DEPECHE MODE - Spirit
Foto: Anton Corbijn / Columbia Records / Sony Music

DEPECHE MODE – Spirit

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
7.5/10
Klang / Produktion
9/10
Kreativität
9/10
Verpackung / Artwork / Extras
6/10
Fan-Faktor
8/10
Umfang / Spieldauer
7.5/10
Gesang
9/10
Gesamteindruck
9.5/10
Gesamt
8.2/10

Pressetexte zu DEPECHE MODE Alben sind gerne mal ziemlich knapp gehalten. Sinngemäß steht da nicht viel mehr als: Depeche Mode haben ein neues Album, hier isses, mit dem und dem Produzenten haben sie dieses Mal zusammengearbeitet, auf eine ausgedehnte Tour werden sie anlässlich der Veröffentlichung auch gehen und, ach ja, den ein oder anderen Tonträger haben sie in ihrer fast vierzigjährigen Geschichte auch verkauft. So, nu macht was draus. Beim mir vorliegenden Beipackzettel zum inzwischen vierzehnten Studioalbum „Spirit“ sieht das nicht anders aus. Aber ich verstehe das schon. Was will man dem über Musik schreibenden Volk (oder den Konsumenten gar) bezüglich Depeche Mode eigentlich noch großartig erzählen? Längst schon sind sie eine Institution, ach was red‘ ich – eine Großmacht – im internationalen Musikgeschäft. Wirklich niemandem, der die letzten Jahrzehnte nicht unter einem Stein verbracht hat, muss die Band von Dave Gahan, Martin L. Gore und Andrew Fletcher noch vorgestellt werden. Über neue Alben hingegen jedoch kann und muss man nach wie vor sprechen, schließlich sind Depeche Mode nicht nur Inspirationsquelle unzähliger Bands, die nach ihnen kamen, sondern immer auch Innovationsmotor gewesen. Dass bei ihrer Lust an Experimenten mitunter Hörer auf der Strecke bleiben, die sich mit neuerem Material nicht mehr anfreunden konnten, liegt wohl in der Natur der Sache. Aber! Ohne vorab schon zu viel verraten zu wollen: „Spirit“ ist ein Album geworden, in das jeder auch nur am Rande interessierte Hörer einschalten sollte. Die langjährigen Fans, die immer die Treue gehalten haben. Diejenigen, die zwischendurch vom Weg abgekommen sind. Und auch die, die Bock haben auf frisches Material, dass den musikalischen Nachkommen zeigt, wo der Frosch die Locken hat.

Ein Geständnis: Die Freude über die Ankündigung eines neuen Depeche Mode-Albums ist mir in den letzten Jahren immer mehr verloren gegangen. Zuletzt war es sogar so, dass ich die entsprechenden Mitteilungen stillschweigend zur Kenntnis genommen habe, ohne dabei irgendwelche Emotionen zu entwickeln. Die Herren haben also demnächst wieder ein Album am Start? Na ganz prima. Eine weitere Entschuldigung, um wieder auf Tour zu gehen? Ungefähr so sahen meine Gedankengänge zuletzt aus. Dabei bin ich, wie so viele andere auch, mit dem musikalischen Treiben von Martin, Andy und Dave in den 80ern und 90ern groß geworden und habe die Alben und die Gassenhauer jener Zeit so oft gehört, bis ich sie rückwärts im Schlaf hätte schnarchen können! Bis zu „Ultra“ war meine Depeche Mode-Welt auch noch in Ordnung, aber bei jeder Veröffentlichung, die jenem (für mich) sensationellen Album folgte, fiel ich immer weiter vom Glauben ab. Das passiert eben, man entwickelt sich weiter und Geschmäcker ändern sich. Noch über das letzte Album „Delta Machine“ schrieb ich vor ziemlich genau vier Jahren: „Ich respektiere Depeche Mode als Künstler, die keinem Trend folgen, sondern konsequent ihr eigenes Ding durchziehen. Die Zeiten aber, in denen Depeche Mode noch Musik schufen, die mich tagein tagaus begleitet, an die ich vielleicht sogar Erinnerungen knüpfe, sind scheinbar endgültig vorbei„. Tja, und dann kamen Depeche Mode mit dem ersten Vorboten des neuen Albums, der Single „Where’s The Revolution“ um die Ecke. Und was soll ich sagen? Unverhofft kommt oft.

DEPECHE MODE - Spirit
Foto: Anton Cobijn / Columbia Records / Sony Music

Das neue Album entstand in Zusammenarbeit mit dem Produzenten James Ford (Simian Mobile Disco), der unter anderem bis dahin mit Florence + The Machine oder den Arctic Monkeys gearbeitet hatte. Wie sich zeigt, hatten Depeche Mode hier ein ausgesprochen glückliches Händchen bei der Wahl ihres Studiopartners. Dumpf, dröhnend und durchzogen von der ach so markanten Gitarre eröffnen sie ihr neues Album mit dem Song „Going Backwards“ – fast schon eine Art Omen. Als würden sie sich tatsächlich ein bisschen in der eigenen Vergangenheit zurückbewegen und unmittelbar an „Ultra“ anknüpfen wollen. We’re going backwards, armed with new technology, singt Dave hier. Ein ganz hübsches Sinnbild für das, was hier auf diesem Album passiert.

Die bereits bekannte Nummer „Where’s The Revolution“ tönt ja auch ein bisschen so, als hätten sich Depeche Mode ein paar bewährte Zutaten vergangener Zeiten herausgepickt und sie zurück in die Zukunft geholt. Dass sie ziemlich politisch wirken und den seit Anbeginn der Band stets vorhandenen religiösen Touch geschickt untermengen, ist ein Bonus, aber keine Seltenheit dieses neuen Albums. Und schaut man sich mal um in der Welt, dann ist es schon sehr berechtigt, wenn sich Depeche Mode fragen: Where’s the Revolution? Come on, People, you let me down. Gott und seine Angehörigen schütteln sicher so manches Mal mit dem Kopf, wenn sie auf ihre Schöpfung blicken und darauf, was diese mit dem ihr gegebenen Spielplatz anzufangen weiß.

Es ist in meinen Ohren eine gute Entscheidung gewesen, sich den Produzenten James Ford ins Boot geholt zu haben. Fast scheint es, als hätte er den Herren bei ihren Klangtüfteleien nicht im Weg gestanden, sie aber dennoch dann und wann wieder in eine eingängigere Richtung geschoben. Quasi um auch die Hörer wieder mit ins Boot zu holen, die den 80ern und vor allem 90ern nachhängen. „Spirit“ ist angenehm düster, wirkt überraschend und erfreulich frisch, gleichzeitig stellenweise ganz schön politisch, erweitert die Grenzen des Depeche Mode Klanguniversums einmal mehr – und macht einfach ziemlich viel Spaß.

Darüber hinaus gibt es auf „Spirit“ Perlen wie „Scum„. Ist mir lange nicht mehr passiert dass ich bei einem Depeche Mode Song dachte: Alter! Wie geil ist das denn jetzt?! Düster, schwer, dreckig – und dann, zwischendurch und ganz unverhofft, Synthie-Flächen im Breitbildformat. Wie der Strahl von riesigen Scheinwerfern, die durch die Dunkelheit des Nachthimmels irrlichtern. Und dann sind da ja noch die Beats, bei denen man sich durchaus an aktuellen Entwicklungen im Bereich Black Music (Hip Hop / RnB) orientiert zu haben scheint. Fast schon ein bisschen Trap, könnte man meinen. Wenn wir hier nicht den nächsten Tanzflächenfüller vor uns haben, dann weiß ich auch nicht. Für mich zweifelsohne der stärkste Song, den das Trio seit Jahren hervorgebracht hat. Wow!, sag ich mal.

DEPECHE MODE - Spirit
Foto: Anton Cobijn / Columbia Records / Sony Music

Es freut mich Euch mitteilen zu können, dass Depeche Mode mit dieser Glanztat ihr Pulver noch lange nicht verschossen haben. Tatsächlich haben sie ein Magazin gefüllt, dass über die komplette Spieldauer ausreicht! Das sexy, ziemlich anrüchige „You Move“ wäre ein weiteres Beispiel dafür, dass Depeche Mode die Freude an Experimenten nicht verloren haben – und gleichzeitig mit massiven Bässen und federleichten Synthies überraschen, die ins Ohr und von dort in die Beine gehen. Ernsthaft jetzt: ich staune wirklich maximal über das, was ich hier zu hören bekomme! Oder nimmste „Cover Me“ als ein anderes Beispiel. Eine Ballade so schön und so unfassbar, dass sie wie von einer anderen Welt und einer fernen Zukunft zu uns gebeamt worden zu sein scheint. Ich muss kurz an Jean Michel Jarre denken, was definitiv nicht das Schlechteste ist. Oder „Eternal„, der Gesangsbeitrag von Martin. Oder. Oder. Oder. Von der herausragenden, dynamischen Produktion fange ich gar nicht erst an.

Es ist unglaublich, aber all jenen, die wie ich irgendwann mal Depeche Mode aus den Augen verloren haben, sei gesagt: „Spirit“ ist der große Wurf geworden, auf den wir seit Jahren gehofft haben. Eindrucksvoller, verspielter, experimentierfreudiger, politischer, dem Zeitgeist verhafteter und doch neue Grenzen auslotend, ohne dabei auch nur entfernt anstrengend oder unhörbar zu werden, haben wir Depeche Mode lange, laaange nicht erleben können. Sicherlich werden sie auf ihrer anstehenden Welttournee auch einige Immergrüne mit ins Programm nehmen. Sie könnten aber auch die komplette Tracklist von „Spirit“ herunter rattern und alles wäre gut. Hier sind schließlich genug neue potentielle Hits drauf. Ich bin definitiv maximal begeistert, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte. Und inzwischen ist mir auch wieder klar, warum Depeche Mode noch immer so vergöttert wird. Warum auch ich damals die Band bis zum geht nicht mehr gehört habe. „Spirit“ öffnet die Augen. Und ganz sicher auch so manches Herz.


Fazit:Ich mache keinen Hehl daraus, dass mich sämtliche Depeche Mode Alben seit „Ultra“ nicht mehr sonderlich abgeholt oder gar begeistert hätten. Zwar gab es immer wieder den ein oder anderen Song, den ich ganz prima fand. Dass die letzten Töne verklungen sind und ich anschließend dachte: „jo, geil!“, das ist wie gesagt seit „Ultra“ nicht mehr der Fall gewesen. Und das liegt nun inzwischen auch schon wieder 20 Jahre zurück. Dieses vierzehnte Studioalbum aber, dieses „Spirit“ – es überrascht mich so sehr. Ich hatte mich schon fast damit abgefunden, dass sich das Trio immer mehr in frickelige Spielereien ergehen und dabei Eingängigkeit immer mehr aus dem Blick verlieren würde. Als seien die Alben nur noch eine Entschuldigung, um wieder auf Tour gehen zu können. Es ist in meinen Ohren eine gute Entscheidung gewesen, sich den Produzenten James Ford ins Boot geholt zu haben. Fast scheint es, als hätte er den Herren bei ihren Klangtüfteleien nicht im Weg gestanden, sie aber dennoch dann und wann wieder in eine eingängigere Richtung geschoben. Quasi um auch die Hörer wieder mit ins Boot zu holen, die den 80ern und vor allem 90ern nachhängen. „Spirit“ ist angenehm düster, wirkt überraschend und erfreulich frisch, gleichzeitig stellenweise ganz schön politisch, erweitert die Grenzen des Depeche Mode Klanguniversums einmal mehr – und macht einfach ziemlich viel Spaß. Und das über die komplette Dauer dieses Langspielers! Es würde mich nicht überraschen, wenn Depeche Mode hier (zumindest für mich) die Messlatte für die nächsten 20 Jahre gelegt hätten. Fortan freue ich mich gewiss wieder mehr, wenn ein neues Album angekündigt wird. Bis dahin aber in jedem Fall über „Spirit“. Ich bin absolut sicher, dass wir das Album Ende des Jahres in so mancher Bestenliste wiederfinden werden. Es ist so wahnsinnig gut geworden.


DEPECHE MODE - Spirit


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Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.