THE SAINT PAUL - Blood Donation (Official Video)
Foto: Olli Haas

THE SAINT PAUL – Three

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
7.5/10
Klang / Produktion
9/10
Kreativität
7.5/10
Verpackung / Artwork / Extras
6/10
Fan-Faktor
9.5/10
Umfang / Spieldauer
6/10
Gesang
8/10
Gesamteindruck
8.5/10
Gesamt
7.8/10

In der Liste unserer liebsten Alben des vergangenen Jahres habe ich es schon einmal angedeutet: 2017 ist aus vielerlei Gründen so einiges liegen geblieben. Hinter die meisten Themen habe ich einen Haken gemacht; nichts ist schließlich so alt wie die Zeitung von heute – oder, schlimmer noch, die von gestern. Und doch, ein Thema aus 2017 muss ich nochmal hervorkramen und in das neue Jahr herüberretten: das dritte Album von THE SAINT PAUL, schlicht „Three“ betitelt. Mit dem Erscheinungsdatum Ende November ist die Platte noch einigermaßen aktuell, musikalisch frischer Wind in einer vom langweiligen Einerlei gezeichneten Szene ist es in jedem Fall.

Als The Saint Paul das erste Mal in größerem Stil von sich hören ließen, war es das Jahr 2011 mit der EP „Rewind The Time“, die seinerzeit noch auf Danse Macabre veröffentlicht wurde. Eine EP die aufzeigte, dass man aus dem Stand den elektronischen Teil der Düsterszene durcheinander wirbeln kann – mit jeder Menge toller Ideen, mit echtem Gesang und ohne die sowieso schon überreizten inhaltsleeren Textblasen abermals zu bemühen. Den Begriff FuturePop mochte damals schon keiner mehr, warum auch immer, aber genau in diese Kerbe schlug die EP seinerzeit und machte dabei eine sehr gute Figur.

2013 folgte dann das Debütalbum „Consequence“. Hätte man „Rewind The Time“ noch für einen Glückstreffer halten können, eine Eintagsfliege, das Korn das selbst ein blindes Huhn irgendwann mal findet, so wurde hier klar: nö, The Saint Paul sind eben kein One-Hit-Wonder. Das Titelstück und Knaller wie „E:dot“, „Came To Loose“ oder „Rise And Fall“ hoben die Band,die damals noch nur aus Paul und Marc bestand, direkt auf die gleiche Stufe wie gestandene Bands gleicher Richtung. VNV Nation beispielsweise oder Apoptygma Berzerk. Oder anders: überall dort, wo tanzbare, eingängige und vielschichtige Düsterelektronik auf Texte mit (einigermaßen) Tiefgang und echtem Gesang trifft und geschätzt wird und wurde, da konnten auch The Saint Paul ihre Nische erobern. Daran hat sich seitdem nichts geändert.

Zwei Jahre später kam „Days Without Rain“, inhaltlich ihr bisher anspruchsvollstes Werk. Dass sie musikalisch gereifter klangen, war klar, schließlich war mit jeder neuen Veröffentlichung auch eine entsprechende Entwicklung zu vernehmen. Mit Songs wie „Reality Distortion Field“ oder „But He Will“, das sich mit Demenz und Alzheimer beschäftigt, hatten The Saint Paul auch thematisch die Grenzen der Düsterszene weit hinter sich gelassen. Einer der Gründe, warum sich „Days Without Rain“ in unserer Top-Liste des Jahres 2015 wiedergefunden hatte.

Und nun also „Three“. Inzwischen sind The Saint Paul auch zu dritt; Live-Drummer Robin ist mittlerweile fester Bestandteil der Band. Ein Gewinn für die Band und den Sound, vor allem immer dann, wenn die Drums nicht nur aus der Konserve kommen. Die Wucht eines echten Schlagzeugs kann eben kein Computer ersetzen.

In gewisser Hinsicht hat auch im Falle von „Three“ eine „Blood Donation“ stattgefunden: die von ganz viel Herzblut der daran Beteiligten nämlich.

The Saint Paul eröffnen erstaunlich ruhig ihr drittes Album. „Back“ heißt das Stück, das mit dicken Bässen und quietschenden Synthies den Raum füllt. Paul erklärt uns: no, I’m not afraid anymore / I found the path again. Ich glaube, mehr Licht auf einer tendenziell eher düsteren Scheibe wie hier in diesen Worten, umrahmt von diesen Melodiebögen in diesem Moment, war schon lange nicht mehr. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: „Back“ ist eindeutig einer der stärksten Songs, den The Saint Paul je gemacht haben!

Foto: Olli Haas

Ihrem Anspruch, nicht nur durch die szenetypische Klischeehölle zu reiten, bleibt das Trio auch auf dem aktuellen Langspieler treu. „Blood Donation“ greift das Thema Blutspende auf und den Umstand, dass damit viel Schindluder getrieben werden kann. Ich muss gestehen, dass ich das Thema bis dato gar nicht so auf dem Schirm hatte. Andererseits: Blut ist genauso eine Ressource wie so viele andere Dinge auch. Warum sollte sich damit also nicht auch auf fragwürdige Weise Kasse machen lassen? Kurz kommt mir US-Pharmaunternehmer Martin Shkreli in den Sinn, der „meist gehasste Mann der USA“, dem es offenbar ein inneres Gänseblümchenpflücken war, den Preis für potentiell lebensrettende Medikamente um ein Vielfaches erhöhte. Der „Pharma Bro“ hockt inzwischen wegen Betrugs im Knast und wenn es nach mir ginge, könnte er dort auch versauern, bis sie ihn mit den Füßen voran aus der Zelle tragen. Zurück zu „Blood Donation“: sehr schwer ist diese Nummer, dem Thema entsprechend drückend und sehr wuchtig. Nichts, was die Laune hebt oder das Tanzbein in Bewegung versetzt. Aber das dürfte vermutlich auch gar nicht die Intention dahinter gewesen sein.

Tanzen lässt es sich hingegen bei „Blue Bird“, dem flotten akustischen Mittelfinger beispielsweise nach einer dramatisch gescheiterten Beziehung. It’s so nice to see you suffer miesepetert Paul hier unter anderem und please don’t waste my time. In „e.no. DNA“ spielen The Saint Paul sehr mit typischem EBM-Sound. Das verlangt ebenfalls förmlich nach Körperertüchtigung auf der Tanzfläche. Wenn ich Stiefel besäße, würde ich sie spontan putzen.

Noch mehr Spaß macht die neue Platte aber in den eher ruhigen Momenten. Wie zum Beispiel in „Exit“, bei dem auch immer ganz dezent eine Gitarre im Hintergrund mitschwingt. Keine Sorge, wir haben es hier nicht mit einer ausgenudelten Melange aus Electro und Rock zu tun; TSP bleiben schon auf ihrem eingeschlagenen Weg. Viel mehr ist das ein hübsches, hintergründiges Detail, das neue Farbtupfer in das Klangbild kleckst. Gefällt mir gut. Und dann ist da ja auch noch die Ballade „I Will Stay“, bei der Pauls nach wie vor unveränderte, dafür aber unverkennbare Stimme sowie ein wirklich dröhnender Bass den Raum komplett ausfüllen. Fast habe ich hier in meinem Arbeitszimmer das Gefühl, dem mächtigen Sound im Wege zu sitzen. Balladen, das können sie, die feinen Herren von The Saint Paul!

Lückenfüller erlauben sich The Saint Paul auch auf ihrem dritten Album nicht. Ich hätte zwar gerne noch mehr dem Zeitgeschehen verhaftete Titel wie „Blood Donation“ gehört, dennoch ist auch Langspieler Nummer 3 so kurzweilig ausgefallen, dass ich jedes Mal überrascht bin, dass es schon wieder komplett durchgelaufen ist. „Three“ ist so gut produziert und abgemischt, dass man es nahtlos in Dauerschleife laufen lassen kann. In gewisser Hinsicht hat auch im Falle von „Three“ eine „Blood Donation“ stattgefunden: die von ganz viel Herzblut der daran Beteiligten nämlich.


Fazit: The Saint Paul haben mit „Three“ in handwerklicher Sicht die nächste Evolutionsstufe erreicht. Ein sehr kurzweiliges, hochgradig unterhaltsames Stück Düsterelectro, welches dem Trio hoffentlich noch mehr Publikum beschert. Im weiten Feld von EBM, Dark Electro und FuturePop werden, wenn sich ein Gespräch darum dreht, oftmals die gleichen Künstler genannt. Nach drei wirklich hochwertigen Alben wird es spätestens jetzt Zeit, in solchen Gesprächsrunden auch The Saint Paul zu erwähnen. Ich weiß nicht, ob sich Paul, Marc und Robin noch steigern können, die Messlatte liegt inzwischen wirklich hoch. Andererseits: das habe ich auch schon nach dem letzten Album gedacht. Und auch nach dem davor. Jedes Mal wieder überrascht haben sie mich dennoch.


THE SAINT PAUL - Three


Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.