Silberscheibe gepresst, doch davon später mehr. In einer Ecke des Marienikonen-Cover-Bildes prangt ein roter „100 % WELLE: ERDBALL“-Aufdruck und ob dem so ist, hören wir uns am besten gleich an.

Mit Wolfsgeheul und Vogelzwitschern entführen uns Welle: Erdball in die Tiefen eines Zauberwaldes, dessen Düsterheit doch gleich von Vangelis-ähnlichen Synthesizer-Klängen unterbrochen wird. Mit dem einsetzenden Gesang von Lady Lila bekommt der Titel „1000 Engel“ dann sogar einen Soundtrack-Charakter. Wenn der Vorentscheid für den Eurovision Song Contest nicht schon gewesen wäre, könnte man meinen, einen Bewerber für Stockholm zu hören. Doch nach mehrmaligem Durchhören wird bewusst, dass diese oberflächliche Ersteinschätzung „1000 Engel“ nicht gerecht wird, der Song ist vielmehr eine Hymne, wie ich sie mir als Intro für Welle: Erdballs Live-Auftritte vorstellen kann.

Ganz anders geht da die „Re-Animierung“ ans Werk. Der an „Starfighter F-105 G“ erinnernde Titel liefert den Beweis, dass der Sender auch EBM noch beherrscht, auf seine eigene unverkennbare Art, 100-% Welle: Erdball eben. Natürlich dürfen dabei die typischen Commodore C=64 Klänge und Honeys unverwechselbarer Gesang nicht fehlen. Ob sich Honeys anklagende Textzeile „Vergiss deinen Ursprung nicht!“ auf künftige musikalische Schöpfungen bezieht, oder die Menge vor der Konzertbühne zum Tanzen auffordern soll, werden Besucher des E-Tropolis-Festivals sicher bald heraus finden, denn dort habt ihr am 5. März Gelegenheit, den Sender live zu erleben. Vergesst nicht „Rheuma-Salbe“ mitzunehmen denn bei „Re-Animierung“ gibt es sicher kein Halten mehr.

Zeitverbot“ geht nicht viel weniger in die Beine als „Re-Animierung“, ist kaum langsamer und holt auch die letzten Zweifler auf die Tanzfläche. Eine einprägsame Melodie aus dem elektronischen Retro-Instrument und der Stackato-Text, den Lady Lila vorträgt, transportieren 100 Prozent Spielfreude an die Lautsprechermembranen. Stilistisch erinnert „Zeitverbot“ ein wenig an die Eurodance-Ära, in der sich Musiker wie Whigfield oder das Captain Hollywood Project in den Charts tummelten.

Die ältere Leserschaft dürfte sich noch gut an die FM-Synthese Schlagzeugklänge der Yamaha PortaSound Baureihen erinnern. Während die DX-7 und ihre Nachfolger auf Tastendrücke oder Midi-Befehle warteten, gab es endlich eine ganze Band mit Schlagzeug-Rhythmus und Bassbegleitung in einem Gehäuse. Plötzlich stand in jedem Oktoberfest-Zelt ein Disketten wechselnder Alleinunterhalter, während die Gäste dazu „Rummelfox“ tanzten. Mit „Ein Teil von mir (Yamaha PSS-401)“ portiert uns Honey geradewegs in diese klanglich triste Zeit. Doch wer dem Text mehr Beachtung schenkt, der wird erkennen, dass der Sender für die traurige Botschaft eine würdige Untermalung gefunden hat. Als Kontrastprogramm zu den beiden Krachern „Re-Animierung“ und „Zeitverbot“ steht bei „Ein Teil von mir“ der Text und die damit verbundene Aussage eindeutig im Vordergrund.

Foto: Michael Kanzler / AVALOST
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Das kurzweilige „Liebe, Sex & Zärtlichkeit“ holt den Hörer dann stilistisch wieder in bekanntes Terrain zurück. Mit Synthesizer-Klängen, Computerstimme und einem bissigen Text beschreibt Honey eine Schlafzimmer-Szenerie, die euch hoffentlich erspart bleibt. Die authentischen Schilderungen machen „Liebe, Sex & Zärtlichkeit“ auf jeden Fall hörenswert, vielleicht gibt es ja dazu mal ein Video. Ich bin auf die Besetzung gespannt.

Die Neue Welt“ ist gar nicht mehr so neu. Der Titel wurde von Welle: Erdball bereits 1995 auf dem Album „Alles ist möglich“ veröffentlicht und hat auf der EP „1000 Engel“ über 20 Jahre später einen Neuanstrich bekommen. Klanglich gereift, steht dem minimalistischen Song die zweite Stimme durch Lady Lila sehr gut und ist 100 Prozent Welle: Erdball.

Man könnte meinen, Rainbow Arts hätten Giana Sisters heimlich auf die Welle: Erdball Sendung geschmuggelt, doch „Nerdfaktor 42 (C=64)“ stammt nicht aus der Feder der Gütersloher Spieleprogrammierer, sondern vertraut auf A.L.F.s Programmierkenntnisse auf dem Commodore C=64. Von minimalistischem 8-Bit Computersound untermalt, besingt Honey die Welt, die er kontrollieren kann, nämlich die in seinem Computer. Songs wie „Nerdfaktor 42“ gehören einfach auf ein Welle: Erdball Album; Verzeihung „1000 Engel“ ist ja eine EP. Der Text mutet beinahe ein wenig gesellschaftskritisch an. Wir sollten uns vielleicht mehr mit der realen Welt beschäftigen und dort unser Leben in die Hand nehmen, anstatt uns in die virtuelle Welt zu flüchten. Das wahre Leben hat nämlich keinen God-Mode.

1000 Engel (Rotkäppchen-Version)“ ist eine zweite Version von „1000 Engel“, das hier ist schliesslich „nur“ eine EP. Ich persönlich finde die Version etwas interessanter, als als die Version zu Beginn der EP. Für den Vortrieb sorgen Synthesizer-Klänge, die mich an den Song “Popcorn” von Gershon Kingsley aus dem Jahr 1969 erinnern und ihm trotzdem einen Kick verpassen. Ihr erinnert euch? „Dab, dab, dab, dab, da, da, daa…“ und Lady Lila singt dazu von „der Welt aus Trug und schein“. Je öfter ich nun „1000 Engel“ höre, desto mehr Sinn erschliesst sich mir.

Auch die „Grüße von der Orion“ dürften den eingefleischten (und veganen) Fans nicht unbekannt sein. 2004 gab es den Track bereits auf der „Horizonterweiterung“-Vinyl und auch live gibt es ihn von Zeit zu Zeit mal dem Publikum präsentiert. Der Titel dieser Version „Grüße von der Orion (Melted Moon-Gameboy-Remix)“ sagt eigentlich schon alles. Denn wer die drei Jungs aus Aschaffenburg kennt, der weiss wozu sie mit ihren Nintendo Gameboys in der Lage sind. Und so bekommen die „Grüße von der Orion“ von Mathias, Stefan und Fabian den 8-Bit Sound der japanischen Mini-Spielkonsole verpasst.

Die dritte „1000 Engel“ Version auf der EP trägt die Handschrift von Massiv in Mensch. Durch einen durchgängigen Electrobeat und ein wenig Synthesizer wirkt „1000 Engel (Massiv in Mensch-Remix)“, wie schon der Rotkäppchen-Mix, zügiger als die Ursprungsversion, obwohl sich am Tempo nichts geändert hat. Eine nette Variation, doch der Rotkäppchen-Mix klingt meiner Meinung nach am ehesten nach 100 Prozent Welle: Erdball.

Nach einer 24 sekündigen „Pause“ gibts dann noch ein Easteregg.

Die vierte und letzte Version von „1000 Engel“ klingt beinahe wie die erste Version. Mir ist lediglich ein anderer Hall auf der Stimme Lady Lilas aufgefallen und eine Art Ducked-Delay auf der Rhythmus-Spur, wodurch der Song im direkten Vergleich etwas trancig wirkt. Lediglich das Ende ist dann orchestral aufgemotzt und bildet einen gewaltigen Abschluss für die EP.


Fazit: „1000 Engel“ wirbt mit dem Slogan „100 % Welle: Erdball“ und dem wird die EP auch gerecht. Neben den vier „1000 Engel“ Versionen gibt es 5 neue Tracks und zwei Neuinterpretationen bekannter Titel, was für eine EP zum kleinen Preis schon ein ordentliches Pfund ist. Den Zugang zu „1000 Engel“ habe ich erst nach mehrmaligem Hören gefunden, der Titel braucht etwas Reifezeit. Mit „Re-Animierung“ und „Zeitverbot“ haben Welle: Erdball gleich zwei neue Klassiker geschaffen, an denen Fans sicher noch Jahre ihre Freude haben werden. „Liebe, Sex & Zärtlichkeit„ liefert eine gehörige Portion Ironie und offenbart Honeys Wortwitz. Insgesamt zeigen sich Welle: Erdball auf der EP wandlungsfähig und doch immer zu 100 % Welle: Erdball.


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Michael Kanzler

Michael Kanzler ist der Künstlername und das fiktive Hirngespinst von sideshowmick, in dessen Brust mehr als nur ein Herz für die Musik schlägt. Seine Affinität zur Technik auf der einen, der Spinnensinn des Skorpions auf der anderen Seite, machen seinen Musikgeschmack zum mentalen Himmelfahrtskommando. Zwischen Agonoize und Zentriert ins Antlitz entgeht seinen Ohren kein Goldkehlchen und wird gnadenlos aufs musikalische Sezierbrett genagelt.