Event-SpotlightMusicalsMusikSpotlightTheater MagdeburgWest Side StoryWEST SIDE STORY: Bericht von der Musical-Premiere auf dem DomplatzOpenAir Magdeburg am 16. Juni 2017

Roman Jasiek18. Juni 20178925 minFoto: Andreas Lander

Leonard Bernsteins Musical WEST SIDE STORY gilt als „die Mutter aller Musicals“. In den nunmehr 60 Jahren seit der Uraufführung im September 1957 im New Yorker Winter Garden Theatre erfreut sich das Stück durchgängig hoher Beliebtheit, sodass es ständig irgendwo auf den Bühnen dieser Welt aufgeführt wird. Bernstein schrieb die Musik, die Gesangstexte stammen aus der Feder Stephen Sondheims („Sweeney Todd“) und das Buch verfasste Arthur Laurents („The Turning Point“). Verfilmt wurde die „West Side Story“ auch – natürlich! Das allerdings schon 1961. Der Film von Robert Wise und Jerome Robbins, auf dessen Ideen das Musical basiert, kassierte seinerzeit satte 10 Oscars ab und ist damit einer der am meisten mit dieser Trophäe ausgezeichneten Filme aller Zeiten. Um diesen geht es mir aber hier und heute gar nicht, sondern um das Stück selbst, das im Rahmen des alljährlichen Domplatz Open Airs des Theaters Magdeburg unter der Regie von Gil Mehmert am 16. Juni 2017 Premiere feierte. Wir waren dabei.

West Side Story“, das in den ersten Entwürfen Jerome Robbins’ noch „East Side Story“ hieß, ist eine moderne Form von Shakespeares „Romeo & Julia“. Ursprünglich war geplant, die Geschichte während des Oster- und Pessachfestes spielen zu lassen und die Tragödie um aufkochende Emotionen von Christen und Juden herumzustricken. Die Idee entstand schon 1949; anderweitige Verpflichtungen aller beteiligten Schöpfer sorgten aber dafür, dass die „East Side Story“ zunächst für eine Weile auf Eis lag. Erst 1955 kam das Thema wieder auf den Tisch. Die damals zunehmende Gewalt rivalisierender jugendlicher Straßengangs beherrschten die Schlagzeilen, zudem hatte der Supreme Court die damals in zahlreichen US-Bundesstaaten geltende Regelung zur Rassentrennung gerade in Frage gestellt. Daraus entwickelte sich letztlich die Geschichte, wie wir sie heute in nach wie vor unveränderter Form erleben können. Die Geschichte wird vom Theater Magdeburg wie folgt zusammengefasst:

WEST SIDE STORY: Bericht von der Musical-Premiere auf dem DomplatzOpenAir Magdeburg am 16. Juni 2017
Nedime Ince (Rosalia), Lara de Toscano (Consuelo), Iréna Flury (Maria, Premiere), Bo Mi Lee
(Francisca) | Foto: Andreas Lander

Im Sommer 2017 wird der Magdeburger Domplatz zur Bühne für den Straßenkrieg zweier rivalisierender New Yorker Jugendgangs: Tony, Mitglied der »Jets«, und Maria, Schwester des Anführers der »Sharks«, verlieben sich bei einer Tanzveranstaltung im Jugendclub des Stadtteils auf den ersten Blick. Gegen alle Widerstände halten sie an ihrer Liebe fest. Doch als Tonys bester Freund Riff von Marias Bruder Bernardo erstochen wird und Tony daraufhin Bernardo tötet, ist die Tragödie nicht mehr aufzuhalten …
Inspiriert durch Shakespeares unsterbliche Liebesgeschichte von Romeo und Julia schufen die Autoren um Leonard Bernstein und Stephen Sondheim ein mitreißendes Musical, in dem tänzerische und musikalische Elemente eine perfekte Verbindung eingehen. In der spartenübergreifenden Produktion des Theaters Magdeburg zeigen Sänger, Tänzer, Schauspieler und Musiker, was passieren kann, wenn Liebe die verführerische Sicherheit von Gruppenidentitäten herausfordert: Haben wir den Mut, Grenzen abzubauen?

Die Inszenierung von Gil Mehmert in Magdeburg folgt dicht der Vorlage. Jetzt könnte man sich fragen: wäre es nach 60 Jahren und im Hinblick auf die aktuelle Weltlage nicht angebracht, das Stück vielleicht ein bisschen zu modernisieren? Den Staub aus dem Korsett zu klopfen und anstatt des Konflikts der Amerikaner und der Puertoricaner vielleicht etwas zu thematisieren, das mehr dem aktuellen Zeitgeschehen entspricht, wie zum Beispiel der hochaktuelle Konflikt von Weißen und Afroamerikanern? Die Geschichte von „West Side Story“ ist doch so universell, da ließe sich das Drama von Tony und Maria doch auch eingebettet in die Flüchtlingsthematik erzählen? Oder gar in das Amerika von heute verlegen, das der amtierende Präsident Trump mittels Mauerbau von Mexico trennen möchte? Sicherlich, könnte man alles machen – wenn nicht Leonard Bernstein dereinst für dieses Stück festgelegt hätte, dass ein paar Kernelemente in jeder Inszenierung zu finden sein müssen. So muss die „West Side Story“ zum Beispiel stets im New York der 1950er Jahre angesiedelt sein und es müssen immer die Jets gegen die Sharks, so wie wir sie kennen, um die Vorherrschaft kämpfen. Dadurch erklärt sich eben, dass wir egal wann, egal wo, immer eine sehr ähnliche Vorführung geboten bekommen. Dem jeweiligen Regisseur, Gil Mehmert in diesem Fall, sind also diverse kreative Grenzen gesetzt, was die Umsetzung anbelangt.

WEST SIDE STORY: Bericht von der Musical-Premiere auf dem DomplatzOpenAir Magdeburg am 16. Juni 2017
Foto: Ensemble Jets, Rechts vorne: Markus Schneider (Riff), Dennis Weißert (Action) | Foto: Andreas Lander

Will man hier punkten, muss man das auf andere Weise tun. Zum Beispiel kann dies über das Bühnenbild geschehen. In Magdeburg wird die „West Side Story“ auf dem Domplatz aufgeführt. Mit dem imposanten Dom im Rücken ist die Kulisse per se schon ein Hingucker. Aber auch ansonsten wusste das Bühnenbild sehr zu gefallen. Zwei jeweils ca. 10 Meter hohe Häuser umrahmten die Bühne, in der Mitte waren abwechselnd die Tankstelle von Doc (gespielt von Peter Wittig, in Magdeburg unter anderem zuletzt in „Cabaret“ und „Der Zauberer von Oz“ eindrucksvoll in Erscheinung getreten) sowie der Brautmodenladen, in dem Maria und Anita arbeiten, zu sehen. Gerade die Tankstelle, laut Regisseur Mehmert die “einzig halbwegs funktionierende Verbindung zur Erwachsenenwelt“, strotzte nur so vor Detailverliebtheit. Inzwischen bin ich es vom Theater Magdeburg ja gewohnt, dass hier mit viel Fantasie ans Werk gegangen wird, um ein stimmungsvolles Bühnenbild zu zaubern. Und auch die „West Side Story“ steht den bisherigen Aufführungen, denen ich beiwohnen konnte, in nichts nach. Kaum dass das Stück begonnen hatte und die ersten Töne von Bernsteins weltberühmter Musik erklungen waren, befand ich mich mitten im New York der 1950er Jahre. Der Dom im Hintergrund rundete das Bild erstaunlich gut ab. Weiterhin ganz toll: immer wieder fuhren amerikanische Autos auf und vor der Bühne herum. So waren dies unter anderem ein 1979er Oldsmobile oder ein Pontiac Firebird. Die verwendeten Fahrzeuge und dieses amerikanische Polizeimotorrad passten einfach hervorragend in die jeweilige Szene. Niemals entstand dabei auch nur eine Sekunde der Eindruck, die Autos würden nur hin und her gurken, weil man entgegen der Bühne des Opernhauses einfach viel mehr Platz zur Verfügung hatte und jetzt sagen konnte: seht her, wir haben auch Autos! Tatsächlich bereicherten die Fahrzeuge das Bühnenbild und das Geschehen sehr und verliehen dem ansonsten einstweilen sehr statischen Bühnenbild eine gehörige Portion Dynamik.

Der nächste Punkt, in dem man angesichts strikter Vorgaben Eindruck hinterlassen kann, ist die Musik. Klar, auch hier kann sich kein Theater den Bedingungen entziehen, die Magdeburgische Philharmonie unter der Leitung von Kimbo Ishil machte jedoch einen tollen Job. Zu sehen waren Dirigent und Orchester wie üblich nicht (oder nur kaum hinter der großen Plane am Ende der Bühne), dennoch war die Begeisterung der Beteiligten gut zu spüren. Andererseits: es war eine Premiere, da hat sicher jeder Beteiligte Lust zu zeigen, woran in den letzten Wochen und Monaten hart gearbeitet wurde. Alles andere hätte mich auch wirklich überrascht.

WEST SIDE STORY: Bericht von der Musical-Premiere auf dem DomplatzOpenAir Magdeburg am 16. Juni 2017
Im Vordergrund: Bernardo (Sascha Luder), Anita (Andrea Sanchez del Solar), im
Hintergrund: Ensemble | Foto: Andreas Lander

Der wichtigste aller Punkte sind bei einem Musical aber die Darsteller. Und hier hat man in Magdeburg durch die Bank weg voll ins Schwarze getroffen! Allen voran Hauptdarsteller Anton Zetterholm, der den Tony spielt und singt, ist, wenn ich das so sagen darf, die Wucht in Tüten! Stimmlich über jeden Zweifel erhaben ist es mir auch im Hinblick auf sein Schauspiel spontan unklar, ob man für die Rolle des Tony eine bessere Besetzung als diesen Schweden hätte finden können. Oh wie er leidet, nachdem er durch Anita indirekt auf eine falsche Spur geführt wurde. Es blutete mir beinahe das Herz! Vor allem aber war es sein Gesang, der Eindruck hinterließ. Scheinbar mühelos bewegte sich seine Stimme durch die Tonlagen, ohne auch nur den Hauch eines Kratzens oder dergleichen, und vor allem mit einer Kraft, einer Dynamik und Präsenz, die den Domplatz ausfüllte und vereinnahmte! Ganz toll: “Maria”! Sein Talent machte allerdings manchmal deutlich, dass andere Darsteller stimmlich in einer ganz anderen Liga spielen. Man achte hier beispielsweise mal auf Anybodys (gespielt von Vera Weichel) Beitrag in „Somewhere“.

WEST SIDE STORY: Bericht von der Musical-Premiere auf dem DomplatzOpenAir Magdeburg am 16. Juni 2017
Sybille Lambrich (Maria), Anton Zetterholm (Tony) | Foto: Andreas Lander

Auch Maria, gespielt von Iréna Flury, war ganz großartig! Stimmlich sowieso, zumal sie wunderbar mit Anton Zetterholm harmonierte. Gleichwohl taten sie das auch optisch. Was für ein hübsches, wenn auch tragisches Pärchen! Irénas Schauspiel war ebenfalls toll anzusehen. Wie sie anfangs naiv-fröhlich, als frisch Angekommene in New York, das Leben genießt, um alsbald überzugehen in Verzweiflung und Desillusion um dann, gegen Ende, trotz aller Tragik doch noch Kraft und Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu verbreiten – ganz toll umgesetzt! Die weiteren tragenden Rollen sind gleichfalls bestens besetzt. Andrea Sánchez del Solar als Anita IST einfach Anita! Das werdet Ihr nicht anders sehen, wenn Ihr die Dame erlebt habt! Sascha Luder als Bernardo, der Anführer der Sharks, Markus Schneider als sein Gegenspieler der Jets – alle Darsteller auf der Bühne schienen sich bei der Premiere von keiner/keinem der KollegInnen die Butter vom Brot nehmen lassen zu wollen. Unter Fachleuten gilt die „West Side Story“ musikalisch als anspruchsvolles, ja mitunter sogar sehr schwieriges Stück, gerade auch im Hinblick auf den Gesang. Wenn dem so ist, haben sich die Akteure auf und hinter der Bühne jedenfalls keine Blöße gegeben.

Soweit alles prima. Schade nur, dass von dem vielen Platz auf der Bühne oft nur so wenig genutzt wurde. So schien man sich bei der Regie stets auf den vorderen, mittleren Teil zu fokussieren – was dazu führte, dass links und rechts des Geschehens viel leerer Raum übrig blieb. Dieser Umstand ließ das Treiben trotz aller Gesangs- und Tanzeinlagen immer auch ein bisschen statisch wirken. Es mag von Herrn Mehmert bewusst so entschieden worden sein – seiner Aussage im Programmheft nach sei dies wichtig für eine Open Air Produktion – , den Eindruck von verschenktem Platz wurde ich über die Dauer der fast dreistündigen Vorstellung (Pause mit einbezogen) jedoch nicht los. Dafür ist den Beteiligten aber folgendes Kunststück gelungen: Ich würde behaupten wollen, dass vielen Besuchern der „West Side Story“ das Musical bekannt ist. Und trotzdem – gerade im ersten der beiden Akte wird regelrecht atemlose Spannung erzeugt! Man weiß, was passieren wird, wie und warum – und trotzdem ertappte ich mich dabei mitzufiebern und irgendwie auf ein besseres, weniger dramatisches Ende zu hoffen. Auf eine Lösung des Konflikts, ohne dass vorher Blut fließen muss. Einer alten Geschichte, bestens bekannt noch dazu, derart Dramatik und Spannung einzuverleiben ist eine Leistung, die mich den Beteiligten gegenüber den Hut ziehen lässt.

WEST SIDE STORY: Bericht von der Musical-Premiere auf dem DomplatzOpenAir Magdeburg am 16. Juni 2017
Anton Zetterholm (Tony), Peter Wittig (Doc) | Foto: Andreas Lander

Randnotiz: die Generalprobe, die am Vorabend der Premiere stattfinden sollte, musste wegen eines spontan heraufgezogenen Unwetters abgebrochen werden. Karen Stone, Intendantin des Theaters Magdeburg, erklärte den Gästen, der zweite Akt sei gleichzeitig Premiere und Generalprobe. Die Nervosität der Beteiligten aufgrund dieses Umstandes kann ich nicht mal erahnen, aber: es ist alles gut gegangen, die Premiere lief durch wie am Schnürchen. Somit möchte ich festhalten: wenn Magdeburg in Eurer Reichweite ist, Ihr ein Interesse an (klassischen) Musicals habt und eine wirklich sehenswertes weil spannendes und ergreifendes Stück genießen wollt – „West Side Story“ auf dem Domplatz ist womöglich genau Euer Ding. Die Magdeburger Inszenierung gefällt vor allem und ganz besonders durch die starken, sehens- und hörenswerten Darsteller und die tolle Kulisse. Diese Kombination allein rechtfertigt schon den Erwerb eines Tickets.

Tony und Maria haben ihre Liebe, die Grenzen überschritten und fehlgeleitetes Zugehörigkeitsdenken überwunden hatte, teuer bezahlen müssen. Die Geschichte der „West Side Story“ mag 60 Jahre alt sein (und älter, die Geschichte tragischer Liebespaare wird seit Jahrhunderten erzählt. Siehe „Hero und Leander“, „Pyramus und Thisbe“ oder „Tristan und Isolde“) die Grenzen und diese alberne Grüppchenbildung existieren heute in ähnlicher Form aber noch immer. In großer wie in kleiner Form. Wenn sich auch die „West Side Story“ als solche nicht modernisieren lässt, wie es heißt – die Lehren daraus lassen sich dennoch auch auf die heutige Zeit anwenden. Hass, Neid und Missgunst haben noch nie in der Geschichte der Welt zu irgendwas Gutem geführt. Welches Leid das alles verursacht, kann man den Menschen nicht oft genug vor Augen führen. So gesehen ist es vielleicht gar nicht schlecht, dass dieses Musical nicht modernisiert werden soll. Damit bleibt es eine zeitlose Parabel, das am Schluss, nach all dem Drama, ein bisschen Hoffnung mit auf den Weg gibt.

There’s a place for us, somewhere a place for us.
Peace and quiet and open air wait for us somewhere.

Für alle von uns.

WEST SIDE STORY: Bericht von der Musical-Premiere auf dem DomplatzOpenAir Magdeburg am 16. Juni 2017
Ensemble Jets | Foto: Andreas Lander


WEST SIDE STORY: Bericht von der Musical-Premiere auf dem DomplatzOpenAir Magdeburg am 16. Juni 2017


Hinweis: Die Teilnahme an dieser Veranstaltung erfolgte aufgrund einer Akkreditierung durch den Veranstalter.


Roman Jasiek

Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.