DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT - Das ist DAF
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT – Das ist DAF

Über allem stand und steht das Werk. Ein Kredo, welches einer der wichtigsten Bands der elektronischen Musik seit nunmehr 40 Jahren übergeordnet ist. In Zeiten, in denen nicht wenige Musiker ihr eigenes Werk mittels Best Of-Kompilationen in ausgewählten Teilen Revue passieren lassen, bescheren uns Robert Görl und Gabi Delgado eine Werkschau als Box-Set mit den vier Alben der frühen Schaffensphase. Zusätzlich enthält die Box eine Remix-EP. Namenhafte Musiker aus verschiedenen Sub-Genres der Electronic geben sich hier die Ehre.

Zusammen erleben wir so noch einmal die Provokation und den Ursprung so vieler anderer künstlerischer Ideen. Diese auf den Punkt kultivierte Kompromisslosigkeit. Das gebündelte Werk der Deutsch amerikanischen Freundschaft. Die Disco-Nazis, welche doch immer viel zu gefühlvoll für Faschisten waren. Görl, der trommelnde Körper. Delgado, der Antreiber. Politisch Stellung zu beziehen ist nicht interessant für das Werk. Ästhetik und Provokation. Lust und Liebe. Minimalismus und Kitsch. Gefühl und Brutalität. Das Werk und seine Schöpfer wurden und werden mit vielerlei Begrifflichkeiten beschrieben. Alle treffen zu. Alle beschreiben den Reiz dieses Duos.

DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT - Das ist DAF
Foto: Ilse Ruppert

Denkt man an elektronische Musik werden zumeist Kraftwerk oder auch Depeche Mode als bedeutende Bands genannt. Die musikalische Bedeutung von DAF erschließt sich mir noch am besten aus einem Zitat von Robert Görl: „Kraftwerk, das waren Söhne reicher Eltern, deren Synthesizer Hunderttausende von Mark gekostet haben. Das war elitär. […] Kraftwerk klangen viel zu schön, das war uns zu steril. Bei uns mussten die Maschinen schwitzen“. DAF sind Kraft, sind Muskeln und Schweiß. Mensch und Maschine verkoppelt. Punk und Electronica. DAF als eine Zutat der Ursuppe des EBM und von Techno. Genau dies verdeutlicht die Werkschau „Das ist DAF“. In einem überarbeiteten Soundgewand wird uns diese Ursuppe als Urgewalt präsentiert: „Die Kleinen und die Bösen“ (1980); „Alles ist gut“ (1981); „Gold und Liebe“ (1981); „Für immer“ (1982). Das DAF-Werk in seiner Gänze müsste natürlich noch mit den Alben „1st Step to Heaven „ von 1986 und dem 2003 erschienen Album „Fünfzehn neue DAF-Lieder“ ergänzt werden. Jedoch verkörpern diese zwei Alben andere Epochen und stehen so in einem anderen Kontext. Diese sind Fortsetzung und Variation zugleich.
Die ergänzende Redux-EP beinhaltet sechs weitere Versionen alter Hits. Westbam, Boys Noize und auch die Herren Görl und Delgado höchst selbst präsentieren uns neue bzw. eigene Interpretationen. Diese sind mal klubtauglich, mal nostalgisch beschwingt, aber immer modern. Eine sehr passende Ergänzung zum Werk.


Fazit: Die DAF-Box verkörpert das aufklärerische und dadaistische Element des frühen Werks. „Verschwende deine Jugend“ oder „Der Räuber und der Prinz“ würden heute niemanden mehr schockieren. Diese gesellschaftlichen Tabus wurden aber eben auch durch Bands wie DAF gesprengt. Das Werk hat seinen Beitrag zu einer gesellschaftlichen Veränderung geleistet.
Die Herren Görl/Delgado waren und sind schon immer zwei starke, streitbare und streitende Persönlichkeiten. Jedoch konnten sie sich bisher noch immer wieder zusammenraufen. Nun gehen sie auf eine Art Greatest-Hits-Tour. Zusammen mit ihrer Box werden auf dieser Konzertreise nostalgische Gefühle aus Schweiß und Muskeln wiederbelebt. Der Aufruhr kehrt zurück und ist in den aktuellen politischen Zeiten gar nicht so fehlplatziert. Wenn das Werk auch nicht politisch Stellung bezieht, kann es dennoch erneut den Finger in die Wunde legen. Ein orgastischer Rausch für jeden Körper. Sex, Tanz, Liebe, Politik.


DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT - Das ist DAF


Unter dem Pseudonym Joker Montana hat der Autor bisher eher selbst Musik „geschrieben“ als selbst über Musik zu schreiben. Doch als studierter Historiker und Germanist war es wohl nur eine Frage der Zeit sowie logische Konsequenz, die Schreibtätigkeit über die Musik als weitere Leidenschaft aufzunehmen. Musikalisch aus dem Punk und Alternative stammend, erweiterte sich das eigene Spektrum schnell über Gothic hin zu diversen Subgenre aus Metal und Electro. Dabei fühlt man sich vor allem in den härteren Gefilden wohl – Dark-Electro/Aggrotech, Noise, Industrial-Rock/Metal, Goth-Metal... Ob entspannt über Kopfhörer oder bei Konzerten eher unkontrolliert im Pulk umher springend, ist Musik doch eines der erhellendsten Ereignisse im Leben. Der Tellerrand ist dabei nie zu hoch und dennoch ist „Alles“ auch bloß keine Musikrichtung. Diskutiert werden kann ja über alles, aber gestaltet sich die bescheidene Meinung dieses Schreiberlings frei nach Jean-Jacques Nattiez: „The border between music and noise is always culturally defined […] there is no single an intercultural universal concept defining what music might be.“ und Trent Reznor: „I think there`s something strangely musical about noise.“