GOTHMINISTER - The Other Side
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

GOTHMINISTER – The Other Side

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
5.5/10
Klang / Produktion
7.5/10
Kreativität
6/10
Verpackung / Artwork / Extras
5/10
Fan-Faktor
7.5/10
Umfang / Spieldauer
7/10
Gesang
6.5/10
Gesamteindruck
7/10
Gesamt
6.5/10

Eines meiner Lieblingsalben im Jahr 2003 war „Gothic Electronic Anthems“. Lieferte diese Platte doch einen Sound, den ich damals und heute immer noch gerne höre. Dieses Debut von GOTHMINISTER empfand ich damals als einen auf den Punkt gebrachten Mix aus Industrial- und Goth-Metal. Pünktlich zum Wahljahr 2017 meldet sich nun der Gothminister mit einem neuen Langspieler zurück. Mastermind Bjørn Alexander Brem nahm sich eine längere Kreativpause und nimmt uns nun mit auf seine Reise zu „The Other Side“. Gemischt wurde das Album von Henning Verlage, welcher vor allem durch seine Tätigkeit für Unheilig und Eisbrecher bekannt sein dürfte. Dementsprechend klingen Gothminister auch.

Der Opener „Ich will Alles“ beginnt ziemlich druckvoll und fasst das Albumkonzept in knapp vier Minuten zusammen. Harte Gitarrenriffs, Brems mal tiefen mal brüllenden Gesangsparts, ein breites Orchester im Hintergrund und etwas Electro im Finale. Der Songtitel lässt jedoch keinen deutschen Text folgen. Der Opener ist ein schnörkelloser Industrial-Goth-Metaltrack, der auch in Klubs gut funktionieren dürfte und für mich tatsächlich schon das Highlight des Albums darstellt. Die stilistische Gangart bleibt auch bei „The Sun“ ähnlich. Etwas mehr Elektronica und eine düstere Stimmung prägen diesen Track. Variation bringt der stellenweise weibliche Hintergrundgesang. Der zweite deutsche Songtitel, „Der fliegende Mann“, markiert auch die erste Singleauskopplung. Der Refrain wechselt sich hier mit deutschem Text und englischen Zeilen ab. Ähnlich zum Opener spiegelt sich in diesem Track ebenfalls das Konzept des Albums wider. So gesehen, eine gute Wahl der ersten Single. Leider zeichnet sich nach den ersten drei Titeln eine Tendenz der inhaltlichen Austauschbarkeit ab. Musikalisch klingt das Album dafür bisher ganz gut.

Gothminister präsentieren wieder einmal ein Gefühl für eingängige und düstere Melodien – vor allem die erste Hälfte des Albums überzeugt in dieser Kategorie. Brems Stimme trifft generell meinen persönlichen Geschmack und klingt auch auf diesem Langspieler wieder grandios. Umso enttäuschter bin ich mit dem Songwriting von Albumhälfte zwei. Es fehlt einfach die Abwechslung.

Mit „Aegir“ wird es nun auch melancholisch. Nach den ersten Brechern folgt eine wirklich gelungene (Power-)Ballade. Der Titel stammt übrigens von dem aus der germanisch/nordischen Mythologie stammenden Meeresriesen Aegir. „Red Christ“ wabert im Midtempo und einer stetigen Electro-Bassline daher. In den Strophen klingen Gothminister noch anklagend. Der Refrain verflacht leider etwas in der Melodieführung. Irgendwie scheint „Red Christ“ mehr Potenzial gehabt zu haben. „We Are the Ones Who Rules the World“ ballert mit treibenden Drums im Refrain und jeder Menge Orchester im Hintergrund. Das eigentliche Highlight sind die wirklich schönen weiblichen Gesangseinlagen. Ohne diese wäre auch dieser Song nur ein typischer und mit pathetischen Floskeln angereicherter Goth-Metaltrack. Kennt man irgendwie schon.

All This Time“ prügelt wieder mit harten Riffs, Electro und Orchester durch die Gegend. Eine wirkliche Pause wird dem Hörer nicht gegönnt. Irgendwie habe ich diesen Song auch schon einmal gehört. Es fehlt doch etwas die musikalische Variation. Das Intro und die erste Strophe von „Day of Reckoning“ versprechen einen potentiellen Hit. Leider wird diese Hoffnung durch die austauschbare Melodieführung im Refrain wieder zerstört. Immerhin dürfte dem geneigten Headbanger mittlerweile die Nackenmuskulatur schmerzen. Der Nackenmuskel (oder das Tanzbein) wird auch bei „Taking Over“ stark beansprucht. Noch einmal kommen Gitarrenriffs mit Orchester und weiblicher Gesangseinlage zum Einsatz. Ein weiterer treibender Metaltrack in dem das Rezept für „The Other Side“ erkennbar ist.
Als Finale wird es mit „Somewhere in Time“ noch einmal pathetisch. Schwere Bläser und wilde Streicher leiten einen dämonischen Gesang ein. Mit ein paar Effekten über der Stimme klingt der Gothminister teilweise wirklich schön schauerlich. Der mit Chören und Orchester unterlegte Refrain bzw. Mittelteil erzeugen eine Stimmung wie im Horrorfilm. Ein gelungenes Finale nach einer gewissen musikalischen Durststrecke ohne große Abwechslung.


Industrial-Goth-Metal der düsteren Sorte. Gothminister präsentieren wieder einmal ein Gefühl für eingängige und düstere Melodien – vor allem die erste Hälfte des Albums überzeugt in dieser Kategorie. Brems Stimme trifft generell meinen persönlichen Geschmack und klingt auch auf diesem Langspieler wieder grandios. Umso enttäuschter bin ich mit dem Songwriting von Albumhälfte zwei. Es fehlt einfach die Abwechslung. Insgesamt rocken Gothminister ziemlich treibend und cool auf „The Other Side“. Jedoch beschleicht mich oft das Gefühl, dass hier einfach nur bekannte Konzepte des Genres verarbeitet wurden. Die Texte wirken wie aus dem Englischbaukasten. Nun ist lyrische Tiefe kein Kriterium, welches alleinstehend über die Qualität eines Albums entscheidet. Dieser Kritik haben sich schon ganz andere Musiker stellen müssen. Jedoch wirken Texte und Kompositionen insgesamt recht austauschbar und bleiben dadurch nicht wirklich im Ohr hängen. Gerade textlich darf es zumindest in diesem Genre etwas mehr sein. Der Sound und die Produktion sind jedoch hervorragend und retten das Album vor der totalen Belanglosigkeit. Eventuell ist dies eines der Alben, welches mehrere Durchläufe braucht. So lassen sich einige Textzeilen live sicher sehr gut mitgrölen und mittanzen. Gothminister sind allerdings zu mehr in der Lage, zeigen dies aber (mal wieder) nicht. Am Ende ist „The Other Side“ eine solide Platte irgendwo zwischen Industrial und Goth-Metal. Genau das richtige für Die-Hard-Fans dieser Band sowie Kapellen wie Unheilig oder Eisbrecher. Mehr aber auch nicht.


GOTHMINISTER - The Other Side


Unter dem Pseudonym Joker Montana hat der Autor bisher eher selbst Musik „geschrieben“ als selbst über Musik zu schreiben. Doch als studierter Historiker und Germanist war es wohl nur eine Frage der Zeit sowie logische Konsequenz, die Schreibtätigkeit über die Musik als weitere Leidenschaft aufzunehmen. Musikalisch aus dem Punk und Alternative stammend, erweiterte sich das eigene Spektrum schnell über Gothic hin zu diversen Subgenre aus Metal und Electro. Dabei fühlt man sich vor allem in den härteren Gefilden wohl – Dark-Electro/Aggrotech, Noise, Industrial-Rock/Metal, Goth-Metal... Ob entspannt über Kopfhörer oder bei Konzerten eher unkontrolliert im Pulk umher springend, ist Musik doch eines der erhellendsten Ereignisse im Leben. Der Tellerrand ist dabei nie zu hoch und dennoch ist „Alles“ auch bloß keine Musikrichtung. Diskutiert werden kann ja über alles, aber gestaltet sich die bescheidene Meinung dieses Schreiberlings frei nach Jean-Jacques Nattiez: „The border between music and noise is always culturally defined […] there is no single an intercultural universal concept defining what music might be.“ und Trent Reznor: „I think there`s something strangely musical about noise.“