MusikMusik-ReviewNOYCE™SpotlightSynthpop/ElectropopNOYCE™️ – Love Ends

Roman Jasiek15. November 20176419 minFoto: Simone Horn

Bekanntlich will Weile haben, was ein gut Ding werden soll. Die Geschichte des jüngsten Albums von Noyce™️ zieht sich schon über ein paar Jahre. Bereits am letzten Juli-Tag des Jahres 2013 erschien bei Youtube das Video zu „Fall[Out]”. Die zugehörige Single jedoch, die erblickte erst im Januar 2015 das Licht der Musikshops dieser Welt. Weitere, knappe anderthalb Jahre später folgte ein weiterer Appetitanreger in Form von “The World Is Quiet”. Und nun ist es also endlich da, dieses mit großer Spannung erwartete neue Album “Love Ends”. In meinem Fazit zu “Fall[Out]” schrieb ich vor zwei, inzwischen fast drei Jahren:

Wenn der Rest des kommenden Konzeptalbums „Love Ends“ hält, was diese Single verspricht, dann steht uns dank NOYCE™ womöglich ein richtiger Knaller ins Haus. „Fall[Out]“ ist eine sehr gefällige Electropop-Nummer mit einem spannenden Twist im Refrain, deren Einzug in gängige düster- und alternativelektronische Charts ich schon förmlich vor mir sehe. Tanzen ließe es sich dazu auch gut. Tolle Beschallung für drinnen und draußen also. Vor allem aber begeistert dieser Song durch die mit jedem erneuten Hören zunehmende Sogwirkung. Daher sei folgender Warnhinweis angebracht: Immer wenn ich denke „so, reicht jetzt erstma“ kommt gleich anschließend ein „ach komm, einmal geht noch“ – Reflex.

Ich freue mich Euch an dieser Stelle mitteilen zu dürfen, dass Noyce™️ geliefert haben. Dass sie das Versprechen, das sie seinerzeit mit “Fall[Out]” gegeben haben, auf “Love Ends” auf denkbar grandioseste Weise einlösen. An gelungenen Veröffentlichungen im Düsterbereich mangelt es derzeit nicht; gerade zum Jahresende kamen und kommen so einige Schmankerl auf den Markt. Aber “Love Ends” ist etwas besonderes. Eines dieser Alben, wo man dem kritischen, teilweise sehr politischen und mitunter zutiefst humanistischen Inhalten folgen kann – oder sich so sehr von der Musik begeistern lassen, dass man sich mit der überraschenden, den Inhalt manchmal direkt schon kontrastierenden Wärme am liebsten zudecken möchte.

NOYCE™️ - Love Ends
Foto: Simone Horn

Es ist übrigens ein Trugschluss wenn man glaubt, nach den vorangegangenen Appetithäppchen einen Teil des Albums schon zu kennen. Sicherlich; Texte und Melodiebögen bereits ausgekoppelter Stücke sind nicht neu. Im Vergleich zur Single von “Fall[Out]” hat sich in Sachen Klang und Produktion aber noch viel getan. Die Düsseldorfer suchten sich für ihr Album nämlich Unterstützung in Form von John Fryer (u.a, HIM, Depeche Mode oder Nine Inch Nails), Krischan Wesenberg (Rotersand, Radioaktivists) und vor allem Adrian le Monde, der den größten Anteil an Mix und Klang hatte. Mit dem Ergebnis, dass “Love Ends” – Album als auch gleichnamige B-Seite der letzten Single – im Klangbild deutlich detaillierter, in Sachen Sound viel druckvoller und dynamischer aus den Boxen scheppern, als es zuvor der Fall gewesen ist. Als Beispiel dafür, wie viel Abwechslung in nur einem der 12 Songs dieses Albums stecken kann, sei einmal mehr das besagte Titelstück genannt. Da können sich so manche Mitbewerber eine Scheibe abschneiden. Auch die angenehm dunkle und warme Stimme von Sänger Florian Schäfer wirkt hier noch einmal kraftvoller und präsenter. In dem Zusammenhang: es ist immer wieder schön zu hören, dass es in der Düsterszene, dieser sogenannten, immer noch Sänger unterwegs sind, die es nicht nötig haben, ihre Stimme zu verfremden, weil sie ansonsten wohl zu dürftig klingen würde.

Technisch muss sich “Love Ends” nicht verstecken. Ganz im Gegenteil, es reiht sich ein in die Riege der Top-Produktionen dieses Jahres. Aber was würde das nützen, wenn der Inhalt nur belangloses Pillepalle-Gesülze wäre? Die Alben von irgendwelchen 0815-Pop-Sternchen sind schließlich auch immer nach allen Regeln der Kunst produziert und doch oft nur gehaltsarme Grütze. Quasi wie Schokoweihnachtsmänner. Außen lecker, aber innen eben hohl. Nicht so aber Noyce™️. Die Düsseldorfer verpassen ihrem klanglich hochwertigen Electro-Pop inhaltliche Substanz, indem sie sich anschauen, was in dieser Welt gerade so passiert und sich fragen: ist das alles, wozu der Mensch heute in der Lage ist? Ist die Liebe, die durchaus auch als Synonym für Menschlichkeit, Mitgefühl und, ja, Nächstenliebe steht, am Ende? Oder besteht noch Hoffnung?

Das tun sie oft nie direkt, sondern gerne mal hintergründig. Da wäre zum Beispiel das Stück “Heimat“, das sich mit der anhaltenden Problematik der Flüchtlingskrise beschäftigt. Die einen schwimmen im Wohlstand, die anderen im Mittelmeer und beide werden darin ertrinken, wenn wir nicht bald mal lernen, uns gegenseitig die Hand zu reichen. Heimat – Das Ende schien noch nie so nah / Heimat – An diesem Ort der früher Heimat war, heißt es dort. Noyce™️-Kenner werden übrigens bemerken, dass die Band sich hier abermals an einen Text in deutscher Sprache gewagt hat. Ein Unterfangen, das gerne mal in die Hose geht, wenn es sich um brisante Themen dreht. Den Rheinländern ist es jedoch gelungen, Kitsch und Plattitüden zu umschiffen. Tatsächlich kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Stück wie “Heimat” die gleiche Wirkung erzielen würde, wäre der Text in Englisch verfasst worden.

NOYCE™️ - Love Ends
Foto: Simone Horn

Anderes Beispiel: “Kaltland“, das sich mit den Besorgt- und Wutbürgern beschäftigt; mit jenen, die auf die Straße gehen und “Wir sind das Volk!” skandieren. Es führt ihnen das Fehlverhalten vor Ohren (ihr seid eben nicht das Volk!), ohne jedoch in die oft zu erlebende Falle zu tappen, die Ver(w)irrten schlicht anzugreifen oder zu verurteilen. Dass “Kaltland” musikalisch dabei die sperrigste und unbequemste Nummer dieses Albums ist, passt gut ins Bild. In “Mensch[en]” betrachten Noyce™️ dieses Problem sogar noch auf einer quasi globalen Ebene. Es ist der Mensch der sich oft fürchtet dass seine Welt zerbricht / weil er denkt ein Kampf um Rassen sein heilig Land beschützt / Doch der Mensch scheint äußerlich nur anders egal wo er auch lebt / drum atme Mensch, komm atme, sonst ist es bald zu spät. Ich denke, es würde tatsächlich helfen, wenn wir uns alle wieder bewusst machen, dass niemand von uns der Mittelpunkt der Welt ist und Dinge nur besser werden können, wenn wir mal durchatmen und uns darauf besinnen, wie Toleranz und gegenseitige Rücksichtnahme funktionieren. Ein Mensch ist ein Mensch. Punkt. Ganz gleich welcher Herkunft, Hautfarbe, Religion, politischer oder sexueller Ausrichtung oder was weiß ich, und niemand – wirklich niemand! – hat das Recht, sich über einen anderen zu erheben. Wenn wir das nicht endlich mal begreifen, ist es wohl wirklich bald zu spät. Die Menschheit steht angesichts von Dingen wie etwa dem Klimawandel eindeutig vor anderen Herausforderungen als jenen, sich in kleingeistigem Geplänkel aus Angst, Hass, Neid und/oder Missgunst gegenseitig die Birne einzuschlagen. Das kann nicht oft genug betont werden. Schön dass sich Noyce™️ hier einreihen in die Riege derer, welche die Stimme erheben.

Die Dinge, die Noyce™️ auf “Love Ends” thematisieren – lang und breit kann man darüber diskutieren oder im stillen Kämmerlein vor sich hin sinnieren. Es ist als Kunststück zu bezeichnen, dass man das nicht muss. Die Fragen, die in den Raum geworfen werden, drängen sich nicht auf. Es ist nicht so, dass die Band mit dem Holzhammer auf den Hörer eindrischt, frei nach dem Motto: denk da mal drüber nach! Nö. Sie beobachten, grübeln, und fragen, überlassen es aber gänzlich ihrem Publikum, ob dieses den Gedanken folgen, sich eigene machen oder vielleicht auch einfach nur in der Musik verlieren möchte. Auch das funktioniert auf “Love Ends” bestens. Wir befinden uns zum Erscheinen des Albums noch im Herbst, der Winter streckt seine kalten Finger aber immer mehr und immer öfter aus. Grau in grau dominiert die Tage. Und die Kälte, die überall vorherrscht, wird nicht nur von den Temperaturen bestimmt. “Love Ends” ist im Hinblick auf die Gestaltung der Songs, der raffinierten Melodiebögen, der stimmlichen Leistungen von Florian Schäfer, die auf einer Idee Adrians basierend hier mehr aus dem Mix herausragt, sowie der wohlfeilen Produktion ein bisschen wie diese Handwärmer, die man knickt und dann in die Manteltasche steckt. Oder eine große Tasse heißer Schokolade. Es wärmt. Vor allem die Seele. Und fast schon nebenbei ist es ein unheimlich gutes Album geworden, dem die lange Zeit des Reifens sehr bekommen ist. Abgerundet wird es durch schickes Artwork und ein wirklich hübsches Booklet.


Fazit: Im Pressetext, der “Love Ends” ankündigt, heißt es: “In einer auf Instant-Ruhm gebürsteten Gegenwart ist es ein fataler Irrglaube, dass Musiker nach kurzjähriger Ton-Abstinenz zwangsläufig in Vergessenheit geraten müssen. So etwas geschieht eher dann, wenn es Kunst und Klang an der nötigen Substanz mangelt – und vom Gesamtwerk, aus zeitlicher Ferne betrachtet, nicht nur der sprichwörtliche “Lack” ab ist”. Ich möchte meinen, dass bei Noyce™️ nicht nur der Lack eben nicht ab ist, sondern ganz im Gegenteil: sie haben möglicherweise noch nie so geglänzt wie mit diesem Juwel von einem Album! Es gehört ein bisschen Mut dazu, aus dem Gewohnten auszubrechen. Die Düsseldorfer haben das getan, indem sie Texte mit politischem Hintergrund erstmals in Deutsch singen. Das Unterfangen ist geglückt. Darüber hinaus ist “Love Ends” ein ganz wunderbares Album, das trotz (oder vielleicht auch gerade?) wegen der gewählten Inhalte eine ganz erstaunliche Wärme versprüht. Es ist eines von dieser Sorte, mit denen man sich zudecken möchte. Möglicherweise werden jetzt wieder einige Jahre ins Land ziehen, ehe uns Noyce™️ mit einem weiteren Album beglücken. Bis dahin wird “Love Ends” aber nichts von seiner Aktualität eingebüßt haben – und erst recht nicht von seiner Klasse.


NOYCE™️ - Love Ends


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Roman Jasiek

Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.

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