MusikSpotlightTop Alben des JahresAVALOSTS TOP-ALBEN 2016

Roman Jasiek26. Dezember 201680128 minFoto: AVALOST

Ach 2016, musikalisch blicken wir dir mit einiger Ambivalenz entgegen. Die vielen großartigen Künstler, die in diesem Jahr von uns gegangen sind, haben Lücken hinterlassen, die möglicherweise nie wieder geschlossen werden können. Bowie, Prince, Cohen, um nur ganz wenige zu nennen. Dem gegenüber steht eine lange Liste wirklich toller und sehr spannender Alben, die in diesem Jahr auf den Markt gekommen sind. Und somit ist 2016 das Jahr des lachenden und weinenden Auges gleichermaßen.

Die Musiker zu betrauern, die in diesem Jahr von uns gegangen sind, ist allerdings nicht unser Anliegen hier und heute. Stattdessen geht es darum, Euch zu erzählen, welche Alben uns in diesem Jahr ganz besonders gut gefallen haben. Wie gehabt beschränkt auf 30 Stück, erstmals ergänzt um fünf EPs. Mal gucken, welche Auswüchse das im nächsten Jahr noch nehmen wird. Selbstverständlich haben auch dieses Mal nur die Alben eine Chance auf einen Platz in unserer Lieblingsliste gehabt, über die wir uns in den vergangenen Monaten schriftlich geäußert haben. Alles andere hätte in unseren Augen auch nur wenig Sinn gemacht.

Wie üblich ist diese Top Liste der letzte Artikel, den wir in einem Jahr veröffentlichen. Die ersten Promos für die kommenden Monate sind schon da und teilweise schon von uns gehört worden. Es geht auch 2017 ziemlich spannend weiter, das können wir Euch jetzt schon verraten!

Abschließend: ein riesengroßes Dankeschön geht raus an alle Labels, Promoter, Veranstalter bzw. unsere Medienpartner allgemein, die auch in diesem Jahr wieder fleißigst dafür gesorgt haben, dass uns auch ganz Gewiss nicht langweilig wurde. Weiterhin danken wir all den Musikern da draußen, die mit ihrem Tun die Grundlage für das unsrige schaffen. Vor allem und ganz besonders aber danken wir Euch, unseren Lesern. Ihr seid der Antrieb und die Motivation für all das hier! ?

Und nun viel Spaß beim (Wieder-)Entdecken!

Cheers,
die AVALOST-Bande


AVALOSTS TOP ALBEN 2016 | Unsere Lieblinge

Wie in den Jahren zuvor ist die Reihenfolge unserer Lieblingsalben rein alphabetisch. Jedes Album gehört für uns zu den besten Alben des Jahres 2016 und ist als solches eine lohnenswerte Anschaffung bzw. ein Anspieltipp beim Streaming-Dienst Eures Vertrauens. Und ebenfalls wie gehabt sind hier nur die Werke aufgeführt, über die wir uns in den letzten Monaten auch in Form einer Review geäußert haben. Dass das Musikjahr natürlich noch sehr viel mehr großartige Alben hervorgebracht hat, ist uns bewusst.

AaRON – We Cut The Night

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: François Berthier

Eigentlich müssten wir es inzwischen wissen: aus unserem Nachbarland Frankreich kommt immer wieder ganz hochwertige Synthie-Mucke in einer Qualität, die wir sonst eigentlich nur in England oder Schweden verorten würden. Und dennoch gucken wir manches Mal erstaunt aus dem Hemd. Die Franzosen schaffen es, uns in diesem Punkt eben immer wieder zu überraschen. So auch die Herren AaRON, die mit ihrem “We Cut The Night” eines der stärksten Synthie-Pop-Alben der letzten Jahre abgeliefert haben. Seit der Veröffentlichung im Mai gehört diese Platte zu denen, die wir immer wieder gerne mal laufen lassen.

Original-Fazit:

Um das noch mal festzuhalten: „We Cut The Night“ mag tanzbare Songs beinhalten. Ja. Aber eigentlich ist es ein betörend düsteres Werk, das wohl dann viel mehr seinen Reiz entfaltet, wenn man es eben nicht in einem Tanztempel mit anderen teilt. Sondern ganz alleine und für sich entdeckt, erlebt und genießt. Der dunkle, warme Gesang als Kontrast zur kalten, distinguierten Musik, die melancholische Grundstimmung, das gelegentliche Zerreissen des musikalischen Regenhimmels durch kleine Lichttupfer – all das macht „We Cut The Night“ zu einem Album, das Genre-Freunden mit Fug und Recht zu einem der Top-Titel dieses Jahres empfohlen werden kann. Ach was, kann – muss!

Arthur Beatrice – Keeping The Peace

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Rosie Ellis / Universal Music

Eine olle Binsenweisheit besagt: ist das erste Album ein ganz großer Wurf, geht das zweite Album in die Hose. Stichwort Erwartungshaltung. Oft genug ist das auch so. Das Londoner Quartett Arthur Beatrice hingegen hat diese Aufgabe so locker und lässig gemeistert, dass wir nicht anders können, als den Hut zu ziehen. Solcherlei tiefenentspannte Pop-Songs, die dennoch nicht wie Fahrstuhlmusik aus den Boxen tönt, muss man erstmal liefern! Und dann ist da ja noch die markante Stimme Ellas, die den feinen Sounds die Krone aufsetzt. Auch wenn von Arthur Beatrice nach wie vor nur erstaunlich wenige Konsumenten in diesem Land Notiz nehmen, so hoffen wir doch auf viele weitere Alben der Londoner. Es ist stets so ein schöner Ruhepol im hektischen Alltag.

Original-Fazit:

Aus dem Baukasten für gewöhnliche Musikreviews, die das zweite Album einer Band behandeln, könnte ich jetzt herauspicken: gereift ist die Band, wesentlich differenzierter der Sound geworden und überhaupt sei eine große Weiterentwicklung bemerkbar. Liest man immer wieder irgendwo. Natürlich haben sich Arthur Beatrice seit ihrem sagenhaften Debütalbum „Working Out“ weiterentwickelt. Auf der Stelle zu treten kann wohl kaum ihr Ziel sein. Ich lasse diesen ganzen Quatsch mal beiseite und bemühe stattdessen lieber noch einmal das Bild, das ich seinerzeit schon für das Debüt verwendet habe. Die Afterwork-Party für moderne Großstädter, vielleicht erinnert Ihr Euch noch. Nun, die Party ging noch eine Weile weiter, aber aus flüchtigen, verheißungsvollen Blicken ist mehr geworden. Die Party ging noch eine Weile, aber „Keeping The Peace“ ist viel mehr als diese Afterwork-Feiergesellschaft. Es ist viel mehr Dringlichkeit und Verbindlichkeit im Spiel. Es ist manchmal wie das nach Hause kommen, wenn die Sonne sich schon vorwitzig hinter dem Horizont hervor geschoben hat und somit deutlich macht: es ist ein neuer Tag und das Leben nicht nur Party. Die flüchtigen Blicke und all das waren eben auch nicht mehr als das – flüchtig. „Keeping The Peace“ fühlt sich an, wie die Hand die du noch hältst, wenn der neue Morgen gekommen ist. Über die du dich freust, dass du sie halten kannst. Im Pop-Zirkus, der in schneller Folge Bands hervorbringt und auch wieder verschluckt, sind Arthur Beatrice eine ganz besondere Ausnahme. Hören, ins Herz schließen und weitere Entwicklung mitverfolgen ist ganz dringend empfohlen!

ASP – Verfallen, Folge 2: Fassaden

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Foto: Joachim Luetke

So ganz überraschend dürfte es für Euch wohl nicht sein, dass der ASP in dieser Liste auftaucht. Schließlich war der Mann schon im letzten Jahr hier an dieser Stelle vertreten. Damals mit dem ersten Teil seines Gothic-Novel-Rock-Meisterstücks “Verfallen”. Das außergewöhnlich hohe Niveau konnten Asp und seine Leute halten. Auch “Verfallen – Folge 2: Fassaden” ist ein höchst mitreißender Ausflug ins Hotel Astoria mit seinem übernatürlichen Eigenleben. Es ist fast schon schade, dass die Geschichte hiermit abgeschlossen ist. Aber wer weiß, was sich das kreativ ergiebige Gespann aus Kai Meyer und Asp als nächstes ersinnen mag. Die Ideen sind ganz sicher noch nicht alle verbraucht. Zusammen mit dem ersten Teil aus dem letzten Jahr ist “Fassaden” ein Hochgenuss für alle, die musikalisch verpackten (Schauer-)Geschichten nicht abgeneigt sind.

Original-Fazit:

Mit „VERFALLEN – FOLGE 2: FASSADEN“ lässt ASP jegliche Zweifler verstummen; wo ASP drauf steht, ist auch ASP drin. Und so wirkt der zweite und letzte Teil der düsteren Geschichte um das menschenverschlingende Leipziger Hotel Astoria weniger experimentell, wie der erste Teil, doch nicht weniger genial. ASP überlässt kompositorisch nichts dem Zufall und beweist, dass er nicht nur gute Songs schreiben und Geschichten erzählen kann, er überzeugt auch durch sein vielseitiges Gesangstalent. Thematische Wiederholungen, Variationen und orchestrale Arrangements haben den Charakter einer Musical-Produktion. Die Handlungen Pauls und seine Passion zu Astoria wurden im ersten Teil bereits dargelegt, der zweite Teil beschäftigt sich mehr mit seiner Motivation und seinen Zweifeln über all die vielen Jahre. ASP schafft es, die fiktive Geschichte, durch Verknüpfungen mit wahren geschichtlichen Gegebenheiten lebendig werden zu lassen und dadurch den Spannungsbogen aufrecht zu halten. Musikalisch bewegt sich das Album wieder etwas mehr auf der Linie zwischen „Weltunter“ und „Maskenhaft“, doch das Gesamtwerk wird immer von einem gewissen Musical-Charakter umrahmt. Das bedeutet nicht, dass „VERFALLEN – FOLGE 2: FASSADEN“ keine Konzertbühnen-tauglichen Kracher an Bord hat, sogar mehr als sein Vorgänger. Ob „Fortsetzung folgt“, „OdeM“, „Das Kollektiv“, „Köder“, „Ich lösche dein Licht“, „Umrissmann“ oder „SouveniReprise“, hier gibt es zahlreiche schöne ASP-Hymnen. Wie im Fazit zum letzten Album muss ich mich wiederholen und kann ASP „VERFALLEN – FOLGE 2: FASSADEN“ einen der oberen Plätze in den „AVALOST TOP 30“-Alben 2016 garantieren, meine persönliche Nummer 1 ist es jetzt schon. Bleibt noch mein Dank an ASP für ein weiteres schaurig schönes Album, welches seinesgleichen vergeblich sucht. Meine nächste Review möchte ich über „ASTORIA – Das Musical“ schreiben ;-)

Rick Astley – 50

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Foto: Pip / BMG

Ein paar unsterbliche Gassenhauer hat der Astley der Welt ja schon hinterlassen. Wir sind uns sicher, dass alleine schon die Erwähnung seines Namens dafür sorgt, dass Euch der ein oder andere davon durch den Kopf geistert. Never gonna give you up… Aber darum geht es hier gar nicht, sondern um dieses erstaunlich geschmeidige Pop-Album mit jeder Menge Gospel im Blut. Es scheint, als hätte sich der Brite zunächst mal selbst ein Geschenk zum 50. Geburtstag machen wollen. Eines, an dem er anschließend die ganze Welt hat teilhaben lassen. Das Ergebnis ist irgendwie sehr sympathisch ausgefallen. Nichts, was die Welt irgendwie verändern wird, aber hey – das muss ja auch nicht immer der Fall sein, oder? Astleys “50” ist im besten Sinne Unterhaltungsmusik.

Original-Fazit:

Auch wenn unweigerlich bestimmte Songs durch den Kopp geistern, wenn der Name Rick Astley fällt – so ein bisschen mehr hat der Mann schon noch auf dem Kasten. „50“ ist eine hübsche Sammlung wunderbar unschuldiger Pop-Songs, teilweise ganz schön Gospel-angehaucht, die einfach Spaß machen. Die gute Laune verbreiten, sobald sie den Raum füllen, ganz gleich ob sie aus Muttis Küchenradio blechern oder aber mittels potenter Anlage ein Wohnzimmer voluminieren. Und die vermutlich auch live für strahlende Gesichter und leuchtende Augen sorgen. Wem es ausreicht, dass Pop Unterhaltungsmusik ist, bei der man nicht weiter drüber nachdenken muss, was der Interpret da gerade ins Mikro trällert, der wird mit „50“ bestens bedient. Zumal sich „50“ oft sogar mehr wie ein Gospel-Album anfühlt als eine Pop-Platte. So sympathisch wie er auf den Pressefotos aussieht, so sympathisch ist auch das Album. Nach meinem Dafürhalten kann das Schlusswort für dieses Album daher nur lauten: keep singing, Mr. Astley!

Aurora – All My Demons Greeting Me As A Friend

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Foto: Kenny McCracken / Universal Music

Nachdem die junge Norwegerin in den vergangenen Monaten, speziell vor der Veröffentlichung ihres Debüts, von der Industrie so massiv aufgebaut wurde konnte man durchaus schon fürchten, dass das letztendliche Resultat dann doch nicht mehr als heiße Luft werden würde. Welch Glück, dass dem nicht so war.  Mit all den 0815-Pop-Hupfdohlen, die Jahr für Jahr angeschwemmt werden, hat Aurora nichts gemeinsam. Stattdessen sticht sie aus der Masse der gleichgeschalteten Nachwuchskünstler deutlich heraus. Dass dabei mal ein schiefer Ton unterkommt, ist nicht nur kein Problem, sondern macht es nur noch authentischer und sympathischer. Die Zeit wird zeigen, ob Aurora sich im harten Musikgeschäft wird halten können, Mit “All My Demons Greeting Me As A Friend” hat sie jedenfalls einen tollen Einstand geliefert!

Original-Fazit:

An Auroras schnuckeligem Debütalbum zeigt sich, dass es manchmal auch nachteilig sein kann, wenn im Vorfeld so sehr um Aufmerksamkeit gebuhlt wird wie hier. So kommt es nämlich, dass „All My Demons Greeting Me As A Friend“ am Anfang nicht mehr ganz so überraschend ausfällt, wie es eigentlich könnte, weil man ja so einiges schon kennt. Allerdings freut es mich Euch sagen zu können: keine Sorge, die Nordlichtgestalt hat noch nicht das ganze Pulver verschossen. Tatsächlich ist das Album angefüllt mit kleinen Juwelen, die ganz gekonnt das langweilige 0815-Pop-Geseiere umschiffen. All die Erwartungen, all die Hoffnungen – erfüllt! Kein beliebiges Pop-Küken, das irgendwelchen Vorbildern nacheifert, sondern ein neuer Stern am Pop-Himmel, der in ganz eigenen Farben funkelt. Jetzt, wo Aurora geliefert hat bleibt nur noch zu sagen: hoffentlich ist sie gekommen, um zu bleiben.

Bear’s Den – Red Earth & Pouring Rain

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Foto: Caroline International / Universal Music

Für den Autoren dieser Zeilen war dieses zweite Album von Bear’s Den nicht nur die Überraschung des Jahres, sondern gleichzeitig auch das mit dem größten BÄMM!-Effekt. Kein anderes Album lief hier so oft und so viel wie das dieses Duos. Wenn es eine Formel für perfekte Pop-Songs geben sollte, dann haben Bear’s Den ganz offensichtlich ziemlich gut aufgepasst, als diese vorgetragen wurde. Schlichter Indie-Pop mit einer schweren Prise 80er, alles gekonnt auf das Wesentliche reduziert – et voilà, fertig ist ein Album, das beim Erscheinen im Sommer bestens funktionierte – und jetzt in dieser kalten und dunklen Jahreszeit ebenso.

Original-Fazit:

Moderne Pop-Alben sind oftmals so überzogen. So laut, so schrill, so überkandidelt – es wirkt oft ein bisschen so, als wollten sich die Musiker und deren Produzenten immer noch ein bisschen mehr übertrumpfen mit dem, was sie an Geschützen auffahren. Hier noch ein Effekt oder ein Sample im Hintergrund, da noch ein bisschen was an der Stimme drehen oder generell den Loudness-War auf ein neues Level heben. Höher, schneller, weiter. Nicht so bei „Red Earth & Pouring Rain“. Bear’s Den haben ein Pop-Album geschaffen, so einfach, so geradlinig, so stimmungsvoll, so schön, dass man die Genialität dahinter nur staunend bewundern kann. Die Kunst ist eben nicht, immer noch mehr in eine Produktion zu stopfen, sondern die wahre Kunst besteht im Weglassen. Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dass das eindeutig schwieriger ist, als immer noch etwas aufzustapeln wird bestätigen können, wer mal beispielsweise aus einem langen Text eine Kurzfassung machen und gleichzeitig die essenziellen Infos erhalten musste. Schon ihr Debütalbum „Islands“ war ein großer Wurf, aber mit ihrer Musik, die sie für nächtliche Autofahrten empfehlen, schrammen Bear’s Den sehr dicht an der Perfektion vorbei. Viel besser kann ein Pop-Album wohl kaum noch werden. Absolute Empfehlung meinerseits!

Jan Blomqvist – Remote Control

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Foto: Christian Dammann

Der selbsternannte Erfinder des “Konzert Technos”, Jan Blomqvist, servierte hier eine Deep House Platte von ganz besonderer Güte. In Sachen Atmosphäre und stimmungsvoller Bildmalerei via Melodie gab es in diesem Gebiet 2016 kein annähernd so gutes Album wie dieses. Es ist eines dieser Alben geworden, in denen es sich so wunderbar verlieren lässt und deren Ende man erst realisiert, nachdem die Nadel längst schon aus der Rille gesprungen ist, die Platte nur noch so auf dem Teller rotiert und leichtes Rauschen der Anlage den Raum erfüllt. Musikalische Träumerei in Elektronik, das ist “Remote Control”.

Original-Fazit:

Irgendwann ist mir in anderem Zusammenhang mal der Begriff Electro-Soul untergekommen. Ein Begriff, der mir wie geschaffen scheint für „Remote Control“. Ein perfekter Soundtrack für Tage, an denen man sich mal von der Musik aus dem allgegenwärtigen Grau entführen lassen möchte oder muss. Aber auch dann, wenn es eigentlich alles gar nicht so doof ist, einem aber der Sinn nach chilliger Träumerei steht. Wer sich für hochwertigen Deep House begeistern kann, sollte sich in diesem Frühjahr dieses Album nicht entgehen lassen! Gimme chemicals, I need more chemicals singt Blomqvist in „Drift“. Im übertragenen Sinne ist „Remote Control“ genau das: eine ziemlich süchtig machende Musikdroge, strafrechtlich und gesundheitlich jedoch zum Glück völlig unbedenklich. Einzig: dem fast anderthalb Stunden andauernden musikalischen Rausch inklusive des Zeitverlusts wieder zu entrinnen, ist nicht einfach. Das merke ich noch jetzt, wo ich diese Zeilen tippe und die Musik vorsichtshalber abgedreht habe. Sonst würde ich vermutlich nie fertig. Ob am Ende nicht doch Magie im Spiel ist, darüber bin ich mir noch nicht abschließend sicher.

Blutengel – Nemesis

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Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Die eigenen Songs noch einmal zu überarbeiten wenn es darum geht, eine Best-Of abzuliefern, ist keine ganz so neue Idee. Aber auch wenn es für den Gewinn eines Blumentopfes für besonders kreative Leistung nicht reicht, so ist diese Form der Altwarenverwertung doch immer noch die charmantere. Auch Blutengel sind diesen Weg gegangen. Anstatt nun also einfach die ollen Kamellen von anno dazumal lieblos auf einen Silberling pressen zu lassen, haben sie im eigenen Fundus gewühlt und diverse Klassiker an ihren aktuellen Sound angepasst. Herausgekommen ist dabei eine Zusammenstellung, die nicht nur aufgrund ihrer Auswahl überrascht sondern zeigt, dass die Gassenhauer von früher auch heute, in diesem neuen Soundkleidchen, immer noch bestens funktionieren. Ironischerweise besser sogar, als so manche aktuelleren Sachen der Berliner.

Original-Fazit:

Ich möchte an dieser Stelle nicht das ewige Pro und Contra zum Thema Blutengel anstoßen. Wer, aus welchen Gründen auch immer, mit dem Treiben der Berliner Düster-Pop-Band nichts anfangen kann, der wird auch hier einmal mehr nicht bekehrt werden können. Für alle anderen jedoch hat Chris Pohl hier meines Erachtens alles richtig gemacht. Anstatt einfach nur eine lieblose Zusammenstellung von den live am meisten gefeierten Songs – und davon gibt es so einige – auf den Markt zu hauen, überrascht „Nemesis“ durch die Auswahl der Titel und ihre hörbar liebevolle Überarbeitung. Den ein oder anderen Song vermisse ich zwar, so zum Beispiel neben dem genannten „Seelenschmerz“ auch „Angels Of The Dark“ von „Demon Kiss“, das tut der Sache jedoch keinen Abbruch. Dafür haben andere Titel den Weg auf „Nemesis“ gefunden, bei denen Hörer der ersten Stunde zwangsläufig anerkennend nicken müssen. Damit erreicht „Nemesis“ einmal mehr das, was schon mit dem Klassikalbum „Black Symphonies“ erzielt wurde: dass sich die altbekannten Hits frisch und neu anfühlen. Und das, liebe Blutengel-Fans und -Gegner, schafft ganz sicher nicht jede Best-Of.

Covenant – The Blinding Dark

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Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Jede Wette: so mancher Hörer wird sich beim jüngsten Schaffenskind von Covenant ziemlich überrascht die Ohren gerieben haben. Die üblichen Club-Hits, die Mitgröhl-Hymnen für Konzerte, die Partykracher – all das ist auf “The Blinding Dark” nur rudimentär vorhanden. Wenn überhaupt. Stattdessen servieren die Schweden einen düsterelektronischen Brocken, der zunächst mal ganz schön unverdaubar erscheint. Und irgendwann, wenn man es immer und immer wieder probiert und sich dieses Album (wohl beinahe widerwillig) offenbart, dann erkennt man, was die Schweden hier wirklich gemacht haben: Grenzen ausgelotet und verschoben. In ein paar Jahren, wenn der Rest der elektronischen Düsterszene auf dem gleichen Level angekommen ist, reden wir da noch mal drüber. Wäre ja schließlich auch nicht das erste Mal. “Modern Ruin” war seinerzeit auch um Jahre voraus. “The Blinding Dark” mag also nicht so gut ins Ohr gehen wie andere Werke der Schweden, für die Entwicklung einer ganzen Szene jedoch halten wir es für unheimlich wichtig.

Original-Fazit:

Einfach machen es Covenant ihren Hörern dieses Mal wahrlich nicht. Schwer und düster und ungewöhnlich bedrückend ist „The Blinding Dark“ ausgefallen; durch zwei Interludien und zwei Instrumentalstücke, die das Album einleiten und beenden, sind auch Eskils Gesangsparts dieses Mal überraschend knapp bemessen. Ich bezweifle aber stark, dass es den Schweden darum ging, hier ein reines Unterhaltungsalbum abzuliefern. Wie so oft in ihrer Karriere sind Covenant einmal mehr dem aktuellen Zeitgeschehen verhaftet, wie so oft in ihrer Karriere loten sie die eigenen Grenzen aus. Und verschieben sie wieder ein bisschen. Zuletzt machten sie das bei „Modern Ruin“, das unter Fans auch nicht ganz unumstritten ist. Ähnlich wird sich auch „The Blinding Dark“ entwickeln, denke ich. Covenant können eben nicht nur Party, sie können auch Anspruch. Den höchsten stellen sie dabei noch immer an sich selbst und brechen damit auch schon mal mit Gewohnheiten und Erwartungen. Immer wieder kann der Eindruck entstehen, der elektronische Kreis der Düster-Szene drehe sich im Kreis. Schön, dass Bands wie Covenant immer wieder aus dem langweiligen Einerlei ausbrechen. Ich hoffe sehr, der Mut wird belohnt. „The Blinding Dark“ ist ein moderner Klassiker, macht das aber nicht auf den ersten Blick deutlich. Selbst schuld, wer das verpasst.

David Bowie – Blackstar

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Foto: Jimmy King / Sony Music

Oh, was haben die Kritiker (wir inklusive) gerätselt und gefachsimpelt, als dieses Album pünktlich zu David Bowies 69. Geburtstag am 8. Januar 2016 erschien. Zwei Tage später war die vielleicht wichtigste Lichtgestalt der Popmusik nicht mehr unter uns. Und ganz plötzlich erschien Blackstar in einem ganz anderen Licht. Sofort waren alle Schreiberlinge verstummt. Die kritischen, die das Album als unhörbare Jazz-Hölle abstempelten sowie auch die, welche Blackstar als modernen Art-Pop abfeierten. Es heißt, Bowie habe die Pop-Musik durchgespielt. Es heißt, selbst wenn Bowie noch Jahrhunderte über diese Welt hätte wandeln können, wäre sein Tod zu früh gewesen. Alles davon ist richtig. Blackstar ist ein Zeugnis davon. Ich glaube, es wird noch ein bisschen dauern, bis die Welt die Tragweite dieses ach so schwierigen letzten Albums wirklich erfasst haben wird. Bis die (Pop-)Musik dort angekommen ist, wo Bowie längst schon war. Was dann allerdings zu erwarten ist, vermögen wir nicht zu sagen. 2016 hat uns viele großartige Künstler genommen und Nachfolger von ähnlichem Format sind irgendwie nicht in Sicht. Was dieses letzte Album Bowies in unseren Ohren noch einmal besonders hervorhebt.

Original-Fazit:

Ist ★ nun also Bowies bestes Album seit Jahren; Jahrzehnten gar? Das wird wohl jeder für sich entscheiden müssen. Sein interessantestes und faszinierendstes Album seit Ewigkeiten ist es sicherlich, gleichwohl aber so sperrig, so schwer zu konsumieren und zu verdauen, dass man sich des Eindrucks nie so ganz verwehren kann, dass Bowies musikalische Geburtstagsparty vor allem das Ausloten von Grenzen bedeutet und nicht, möglichst viele Hörer abzuholen. Diese abgefahrene Mischung aus Jazz, avantgardistischem Art-Pop und einer Portion gebrochener Beats spielt mit Erwartungen, wirft sie oft kurzerhand über Bord und zeigt auf, wie man mit klassischen und modernen Elementen Musik revolutionieren kann. Ein bisschen wie die Monolithen in Kubricks „2001“ steht ★ nun im musikalischen Kosmos und strahlt vor sich hin. Über die wegweisende Tragweite dieses Albums werden wir erst in einigen Jahren wirklich philosophieren können, schätze ich. Wird es zu einem postmodernen Klassiker, der in Jahren gefeiert wird wie heute beispielsweise das 1977er Album „Heroes“, oder wird man es dereinst belächeln wie Bowies Experimente in den späten 90ern und frühen 2000ern? Die Zeit wird es zeigen. Eines ist ihm mit ★ aber zweifelsohne gelungen: ein Album, das seine Hörer nachhaltig beschäftigt. Eines, das man immer wieder hört, vielleicht gar nicht mal zwingend der Unterhaltung wegen, sondern im zum Scheitern verurteilten Versuch, es in seiner eigenwilligen Gesamtheit zu erfassen. ★ ist die wahrscheinlich größte musikalische Herausforderung, die uns Konsumenten im Jahr 2016 gestellt werden wird.

DeWolff – Roux-Ga-Roux

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Melanie Marsman

Eines der ersten Highlights in diesem Jahr. Nie und nimmer nicht hätten wir vermutet, dass sich hinter DeWolff so junge Bengels verbergen würden. Mal ehrlich: die sind doch heimlich aus den 70ern zu uns rübergebeamt worden, um uns mit psychedelischem Blues-Rock zu unterhalten. Anhänger solcherlei klassischer Rock-Musik kamen und kommen an diesem Kleinod nicht vorbei. Gespannung liegt in der Luft darüber, was von den Jungs künftig noch zu erwarten ist. Ob sie noch besser werden können? Schwierig wird das auf jeden Fall.

Original-Fazit:

DeWolffs „Roux-Ga-Roux“ erinnert mich ein bisschen an früher. Ich kann mich noch entsinnen, wie ich damals, in zartem Knabenalter von sechs Jahren, mit der Musiksammlung meines Vaters in Kontakt kam und dabei über Perlen wie die Doors, die Stones, Steppenwolf, Deep Purple oder Led Zeppelin stolperte. Selbstverständlich wusste ich damals die Kunst, die da aus den Boxen tönte, noch nicht zu schätzen. Heute aber schon. Ich würde von mir nicht behaupten wollen, der größte Fan von diesem psychedelischen Blues-/Hardrock zu sein – dennoch finden sich genannte Bands immer und immer wieder in meiner Playlist wieder, zudem ziert so manches Album von damals heute, fast 30 Jahre nach dem Erstkontakt, auch meine eigene Musiksammlung. Immer mal wieder gerne gehört. Und das nicht nur, weil sie Klassiker sind, sondern weil mich der handgemachte, kreative Wahnsinn, dieses berauschende Spiel von schier endlos langen Instrumentalpassagen, gepaart mit dem Eindruck spontaner Improvisation, auch heute noch beeindruckt. Immer und immer wieder. Wenn sich Hammondorgeln und Gitarren über Minuten beeindruckendste Duelle liefern, dann kickt mich das nach wie vor. Umso begeisterter war ich von diesem Album hier! Denn es schlägt – mehr noch als seine Vorgänger – in diese Kerbe, schließt eine Lücke, die schon viel zu lange klafft! Wer sich auch nur ansatzweise für die genannten Bands begeistern kann oder eine Schwäche für diese Art Blues-Rock hat, der darf an diesem Album bitte nicht vorbeigehen. Führt man sich noch einmal das junge Alter der Band vor Augen, dann wird das nur noch beeindruckender. Auf einmal sind sie wieder da, die Siebziger!

Diorama – Zero Soldier Army

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Foto: Nicole Bringer / Nicole Bringer Photography / AVALOST

Diorama. Die andere Band, die einer (in unseren Ohren) ziemlich stagnierenden Düster-Szene dringend benötigte neue Impulse geliefert hat. Ihr “Zero Soldier Army” ist manchmal unbequem und sperrig, glänzt aber gleichzeitig auch mit einem Füllhorn entdeckenswerter Details. Die Songs sind gewohnt komplex und manchmal hatten wir durchaus das Gefühl, Torben und seine Jungs hätten es hier ganz bewusst auf eine neue Spitze getrieben. Wem es auch auf den Zeiger geht, dass in dieser sogenannten Gothic Szene so viele Bands sich selbst und/oder andere kopieren und man im Einheitsschritt zwei Schritte vor und drei zurückgeht, kann beruhigt sein: so lange es Bands wie Diorama gibt, so lange Alben wie “Zero Soldier Army” erscheinen, besteht noch Hoffnung.

Original-Fazit:

Seit ein paar Alben schon machen es Diorama ihren Hörern immer noch ein bisschen schwieriger, den Zugang zu finden. Oder halt, nein, das trifft es nicht ganz. Besser wäre: mit ihren komplexen Songs sperren sie Hörer aus, die nicht bereit sind, die Mühe und die Aufmerksamkeit zu investieren, die ein Album – „Zero Soldier Army“ in diesem Fall – nicht nur erfordert, sondern vor allem verdient. Schließlich haben die Herren Diorama auch größte Sorgfalt und Mühe investiert, knapp 70 Minuten außergewöhnlich spannender Songs zu erschaffen. Die, wenn man den Fuß in die Türe bekommen hat, den Aufwand mit einer Detailtiefe belohnen, dass man nur noch staunend vor der Boxen klebt und jeden einzelnen Ton förmlich herausziehen möchte. Darüber hinaus sind es abermals Texte, die direkt den und im Kern treffen. „Zero Soldier Army“ ist nicht das eingängigste Album Dioramas geworden. Ich bezweifle aber, dass die Herren darauf besonderen Wert gelegt haben. Es ist dafür das, welches den Finger bisher am tiefsten in diverse Wunden drückt und so nachhaltig Eindruck schafft. Manchmal wie ein Koloss, der seine Hörer einfach über den Haufen rennt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Wir sollten so langsam mal darüber nachdenken, ob Diorama nicht nur der Begriff für Schaukästen ist, die uns die Welt erklären sollen, sondern gleichzeitig für ein ganz eigenes Musikgenre steht. Ganz fantastische Arbeit, meine Herren!

Essaie Pas – Demain Est Une Autre Nuit

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Foto: Larissa Corriveau

Zu den mit Abstand kältesten und gleichzeitig wohl auch faszinierendsten Alben dieses Jahres gehört zweifelsohne “Demain Est Une Autre Nuit” des kanadischen Duos Essaie Pas. Was Marie und Pierre hier auf die Beine gestellt haben, lässt aufhorchen – und irgendwie auch ein bisschen frösteln. Cold Wave in Perfektion, quasi. Dass sie es mit diesem Album auf eine Spielzeit von gerade mal 37 Minuten gebracht haben, stört zwar nach wie vor ein bisschen, verhindert aber nicht, dass wir ziemlich nachhaltig beeindruckt waren von dem, was hier geliefert wurde. Stehst Du auf Musik, die in Richtung dystopischer Soundtracks geht? Ja? Dann probiere es mal mit Essaie Pas.

Original-Fazit:

In Plattensammlungen, wo Künstler wie Burial (vor allem der Stimmung wegen), französche Post Punk- bzw. Cold Wave-Bands der 80er aber auch Jean Michel Jarre oder Vangelis herumstehen, da sind auch Essaie Pas mit ihrem aktuellen Album „Demain Est Une Autre Nuit“ gut aufgehoben. Kalt fühlt es sich an, eher spärlich ausgestaltet kommt es daher und regt in sehr gesteigertem Maße das Kopfkino an. Die einen setzen sich vor den Flimmerkasten oder gehen ins Kino, um Geschichten in Form vorgefertigter Visionen zu erleben. Die Möglichkeiten, die Handlungen zwischen den verschiedenen Szenen mit eigenen Gedanken zu befüllen, sind vor allem während des Konsums dann doch eher beschränkt, würde ich sagen. Die anderen, die Imaginationscineasten quasi, setzen sich hin, am besten mit Kopfhörern, schließen die Augen und lassen im Geiste einen ganz eigenen Film ablaufen, bei dem sie Darsteller, Handlung usw. ganz nach eigenem Ermessen bestimmen. Das einzige, was Letztgenannte dann gemeinsam haben, ist der dystopische Soundtrack. „Demain Est Une Autre Nuit“ ist nichts für nebenbei, aber falls Ihr Euch solcherlei Hörgenuss gerne mal hinsetzt und entsprechenden Freiraum gestattet, dann ist das hier eine definitive Empfehlung. Und keine Sorge: die nächste Nacht kommt zwar ganz gewiss – der nächste Morgen aber eben auch. Hello darkness, my old friend…

Faderhead – FH-X

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Foto: N. Skalli

Neben dem Gejammer über den Stillstand in der elektronischen Düsterszene muss man fairerweise auch sagen: neben den Bands, die Grenzen ausloten und dabei riskieren, von Kritikern und Konsumenten in der Luft zerrissen zu werden, gibt es auch noch diejenigen, die zwar grundsätzlich ihrem Weg treu bleiben – sich dabei aber nicht scheuen, auch mal zu gucken, was links und rechts des Wegesrandes so geboten wird. Die ihren Horizont erweitern, ihren Stil verfeinern und doch genau das liefern, was die Fans haben wollen. Die gelungene Vereinigung von Ansprüchen zweier Seiten. Faderheads Sami ist einer dieser Künstler. Zum zehnten Jubiläum liefert Faderhead noch immer die tanzbaren Clubknüller, zu denen sich die Partygänger bewegen wollen. Gleichzeitig bringt er Texte, die erst zuhause wirken – und schraubt nebenbei noch am eigenen Trademark Sound. Herauskommen dann Sachen wie “Escape Gravity”, ein Hammer von einem Song. Herauskommen Alben wie dieses – bis oben hin voll mit solchen Knüllern. Der schmale Grat zwischen eigenem Anspruch und dem, was die Fans sich wünschen könnten – Faderhead tanzt auch nach einer Dekade mit Leichtigkeit darauf herum.

Original-Fazit:

„FH-X“ tritt den Beweis an, dass Faderhead auch nach 10 Jahren musikalischen Schaffens Überraschungen hervorzaubern kann und markiert den Weg in ein neues Jahrzehnt. Die Entscheidung, Motorjesus-Drummer Oliver Beck die Drums live einzuspielen steht dem gesamten Album sehr gut. Die elektronischen Club-Tracks erfahren eine ganz neue Lebendigkeit und lassen keine Zweifel daran bestehen, dass „FH-X“ ein original Faderhead-Album ist. Mit Titeln wie „No Gods, No Flags, No Bullshit“ oder „Generation Black“ ist Faderhead in jedem Club zu Hause, seine Gesangsqualitäten beweist er mit Tracks wie „The Silence Around Me“ und „This Nothing“. Doch „Bootydrive (On)“ leitet auf „FH-X“ einen Wendepunkt ein. „Like A Rocket“ ist deutlich rockiger, als die bisherigen Songs, mit „Home Of The Creeps“ wird die Atmosphäre noch etwas aggressiver und mündet dann mit „The Future’s Not The Past“ in komplettem Neuland. Doch selbst diese neu angeschlagenen Töne klingen eindeutig nach Faderhead und so scheint es, als würde er seine Fans mit „FH-X“ auf einen Wandel einstimmen. Es überrascht mich immer wieder, wie es Faderhead gelingt, Dancefloor-Filler zu schreiben, ohne dass dabei Lyrics und damit verbundene Story eines Albums zu kurz kommen. Mein Lieblingstitel ist „Escape Gravity“, den ich kurzer Hand zum persönlichen Soundtrack 2016 gekürt habe. „FH-X“ ist uneingeschränkt einen Kauf wert und wird bestimmt in der Zukunft noch für Diskussionsstoff sorgen.

Garbage – Strange Little Birds

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Foto: Joseph Cultice / PIAS

Alleine schon, dass sich Garbage ihrer rauen Wurzeln besonnen haben und ihr aktuelles Werk “Strange Little Birds” haben so klingen lassen, als sei es direkt in der Mitte der 90er Jahre entstanden, rechtfertigt die Aufnahme in diese Liste. Dass sie es überdies nach ihren teilweise ziemlich poppigen Exkursen noch immer verstanden haben, tolle Songs zu schreiben, ebenfalls. Und spätestens der Umstand, dass sie hier ein ziemlich düsteres Stück Alternative Rock serviert haben, schreit förmlich nach Lobhuddelei. Shirley und ihre Jungs haben es eben immer noch drauf. Oder anders: sie können ja, wenn sie wollen. Und hier wollten sie ganz offensichtlich.

Original-Fazit:

Ich muss 12 oder 13 gewesen sein, als ich das erste Mal Garbage hörte. Damals war es ihr selbstbetiteltes Debütalbum und ich war unsterblich in Shirley Manson verknallt. Inzwischen bin ich ein bisschen älter geworden, Shirley Manson und der Rest von Garbage auch, ansonsten hat sich aber nicht viel verändert. Enorme Sympathien für eine der großartigsten Rockbands dieses Planeten sind noch immer vorhanden. Nicht immer bin ich so richtig glücklich gewesen mit dem, was Garbage in Form eines Albums servierten. Mit „Strange Little Birds“ kann aber wieder jeder glücklich werden. Vor allem auch ganz besonders jene Hörer, die spätestens nach „Version 2.0“ abgeschaltet hatten und die Band eher im Pop als im Alternative Rock verorteten. „Strange Little Birds“ ist im Prinzip „Garbage 2.0“; der Schritt zurück zu den Wurzeln ist hör- und spürbar. Und im Ergebnis sehr lohnenswert. Dass dieses Album zudem das wohl bisher düsterste der Bandgeschichte ist, kann als willkommener Bonus angesehen werden. „Strange Little Birds“ ist unterm Strich ein guter Grund, auch weitere 20 Jahre in Shirley und die Mucke ihrer Band verknallt zu sein. Vielleicht der beste seit 1995.

Max Giesinger – Der Junge, der rennt

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Klaus Sahm

Beim Debüt hat es für eine Aufnahme in unsere Liste der liebsten Alben des Jahres noch nicht gereicht. Doch schon mit dem zweiten Anlauf gelingt dem Wahl-Hamburger dieses Kunststück. Auch wenn er seine Karriere als Casting-Show-Teilnehmer begonnen haben mag – ein Grund zum Unken ist das nicht. Im Bereich deutschsprachiger Pop-Rock-Mucke, die radiotaugliche Leichtfüßigkeit und inhaltliche Tiefe vermischt, hat Max Giesinger 2016 einfach mal am eindrucksvollsten geliefert. An seinen “80 Millionen” dürfte wohl niemand vorbei gekommen sein. Spannender sind jedoch Songs wie das Titelstück, das ziemlich gut beschreibt wie es sich anfühlt, durch das Leben zu stolpern und noch nicht so richtig zu wissen, wo man hingehört oder ankommen möchte. Weil es solche Geschichten hier so einige gibt – und weil Max diese nett verpacken kann – ist dieses Album mit in dieser Liste.

Original-Fazit:

Noch mal: Mein Spinnensinn irrt sich nie. Als 2014 Giesingers Debütalbum „Laufen lernen“ erschien, konnte es seinerzeit noch so gelungen gewesen sein – es haftete ihm noch ein bisschen der “Makel” eines Castingshow-Finalisten an, der es jetzt eben auch mal wissen will. Ungeachtet der Tatsache, dass Album Nummer 1 durch Crowdfunding finanziert wurde und somit irgendwie indie war. Aber zugegeben: so ganz rund war das erste Album auch noch nicht. Vielversprechend, aber es fehlte noch an Feinschliff. Den hat sich Max Giesinger mit seinem zweiten Album „Der Junge, der rennt“ selbst verpasst. Zwar auch hier alles nix Konkretes, wie es bei anderen, momentan sehr abgefeierten Newcomern heißen würde, aber dennoch: das Gefühl von durch das Leben strauchelnden Mittzwanzigern, deren Sinn- und Zielsuche, wurde hier bestens eingefangen. Und bietet genug Projektionsfläche, dass man sich auch dann noch mit den Inhalten identifizieren kann, wenn man die 20 schon längst hinter sich gelassen hat. Das alles verpackt in gefälligen Pop-Rock und dazu manchmal Genuschel, was mich ein bisschen an den Boss Bruce Springsteen denken lässt. Ernsthaft jetzt. Lange Rede, gar kein Sinn: „Der Junge, der rennt“ macht viel Spaß und vor allem aus Max Giesinger das, was sich schon beim Debüt erahnen ließ: einen großartigen Singer-Songwriter mit einem Gespür für tolle Pop-Songs. Ich bin gespannt, wie seine Reise weitergeht und hoffe, dass der Junge der rennt, nicht stehen bleibt. Mein Spinnensinn hat jedoch ein gutes Gefühl dabei. Wieder einmal.

The Jezabels – Synthia

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Foto: The Jezabels / Caroline / Universal Music

Dass sich die Australier musikalisch immer weiter von dem leichten Indie-Pop, mit dem wir sie damals kennenlernten, entfernen, wird sicher nicht allen Hörern der ersten Stunde schmecken. Vermutlich wird es so einige geben, die sich wünschen, die Jezabels würden die ursprünglich eingeschlagenen Wege nicht immer mehr zugunsten synthetischer Rockmusik verlassen. Vielleicht ist das nur eine Phase, in der sich das Quartett ausprobieren möchte. Vielleicht um herauszufinden, was für sie am besten passt, um ihre Texte in Musik zu gießen. Vielleicht auch um zu gucken, worauf das Publikum am meisten anspringt. Nach unserem Dafürhalten können sie dieses synthetische Rockgedudel gerne so weiterfahren. In diesem Umfeld großartige Songs zu liefern, davon verstehen die Jezabels nämlich eine ganze Menge. Wie man dank “Synthia” prima erfahren kann.

Original-Fazit:

Der Weg, den die Jezabels hier beschreiten, war meines Erachtens nach vorgezeichnet. Schon mit dem letzten Album „The Brink“ zeichnete sich ab, dass sie die locker-fluffigen Indie-Pfade nur noch gelegentlich beschreiten würden, dafür aber synthetischer Bombast in die Mucke Einzug halten würde. „Synthia“ setz diesen Weg konsequent fort. Und dürfte somit eigentlich niemanden überraschen. Das australische Quartett präsentiert sich hier als eine Band, die ganz locker zwischen himmlischen, federleichten und zuckersüßen Melodien und sich zur Stadionbeschallung anbietenden Bombastrock pendeln kann. Nach meinem Dafürhalten das bisher stärkste Album der Jezabels. Ich hoffe inständig, dass die Dinge in der Welt der Jezabels wieder in Ordnung kommen, dass Heather Shannon vollständig genesen und die Band uns noch viele weitere Alben wie dieses hier schenken kann!

Larkin Poe – Reskinned

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Foto: Aaron Schorch / Vertigo / Capitol / Universal Music

Erfolg in der Musikindustrie leicht gemacht: man blättere mal ein bisschen im Familienstammbaum, finde da einen berühmt-berüchtigen Oppa mit allseits bekannten Namen, beschließe Musiker zu werden und schmücke sich mit eben diesem Namen, um alleine schon dadurch ein bisschen Fame zu generieren. Anschließend mache man ein bisschen Muzak und verschwinde wieder in der Versenkung. Die Schwestern hier, die den berühmten Edgar Allen Poe in ihrer Sippe gehabt haben sollen, haben es sich zum Glück nicht so einfach gemacht. Stattdessen lieferten sie ein sehr unterhaltsames Roots Rock’n’Roll Album ab, bei dem man eigentlich schon gar nicht mehr anders kann, als in Verzückung zu geraten. Allerdings taten sie das schon im Jahr 2014. Erst in diesem Jahr hat sich Universal Music dazu entschlossen, die Damen auch hierzulande zu vermarkten. Daher landet das Album auch erst in diesem Jahr in unserer Liste liebster Alben.

Original-Fazit:

Ladies die rocken, rocken! Und diese hier ganz besonders und ganz gewaltig. Seit „Politics“ von den Kölner Rock-Ladies The Black Sheep hatte ich nicht mehr so viel Spaß mit einer … wie sagt man heute… „female-fronted Rock-Band“. Kurios, die Erstveröffentlichung von Larkin Poes Debüt und besagtem Black-Sheep-Album war im gleichen Jahr. Damals ging „Kin“ komplett an mir vorbei. Ein Jammer, rückblickend betrachtet. Ein Glück, dass ich – dass wir alle, die nicht damals schon zugeschaltet haben – dieses famose Rockalbum jetzt nachholen können! Die Huffington Post wählte „Kin“ seinerzeit in ihre Liste der besten Alben des Jahres 2014. Ich habe eine Vermutung, wo „Reskinned“ landen wird, wenn es am Ende des Jahres um unsere Lieblinge hier geht. Ich sach es noch mal: fetzt und macht mächtig viel Spaß, sach ich mal so!

Victor Love – Technomancy

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Foto: Victor Love

Wer hält jetzt eigentlich die Fahne noch hoch, wenn es um elektronisches Industrial-Geballer geht? Combichrist haben diesen Spielplatz ja verlassen, Nachtmahr war noch nie ernszunehmen, KMFDM sind erstaunlich ruhig, so insgesamt, und auch die Dope Stars, Inc. liefern nicht ganz so oft, wie es manchmal wünschenswert wäre. Tja. Muss das Victor Love also alleine machen. Mit seinem Solo-Album “Technomancy” brachte er, unterstützt von einer illustren Schar Gäste, ein brachiales Album an den Start. “Auf die Fresse!” trifft es als Umschreibung ziemlich gut.

Original-Fazit:

Victor Love steht dran am Album, zehn weitere Bands bzw. Künstler sind enthalten. Von den Deathstars über Spirital Front bis hin zu KMFDM. Fast ein bisschen wie ein Dirigent führt Love seine Mitstreiter durch die zehn Songs, lässt den Gästen aber den Raum, ihren individuellen Stempel aufzudrücken. Die Handschrift von KMFDM ist genauso gut ersichtlich wie die von Army Of The Universe beispielsweise. Oder eher noch: wie ein Puppenspieler hält Victor Love die Fäden in der Hand. Zweifelsohne eines der brachialsten Alben des Jahres, das jedem Fan von elektronischem Industrial ins Gesicht schlägt. Verzeihung, gut zu Gesicht steht natürlich. Neo-Cyberpunk war wohl noch nie so unterhaltsam.

Mesh – Looking Skyward

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Foto: Roman Jasiek / AVALOST

ür uns sind Mesh ja ein bisschen wie Wein: je mehr sie reifen, umso besser werden sie. Dass sie zudem nicht das erste Mal in dieser Liste vertreten sind, lässt ja eigentlich nur wenige Schlüsse zu. Zum Beispiel: wir mögen sie und sind Fans ihrer Musik. Das stimmt sogar! Aber das nicht ohne Grund. Immerhin verstehen sie es, seit locker 20 Jahren einen großartigen Song nach dem anderen abzuliefern. Und wenn wir uns so anschauen, wie sehr die Herren und ihre Musik bei Konzerten gefeiert werden, dann machen sie nicht nur für uns irgendwas richtig. Die Krone im Synthie-Pop-Bereich wird ja gerne mal herumgereicht, die Herren aus Bristol sind seit Jahren schon stets mindestens Vizekönige. In diesem Jahr aber geht das Zepter und die damit einhergehende Krönung für das beste Synthie-Pop-Album des Jahres an Mark Hockings und Richard Silverthorn!

Original-Fazit:

Das Album nimmt Dich mit auf eine Reise aus Energie und Emotion vor einem sich veränderten Klangbild aus Elektronik, treibenden Rhythmen, viel Atmosphäre, Samples … und Lärm“ – Zitat Mesh in der Vorankündigung, was mit „Looking Skyward“ zu erwarten ist. Wem das Sorgenfalten auf die Stirn treibt: keine Sorge, auch nach einem guten Vierteljahrhundert ist immer noch Mesh drin, wo auch Mesh drauf steht. Will sagen: unfassbar schöne Songs mit so eingängigen Melodien, dass es wirklich schwer fällt, mal wieder was anderes zu hören. Es empfiehlt sich mit Nachdruck als ständiger Begleiter. Dem Titel des Albums entsprechend können wir uns unter den Nachthimmel setzen und die Sterne beobachten. Looking skyward eben. Wir sehen alle das gleiche, wir hören alle das gleiche, mit ein bisschen Glück fühlen wir alle das gleiche. Hinterfragend, zweifelnd, betend, hoffend, träumend. Jeder für sich und doch irgendwie alle zusammen. Eine schöne Vorstellung. Won’t we all be forgotten by tomorrow anyway? Mag sein. Bis dahin sollte aber nur der Himmel die Grenze sein. Danke, Mesh, für dieses Album.

Pride And Fall – Red For The Dead – Black For The Mourning

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Foto: Per Bendiksen

Ganz ehrlich: wir hätten es beinahe nicht mehr geglaubt, dass die Norweger sich jemals aus dem Schatten ihres übermächtigen Albums “In My Time Of Dying” würden herauslösen können. Nach ungefähr 10 Jahren seit der Veröffentlichung jenes Albums ist es auch kaum verwunderlich, dass man da noch auf Wunder hofft. Aber wie heißt es doch so schön? Unverhofft kommt oft. Und so war es auch hier. Förmlich wie aus dem Nichts kam dieses brachiale und düstere Meisterstück, das wie eine Flutwelle über die Düster-Szene gerollt kam.

Original-Fazit:

Puh! Das neue Pride And Fall Album „Red For The Dead – Black For The Mourning“ muss man erst mal sacken lassen. Genau wie schon beim Vorgänger verweigert es jedem den Zugang, der sich nur oberflächlich damit befasst. Mal nebenbei dudeln lassen ist nicht. Dafür ist es aber ohnehin auch viel zu schade. Mit jedem neuen Hördurchgang wächst dieses Album jedoch, mit jedem neuen Hördurchgang reift immer ein bisschen mehr die Erkenntnis, was das Trio aus Norwegen hier für ein geniales Album wahrer, detailverliebter Düsterelektronik geschaffen hat. Dass Pride And Fall wohl für alle Zeiten zunächst an ihrem Überalbum „In My Time Of Dying“ gemessen werden – geschenkt. Dieses neue Album hier, es beinhaltet ein paar der eindrucksvollsten Songs, die sie in ihrer Karriere je geliefert haben. Unterm Strich mag es für für einige vielleicht „nur“ zum zweitbesten Album ihrer Karriere gereicht haben – der Szene jedoch, in der sie sich bewegen, haben sie das vermutlich großartigste Werk dieses Jahres geschenkt. Ziemlich mächtig, ziemlich brachial, ziemlich düster und unheimlich intensiv. In meinen Ohren aber stellt es sich auf die gleiche Stufe wie „In My Time Of Dying“. Nach fast zehn Jahren wurde das aber auch mal Zeit.

Roxette – Good Karma

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Viktor Flumé / Parlophone / Warner Music

Dass Musik, die uns teilweise seit früher Jugend begleitet, in einer Liste wie dieser auftaucht, ist wenig überraschend. Dass das ausgerechnet Roxette sind mit ihrem aktuellen Album, auch nicht. Manchmal denken wir, Schweden hätte die Pop-Musik erfunden. Ein paar der großartigsten Exporte dieser Musikrichtung kommen jedenfalls aus dem hohen Norden. So wie eben das Duo Marie und Per, die hier einmal mehr vormachen, wie schlichter, einfacher und gerade deshalb so guter Pop zu klingen hat. Ein bisschen wehmütig ist uns schon bei der Vorstellung, aufgrund von Maries Gesundheitszustand möglicherweise die letzte Roxette-Platte ever gehört zu haben. Sollte dem tatsächlich so sein, so hätten sie noch einmal ein rundherum gelungenes Album herausgebracht, das alle Tugenden des schwedischen Duos in sich vereint.

Original-Fazit:

Auf das neue Roxette-Album „Good Karma“ blicke ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil es nach dem 2012er „Travelling“ endlich wieder Nachschub gibt. Weinend, weil Maries Gesundheitszustand wohl doch bedenklicher zu sein scheint als angenommen. Das endgültige Aus für alle Live-Aktivitäten sprechen eine ziemlich deutliche Sprache. Genauso wie der Umstand, dass Marie bis auf wenige Ausnahmen (so etwa die Balladen „From A Distance“ oder „Why Don’t You Bring Me Flowers“) wie Beiwerk wirkt. Keine Songs mehr aus ihrer Feder und auch stimmlich insgesamt nur noch gerade so viel dabei, dass sich „Good Karma“ noch als Roxette-Platte verkaufen lässt. Dass es dennoch 11 ganz hervorragende Songs geworden sind, die mal wieder aufzeigen, warum Schweden das Mutterland perfekter Pop-Musik ist, kann nicht stark genug gewürdigt werden. Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber ganz abwegig ist es ja leider nicht, dass „Good Karma“ vielleicht das letzte Roxette-Album geworden ist. Sollte dem so sein, dann mache ich einen tiefen Hofknicks und sage es mit den Worten ihrer Landsleute ABBA: Danke für die Musik! “Good Karma” ist schon jetzt ein (weiterer) zeitloser Klassiker in der Diskografie der Band.

Sarah And Julian – Birthmarks

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Mischa Nawrata

Schon die erste, selbstbetitelte EP legte im vergangenen Jahr die Vermutung nahe, dass von den Geschwistern Sarah And Julian so einiges zu erwarten ist. Und siehe da: ihre poppig-folkige Singer-Songwriter-Mucke gehörte nicht nur zu den schönsten Alben dieses Jahres, sondern überdies auch zu den überzeugendsten Debütalben. Wir sind übrigens überzeugt davon, dass sie die ach so schwierige Aufgabe des zweiten Albums mit gleicher Bravur meistern werden, wie sie auch einen tollen Erstling an den Start gebracht haben. Bis dahin wird noch ein bisschen Zeit vergehen. Die mit “Birthmarks” immer wieder gut gefüllt werden kann.

Original-Fazit:

Weniger ist musikalisch manchmal doch mehr. Nicht immer muss es ausufernder Bombast sein, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. „Birthmarks“, das Debüt von Sarah and Julian, ist der beste Beweis dafür. 11 wunderbare, kleine Indie-Folk-Perlen, von denen ein Großteil so wirkt, als würden sie gerade erst in dem Moment entstehen, in dem man sie hört. 11 wunderbare Volltreffer. Tolle Texte, verpackt in sanfte, manchmal schon nahezu fragile Melodien und dazu die großartig miteinander harmonierenden Stimmen der Geschwister – fertig ist ein Knüller-Album. Nicht nur für die noch immer garstig kalte Jahreszeit. Kennt Ihr diese Wärmekissen, die man knickt und die sich dann aufheizen, damit man sich die kalten Finger in der Manteltasche daran wärmen kann? Wäre das Musik, dann stünde da sicher „Birthmarks“ dran.

Sia – This Is Acting

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Foto: Sony Music

Wie passend doch der Titel dieses Albums gewählt war! Sia, die ja mitunter für andere Stars und Sternchen der Pop-Welt ihr Talent als Songschreiberin zur Verfügung stellt, zeigt hier, dass all die Adeles und Rihannas und wie sie noch alle heißen, möglicherweise gar nicht sooo sehr bejubelt werden müssten, wie es der Fall ist. Die Australiern schlüpft hier musikalisch und stimmlich nämlich in so manche Rolle und tut so, als ob. This is acting eben. Dass dabei einmal mehr ziemlich großartiger Pop entstanden ist, kommt als Bonus oben drauf.

Original-Fazit:

Wir haben es Ende Januar, das Jahr ist noch jung. Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass wir auch in diesem Jahr wieder so einige Hochkaräter geboten bekommen werden. Mit Sias „This Is Acting“ hat das Jahr 2016 allerdings den ersten ganz großen Wurf in Sachen bombastischer, intensiver, power- und gefühlvoller Popmusik geschenkt bekommen, der auf ganzer Linie überzeugt. Klar ist es die musikalische Vielfalt, die gefällt. Und na klar, die mächtige Produktion, die mit enormen Nachdruck aus den Boxen gepresst wird, die fetzt auch. Zudem wäre Sia nicht Sia, wenn sie nicht abermals ein paar berührende Texte geschrieben hätte. Die Krönung aber ist ihr Gesang. Eine solche Inbrunst, wie sie beispielsweise in „Alive“ zu hören ist, sucht derzeit seinesgleichen. Die Messlatte wurde mit „This Is Acting“ hoch angelgt. Verdammt hoch.

Silly – Wutfänger

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Universal Music

Wie man so hört und liest, hatten Silly in den letzten Monaten mitunter ein unglückliches Händchen dafür, sich (live) zu präsentieren. Manche Aktion, welche die Sillys gebracht haben, kann man sicher diskutieren. Stichwort Fußball-Trikots. Unbestreitbar ist allerdings, dass sie ziemlich gute Songs schreiben können. Und als Band, mit dieser berühmten Vorgeschichte noch dazu, mit diesem dritten gemeinsamen Album so richtig angekommen zu sein scheinen. Ob man den Weg der aktuellen Sillys mitgehen mag, muss freilich jeder für sich entscheiden. Musikalisch lohnt es sich aber bestimmt, hier am Ball zu bleiben.

Original-Fazit:

Mit ihrem dritten Album mit Anna Loos als Frontfrau wirken Silly angekommen. Als hätten sie die ersten beiden Alben nach der Wiederauferstehung der Band gebraucht, um zu gucken: wo wollen wir hin, was wollen wir erzählen und wie gehen wir es an? Der Weg, ein quasi rein analoges Album zu machen, war definitiv ein richtiger. Und mit den Texten aus der Feder von Frau Loos, die so viel mehr können als nur irgendwelchen belanglosen Quatsch in die Welt tröten, thronen Silly über ihren Mitbewerbern im Mainstream-Pop-Zirkus. So wie es früher schon mal der Fall war. Damals. So wie es vielleicht immer sein wird. „Wutfänger“ ist inhaltlich wie handwerklich ein Lehrstück, dass sich viele, viele andere Bands, die im gleichen Teich fischen, gründlich anhören sollten. Und für uns Konsumenten ein ganz großartiges Pop-Album mit einer Tiefe, wie man sie nicht alle Tage zu hören bekommt. Beide Daumen nach oben!

Sono – Backyard Opera

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Sono – das ist, wo feinste Elektronik auf stimmliches Können trifft. Was das Trio mit dieser “Backyard Opera” einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Lennarts Stimme und die tolle Mucke, die sie umrahmt, sorgten dafür, dass der Frühling nicht endete – jedenfalls musikalisch nicht.

Original-Fazit:

Wahrlich meisterhaft spielen Sono hier auf der Klaviatur elektronischer Musik. Sie bedienen sich auf ihrer „Backyard Opera“ diverser zeitgenössischer Stile und klingen doch unverkennbar nach Sono. Einnehmende Melodien, inhaltliche Tiefe, großartig in Szene gesetzt, stets in gleichem Maße zur Träumerei, Grüblerei und zum Tanzen einladend und über allem: die samtene Stimme von Lennart A. Salomon. Meteorologisch und kalendarisch ist der Frühling da; mit der „Backyard Opera“ nun endlich auch musikalisch. Am Ende beschreiben Sono ihr fünftes Album im Stück „Same Same Same“ selbst am treffendsten: same, same, same… but different.

Sophia – As We Make Our Way (Unknown Harbours)

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Philip Lethen

“As We Make Our Way (Unknown Harbours)” ist nicht einfach nur ein Album. Es ist ein besonderes Erlebnis, ein Trip in die eigene Gefühls- und Gedankenwelt. Robin Proper-Sheppard weiß ganz genau, welche Knöpfe er zu drücken hat. Buchstäblich, aber auch im übertragenen Sinne! Mag sein, dass Sophia jetzt wieder für Jahre in der Versenkung verschwindet, während Proper-Sheppard damit beschäftigt ist, weiter über die Wirkung von Tönen und Klängen zu brüten. Für den Fall hat er uns ein sensationelles Album hinterlassen, dass im weiten Feld des Indie-Rocks in diesem Jahr von uns die Krone aufgesetzt bekommt. Was für ein fantastisches Meisterwerk!

Original-Fazit:

Wie kann man denn bitte nur so ein Album machen? Wie kann man ein Album wie „As We Make Our Way (Unknown Harbours)“ liefern, dass sich vom Gehör am Verstand vorbei direkt zum Herzen bewegt und es in Ketten legt? Das ist doch wohl die Höhe! Im Wortsinn, übrigens. Die neue Platte von Sophia kann man, wenn man nicht empfindsam genug ist oder nicht in der richtigen Stimmung dafür, durchaus als relativ gleichförmig und dadurch eher unspektakulär empfinden. Allerdings: Dadurch dass Robin Proper-Sheppard ganz genau weiß, welche Knöpfe im Gemüt der Menschen er drücken muss, wird diese kleine Meisterwerk seine Hörer im Zweifelsfall zu einem späteren Zeitpunkt abholen. Dann nämlich, wenn es passt. Einmal gehört, wird man „As We Make Our Way (Unknown Harbours)“ vermutlich nie wieder vergessen. Für diejenigen unter Euch, die generell und ständig empfänglich sind für solcherlei emotionalen Indie-Rock ist dieses Album vermutlich intensives, ergreifendes und mitreißendes Gefühlskino im Breitbildformat! Und damit ist eben doch irgendwie wieder alles beim alten im Hause Sophia.

Jasmin Tabatabai – Was sagt man zu den Menschen, wenn man traurig ist?

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Felix Broede

Es ist und bleibt so: Jasmin Tabatabai wird nicht als stimmgewaltigste Sängerin in die Geschichte eingehen. Muss sie auch gar nicht. Es ist vielleicht ihrer Schauspielerei zu verdanken, aber in jedem Fall weiß sie ganz genau, wie sie mit der ihr gegebenen Stimme arbeiten muss, um den gelungenen Arrangements ihres Partners David Klein mit Leben und besonderer Atmosphäre zu füllen. “Was sagt man zu den Menschen wenn man traurig ist?” hat nicht mehr dieses Große, Erhabene des Vorgängeralbums, sondern ist im besten Sinne Musik für das (ansonsten) stille Kämmerlein. Für die Momente, in denen die garstige Welt da draußen einfach mal die Klappe halten soll. Wir haben dem dynamischen Duo Tabatabai/Klein und ihren hübsch inszenierten Songs jedenfalls sehr gerne zugehört.

Original-Fazit:

Ich war vorher schon der Meinung, nicht zwingend eine Jazz-Variante von „La Le Lu“ haben zu müssen und bin jetzt erst recht dieser Auffassung. Rein handwerklich zwar genauso gelungen wie der Rest der insgesamt 14 Songs, aber dennoch: hätte jetzt nicht zwingend sein müssen. Ansonsten bleibt zu sagen: Jasmin Tabatabai hat zweifellos nicht die kräftigste aller Stimmen, weiß sie aber, im Kontext dieser entzückenden Sammlung von Jazz-Songs sehr gekonnt weil nuanciert und differenziert einzusetzen. Besser, als es ihr in ihren pop-rockigen Songs früherer Tage je gelungen ist. Es wird wohl ewig ein Rätsel bleiben, ob sie den Jazz gefunden hat oder nicht vielleicht der Jazz sie. Im Endeffekt ist das auch egal, unterm Strich hat sich zusammengetan, was zusammengehört. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Beteiligten während der Arbeiten an diesem Album eine Menge Spaß hatten – Spaß, der sich durchaus auf den Hörer überträgt, so dieser denn mit Jazz etwas anfangen kann. Als Kontrastprogramm zum hektischen Alltag kann man sich „Was sagt man zu den Menschen wenn man traurig ist?“ gut und gerne mal geben. Auch mehrmals. Jazz-Liebhaber können übrigens noch ein paar Kudos hinzuaddieren.

Thyx – Headless

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Dass wir Stefan Poiss für eine Ausnahmeerscheinung im elektronischen Teil der Düster-Szene halten, dürfe nach all den Jahren hinlänglich bekannt sein. Ist ja aber auch kein Wunder, schließlich tut der Mann alles in seiner Macht stehende dafür, weiterhin einzigartige Sounds zu schaffen, die mit dem Tun seiner Genre-Kollegen einfach nicht vergleichbar ist. Inzwischen hat das einstige Nebenprojekt Thyx seinen “großen Bruder” mind.in.a.box eingeholt und es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Thyx überholt. Oder… steht uns womöglich noch eine Fusion beider musikalischer Welten ins Haus? Thematisch hat sich Thyx spätestens mit diesem Album ziemlich angenähert. Wir kennen Poiss’ Masterplan nicht, freuen uns aber auf all das, was noch kommen mag. Zur Überbrückung hat er Euch und uns ja auch in diesem Jahr wieder ein elektronisches Meisterstück da gelassen.

Original-Fazit:

Um es kurz zu machen, das neue Album “Headless“ von THYX ist wieder einmal phänomenal. Gekonnt durchstreift Stefan Poiss die Klangwelt zwischen synthetischen und realen Instrumenten und lässt uns weiter im unklaren darüber, was THYX denn eigentlich nun ist. Mit „Headless“ liefert er ein abwechslungsreiches Album, dass viele Details dem Hörer erst nach mehrmaligem Genuss offenbart. THYX hat seinen eigenen Stil gefunden und ein Vocoder-Effekt macht noch keinen mind.in.a.box.-Song, weshalb ich von weniger als 10% miab auf diesem Album ausgehe. Auch das Thema NSA nehme ich nur unterschwellig wahr, viel deutlicher dafür aber den Umgang in unserer Gesellschaft. Das Konstrukt hat Form angenommen und ist doch nicht greifbar. Außerdem lässt „Headless“Spekulationen über einen nachfolgendes Album zu, denn es bleiben diverse Themen ungelöst. Wer sind beispielsweise die New Knights, welches ist die richtige Seite und wer oder was wurde am Ende befreit? Sind es neue Agenten des Dreamwebs? Wurde jemand aus den Fängen der Agency befreit? Ein neuer Black? Oder ein Gegenspieler? Noch lange, nachdem das Album verklungen ist, bleiben Gedankenspiele diesbezüglich zurück.

Wellness – Immer Immer

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Nicole Müller

Frischen Wind im Indie-Bereich kann man auch erzeugen, wenn man sich vergangener Sounds bedient. So wie die Kölner Band Wellness, die für ihre oftmals melancholischen Inhalte auf den Surfersound der 60er zurückgegriffen haben. Das Ergebnis in Form ihres Debütalbums “Immer Immer” ist ziemlich unterhaltsam, wenn auch angemerkt werden muss, dass die naturbedingte Gleichförmigkeit dafür sorgt, schnell einer Sättigung zu unterliegen. Umgekehrt sind die Songs so pfiffig, dass sie immer wieder konsumiert werden können. Die erwähnte Sättigung verschwindet nämlich schnell wieder.

Original-Fazit:

Tolles Album, dieses „Immer Immer“. Alleine die Idee, den Surfsound vergangener Tage als Grundlage zu nehmen, ihn modern zu interpretieren und mit eigenen Elementen aufzupeppen, verdient Respekt. Dass die vier Herren von Wellness zudem hörbar ihr Handwerk verstehen, gibt zusätzliche Kudos. Für meinen Geschmack hätten gerne noch ein, zwei weitere Instrumentalstücke wie „Calamari“ enthalten sein können (ein “Misirlou”-Cover durch Wellness bietet sich quasi an), aber das kann ja eventuell beim wünschenswerten nächsten Album dann noch nachgereicht werden. Die Zeit wird zeigen, wie lange sich dieser ziemlich spezielle Sound tragen kann. Momentan jedoch ist „Immer Immer“ ein in jeder Hinsicht besonderes und herausragendes Indie-Pop-Album ohne wirkliche Konkurrenz auf seinem Gebiet. Und zum Glück meilenweit entfernt von dem, was der Suchbegriff Wellness sonst noch so an Vorschlägen in den Musikdiensten ausspuckt.


EPs

Beborn Beton – She Cried

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Roman Kasperski

Eine EP im Umfang eines Vollpreisalbums, bis oben hin voll mit tollen Remixen von einem der stärksten Songs des vorangegangenen Albums – das ist “She Cried”, die bisher letzte Veröffentlichung aus dem Hause Beborn Beton. Ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres Comeback-Albums “A Worthy Compensation” brachten sie dieses Thema damit zu einem gelungenen Abschluss. Wenn jede Begleit-EP die gleiche Güte und den gleichen Umfang hätte, wäre die Musikwelt definitiv eine bessere. Und nun, wo die Herren aus dem Ruhrgebiet sich so deutlich zurückgemeldet haben, darf es mit neuem Material in neuem Jahr gerne weitergehen.

Original-Fazit:

EPs sind immer so eine Sache. Oft genug wirken sie so, als sollte da eine Kuh unbedingt noch mal gemolken werden. Als sollte auf der Welle des Erfolgs (oder wenigstens der Aufmerksamkeit bei der jeweiligen Zielgruppe) noch ein bisschen weitergesurft werden. Mehrmals der gleiche Song, vielleicht noch eine B-Seite dazu, fertig. Technisch gesehen machen Beborn Beton hier nichts anderes. Und doch: irgendwie haben sie es geschafft, aus dieser EP eine besondere zu machen. Es ist der gelungene Abschluss des Themas „A Worthy Compensation“. Die Ergänzung, welche der ganzen Sache den letzten Schliff gibt. Ein Bonbon für die Fans. Wer das Album mochte, braucht im Prinzip auch die EP. Nicht zuletzt, weil er einem der stärksten Songs des Albums besondere Aufmerksamkeit schenkt. Um noch mal auf die einleitenden Worte zurückzukommen: die Gabe, Musik zu machen, ist wahrlich nicht jedem gegeben. Es ist ein Glücksfall für Synthie-Pop-Fans, dass sich Beborn Beton irgendwann mal gefunden und zusammengetan haben, um gemeinsam Musik zu machen. Um für uns live oder aus der Konserve das auszudrücken, was wir vielleicht manchmal selbst nicht imstande sind, zu sagen. Und wer weiß, vielleicht ist es ja auch dieses Mal ein Fingerzeig, wenn sie singen: We made a promise to return pretty soon.

Enno Bunger – Herzen auf links

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Von seinen Konzerten kennt man es schon, aber auch von Beiträgen wie denen für die Hamburger Küchensessions: besondere Wirkung erzielen die Songs von Enno Bunger stets dann, wenn er seine Band wegrationalisiert und die Songs alleine am Klavier vorträgt. Das zuhause hören zu können, ohne stets Youtube oder dergleichen bemühen zu müssen, wird wohl schon lange heimlich gehegter Wunsch mancher Fans gewesen sein. Kurz bevor Enno auf seine gerade beendete Akustik-Tour aufgebrochen ist, veröffentlichte er “Herzen auf links”. Altes und neueres Material sowie eine Coverversion von Element Of Crime – und das alles so vorgetragen, wie wir es doch eigentlich alle am liebsten mögen. Der Ostfriese weiß eben, wie er sein Publikum beglücken kann.

Original-Fazit:

Ich wiederhole es noch einmal und das nur zu gerne: die größtmögliche Wirkung seiner Songs erzielt Enno Bunger immer dann, wenn er sie nur als Klavierballade bzw. nur in sparsamer, akustischer Begleitung vorträgt. „Herzen auf links“ zeigt das (erneut) ganz Eindrucksvoll. Diese schnuckelige, kleine EP steht für mehrerlei Dinge: einerseits ist sie natürlich ein Geschenk an die Fans, welche die Videos von TV Noir oder den Hamburger Küchensessions schon so oft geschaut haben, dass deren Play- bzw. Repeat-Button bei Youtube inzwischen ganz verschlissen aussieht. Andererseits ist sie ein toller Begleiter für die kommende Tour, wo wir uns auf sehr viel mehr derartig vorgetragener Songs freuen dürfen. Und nicht zuletzt: durch die ganz hervorragende Auswahl der Stücke und ihre gebotene Darbietung empfiehlt sie sich als Dauerbrenner in jenen Playlisten, wo die Songs des Ostfriesen ohnehin vertreten sind. Alles super, alles prima – und trotzdem hätte ich gerne ein ganzes Album in dieser Machart. Bisschen träumen wird man ja wohl noch dürfen. #DankeEnno

Lilou – Aber manchmal doch

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Bogenheimer Photography

Es gibt so viele gute Deutsch-Pop-Poeten. Wer sich für authentische Singer-Songwriter-Mucke aus unserem Lande begeistern kann, findet immer wieder ansprechenden, neuen Nachschub. Stets erhebt sich eine neue Stimme und versucht, Eure Aufmerksamkeit zu bekommen. Eine dieser neuen Stimmen, die Eure Aufmerksamkeit definitiv verdient hat, ist Lilou. Mit “Aber manchmal doch” soll der Durchbruch gelingen. Es ist zu hoffen, dass dieser Fall eintritt. Die Geschichten, die sie hier vorträgt, sind allesamt hörenswert und von hoher Güte. Wir fragen uns, was da wohl noch an Unerzähltem schlummern mag.

Original-Fazit:

Lilou ist bei keiner großen Plattenfirma unter Vertrag, ihre aktuelle EP erscheint im Eigenvertrieb. Und wieder einmal frage ich mich: warum ist eigentlich noch kein A&R-Verantwortlicher aufmerksam geworden auf diese junge Frau, die sich hier förmlich fingerschnippend einreiht in die Riege bemerkenswerter Deutschpop-Poeten? In einem Regal, wo Tonträger von Enno Bunger, Clueso (von mir aus), Gisbert zu Knyphausen oder Alin Coen Band Platz finden, da ist auch ganz gewiss noch ein Plätzchen frei für Lilou. Womit ich zum finalen und eigentlichen Anliegen meines Schreibens komme: wenn Ihr Euch für die genannten Künstler begeistern könnt, dann schenkt Lilou die knappen 20 Minuten Aufmerksamkeit die es braucht, um die EP zu konsumieren. Sie hat es nicht nur verdient, sondern es lohnt sich darüber hinaus auch. Wie schon gesagt: sie empfiehlt sich als eine Geschichtenerzählerin mit Hang zur Melancholie, der man gerne lauscht. Am Ende bleiben bei mir jetzt nur zwei Wünsche offen: hoffentlich dauert es bis zur nächsten Veröffentlichung nicht allzu lange. Und hoffentlich fällt diese dann umfangreicher aus. Ein Album wäre jetzt nett. Das Feuer ist schließlich entfacht.

Liquid Newt – Walk With Scars

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Liquid Newt

Würden wir auch noch dazu übergehen, einen Song des Jahres zu wählen – das hier wäre er. Für Fans und Freunde des singenden Psychologie-Professors Frank M. Spinath ein gefundenes Fressen, passt “Walk With Scars” musikalisch doch bestens zu seinen bisherigen Projekten wie Seabound oder Edge Of Dawn. Interessant ist, dass die hier erzählte Geschichte durchaus das Potential dazu hat, in weiteren Songs weitererzählt zu werden. Wenn dann Didier abermals so tolle Sounds liefert wie hier, könnten sich Elektro-Connaisseure auf ein wahren Hochgenuss einstellen. Zum Zeitpunkt dieses Artikels ist davon freilich noch nichts bekannt. Bis dahin bleibt also nur diese eine, diese erste EP. Die Halbwertszeit dieses Lieds in den hier gebotenen Darreichungsformen ist enorm hoch, somit lässt sich immer und immer wieder in die Erzählung von Rhinestone und Diamond Shine abtauchen.

Original-Fazit:

In einem Interview sagte Frank über die Lyrics des Songs, es sei fast so als sei er Didiers großer, böser Bruder, der dessen schönes Lied schwarz einfärbte. Tatsächlich bilden Musik und Inhalt einen faszinierenden Kontrast. Die Musik voller träumerischer Wärme, wie man sie bei Diskonnekted, Didiers bisherige Hauptbaustelle, so oft findet. Und dem gegenüber die Geschichte von Rhinestone und Diamond Shine über das Knüpfen zarter Bande und am Ende doch nicht über den eigenen Schatten springen können. Kein Happy End erlauben können. Eben weil die Narben in der Seele und im Herzen zu großen Furchen geworden sind, über die zu Springen unmöglich scheint. Der Einstand ist Didier und Frank mit „Walk With Scars“ jedenfalls mehr als gelungen! Bleibt zu hoffen, dass Liquid Newt keine kurzlebige Sache bleibt, sondern sich zu einer dauerhaften Institution entwickelt. Von allen Projekten, denen Frank Spinath bisher Texte und Stimme geliehen hat, ist dies nämlich das bisher herzerwärmendste. Ob das so bleibt wird sich zeigen, wenn weitere Tracks vorliegen. Bis dahin hat sich „Walk With Scars“ mal eben im Rennen als großartigster Electro-Track des Jahres ganz weit vorne positioniert. Ganz, ganz weit.

NINA – Beyond Memory

AVALOSTS TOP-ALBEN 2016
Foto: Chi Yan

Es gibt so viele Künstler, die in irgendeiner Form auf der Welle der 80er-Jahre-Musik mit surfen. Leider jedoch hat es dabei beleibe nicht auch jeder verstanden, den Geist der damaligen Zeit musikalisch einzufangen und für die heutige Zeit aufzubereiten – ohne, dass der besondere Charme dabei verloren geht. Die in London lebende Berlinerin Nina jedoch hat begriffen, wie die Synthie-Mucke der 80er funktionierte – und was getan werden muss, um in einer aktuellen Produktion den Zeitgeist des schillerndsten Jahrzehnts der Popmusik wieder auferstehen zu lassen. Ihre EPs – so wie diese hier – sind die Paradebeispiele dafür. Die letzte Aussage des ursprünglichen Fazits wiederholen wir an dieser Stelle nur zu gerne: es wird nun definitiv Zeit für ein Album!

Original-Fazit:

Wenn man Musik wiegen könnte, dann wäre „Beyond Memory“ nebst B-Seite “Purple Sun” ungefähr so leicht wie eine Feder. Nicht wirklich greifbar füllen zarte Melodien mit deutlichem Flair der 80er den Raum. Die weiche, angenehme Stimme Ninas rundet den durchweg positiven Eindruck ab. Gefällige Songs, denen man sich so richtig schön hingeben kann… – die Lady versteht ihr Handwerk. Wenn nachher am Ende des Jahres das Gerangel wieder los geht, welches denn wohl die hübscheste Synthie-Pop-Nummer 2016s war, dann wird „Beyond Memory“ ganz zweifelsfrei weit vorne und mit ausgestreckten Ellenbogen dabei sein. Aber. Nach diversen EPs wird es so langsam mal Zeit für ein ganzes Album. Immerhin: daran arbeitet sie ja, heißt es.


Roman Jasiek

Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.