HAIRSPRAY: Bericht von der Aufführung im Scharoun-Theater Wolfsburg, 16. Januar 2018
Foto: COFO Concertbüro Forster GmbH & Co.KG

HAIRSPRAY: Bericht von der Aufführung im Scharoun-Theater Wolfsburg, 16. Januar 2018

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Da haben wir in Wolfsburg dieses tolle Scharoun-Theater, in welchem man ganz wunderbar Vorstellungen aller Art anschauen kann, und dann dient der Bau fast nur als Tourneetheater. Als Musical-Fan, der im Dunstkreis der Autostadt residiert, hat man oftmals nur die Möglichkeit, auf umliegende Städte wie Braunschweig oder Magdeburg auszuweichen – oder darauf zu hoffen, dass irgendeine Produktion hier Station macht. Fairerweise muss dazu gesagt werden, dass die Gastspiele, die in Wolfsburg gezeigt werden, mitunter von sehr hoher Güte sind. Spontan fällt mir der Auftritt von Bill Murray und Jan Vogler ein, die im Sommer letzten Jahres die Wolfsburger Bühne eroberten. Auch wenn das natürlich kein Musical war. Was das angeht, konnten wir in Wolfsburg allerdings gerade erst ein wirklich gelungenes Beispiel für begeisterndes, mitreißendes Musiktheater erleben. Am 16. Januar gastierte „Hairspray“ in besagtem Scharoun-Theater. Ein Pflichttermin für uns.

Zunächst sollten wir kurz mal darüber reden, worum es in dem Stück überhaupt geht. Dazu sei aus der Pressemitteilung zitiert:

„Hairspray“ ist eine rasante, witzige und überschäumende Feier des Selbstvertrauens, eine mitreißend charmante Mutmacherstory. Die Handlung spielt in Baltimore, Anfang der 60er Jahre: Mit einer gehörigen Portion Mut, Haarspray im voluminösen Haar und unbändiger Tanzfreude wird die mollige Tracy zum Star in einer Fernsehshow, in der sonst nur dünne Mädchen Erfolg haben. Vater Wilbur und Mutter Edna – deren eigenes Selbstbewusstsein so klein wie ihre Leibesfülle groß ist – könnten nicht stolzer sein. Ihre neu gewonnene Berühmtheit nutzt Tracy sogar für eine Kampagne gegen Rassentrennung in ihrer Fernsehshow. Doch bald ziehen Feinde und Neider die Strippen. Vor allem Produzentin Velma und deren Tochter Amber spinnen ihre Intrigen, zumal Ambers Freund Link Larkin seine Augen nicht von Tracy lassen kann. Wird es Tracy gelingen, trotz ihrer Gegner den Titel der „Miss Teenage Hairspray 1962“ zu gewinnen?

HAIRSPRAY: Bericht von der Aufführung im Scharoun-Theater Wolfsburg, 16. Januar 2018
Foto: Sabine Haymann / COFO Concertbüro Forster GmbH & Co.KG

Wie so manch anderes Musical hat auch auch „Hairspray“ eine mit dem Film verknüpfte Geschichte. 1988 brachte John Waters („Cry-Baby“) den gleichnamigen Film in die Kinos, unter anderem mit Debbie Harry (Blondie) in einer der Hauptrollen. 2002 folgte dann die Umsetzung als Musical. Die Musik stammte aus der Feder von Marc Shaiman (Komponist der Filmmusik u.a. von „Misery“, „Sister Act“ oder „Schlaflos in Seattle“), das Buch von Marc O’Donnel und Thomas Meehan, die Liedtexte stammen von Scott Whitman und Marc Shaiman. Seine Premiere feierte das Stück im August 2002 im New Yorker Neil Simon Theatre; die deutschsprachige Uraufführung folgte im April 2008 im Schweizer Theater St. Gallen. 2007 kam ein neuerlicher Film in die Kinos, der wiederum auf dem Musical basierte. Hier in der Hauptrollen: John Travolta, Christopher Walken, Michelle Pfeiffer und Zac Efron. Um es in einem Satz zu sagen: „Hairspray“ ist ein Film der zum Musical wurde das zum Film wurde. Ist klar, ne.

Das Musical, weswegen wir den Weg ins Scharoun-Theater Wolfsburg fanden, gehört definitiv zu den erfolgreichsten. Auf der eindrucksvollen Haben-Seite stehen Dinge wie acht Tony Awards (quasi der Oscar bzw. Grammy der Musical-Szene), 23 weitere internationale Auszeichnungen und bis dato ganz locker mehr als 2500 Vorstellungen. „Hairspray“ zieht die Leute ganz offensichtlich ins Theater. Wer das Stück gesehen hat, wird nachvollziehen können, warum das so ist. Ganz viel gute Laune stiftende Musik trifft auf eine herzerwärmende Mutmach-Geschichte, die wiederum in sehr ernste und leider nach wie vor aktuelle Themen wie Rassismus und Rassentrennung eingebettet sind.

HAIRSPRAY: Bericht von der Aufführung im Scharoun-Theater Wolfsburg, 16. Januar 2018
Foto: COFO Concertbüro Forster GmbH & Co.KG

Die Inszenierung von „Hairspray“, der wir beiwohnten, war Teil einer Musical-Tournee, welche die Produktion in diesem Jahr noch auf viele Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz führen wird. Verantwortlich für die Umsetzung war Katja Wolff, die unter anderem „Blue Brothers“ und „West Side Story“ inszenierte bzw. Ildikó von KürthysMondscheintarif“ auf Gastspielreise brachte. Wenn man über diese Produktion eines sagen kann, dann: Frau Wolff hat definitiv ein Händchen dafür, ihre Darsteller zu guten bis herausragenden Leistungen zu motivieren!

Womit wir auch schon beim Cast angekommen wären. Allen voran ist hier Beatrice Reece zu nennen, welche die Rolle der Tracy Turnblad spielt. Ganz abgesehen davon, dass Reece über eine eindrucksvolle, fein nuancierte und doch sehr kraftvolle Stimme verfügt, ist sie schlicht eine Top-Besetzung für diese Rolle. Sie spielt so herzerwärmend, so an das Gute im Menschen und in der Welt glaubend, dass man sie für diese fröhliche Naivität am liebsten herzen möchte. An diesem Abend übernahm Andrea Matthias Pagani die Rolle der Edna Turnblad. Ich kann sein Tun nicht mit der 1. Besetzung Uwe Kröger vergleichen, aber es ist mir unvorstellbar, dass man die Rolle auch nur ansatzweise unterhaltsamer, (weil schräg und wunderbar schrullig) spielen könnte, als es Pagani getan hat. Wer weiß, vielleicht war das sogar ein Glücksfall für uns an diesem Abend. Pagani war in Sachen Sympathiepunkten Frau Reece jedenfalls ganz dicht auf den Fersen. Ebenfalls sehr eindrucksvoll: Maja Sikora, welche die Rolle der zickigen Amber von Tussle übernommen hatte. „Blondes Gift“ war wohl selten so eine treffende Umschreibung wie hier. Gleiches Gilt für Nicole Rössler, die ihre Mutter, Velma von Tussle, Fernsehproduzentin und Oberrassistin in Personalunion, spielte. Es gehört schon ein bisschen was dazu, dass man selbst den Antagonisten gewisse Sympathien entgegen bringt. Tatsächlich machten die meisten Darsteller einen ganz hervorragenden Job; sowohl stimmlich als auch in ihrer Darstellung der teilweise ziemlich schillernden Charaktere.

HAIRSPRAY: Bericht von der Aufführung im Scharoun-Theater Wolfsburg, 16. Januar 2018
Foto: COFO Concertbüro Forster GmbH & Co.KG

Allerdings: es war insgesamt keine 100% perfekte Vorstellung. Möglicherweise kann es diese auch nicht geben. Die Kostüme waren ja noch ganz schick und fingen den Geist der 60er Jahre gut ein, das Bühnenbild jedoch war insgesamt nicht übermäßig aufregend. Manchmal fast schon „billig“ wirkend. Das mag dem Umstand geschuldet sein, dass es sich hierbei um eine Tourneeproduktion handelte und der allabendliche Aufwand in Grenzen gehalten werden sollte, dennoch: ein bisschen mehr als Rahmen eines gigantischen Fernsehers, ein zwei Sockel und einer einer überdimensionalen Haarspray-Dose hätte es schon sein dürfen. Gerettet wurde das Bühnenbild durch das stimmungsvolle Licht. Aber das sind alles Peanuts, wenn das Stück auf der Haben-Seite tolle Darsteller mit großartigen Stimmen, eine tolle Choreografie sowie viel Humor und kurzweilige Unterhaltung bei gleichzeitig inhaltlichem Tiefgang zu bieten hat.

Kurz gesagt: „Hairspray“ ist wirklich ein tolles Stück! Ausführlicher: Die Musik ist so eingängig, dass sie einem noch Tage und Wochen später immer mal wieder durch den Kopf geistert. Die Darsteller sind über jeden Zweifel erhaben und scheinen zudem viel Spaß an ihrem Tun gehabt zu haben. Die Wolfsburger jedenfalls haben sich an jenem Abend davon anstecken lassen und die Show begeistert und mit großem Enthusiasmus gefeiert. Mehr als alles andere aber schafft „Hairspray“ folgendes Kunststück: es beackert so manch wirklich ernstes Thema, so ziemlich jedes davon aktueller denn je, und tut dies aber nicht mit der Holzhammermethode. Lachen, Schunkeln, Mitsingen (wenn man die Texte kennt), gut gelaunt das Theater verlassen – alles möglich bei diesem Stück. In „Hairspray“ werden Probleme wie Rassismus und Rassentrennung behandelt, ohne den Zuschauern ein schlechtes Gewissen unterbreiten zu wollen, weil sich diese gerade an den tollen Stimmen oder der pfiffigen Musik erfreuen. Anders als in der Magdeburger Inszenierung von „Cabaret“ im letzten Jahr beispielsweise, das ebenfalls einen sehr ernsten und aktuellen Hintergrund hatte, muss man sich nicht fragen, ob man hier wirklich applaudieren darf, weil in „Hairspray“ nicht alles so wahnsinnig dramatisch ist. Dass man dennoch später vielleicht darüber sinniert, was man vielleicht selbst dazu beitragen kann, um die geschilderten Zustande, heute so aktuell sind wie in den 1960ern, zum Positiven zu verändern, macht das Musical nur umso sehenswerter. Auch wenn das in der Natur von Gastspielen liegt – schade, dass „Hairspray“ nur an diesem einen Abend in Wolfsburg gastierte. In einer Stadt, deren momentaner Wohlstand ohne das Mitwirken zahlreicher (italienischer) Gastarbeiter, von denen heute viele hier leben, sehr wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre und in der eine ausländerfeindliche Partei wie die AfD bei der letzten Wahl trotzdem fast 10% der Stimmen bekommen hat, könnte man ein Stück wie „Hairspray“ durchaus öfter aufführen. Würde die AfD (oder eine ähnlich orientierte Partei) das Sagen haben, gäbe es hier vielleicht auch irgendwann einen Italiener-Tag, so wie im Stück den Neger-Tag. Das gilt es zu verhindern! Miteinander war der Weg schließlich immer schon leichter als gegeneinander.

HAIRSPRAY: Bericht von der Aufführung im Scharoun-Theater Wolfsburg, 16. Januar 2018
Foto: Sabine Haymann / COFO Concertbüro Forster GmbH & Co.KG

Und ungeachtet dieser Rassismusthematik ist „Hairspray“ auch eine unheimlich gut funktionierende Mutmach-Geschichte. Ob man groß oder klein, dick oder dünn, schief oder gerade ist – es spielt schlicht und ergreifend keine Rolle. Was man ist, definiert sich nicht darüber, wie man aussieht. Oder mit welchen Statussymbolen man sich schmückt. Oder mit welchem Löffel im Mund – golden oder blechern – man geboren wurde. Einzig relevant ist, was man tut. Wie man sich seinen Mitmenschen gegenüber verhält. Was man unternimmt, um diese Welt vielleicht ein Stück besser zu machen, und sei es nur in kleinstem Rahmen. Und auch das bringt dieses Stück auf ganz wunderbare, sehr warmherzige Weise rüber. Im Februar ist „Hairspray“ wieder auf deutschen Bühnen zu sehen – ein Besuch ist dringend empfohlen!


HAIRSPRAY: Bericht von der Aufführung im Scharoun-Theater Wolfsburg, 16. Januar 2018
Foto: COFO Concertbüro Forster GmbH & Co.KG

Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.