EBMElectroElectroclashMusikMusik-ReviewSpotlightSynthpop/ElectropopTomas TulpeTOMAS TULPE – In der Kantine gab es Bohnen…

Christian Giesdorf29. September 20176012 minFoto: Tomas Tulpe / Bakraufarfita Records

Jeder Student weiß, in der Mensa schmiert dir Mutti keine Schnitte. Zum Glück gab es in der Kantine heute Bohnen. Bananen machen eh nur dick. Aber der Reihe nach. Tomas „Fucking“ Tulpe hat genug von Senf. Nach zwei grandiosen Alben bei Frank Zanders Label ZETT-Records wechselte Tulpe zum Punklabel Bakraufarfita Records. Um den Charme der Anarchie weiter voran zu treiben, übernahm er auch gleich die Produktion des Albums selbst: „Es ist das erste Mal, dass ich es auch selbst produziert habe und fühlt sich irgendwie an wie mein erstes Soloalbum.“ (Tulpe via Facebook). Holt die weißen Tennissocken raus und zieht eure Sandaletten an. Der King of Trash nimmt uns zum dritten Mal mit in seine aberwitzige Welt des New-Berlin-Dada.

Diese Reise beginnen wir nachts an der Tanke. Lebensmittel scheinen der elektronischen Bühnenwurst ziemlich wichtig zu sein. Diese sollten allerdings entsprechend serviert werden. „Un Dos Tres“ erinnert an all die vergessen Ketchup-Tütchen von McDrive und Co. Verpackt in einen Synthiepop-Electro-Clash-Track, welcher auch lyrisch sofort herausragt: „Hot Dog ohne Soß ist wie Lotto ohne Los – Ich frag: wollen sie mich verarschen oder wos?“ Die Brücke zum letzten Album – „Wie wär’s mit Senf?“ – ist sofort geschlagen und tanzend überquert. In Wirklichkeit präsentiert uns Tulpe hier eine ausgeklügelte Kapitalismuskritik. Fehlender Ketchup beim Kunden bedeutet Profit beim Händler.

Bevor man sich aber am Wochenende über fehlenden Ketchup beschweren kann, braucht man erstmal Wochenende. Die Zeit bis zum Freitag ist bekannterweise gespickt von viel zu vielen Werktagen. Diese grausame Tatsache wird in „Weekend“ mit einem herzhaften „oh nee“ zusammengefasst. Zum Glück gibt es das Wochenende – SUPER DUPER! Monotoner Electro mit Tiefgang. Ist dieser Song vielleicht doch eine versteckte Sozialkritik? Die Stimme aus dem Sample fragt zurecht: „Haben die Leute eigentlich keine Lust mehr?“ Ein Tomas Tulpe ist auch irgendwie, irgendwo und irgendwann ein Philosoph.

TOMAS TULPE - In der Kantine gab es Bohnen...
Foto: Tomas Tulpe / Bakraufarfita Records

Zu den ersten zwei Liedern kann man nicht anders als zu tanzen. Das bringt den geneigten Hörer natürlich ins Schwitzen. Wie sehr das ausarten kann, wird im retro-elektronischen „Sweat“ dampfend beschrieben. Dabei trägt ein Tomas Tulpe doch schon ständig kurze Hosen. Hat diese gar erst so richtig en vogue gemacht. Überhaupt kenne ich kein besseres Fashionvorbild. Deshalb ist mir der nächste Song ein Rätsel. Wieso zur heiligen Ulknudel muss Tomas gestehen: „Ich war noch nie im Berghain“?! Der Überhit des Albums beschreibt was schon so viele erleben mussten: die Schmach von Sven Marquardt abgewiesen zu werden. Dramatische Szenen müssen das gewesen sein. Der Song ist grandioser Techno-EBM gepaart mit einer ohrwurmverdächtigen Hookline. An dieser Episode wird beispielhaft die Vorverurteilung des Einzelnen anhand seines Äußeren hinterfragt. Zählen innere Werte denn gar nicht mehr?
Wartet man nachts nackt auf Einlass ins Berghain wird man allerdings schnell krank. „Fieber“ messen ist jedoch eine recht unangenehme Sache. Vor allem wenn Mutti „Fieber“ messen will. Tulpe präsentiert sich hier gewohnt offen und verarbeitet seine traumatische Kindheitserinnerung verpackt in wunderbarem Electro-Clash-EBM. Apropos Kindheitserinnerungen. Hinter „ABC“ versteckt sich doch eine bissige Kritik am deutschen Bildungssystem. Tulpe, mit einer Hammerfigur gesegnet, mochte selbst nie gern das Alphabet lernen. Egal. Macht er halt – wie bei diesem Song – weiter erfolgreich Minimal-Electro-Pop. Doch was ist mit den all den anderen? Die müssen halt zum Fernsehen und Trash-TV machen. Oder schlimmer. Sie sitzen bei Markus Lanz.

TOMAS TULPE - In der Kantine gab es Bohnen...
Foto: Tomas Tulpe / Bakraufarfita Records

Schön mit dir“ ist ein gesellschaftskritisches sowie tiefgründiges Minimal-Electro-Liebeslied. Nur die wahre Liebe kann die deutsche Fernsehlandschaft noch ertragbar machen. In guten wie in schlechten Zeiten. Liebe geht ja bekanntlich auch durch den Magen, doch Vorsicht vor Bananen. „If you wanna be a supermodel don’t eat banana!“ – die elektronische Bühnenwurst muss es ja wissen. Verpackt ist diese Botschaft an die Fitnessfoodindustrie in einem basslastigen Electro-Pop-Song mit minimalistischer Hookline. Eine Reminiszenz an die tulpschen Wurzeln im deutschen Schlager verstecken sich in „Roy Black is Back!“. Ein grandioser Minimal-Track in 1:45 Minuten. Eine Bassline und ein paar Drumloops – diesem Schlagergott kann man nur so ein musikalisches Denkmal setzen.
Wichtige Lebenstipps bekommt der Hörer wenn uns Tulpe von seinem Haustier berichtet. „Mein Wellensittich“ verdreht die Beziehung eines jeden Haustierbesitzers zu seinem Tier und wirft die Frage auf: Besitzt der Mensch das Haustier oder doch das Haustier den Menschen?

Minimalistisch-elektronisch erklärt uns Tomas danach, wieso er Gardinen hasst. Musikalisch ein kleiner Leckerbissen. Dadaistisch werden hier bürgerliche Ideale parodiert. Wer keine Gardinen hat braucht übrigens auch keinen Überwachungsstaat. Mit satten „60 km/h“ werden danach musikalisch Erinnerung an Super-Mario-Kart auf dem SNES wach gerufen. Die Synthies klingen wie frisch aus 16bit generiert. Rasant.

Hinter „Krause“ verbirgt sich ein Familiendrama, welches den Hörer tief bewegen muss. Der Minimal-Electro-Track steigert sich fast ins wahnhafte, wenn es um die Geschichte von Familie Krause geht. Ergreifend werden bürgerliche Zwänge und die gesellschaftliche Moral ad absurdum geführt. Zum Finale wird Tomas Tulpe nochmals romantisch-zerrissen. „Mit Anja ist es aus“ und er ist wieder allein. In diesem EBM-Popsong schildert Tulpe die wohl traurigste Liebesgeschichte seit „Die Prinzessin und der Froschkönig“. Bewegend.


Fazit: Hätten Stephan Remmler und Karl Dall eine uneheliche Tochter, sie hätten sie Tomas Tulpe getauft. „In der Kantine gab es Bohnen“ ist ein Geniestreich. Musikalisch garniert uns Tulpe ein Electro-Clash-EBM-Album der Super-Duper-Lative. Für die erste Eigenproduktion klingt Album número tres erstaunlich abwechslungsreich. Gekonnt springt Tulpe zwischen EBM, Electro und Minimal umher. So vielschichtig klang Tomas „Fucking“ Tulpe noch nie. Als ob der Wechsel von einem Schlager- zu einem Punk-Label ungeahnte schöpferische Impulse freisetzte. So wird das Werk des Tomas T. um 14 Leckerbissen für die Tanzfläche bereichert. Selbst die für heutige Verhältnisse kurze Spieldauer ist als kleiner Wermutstropfen lediglich eine Verneigung vor Genre-Größen wie DAF. Textlich ist Tulpe mal wieder auf der ganz sicheren Seite. Gekonnt spielt er mit der deutschen Sprache, sodass jedem Germanisten die Ohren schlackern. Ein zeitloses Meisterwerk des elektronischen Dadaismus – Tulpe ist New Berlin Dada.
Tomas Tulpe präsentiert sich als ein einziges Kraftwerk und verdient für seine harte Arbeit seinen verdienten Lohn. Holt euch eure Portion Bohnen aus der Kantine und tanzt den Tomas Tulpe.


TOMAS TULPE - In der Kantine gab es Bohnen...


Christian Giesdorf

Unter dem Pseudonym Joker Montana hat der Autor bisher eher selbst Musik „geschrieben“ als selbst über Musik zu schreiben. Doch als studierter Historiker und Germanist war es wohl nur eine Frage der Zeit sowie logische Konsequenz, die Schreibtätigkeit über die Musik als weitere Leidenschaft aufzunehmen. Musikalisch aus dem Punk und Alternative stammend, erweiterte sich das eigene Spektrum schnell über Gothic hin zu diversen Subgenre aus Metal und Electro. Dabei fühlt man sich vor allem in den härteren Gefilden wohl – Dark-Electro/Aggrotech, Noise, Industrial-Rock/Metal, Goth-Metal... Ob entspannt über Kopfhörer oder bei Konzerten eher unkontrolliert im Pulk umher springend, ist Musik doch eines der erhellendsten Ereignisse im Leben. Der Tellerrand ist dabei nie zu hoch und dennoch ist „Alles“ auch bloß keine Musikrichtung. Diskutiert werden kann ja über alles, aber gestaltet sich die bescheidene Meinung dieses Schreiberlings frei nach Jean-Jacques Nattiez: „The border between music and noise is always culturally defined […] there is no single an intercultural universal concept defining what music might be.“ und Trent Reznor: „I think there`s something strangely musical about noise.“