CABARET: Bericht von der Musical-Premiere im Theater Magdeburg am 12. November 2016
Foto: © Andreas Lander

CABARET: Bericht von der Musical-Premiere im Theater Magdeburg am 12. November 2016

Viele Menschen besuchen Musicals, um sich tolle Musik anzuhören und sich einem Rausch aus Gesang, Tanz, tollen Kostümen und schönen Bühnenbildern hinzugeben, in welchen eine mal mehr, mal weniger pfiffige Geschichte eingebettet ist. Dagegen ist nichts zu sagen, schließlich gibt es viele sehenswerte und mitunter sehr populäre Produktionen. Und wenn jemand eine Stätte von Kunst und Kultur der reinen Ablenkung vom Alltag wegen aufsucht, dann ist das schon ok. Die Palette der Musicals ist damit aber im Hinblick auf die Zielsetzung noch nicht erschöpft. So gibt es zum Beispiel auch welche, die neben Gründen reiner Unterhaltung oder sonstiger künstlerischer Ansprüche auch eine Geschichte zu erzählen haben, die zum Nachdenken anregen soll. Oder vielleicht, im besten aller denkbaren Fälle, etwas bewegen (wollen). CABARET ist so ein Musical, das über die reine Unterhaltung hinausgeht. Am 12. November 2016 feierte das Stück von John Kander und Fred Ebb Premiere im Theater Magdeburg Premiere. Ich habe mir das mal angeschaut. Willkommen, bienvenue, welcome im Cabaret, au Cabaret, to Cabaret.

Zum Inhalt des Musicals zitiere ich kurzerhand die Webseite des Theaters Magdeburg:

Berlin, Silvester 1929: Der junge amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw trifft in der deutschen Hauptstadt ein und wirft sich lebenshungrig ins Nachtleben der Metropole. Im Kit-Kat-Club lernt er die attraktive Nachtclubsängerin Sally Bowles kennen. Die zwei werden ein Paar, doch ihre Beziehung wird überschattet vom aufkommenden Nationalsozialismus, der die weltoffene und tolerante Atmosphäre Berlins zunehmend vergiftet.

Ausgehend von den autobiografischen »Berlin Stories« des schwulen Autors Christopher Isherwood entwickelte das Erfolgsduo Kander/Ebb 1967 ein Musical, das Epoche machen sollte und spätestens durch die Verfilmung mit Liza Minelli in der Rolle der Sally Bowles weltberühmt wurde. Mal zynisch, mal einfühlsam zeigt dieses Stück das Schicksal von Menschen in einem Deutschland, das im Begriff ist, sich dem blinden Taumel eines Führerkults zu ergeben.

Markus Liske (Ernst Ludwig), Oliver Morschel (Clifford Bradshaw), Anna Preckeler (Sally Bowles), Ks. Undine Dreißig (Fräulein Schneider) | Foto: © Kirsten Nijhof
Markus Liske (Ernst Ludwig), Oliver Morschel (Clifford Bradshaw), Anna Preckeler (Sally Bowles), Ks. Undine Dreißig (Fräulein Schneider) | Foto: © Kirsten Nijhof

Wer in der Schule nicht nur für Singen und Klatschen zu begeistern gewesen ist wird wissen, welche dunklen Ereignisse in jenen Jahren ihre Schatten vorausgeworfen hatten. Dass die Premiere von „Cabaret“ drei Tage nach dem 78. Jahrestag der Reichspogromnacht stattgefunden hat, mag Zufall sein. Angesichts der Ereignisse in dieser Welt will ich daran aber nicht so ganz glauben. Ich meine, hey – da haben wir beispielsweise diesen Donald Trump, der gerade zum neuen mächtigsten Mann der Welt gewählt wurde und sich bis dato unter anderem mit faschistoiden Fantasien die Gunst großer Teile seiner Landsleute sicherte. Wir haben die AfD, die quer durch die Republik immer mehr Stimmen kassiert und deren Parteifarbe nach meinem Dafürhalten eigentlich dunkelbraun sein müsste und nicht blau. Überall in Europa werden die Rechten immer lauter, immer dreister, immer populärer und mit ihrer Bauernfängerei immer gefährlicher und stärker. Wir beobachten Entwicklungen von denen wir glaubten, nach zwei Weltkriegen und der systematischen, massenhaften Vernichtung von Menschenleben wären wir inzwischen ein bisschen schlauer geworden. Der unbelehrbare rechte Rand bliebe immer nur genau das: eine Randerscheinung. Inzwischen wissen wir, dass dem nicht so ist. Unbelehrbar pöbeln die Rechten ihren Meinungsdünnschiss in die Welt hinaus, biegen sich die Wahrheit so zurecht, wie es gerade passt – und lassen eben diesen Kehricht wie Dünger auf einen gesellschaftlichen Boden fallen, der – durch welche globalen, politischen und/oder gesellschaftlichen Entwicklungen auch immer – andauernd und zunehmend fruchtbarer zu werden scheint. Die Stimme der Vernunft, sie ist derzeit noch lauter als das andere Geschrei. Und doch kann einem inzwischen angst und bange werden, dass sie eher früher als später vom Gepöbel übertönt wird. Immer öfter frage ich mich: waren die Menschen in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts genauso? Haben sie sich wirklich so leicht blenden und verführen lassen wie es sich heute immer öfter abzeichnet? Konnten oder wollten sie nicht sehen, wohin Ignoranz und fehlgeleiteter Protest wirklich führen? Wollten sie wirklich glauben, dass das plakative Hinausposaunen vermeintlich einfacher Lösungen tatsächlich zu irgendwas Gutem führen würde? Dass sich ihre persönliche Lage durch einen starken Führer in irgendeiner Form verbessert? Noch bis vor wenigen Jahren hätte ich nicht glauben können und wollen, dass mal eine Partei wie die AfD immer mehr Wähler anspricht, quer durch alle Bevölkerungsschichten. Vielleicht war der Premierentermin wirklich Zufall, vielleicht nicht. In der Zeit, in der wir leben, passt dieses Stück jedoch erschreckend gut zum gewählten Startwochenende.

Yong Hoon Cho, Adrian Becker (Conférencier), Jenny Stark | Foto: © Andreas Lander
Yong Hoon Cho, Adrian Becker (Conférencier), Jenny Stark | Foto: © Andreas Lander

Cabaret“ spielt, wie gesagt, in den 30er Jahren in Berlin. In einer Zeit also, die in vielen Dingen Parallelen aufweist zu dem, was sich heute wieder mit wachsendem Entsetzen beobachten lässt. Noch haben die Nazis die Macht nicht gänzlich ergriffen, aber der Arm, der dort gierig nach der Macht greift, wird immer länger und stärker. Wichtigste Figur dieses Musicals ist der Conférencier, der zweierlei Funktionen übernimmt: er führt durch das Programm des Berliner Kit-Kat-Klubs, ist aber gleichzeitig so etwas wie der übergeordnete Puppenspieler, der die Fäden der tragischen Erzählung in der Hand hält. Großartig dargestellt von Adrian Becker ist er gleichzeitig charmant und vulgär, trauriger Clown und hintersinniger Harlekin – einem Spiegel ähnelnd, der die Zeit reflektiert, in der er sich bewegt. Stimmlich herausragend thront er in vielen liebevoll gestalteten Kostümen, die geschickt mit Dekadenz und Ausschweifungen jener Zeit spielen, über dem ganzen Geschehen. Nicht selten im Wortsinn, übrigens. Zentrales Element der Bühnengestaltung ist eine übergroße Revuetreppe, die den optischen Rahmen für viele Szenen dieses Stücks bildet. Ein geschickter Kniff, dieses abstrakte Konstrukt zu nehmen und nicht etwa die Berliner Straßen der 1930er Jahre in Form von Gemälden oder ähnlichem nachzubilden. Auch der berühmte Kit-Kat-Klub wird durch diese Treppe dargestellt; die Szenerie wird dann und wann durch Nachbauten von Leuchtreklametafeln jener Zeit stimmig und stimmungsvoll abgerundet. Dadurch, dass Regisseur und Ausstatter Sebastian Ritschel diese schlichte Form der Gestaltung wählte (genau genommen gibt es lediglich zwei unterschiedliche Bühnenbilder, dieses und das Interieur des Pensionszimmers, in dem Cliff und Sally hausen), ist es vor allem den Zuschauern und deren Fantasie überlassen, sich so in die 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts zu versetzen, wie sie es möchten. Damit gleicht Ritschels Arbeit ein bisschen der eines Buchautors. Dieser gibt auch nur die Geschichte vor. Die Bilder dazu malen sich die Lesenden jeweils ganz individuell in die Köpfe. So auch hier.

Adrian Becker (Conférencier), Ensemble | Foto: © Andreas Lander
Adrian Becker (Conférencier), Ensemble | Foto: © Andreas Lander

Natürlich nützt die cleverste Bühnengestaltung nichts, wenn die agierenden Personen das Stück nicht entsprechend mit Leben füllen. Zum Glück, kann man sagen, tun das nahezu alle der gewählten Darsteller auf famose Weise. Der Conférencier ist in mehrerlei Hinsicht der Joker dieses Cabarets. Aber nicht der einzige Glanzpunkt. Ganz große Klasse ist in diesem Zusammenhang auch Anna Preckeler mit ihrer Darstellung der Sally Bowles; nach dem Conférencier die nächste wichtige Figur. Wenn sie gegen Ende hin ihre Version der Sally voller Hysterie und Verzweiflung den Titelsong „Cabaret“ singen lässt, dann tut sie das mit so einer Intensität, die über den Bühnenrand in die Zuschauerränge, dort die Rücken der Gäste hinab kriecht und dabei ein ordentliches Maß Gänsehaut verursacht. Dass der Dame dabei die Stimme nicht versagt oder durch die intensive Darstellung nicht ebenfalls ins Hysterische abdriftet, macht es nur noch eindrucksvoller. Ebenfalls beeindruckend: Sylvia Rena Ziegler als Fräulein Kost, deren Verwandlung zu einer Art Eva Braun nahezu unheimlich ist. Ein Paradebeispiel von Verblendung, wie es damals oft passierte – und heute wieder. Oder Peter Wittig, der als jüdischer Gemüsehändler Herr Schultz durch seine gelungene, charmante Darstellung definitiv der Sympathieträger des gesamten Stücks ist – und wie so viele ein tragischer Verlierer in unsicheren Zeiten. Da ist es glatt schade, dass ausgerechnet Oliver Morschels Interpretation des Clifford Bradshaw irgendwie farblos, blass und keinen weiteren Eindruck hinterlassend ausgefallen ist. Ob es daran gelegen haben mag, dass ihm als einzigen fast durchgängig nur Sprechpassagen beschieden waren?

Adrian Becker (Conférencier), Anna Preckeler (Sally Bowles) | Foto: © Andreas Lander
Adrian Becker (Conférencier), Anna Preckeler (Sally Bowles) | Foto: © Andreas Lander

In Summe mangelte es an Gänsehautmomenten nicht. Sagt ja keiner, dass Gänsehaut von angenehmen Gefühlen begleitet werden muss. Wenn zum Ende des ersten Aktes die sich zusammenraufenden Nationalsozialisten mit dem volksliedhaften „Der morgige Tag ist mein“ selbst feiern, Sprachaufnahmen von Hitler inklusive – unmittelbar, nachdem sie die Verlobungsfeier von Herrn Schultz und dem Fräulein Schneider gesprengt hatten – dann werde wohl nicht nur ich mit einem großen Kloß im Hals ins fast schon erlösende Licht der Pause getaumelt sein. Um nicht das komplette Musical im Detail zu sezieren, nur noch folgendes: der gesamten Inszenierung wohnen so viele große Momente inne. Es ist ein emotionales Wechselbad aus Begeisterung und Bedrückung; die ach so fröhliche, beschwingte Musik der 30er Jahre bildet einen krassen Kontrast zum dramatischen, wenn nicht gar düsteren Inhalt. Die Inszenierung spielt auch dann und wann ein bisschen mit der Moral der Zuschauer. Sollte ich wirklich klatschen, nachdem das Ensemble des Kit-Kat-Clubs gerade ein Hakenkreuz getanzt hat, in ihrer Mitte ein fast schon diabolischer Conférencier? Oder ist es vielleicht doch ganz gut, dass die Ärmel meines Jacketts gerade schwer wie Blei sind, passend wie das Gesehene mir analog dazu gerade im Magen liegt? Sollte ich Anna Preckelers erwähnte Leistung feiern, wenn doch ihre Sally gerade beschlossen hat, für den Traum vom Glück – eine Karriere im Kit-Kat-Klub oder wo auch immer – nicht Mutter zu werden und die Schwangerschaft abzubrechen? Immer wieder ertappe ich mich auch dabei, wie mich eine Art schlechtes Gewissen überfällt: darf ich eigentlich Musik und Gesang und den Rausch der Bilder in Form von Bühne und Tanz eigentlich so genießen wie ich es gerade tue, wo doch außerhalb der Theatermauern Dinge wie die gezeigten zunehmend wieder real werden? Durch Gesprächsfetzen, die ich in der Halbzeitpause aufgeschnappt habe, musste ich zwangsläufig erfahren, dass die gewählte Form der Inszenierung, die erschreckende Überschneidung von Vergangenheit und Gegenwart, nicht jedem Gast schmeckte. Die Rede war dort von Kirchen, die man ja auch ruhig mal im Dorf hätte lassen können. Ich würde sagen: Der Regisseur und sein Team haben alles richtig gemacht. Wie gesagt: sie spielen dezent mit der Moral der Zuschauer, mehr aber auch nicht. Wer sich dennoch von einer Moralkeule geprügelt fühlte, hatte eventuell auch einen Grund dazu.

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Anna Preckeler (Sally Bowles) | Foto: © Andreas Lander

Als sich der Vorhang gegen 22 Uhr zum letzten Mal senkte, wäre ein anschließender kurzer Moment der Stille seitens des Publikums, um das gerade Gesehene noch einen Moment sacken zu lassen, nicht verkehrt gewesen. Vermutlich nicht nur ich wäre sicher noch ein bisschen betretener in die Nacht entlassen worden, als es ohnehin schon der Fall war. Aber vielleicht muss das bei Premieren einfach so sein, dass die Gäste die Künstler auf der Bühne und die vielen Leute, die im Hintergrund wirken, endlich gebührend feiern wollen. Und das mit gutem Recht. Den Aufwand und die Mühen, die so eine Produktion bedeutet, die Wochen und Monate der Organisation, Vorbereitung und der Proben, die Nerven die das sicher hier und da gekostet haben mag – all das kann sich kein Gast vorstellen, wenn eine nahezu perfekte Show wie an diesem Abend über die Bühne geht. Eine Show, welche die Gäste unterhält, sie in das Berlin der frühen 30er Jahre entführt, sie begeistert, berührt und bewegt. Daher waren die stehenden Ovationen für das Ensemble auf der Bühne, die gleichwohl auch den restlichen Beteiligten dahinter galten, mehr als verdient.

Anna Preckeler (Sally Bowles), Oliver Morschel (Clifford Bradshaw) | Foto: © Andreas Lander
Anna Preckeler (Sally Bowles), Oliver Morschel (Clifford Bradshaw) | Foto: © Andreas Lander

In einem Interview, das im Programmheft zu diesem Stück zu lesen ist, erklärt Sebastian Ritschel: „Dass wir in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und einer wiedererstarkten Rechten leben, ist leider kein Geheimnis. Das Theater ist genau der richtige Ort, um dies zu reflektieren, zu bewerten und sich auch davon zu distanzieren“. Wie wahr. Dass dies in einem Theater passiert, was in einem Bundesland steht, wo zum Beispiel die AfD in der Landtagswahl 2016 auf mehr als 24% der Wählerstimmen kam – mehr als in jedem anderen Bundesland bisher zuvor – kann gar nicht hoch genug angerechnet werden. Das Theater Magdeburg hat damit etwas von diesem bekannten gallischen Dorf, das tapfer Widerstand leistet. Das aufsteht und mit seinem „Cabaret“ im Spielplan die Stimme erhebt. Es bleibt zu hoffen, dass diese Stimme möglichst viel Gehör findet. Wegen der Sache als solches natürlich, aber auch weil es einfach eine verdammt gute Show ist. Tolle Musik, ein faszinierendes weil schlichtes Bühnenbild, detailverliebte Ausstattung und Kostüme, überwiegend großartige DarstellerInnen / SängerInnen und allem voran eben eine Inszenierung, die nachhaltig in Erinnerung bleibt und zumindest mich mit einer Mischung aus Euphorie, Nachdenklichkeit und Beklemmung zurückgelassen hat. Es wäre ein leichtes, abschließend Sally oder ganz besonders den Conférencier zu zitieren. Das Fräulein Schneider trifft aber gerade sehr viel mehr den Punkt:

With a storm in the wind,
What would you do?


Hinweis: Die Teilnahme an dieser Veranstaltung erfolgte auf eigene Kosten.


Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.