FÏX8:SËD8 - Foren6
Foto: Fïx8:Sëd8

FÏX8:SËD8 – Foren6

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
8/10
Klang / Produktion
9/10
Kreativität
7/10
Verpackung / Artwork / Extras
6/10
Fan-Faktor
9/10
Umfang / Spieldauer
8/10
Gesamteindruck
8.5/10
Gesamt
7.9/10

Was lange währt, wird endlich gut. So hätte der Titel dieser Rezension auch lauten können. Am 19. Mai erschien mit „Foren6“ das dritte Werk von FÏX8:SËD8. Somit „nur“ knapp acht Jahre nach dem letzten Langspieler. Wurden die beiden ersten Alben noch in Eigenregie veröffentlicht, hat das Projekt von Martin Sane mittlerweile eine neue Heimat bei Dependent gefunden. Wirft man einen Blick auf den Label-Backkatalog, ist der „am besten gehütete Geheimtipp der Elektronikszene“ – Fïx8:Sëd8 – mit seinem „Retro-Electro“ somit in guter Gesellschaft.

Nun ist die vom Label gewählte Formulierung „retro“ nicht so einfach zu entschlüsseln und ich tue mich ehrlich gesagt mit solchen weitgefassten Beschreibungen immer etwas schwer. Martin Sane identifiziert sich mit Fïx8:Sëd8 jedenfalls deutlich als Anhänger von Dark-Electro-EBM-Bands wie Skinny Puppy, Mentallo and the Fixer, Velvet Acid Christ und Co. Wenngleich solche Vergleiche den Tenor des Albums nicht vorweg nehmen sollten. Der interessierte Hörer bekommt jedenfalls düsteren Electro mit Tiefgang präsentiert.

Der Opener „My Mistress“ zeigt sich sogleich als sphärische Referenz an die schon genannten Genres. Im Midtempo angelegt und mit allerlei Sprachsamples versehen ist der Track eine Mischung aus Intro und Wegweiser für den Stil auf „Foren6“. Mit „Baptism of Fire“ wird es nicht wesentlich schneller, aber dennoch tanzbar. Hymnisch und melancholisch wirkende Sequenzen, gepaart mit einer einnehmenden Melodie, unterstützt von einem verzerrten und dennoch verständlichen Gesang. Ebenso erklingt es auch bei „FlatlineFriend“. Jedoch wirkt der Song verschachtelter in seiner Komposition, welche um einen wiederum hymnischen Refrain arrangiert wurde. Mit „Permanent Memory Loss“ wird der Beat zum ersten Mal etwas angezogen und auch die Aggressivität nimmt ein wenig zu. Trotzdem besticht Martin Sane auch hier mit einem atmosphärischen Arrangement, welches in der zweiten Hälfte des Songs einen sehr düsteren Klangteppich ausbreitet. Trotzdem ein erster klubtauglicher Song, zu dem ich mich gerne in Stroboskop getränkten Nebelschwaden bewegen würde.

Foren6“ besticht mit dem unerwartetem. Gerade als der Hörer nun eine härtere Gangart erwarten könnte, wird er mit „Section Room“ wieder in eine komplexere und melancholischere Stimmung geschoben. Wirkt der Song zunächst sehr düster und ruhig, überrascht er im letzten Drittel wieder mit einer klaren Struktur und einer pathetisch anmutenden Hookline. Es lohnt sich also bei jedem Song bis zum letzten Takt hinzuhören. Abwechslung kommt auch mit „Lynch“ in das Klangkonzept. Aggressivere Drumsettings und ein düsteres, fast schon wütendes, Arrangement werden von ebenso härteren Gesangseinlagen begleitet. Mehr „retro“ Dark Electro als nordamerikanischer EBM – gelungen.

Die verschachtelten Midtempobeats von „X-Shaped Scratch Mark“ führen den Hörer wieder in die zu Beginn des Albums eingeschlagene Richtung. Melancholische Sequenzen und eine monotone wabernde Bassline erschaffen einen weiteren düsteren Song, bei dem einem schon etwas kalt werden kann. Diese düstere Kälte bleibt ebenso bei „High Velocity Spatter“ bestehen. Der Song besticht wiederum durch sein komplexes Drum-Arrangement und die hymnischen Synthies. Stimmlich wechselt Martin zwischen mit Verzerrer bearbeiteten klaren Gesang und aggressiv unterlegten backing vocals. Die Tanzfläche darf anschließend mit „Puritan“ gefüllt werden. Wir reden hier wieder nun nicht von dem Klubhit schlechthin. Ein krachendes oder stampfendes Stück würde nicht in das Konzept passen. Dennoch bilden bei „Puritan“ Intensität und Midtempo eine Symbiose, welche mittels der dunklen Sequenzen durchaus zum Tanzen anregt. Dennoch wird es auf „Foren6“ nicht schneller und mit „Ligamentum“ sogar wieder ruhiger. Eine verschachtelte Komposition mit verzerrten Lyrics, die dem Hörer diese schon bekannte Kälte zurück in die Glieder kriechen lässt.

Mit „Hermaphrodite“ erwartet uns ein ruhiger, sphärischer und sehr düsterer Song, welcher dennoch sehr eingängig ist. Zum Abschluss wird es nochmal tanzbarer. „Eyesaw“ beginnt nicht so sphärisch wie die meisten vorangegangenen Tracks sondern legt sofort los. Das Drumsetting ist komplex und besticht im Konzept von „Foren6“ mit einer schon fast treibenden Intensität und wirkt so sehr tanzbar. Der Gesang wechselt permanent zwischen klar und growling und erzeugt dadurch eine aggressivere Stimmung als bei den beiden Songs zuvor. Somit stellt „Eyesaw“ zudem den Konterpart zum Opener „My Mistress“ dar und schließt wiederum mit einer verschachtelten und mit Sprachsamples unterlegten Sequenz ab. Fällt der letzte Takt bleibt auch der Hörer quasi in einem dunklen kalten Loch zurück, in welches ihn Fïx8:Sëd8 mit diesem Album fast schon hinterrücks gestoßen hat.


„Foren6“ ist eine Hommage an die Ursprünge des düsteren Electro, welcher von Bands wie FLA oder auch Skinny Puppy geprägt wurden. Diese Art Musik – welche seitens Dependent einfach mal der „guten alten Zeit“ zugeordnet wird – ist nicht jedermanns Sache und der geneigte Hörer sollte sich Zeit nehmen um dieses Album zu ergründen. Genau das ist meiner Meinung aber auch die Stärke von „Foren6“. Fïx8:Sëd8 gelingt mit dem dritten Werk ein interessantes Stück Musik, welches eben nicht sofort vordergründig hängen bleibt oder allein durch prägnante Klubhits besticht (und dabei nichts weiter zu bieten hätte). Gleichzeitig lässt das Album einen auch nicht so einfach wieder los. Das ist vielleicht die große Kunst, welches den Unterschied zwischen bloßer Kopie alter Helden und eigenständiger Interpretation eines Genres darstellt. „Foren6“ ist ein durchaus eigenständiges, facettenreiches und sehr düsteres Album, welches einem die Kälte eines Leichenschauhauses in die Glieder treibt. Dies spiegelt sich auch in der behandelten Thematik der Forensik wider, welche laut Pressetext als Analogie für gescheiterte Beziehungen und deren Analyse dient. Der Hörer findet sich dabei mal als „unbeteiligter Zeuge, mal als Opfer, mal als Täter“ wieder. Weiterhin besticht Fïx8:Sëd8 mit einem hervorragend produzierten Werk. Jeder Takt, jede Sequenz scheint genau auf den Punkt zu sein. Der verzerrte Gesang wird abwechslungsreich mal durch klarer wirkende und mal durch aggressivere Passagen in die komplexen Kompositionen eingebunden. „Foren6“ präsentiert sich als eine im Vergleich mit den ersten beiden Alben gelungene Weiterentwicklung des Sounds von Fïx8:Sëd8. Es wird Hörer geben, welche von den sperrigen Arrangements eher abgeschreckt sein werden. Freunde von komplexen Klangstrukturen und erdrückender, eiskalter Melancholie kommen hier jedoch voll auf ihre Kosten.


FÏX8:SËD8 - Foren6


Unter dem Pseudonym Joker Montana hat der Autor bisher eher selbst Musik „geschrieben“ als selbst über Musik zu schreiben. Doch als studierter Historiker und Germanist war es wohl nur eine Frage der Zeit sowie logische Konsequenz, die Schreibtätigkeit über die Musik als weitere Leidenschaft aufzunehmen. Musikalisch aus dem Punk und Alternative stammend, erweiterte sich das eigene Spektrum schnell über Gothic hin zu diversen Subgenre aus Metal und Electro. Dabei fühlt man sich vor allem in den härteren Gefilden wohl – Dark-Electro/Aggrotech, Noise, Industrial-Rock/Metal, Goth-Metal... Ob entspannt über Kopfhörer oder bei Konzerten eher unkontrolliert im Pulk umher springend, ist Musik doch eines der erhellendsten Ereignisse im Leben. Der Tellerrand ist dabei nie zu hoch und dennoch ist „Alles“ auch bloß keine Musikrichtung. Diskutiert werden kann ja über alles, aber gestaltet sich die bescheidene Meinung dieses Schreiberlings frei nach Jean-Jacques Nattiez: „The border between music and noise is always culturally defined […] there is no single an intercultural universal concept defining what music might be.“ und Trent Reznor: „I think there`s something strangely musical about noise.“