FUNKER VOGT - Code Of Conduct
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

FUNKER VOGT – Code Of Conduct

Lange blieb es relativ ruhig im Hause Funker Vogt. Lediglich die Wiederveröffentlichungen alten Materials in Form der „Survivor-Collectors-Edition“ oder diverse Band-Querelen – man erinnere an das Intermezzo mit Sick Man – vernahm der geneigte Hörer aus dem Quartier von Funker Vogt. In diesem Jahr kommt die Band jedoch mit einem Knall nach dem anderen zurück: neuer Sänger, neues Album, ein neuer Anfang(?).

Nun ist es ja nicht unbedingt ungewöhnlich, wenn sich eine Band mit einem Wechsel im Line-Up neu ausrichtet. Wird dabei jedoch die Stimme am Mikrofon ausgetauscht, runzelt manch Fan erst einmal die Stirn. Holt sich eine Formation, die generell polarisiert, einen ebenso polarisierenden Sänger ans Mikrofon werden die Stirnfalten generell noch tiefer. Funker Vogt haben sich bekanntlich als neue Stimme Chris L. (Agonoize, The Sexorcist) an eben jenes Mikro geholt. Irgendwie passt diese Zusammenarbeit dann wieder in das allgemein vorherrschende Bild aller Beteiligten. Treffen hier doch ein paar nicht unumstrittene Schwergewichte der düsteren und vor allem harten elektronischen Gangart aufeinander.

Vier Jahre nach dem letzten Album der Funker sind nicht nur die eingefleischten Fans neugierig auf das neue Material. Fans und Kritiker stellen sich im Vorfeld so einige Fragen: Wie gut funktioniert diese Kollaboration? Wessen (band)typischer Sound steht im Vordergrund oder ergibt sich hier ein vollkommen neues Gemisch? Kommt hier vielleicht zusammen, was zusammen gehört oder bekommt die Welt ein weiteres austauschbares Stück Lärm vorgesetzt?

Der erste Vorbote in Form der Single „Der letzte Tanz“ kam jedenfalls schon recht vielversprechend daher und stellte einen eingängigen und vor allem tanzbaren Track vor. Dabei wird sofort deutlich, dass sich mit der neuen Stimme etwas Interessantes in das Konstrukt Funker Vogt einbringt. Dieser Eindruck soll sich auf „Code of Conduct“ bestätigen. Der Opener „Phönix“ versteht sich als gelungene Einleitung und verdeutlicht die gesetzte Marschroute: hier kommt etwas Aggressives auf den Hörer zu. Der typische Funker-Sound brettert gleich mit voller Härte durch die Boxen, um im Refrain dann den Funker-typischen Pathos anklingen zu lassen. Chris singt (ja, er singt zuweilen) dabei nicht einfach nur mit gewohnt verzehrter (Agonoize-)Stimme. Die Vocals wechseln zwischen gesanglich aggressiven und geschriehenen Passagen. Inhaltlich ist „Phönix“ zudem eine Kampfansage an Kritiker und Zweifler – totgesagte musizieren härter. Der Hörer wird auf diesem Album schonungslos getrieben und die Marschroute bleibt demnach „Kampfbereit“. Der blubbernde Bass und eine typisch minimalistische (Dark-)Electro-Hook untermalen eine Kirchenkritik, welche doch etwas Berlin nach Hameln zu bringen scheint. Hat der Hörer dies bewältigt, folgt mit „Für immer“ ein Song, welcher Funker Vogt weiter in typischem Gewand und durch Melodieführung sowie Text in einer recht melancholische Stimmung präsentiert. Ein gelungenes pathetisches Stück, welches eine gewisse inhaltliche Tiefe erreicht.

FUNKER VOGT - Code Of Conduct
Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Ein erstes Highlight verbirgt sich in „Tanzbefehl“. Vordergründig ein nicht so neues Thema – Musik ist Krieg und alle tanzen mit. Ja, ok. Das hatten andere auch. Jedoch ist den Funkern ein treibender und eingängiger Song gelungen, der sicher schnell seinen Siegeszug auf den Tanzflächen der örtlichen Klubs feiern wird. Lässt sich gut mitsingen, lässt sich gut abfeiern und ist damit der „Party-Song“ dieser Platte (manch einer sieht in den Funkern ja eh eine Ballermann-Electro-Formation – an dieser Stelle sei auf „Phönix“ verwiesen). Eingängiger – also für Funker Vogt-Verhältnisse – geht es bei „Wahre Helden“ weiter. Der Refrain kommt ähnlich wie „Für immer“ leicht pathetisch daher ohne jedoch eine adäquate und tanzbare Härte vermissen zu lassen. Es besitzt einen erheblichen Ohrwurmcharakter. Es ergibt sich hier ein erstes persönliches Highlight. Macht doch mal eine extended version davon.

Düster und bedrohlich betritt im Anschluss der „Gladiator“ die Arena. Nach einem vielversprechenden Intro bleibt die fast genre-typische Aggrotech-Hookline und der monotone Beat jedoch zum ersten Mal weniger im Ohr hängen. Ein Song, welchen ich ketzerisch fast als Füllmaterial bezeichnen würde. Wenngleich dieser Track somit etwas hinter dem bisher gehörten abfällt, bleibt der Hörer weiter unter Spannung und der „Der letzte Tanz“ reißt ihn sofort wieder mit. Tatsächlich erinnert mich der Refrain der Single musikalisch ein wenig an Heimataerde und hat dabei erhebliches Tanzflächen-Hit-Potenzial. Diese Tanzbarkeit reißt auf „Code of Conduct“einfach nicht ab. Rhythmisch und mit eingängiger Hook bleibt mit „Armed and Dangerous“ – der erste englische Song das Albums – der Puls weiter am Anschlag. Jedoch präsentieren Funker Vogt auch hier ein weiteres geringfügig abfallendes Stück bevor es wieder richtig interessant wird.

Kampfbereit und wie ein Phönix aus der Asche geben die Funker ihren Tanzbefehl aus. Der stellenweise fast eingängige (Schrei-)Gesang von Chris fügt sich homogen in die Kompositionen ein, als wäre die Band so nie anders zusammengesetzt gewesen. Das ist eigentlich die interessanteste Erkenntnis nach dem Genuss von „Code of Conduct“, bündelt Chris gesanglich seine bisher bekannten Projekte und gibt Funker Vogt so neue Impulse.

Es folgen gleich zwei Highlights der Platte. Bei „Deutsch bleibt Deutsch“ scheint eigentlich sofort klar wer hier textlich federführend zu sein scheint – dieser Track könnte auch für Berlin gedichtet worden sein. Die Kritik an typisch deutschen „Tugenden“ – Ordnung, Engstirnigkeit, Überheblichkeit – ist in einen schnellen und minimalistischen EBM-lastigen Track, welcher stellenweise etwas an And One erinnert, verpackt. Ich überlege diesen Song beim nächsten Behördengang im Hintergrund laufen zu lassen. Dabei ist es egal welche Behörde – passt wohl bei jeder. Anschließend wird es international – der „Brexshit“ steht an. Mein zweiter persönlicher Favorit des Albums. Aggressiv und düster warnen die Funker vor einem politischen Zerfall Europas und fordern „Moral und Toleranz“. Dieser Tage sollte diese Haltung so laut wie möglich artikuliert werden – was die Funker hier eindrucksvoll umsetzen. Vermutlich ist Trump beim Vorabhören dieses Tracks (der NSA sei dank) kurz über Twitter in Ohnmacht gefallen – #covfefe.

FUNKER VOGT - Code Of Conduct
Foto: Roman Jasiek / AVALOST

Der musikalische rote Faden – treibende Beats plus eingeängige Melodien für die Tanzfläche – setzen sich in einer Tour fort. Leider wird es dadurch doch etwas eintönig. „Superstar“ ist typisch Funker an den Maschinen und typisch Chris beim Text. Es geht steil voran, überrascht aber auch nicht. Erst der „Kämpfer“ rollt abschließend etwas langsamer, dafür aber bedrohlich und melancholisch daher. Manch einer wird in diesem Song ein verkapptes Outro erkennen wollen, jedoch sollte dieser Song nicht unterschätzt werden. Wird der Hörer hier doch aus dem Blitzkrieg der schnellen Rhythmen heraus geholt und unterstreichen Funker Vogt an dieser Stelle die vom Label angepriesene Vielschichtigkeit. Dennoch hätte das Album an anderer Stelle vielleicht noch einen weiteren Track aus dieser Kategorie gebrauchen können.

Sollte jemand die limitierte Version des Albums besitzen, so kommt dieser noch in den Genuss zweier Bonustracks. Auch diese reihen sich in das mitreißende Konzept ein. „Theater of War“ ist ebenso düster wie aggressiv und präsentiert sich wieder einmal eingängig im Refrain. Genauso lauthals wird die „Army of the Doomed“ beschworen. Chris lässt hier noch einmal sein gesangliches Spektrum aufblitzen. Wenig verzerrt in den Strophen und dafür aggressiver im Refrain. Diese beiden Songs sind quasi ein Fazit des gesamten (regulären) Werkes. Die zwei Remixe von „Tanzbefehl“ bleiben dem Tanzschritt treu, heben den Song selbst aber nicht in neue unerwartete Sphären.

Wenn ich mal festhalten darf – Funker Vogt haben hier ein Album voller Klubhits raus gehauen, welches sich von vielen andern ähnlichen Veröffentlichungen abhebt. Manch einen Track – den örtlichen DJ’s sei dank – werde ich wohl bald liebevoll „hassen“. Und da wir hier ja eine polarisierende Band besprechen, positioniere ich mich mal: Der Funker lebt und hat tanzbaren Lärm in der Leitung. Wer hier was zu meckern hat, tut dies auf hohem Niveau oder hat mit dieser Art Musik eh nichts am Hut.


Fazit: Funker Vogt anno 2017 kommen mit einem extrem tanzbaren, kompromisslosen – aber nicht grenzenlos brachialen – und gewohnt hervorragend produzierten Langspieler daher. Musikalisch wird das Genre Aggrotech-EBM-Dark-Electro (sucht euch was aus) sicher nicht neu erfunden, aber es bekommt ein weiteres Ausrufezeichen – Funker Vogt behaupten also ihren Platz auf dem Olymp der Electro-Szene. Textlich bleibt sich die Formation mit Themen wie Krieg und gesellschaftskritischen Themen ebenso treu, wenngleich die deutschen Texte den englischen gegenüber eher eine gewisse tiefe erreichen. Lediglich die musikalische Abwechslung fehlt etwas und der geneigte Hörer läuft Gefahr durch die hohe Intensität geplättet zu werden. Nach den Querelen der letzten Jahre stellt „Code of Conduct“ dennoch einen kleinen Meilenstein in der Bandhistorie dar. Kampfbereit und wie ein Phönix aus der Asche geben die Funker ihren Tanzbefehl aus. Der stellenweise fast eingängige (Schrei-)Gesang von Chris fügt sich homogen in die Kompositionen ein, als wäre die Band so nie anders zusammengesetzt gewesen. Das ist eigentlich die interessanteste Erkenntnis nach dem Genuss von „Code of Conduct“, bündelt Chris gesanglich seine bisher bekannten Projekte und gibt Funker Vogt so neue Impulse. Auf die anstehenden Konzerte darf man gespannt sein. Wer dieses Genre mag – wie auch immer es definiert werden möge – kommt an diesem Album jedenfalls nicht vorbei. Weniger Agonoize als „befürchtet“, immer noch Funker Vogt, aber trotzdem irgendwie neu. In diesem Sinne: Musik ist Krieg und alle tanzen jetzt gefälligst mit.


FUNKER VOGT - Code Of Conduct


Unter dem Pseudonym Joker Montana hat der Autor bisher eher selbst Musik „geschrieben“ als selbst über Musik zu schreiben. Doch als studierter Historiker und Germanist war es wohl nur eine Frage der Zeit sowie logische Konsequenz, die Schreibtätigkeit über die Musik als weitere Leidenschaft aufzunehmen. Musikalisch aus dem Punk und Alternative stammend, erweiterte sich das eigene Spektrum schnell über Gothic hin zu diversen Subgenre aus Metal und Electro. Dabei fühlt man sich vor allem in den härteren Gefilden wohl – Dark-Electro/Aggrotech, Noise, Industrial-Rock/Metal, Goth-Metal... Ob entspannt über Kopfhörer oder bei Konzerten eher unkontrolliert im Pulk umher springend, ist Musik doch eines der erhellendsten Ereignisse im Leben. Der Tellerrand ist dabei nie zu hoch und dennoch ist „Alles“ auch bloß keine Musikrichtung. Diskutiert werden kann ja über alles, aber gestaltet sich die bescheidene Meinung dieses Schreiberlings frei nach Jean-Jacques Nattiez: „The border between music and noise is always culturally defined […] there is no single an intercultural universal concept defining what music might be.“ und Trent Reznor: „I think there`s something strangely musical about noise.“