Buch/Comic ReviewLiteraturLiteratur-SpotlightSpotlightALEXANDER KASCHTE – Weisser als das Wasser II

Roman Jasiek26. Juni 201614817 minFoto: Roman Jasiek / AVALOST

Auch wenn es seit mehr als 200 Jahren unzählige Male Kindern vorgetragen und ursprünglich wohl nicht für diese ersonnen wurde – wenn man genau darüber nachdenkt, dann ist es in „Hänsel und Gretel“ schon eine ganz schön grausame Geschichte, die dort erzählt wird. Der Inhalt wird Euch allen wohl geläufig sein, sodass ich ihn an dieser Stelle nicht noch mal durchzugehen brauche. Was wäre denn aber, wenn man die Handlung in Grundzügen ins Nazi-Deutschland verlegte? Nicht in das der dreißiger und vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Sondern das des Jahres 2016, das immer wieder und immer öfter hinter der Fassade besorgter Bürger hervor schimmert und seine hässliche Fratze zeigt. Was, wenn man aus Hänsel und Gretel Hans und Margarethe machte, zwei verschleppte Kinder, eines durch Trisomie 21 beeinträchtigt, das andere taubstumm? Und was, wenn man den Ort dieses buchstäblichen Schauermärchens dorthin verlagerte, wo die rechte, die braune Scheiße schon mal so sehr übergekocht ist, dass Hoyerswerda, um das Kind beim Namen zu nennen, Anfang der 1990er zu trauriger, internationaler Berühmtheit gelangte? Dann wäre man mittendrin in „Weisser als das Wasser II“, dem zweiten Teil von ALEXANDER KASCHTEs gleichnamiger Trilogie.

In der Beschreibung des Buches heißt es folgendes:

Weißwasser. Montag. Neunter Stock.
“Mutti, wann backst du mit uns eigentlich mal wieder Kekse?”
“Heute nicht, Ronny, heute backen wir den Jungen.”
“Den Jungen? Na endlich. Darf ich zusehen?”
“Nur, wenn du deine Milch austrinkst.”
Ronny fuhr mit dem Zeigefinger über den Griff des “88 Royale”-Ofens, Staub und Fett blieben an seiner Fingerkuppe kleben.

++INSEKTEN+HAUS++ PRÄSENTIERT: “WEISSER ALS DAS WASSER – Teil II” – “HÄNSEL UND GRETEL” NEU ERZÄHLT!

Freuen Sie sich auf ein ganz besonderes Wiedersehen mit dem mongoloiden Hans, der taubstummen Margarethe und Jacek, unserem Musterbeispiel für schicksalsresistente Liebenswürdigkeit. Verbringen Sie Zeit mit Rainer “Ray” Baumann, seiner Freundin Tatjana und lernen Sie die alteingesessene Weisswasseranerin Ursula sowie ihre Söhne Ronny, Denny und deren Freunde kennen. Fahren Sie mit Margarethe im Bus von Maiks Band und begreifen Sie endlich, dass nichts leerer und verlorener ist als die menschliche Seele, dass nichts auf der Welt ekelerregender ist als Hoffnung. Sie empfanden den ersten Teil von “Weißer als das Wasser” als bedrückend?

Tja.

 

Foto: Roman Jasiek / AVALOST
Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Zunächst mal ist festzuhalten: man muss den ersten Teil nicht zwingend kennen, um den Erzählungen des zweiten folgen zu können. Jedes dieser Büchlein steht in seiner Deutlichkeit auch für sich allein. Der zweite Band von Alexander KaschtesWeisser als das Wasser“-Trilogie ist ein drastisches Buch, grausam, um explizite Schilderungen nicht verlegen, überspitzt und überzeichnet, hoch verdichtet, voller Stereotype und Klischees, die der Sache aber dienlich sind, emotional aufwühlend und, mehr als alles andere, wieder einmal eine lautstark polternde, wütende Anklage. Ein Anprangern der immer stärker werdenden rechten Strömungen in diesem Land, all ihrer großen und kleinen Fehltritte inklusive. Fast einem Aufschrei gleich. Nicht zuletzt mit dem aktuellen Samsas Traum-Album „Poesie: Friedrichs Geschichte“ positionierte sich Kaschte als Ankläger, ein bisschen auch als Aufklärer. Als einer, der den Finger in die Wunden legt – nicht jedoch, ohne sie vorher in Essig gewälzt zu haben. „Poesie“ war die Aufarbeitung des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms der Tötungsanstalt in Hadamar, irgendwo zwischen Frankfurt und Köln gelegen. Neben der Ermahnung, aufmerksam zu sein und dem rechten Rand mit aller Kraft entgegen zu treten, wo immer er auch auftauchen mag, ging es auf diesem Album auch gegen das Vergessen. Darum, den 14.500 hingerichteten Menschen ein Denkmal zu setzen, ihren sinnlosen und grausamen Tod nicht im Strudel der Geschichte verschwinden zu lassen. Im vorliegenden Buch ist es die Aufarbeitung der rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda. In einer Zeit, wo wieder Flüchtlingsheime brennen, wo deren Bewohner in Berliner U-Bahnen angepinkelt werden, wo Hass und Gewalt immer öfter und immer offener zutage treten, kann die Anklage nicht laut und wütend genug sein. Und das ist hier der Fall.

Weisser als das Wasser“ mag, wie gesagt, eine moderne und besonders grausame Form des Hänsel und Gretel-Märchens sein, dennoch setzt es den Kurs Kaschtes, den Neo-Nazis Paroli zu bieten, konsequent fort. Auf rund 130 Seiten verteilt Alexander Kaschte 6 Kapitel, die zunächst wie eigenständige Kurzgeschichten wirken, am Ende jedoch ein großes Ganzes ergeben. Die Erschütterung, die den Leser zwangsweise packt, das Entsetzen und Grauen, dem man ausgesetzt wird, lässt nicht lange auf sich warten. Nach nur wenigen Seiten des ersten Kapitels mit dem Untertitel „Himbeersirup und Tusche, Hatschi, Spritzer überall.“ werden wir als Leser zu hilflosen Zeugen die förmlich miterleben müssen, wie eine Gruppe von Flüchtlingen an Ronnys Tankstelle in Hoyerswerde zunächst mit Fremdenfeindlichkeit und danach mit brutaler Gewalt konfrontiert werden. Gewalt, die derart eskaliert, dass zwei der vier Flüchtlinge sofort ihr Leben lassen müssen. Und auch von der Polizei ist dort keine Hilfe zu erwarten, ganz im Gegenteil: sie zündelt fröhlich mit. Im Wortsinn. So wie damals, ’91. So kann es auch sein, das Leben: erst entkommst du einem Krieg, dann lauscht du dem Applaus ostdeutscher Skinheads auf deutschen Straßen. Anstatt irgendwie Zivilcourage zu zeigen wird das, was nicht anders als öffentliche Hinrichtung genannt werden kann, zu einem Happening. „Da, Madeleine, da siehst du, da brennt ein Ausländer“. Worte, die Kaschte einer der Randfiguren in den Mund legt. Worte, die umso mehr in Mark und Kern erschüttern, weil sie genauso passieren können und werden, wenn sich die Dinge weiterentwickeln wie bisher. Es grenzt wohl mehr an Glück als an alles andere, dass bei den zahlreichen Anschlägen auf Flüchtlingsheime in der letzten Zeit noch keine größeren Verluste hingenommen werden mussten.

Wenn Hans und Margarethe, die auch schon im ersten Band die tragenden Rollen innehatten, das erste Mal die Bühne in diesem schockierenden Schauspiel betreten, muss ich wieder kurz an „Poesie“ denken, an „Richard, warum zitterst du?“. Vor allem, weil Hans als mongoloider Junge, verschleppt von einem polnischen Zigarettenschmuggler, sehr an jenen Richard erinnert. Richard, deine Mutter hatte neun von deiner Sorte / Glaubst du, Deutschland hat mit ihr ein Leben lang Geduld? / “Ausschuss”, Richard, “Unnütz”, Richard – das sind eure Worte / Hätte sie nur Deutsch gefickt, sie träfe keine Schuld, hieß es dort. Und weiter: Richard, warum schielst du so, mir wird ganz schlecht vom hinsehn / Brav, mein Junge, brach, geh deinen Freunden brav voraus / Richard, mach die Augen zu, du brauchst mich gar nicht anflehn / Sonst schaust du selbst beim Sterben wie der letzte Trottel ausEs ist beinahe so, als hätte sich hier ein Kreis geschlossen. Gut vorstellbar, dass die Parallelen gewollt sind. Vermutlich kann man sich ohnehin nicht mit solchen Themen beschäftigen, ohne dass sie sich in einer gewissen Weise verzahnen.

Weisser als das Wasser“ gehört zu den wohl zweifelsfrei krassesten Büchern, die man in diesem Jahr lesen kann. Es sind nur knappe 130 Seiten. Knappe 130 Seiten mit anhaltenden Tiefschlägen in die Magengrube. Hass und Gewalt gegenüber Ausländern/Flüchtlingen, sexueller Missbrauch von Kindern, Kindesverschleppung, Sensationsgeilheit, Festhalten an Nazi-Deutschland – die Liste an Dingen, mit denen Alexander Kaschte seine Leser konfrontiert, ist lang. Ich musste mich nach der Lektüre auch erst einmal sammeln. Allerdings: die Zeit schöner Worte und wohl klingender Andeutungen, sie ist vorbei. Lange vorbei. Will man aufrühren, will man wachrütteln, dann benötigt es heute wirklich eines prosaischen Schlags in die Fresse – und sei es in Form einer so heftigen Adaption eines Grimm-Märchens. Die Brüder Grimm selbst sahen ihre „Kinder und Hausmärchen“ übrigens eher als Erziehungsbuch an; ein behaglicher Tonfall in den Erzählungen sollte den teils schauerlichen Geschehnissen ihren Schrecken nehmen. Alexander Kaschte dreht hier diesen Spieß um. Er überspitzt seine wortgewaltige Erzählung im Tonfall aufs Äußerste und verleiht ihr so nur noch mehr Schrecken. In der Welt des Jahres 2016, wo abgestumpft das neue sensibel ist, vielleicht nicht die schlechteste Herangehensweise.


Fazit: Fast habe ich den Eindruck, dass sich Alexander Kaschte immer stärker als eine immer lauter werdende Stimme im Kulturbetrieb gegen Fremdenfeindlichkeit, Neo-Nazis und fehlgeleitetes, besorgtes Bürgertum positionieren möchte. Nach dem Album „Poesie: Friedrichs Geschichte“ legt er mit seinem zweiten Teil der “Weisser als das Wasser”-Trilogie noch einmal ein paar ordentliche Schippen drauf. Es ist ein Buch das aufregt, das wütend macht, das man zwischendurch mal aus der Hand legen muss, um durchzuatmen. Das in seiner drastischen, radikalen Darstellung die Grenze des Erträglichen manchmal überschreitet. Es trifft so ins Mark weil man weiß, dass diese Dinge geschehen. Mitten unter uns. Es muss so wütend machen, damit auch die letzten Anständigen den Finger ziehen und dem Rassismus und der Gewalt gegenübertreten, wo auch immer er auftauchen mag. Das fängt schon bei vermeintlichen Witzeleien oder „das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“-Sprüchen an. Ich danke Alexander Kaschte einmal mehr für diesen Beitrag in einem Kampf, der sich so manches Mal wie einer gegen Windmühlen anfühlt. Nicht zuletzt wegen der auf einen neuen Morgen lauernden Dunkelheit Deutschlands.


ALEXANDER KASCHTE - Weisser als das Wasser II


Roman Jasiek

Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.