COVENANT - The Blinding Dark
Foto: Roman Jasiek / AVALOST

COVENANT – The Blinding Dark

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
8.5/10
Klang / Produktion
8/10
Kreativität
8/10
Verpackung / Artwork / Extras
7.5/10
Fan-Faktor
7.5/10
Umfang / Spieldauer
7.5/10
Gesang
8/10
Gesamteindruck
8.5/10
Gesamt
7.9/10

Seit mehr als 20 Jahren ist folgendes zu beobachten: wenn die schwedischen Elektroniker COVENANT ein neues Album an den Start bringen, spitzt der elektronische Teil der Düsterszene kollektiv die Öhrchen. Kein Wunder, ist Covenant ein Synonym für Musik erster Klasse. Während sich andere Bands darauf beschränken, alten Wein in neue Schläuche abzufüllen, gehen die Schweden stets immer noch ein bisschen weiter. Lassen das Gewohnte hinter sich und scheinen sich nicht im geringsten Darum zu kümmern, was irgendwer vielleicht von ihnen erwarten könnte. Mit einer Konsequenz, die andere Bands im gleichen Fahrwasser vermissen lassen, setzen sie seit Jahr und Tag ihre musikalische Vision um. Dass dabei nicht immer jeder Hörer eingefangen und mitgenommen wird, liegt in der Natur der Sache. Logisch, wir können noch immer den „Leiermann“ oder „Call The Ships To Port“ abfeiern, gar keine Frage. Trotzdem ist es gut, dass Covenant sich weiterbewegen. Jedem neuen Album wohnt also auch folgende Frage inne: wohin geht die Reise dieses Mal? Im Falle von „The Blinding Dark“ kann man diesbezüglich feststellen: in die absolute Finsternis.

Es sind dunkle Zeiten, in denen wir leben. Oftmals bekommt man das gar nicht so mit, weil es uns doch eigentlich gut geht. Und doch, wenn man mal das ganze blendende Bling-Bling allerorten – erzeugt durch soziale Netze, Fernsehshows und massivem Konsum von Luxus aller Art – beiseite schiebt, könnte man die dunklen Wolken durchaus erkennen, die sich am Horizont abzeichnen und bedrohlich immer näher kommen. Würde man all die Dinge, die auf unserem Planeten nicht stimmen, aufzählen wollen – man wüsste ja gar nicht, wo man anfangen sollte! Oder damit aufhören. Doch die Fassade bekommt so langsam Risse und immer mehr Menschen zweifeln, hinterfragen und sinnieren darüber, ob das alles irgendwie noch ein gutes Ende nehmen kann. Den modernen Ruin hatten die schwedischen Elektro-Pioniere Covenant ja schon vor fünf Jahren ausgerufen, waren aber damit ihrer Zeit ein bisschen voraus. In die heutige ungewisse Zeit entlassen sie ihr inzwischen neuntes Studioalbum „The Blinding Dark“. Inhaltlich waren Covenant ja schon immer dem Zeitgeist, der sie umgibt, verhaftet. Daher überrascht es auch nicht, dass der aktuelle Ist-Zustand unserer Gesellschaft großen Einfluss auf Inhalt und Klang des neuen Albums hatte. Joakim Montelius, Soundtüftler der ersten Stunde, erklärt: „Wir leben in einer finsteren, verwirrenden Zeit, und Covenant haben ein Album über die damit einhergehenden Gefühle geschrieben. In einer Welt, die keinen Sinn mehr ergibt, müssen wir im Dunkeln sehen lernen, und „The Blinding Dark“ ist ein Hohelied auf die Widerstandsfähigkeit einer starken Seele. Die Musik, dystopisch und erbarmungslos, spiegelt die Schatten wider, die wir alle in uns tragen, während wir meistens zu feige sind, sie genauer zu betrachten. Sie wirkt nach innen gekehrt, nicht explosionsartig, getrieben von kalter Wut statt leidenschaftlichem Feuer, so schön wie ein untergegangener Stern“.

COVENANT - The Blinding Dark
Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Und tatsächlich wird sich so mancher Konsument überrascht die Ohren reiben und sich fragen: „ernsthaft, das war gerade eine Covenant Platte?“, sobald die letzten Töne verklungen sind. Mit dem zweiminütigen Instrumentalstück „Fulwell“, eigentlich mehr Geräusch als Melodie, eröffnen die Schweden das neue Album. Es ist ein bisschen wie eine Taschenlampe, die in der Dunkelheit über den Boden tanzt. Ab und zu wird irgendwas im Schein des Lichtstrahls sichtbar, das große Ganze bleibt jedoch in der Dunkelheit verborgen. Ein Gleichnis übrigens, das sich auch prima auf das Album anwenden lässt, denn es offenbart seine Geheimnisse, seine ganze Faszination nicht beim flüchtigen Hören. Und nach den ersten paar Durchgängen schon gar nicht. Das nachfolgende „I Close My Eyes“ ist das erste (und insgesamt eines von gefühlt sehr wenigen) Stücken, in denen wir Eskils markante Stimme zu hören bekommen. Erstaunlich ruhig schallen die Töne in den Raum, ein Eindruck von Resignation schwingt mit ihnen mit. Es ist heute aber auch wirklich nicht einfach, den Kopf erhoben zu halten. Eine ergreifende Nummer von betörend-verstörender Schönheit. Stellvertretend für das ganze Album, eigentlich. „Morning Star“ glänzt durch musikalischen Minimalismus und gestattet sich nur ein paar wenige Anflüge von Melodien. Erstaunlich: abermals haben Covenant das Tempo, das ihren elektronischen Songs sonst innewohnt, gedrosselt. Es flirrt, flimmert und pulsiert, aber es scheppert nicht. Wer an dieser Stelle immer noch tanzbares Gestampfe erwartet, muss die Erwartungshaltung zwingend korrigieren. Wenn Joakim Montelius erklärt, dieses Album sei introvertiert, dann ist das durchaus wörtlich zu nehmen. Lediglich „Cold Reading“ erinnert daran, dass Covenant auch erstklassige Tanzflächenfüller schaffen können. Dass die Nummer noch reduzierter ausgefallen ist, passt hervorragend zur abgründigen Stimmung des Albums.

Wie so oft in ihrer Karriere sind Covenant einmal mehr dem aktuellen Zeitgeschehen verhaftet, wie so oft in ihrer Karriere loten sie die eigenen Grenzen aus. Und verschieben sie wieder ein bisschen. Zuletzt machten sie das bei „Modern Ruin“, das unter Fans auch nicht ganz unumstritten ist. Ähnlich wird sich auch „The Blinding Dark“ entwickeln, denke ich.

So wie übrigens auch „A Rider On A White Horse“, einem Coversong, der ursprünglich von Lee Hazlewood im Jahre 1977 vorgetragen wurde. Konsequent, sich in diesem Zusammenhang eines biblischen Themas anzunehmen. In Luthers Bibelübersetzung heißt es in der Offenbarung 19:11-16: „Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der daraufsaß, hieß Treu und Wahrhaftig, und er richtet und streitet mit Gerechtigkeit. Seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt viele Kronen; und er hatte einen Namen geschrieben, den niemand wußte denn er selbst. Und war angetan mit einem Kleide, das mit Blut besprengt war; und sein Name heißt ‚das Wort Gottes’“. Manchmal denke ich, lange kann das nicht mehr dauern, bis so einer hier angeritten kommt. Aus der Siebziger-Jahre-Countrynummer machten die Schweden eine psychedelische, sehr bedrückende Electro-Ballade, die aus mehrerlei Gründen ein Novum darstellt. Zum einen ist es der erste Coversong Covenants, zum anderen das erste Duett mit weiblichem Gesangspart. Eskil Simonsson wird hier von Erica Li unterstützt – und ergänzt.

COVENANT - The Blinding Dark
Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Dies Irae“, übersetzt „Tag des Zorns“, tönt wieder erstaunlich ruhig aus den Boxen. Oder nein, es brodelt eher. So wie Wut, die sich unterschwellig ansammelt und irgendwann eskaliert. Die Samples, die hier hintergründig zu hören sind – ist dies der wütende Mob, der demnächst mit Mistgabeln den Aufstand wagt? Ist das die kalte Wut, die Joakim erwähnte? Die wir jeden Tag immer öfter und immer mehr beobachten können?

Das bereits bekannte „Sound Mirrors“ macht im Rahmen dieses Albums einen viel besseren Eindruck. Nicht nur, weil Covenant an dem Stück noch herum geschraubt und ihm eine Extra-Portion Dramatik verliehen haben. Sondern auch, weil die musikalische Aufarbeitung der ganzen Flüchtlingskatastrophe thematisch hervorragend in den Kontext des Albums passt. Im letzten Gesangsstück des Albums, „If I Give My Soul“, wird es noch einmal religiös bzw. philosophisch. If I would give my soul, would you die for me? Diese Nummer braucht ein bisschen, bis sie zündet. Dann aber entpuppt sie sich als einer der stärksten Songs, die Covenant je gemacht haben. Mit der angedeuteten Gitarre, die hier als besondere Spielerei im Hintergrund ertönt, brechen die Schweden erneut zu den musikalischen Ufern auf, die sie auf „Modern Ruin“ schon einmal ansteuerten. Und bleiben doch sich und ihrem Sound treu. Treuer als vor fünf Jahren jedenfalls. Das instrumentale „Summon Your Spirit“ rezitiert noch einmal ein paar Elemente der vorangegangen 40 Minuten, ist aber hier ebenfalls wieder mehr Geräusch als Melodie und schließt so den Kreis zu „Fulwell“. Mit dem Ergebnis, dass sich „The Blinding Dark“ nahtlos mehrmals hintereinander hören lässt.

Und diese mehrmaligen Hördurchgänge wird man auch brauchen. Covenants Haus- und Hoflabel Dependent zieht Vergleiche zum zweiten Album „Sequencer“. Einer Einschätzung, der ich nicht unbedingt folgen mag. „The Blinding Dark“ ist das, was zwingend passieren musste, nachdem wir den modernen Ruin erlebten. Dass wir zwischendurch Babylon verlassen haben, passt da schon fast nicht ins Bild. Es ist zweifelsfrei das bisher dunkelste und ambitionierteste Album der Schweden, gleichzeitig aber auch das, was nach den vorangegangenen Veröffentlichungen am meisten mit den Erwartungen bricht. Nach all den Jahren, die Covenant nun schon am Start sind, können sie immer noch überraschen. Der Begriff Dark Electro jedenfalls wurde schon lange nicht mehr so mit Leben gefüllt.


Einfach machen es Covenant ihren Hörern dieses Mal wahrlich nicht. Schwer und düster und ungewöhnlich bedrückend ist „The Blinding Dark“ ausgefallen; durch zwei Interludien und zwei Instrumentalstücke, die das Album einleiten und beenden, sind auch Eskils Gesangsparts dieses Mal überraschend knapp bemessen. Ich bezweifle aber stark, dass es den Schweden darum ging, hier ein reines Unterhaltungsalbum abzuliefern. Wie so oft in ihrer Karriere sind Covenant einmal mehr dem aktuellen Zeitgeschehen verhaftet, wie so oft in ihrer Karriere loten sie die eigenen Grenzen aus. Und verschieben sie wieder ein bisschen. Zuletzt machten sie das bei „Modern Ruin“, das unter Fans auch nicht ganz unumstritten ist. Ähnlich wird sich auch „The Blinding Dark“ entwickeln, denke ich. Covenant können eben nicht nur Party, sie können auch Anspruch. Den höchsten stellen sie dabei noch immer an sich selbst und brechen damit auch schon mal mit Gewohnheiten und Erwartungen. Immer wieder kann der Eindruck entstehen, der elektronische Kreis der Düster-Szene drehe sich im Kreis. Schön, dass Bands wie Covenant immer wieder aus dem langweiligen Einerlei ausbrechen. Ich hoffe sehr, der Mut wird belohnt. „The Blinding Dark“ ist ein moderner Klassiker, macht das aber nicht auf den ersten Blick deutlich. Selbst schuld, wer das verpasst.


COVENANT - The Blinding Dark


Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.