AESTHETIC PERFECTION - Ebb and Flow
Foto: Michael Kanzler / AVALOST

AESTHETIC PERFECTION – Ebb and Flow

Daniel Graves aka Aesthetic Perfection läutet das Jahr 2018 mit einer weiteren Manifestierung des Genrebegriffs „Industrialpop“ ein. Wobei für die neue Single „Ebb and Flow“ das Wort Pop recht groß geschrieben werden sollte. 

AP stehen seit dem ersten Release „Close to Human“ für härteren und dennoch eingängigen sowie düsteren Electro. „Ebb and Flow“ ist in dieser Beschreibung eine der eher poppigen Nummern. Nach dem zuletzt sehr erfolgreichen Klubhits „LAX“ und „Rythm + Control“ sowie dem eher härteren „Love Like Lies“ lassen hier die 80er ganz liebe Grüße da. Am ehesten spannt sich hier der musikalische Bogen zu dem recht electro-poppigen „Never Enough“ ohne sich aber zu wiederholen. Überwiegend bedient sich Graves eher klarem Gesangs und einigen „huah“s sowie „oh wow wow oh oh oh wow“s. Dabei klingt der Mix aus teilweise melancholisch anmutenden Melodien und den vielen kurzen Shouts sehr harmonisch. Graves behandelt in dem Song eine Liebesbeziehung, die sich aufzureiben scheint. Dabei werden lyrisch einige maritime Formulierungen benutzt, welche ja auch ganz gut zu unserem Motto bei der AVALOST | Times passen – Musik und Meer. Textlich sehr gelungen und musikalisch interessant umgesetzt, möchte ich meinen. Die Bassline blubbert im bekannten Schema und lässt die Füße wippen. Die Hookline bliebt im Ohr – so wie der geneigte Hörer es eigentlich nicht anders von AP kennt. Der Break gegen Ende des Songs lässt die 80er nochmal so richtig durchschimmern. Selbst die Covergestaltung spiegelt den ‚flow‘ des Tracks wider. Mutmaßlich ist AP mit „Ebb and Flow“ der nächste Tanzflächenfüller gelungen.

Der Miggiddo Remix von „Ebb and Flow“ erinnert etwas an einen Sommerhit, welcher auch auf Ibiza zum (nächtlichen) Sommerhit werden könnte. Eine sehr dance-break-beat-lastige Nummer. Tatsächlich macht der Song Spaß, wenn man sich darauf einlässt und präsentiert das erweiterte Potenzial hinter der Komposition. Wer Katy Perry covert, darf auch solch einen Remix raushauen.

Fans der ersten Stunde werden auch mit „Ebb and Flow“ wohl weniger warm werden. Härtere Töne und Geschrei sind schon lange zu wenig für Daniel Graves. Aber wo steht eigentlich gesetzlich geschrieben, dass ein Künstler sich seiner eigenen künstlerischen Entwicklung verweigern muss und immer dieselbe Erfolgsplatte reproduzieren soll? Eben.

Apropos Daniel Graves und Coversongs. Bereichert wird die Veröffentlichung mit dem Song „Bye Bye Bye“, bei dem Nikki Misery die akkustischen Gitarrenparts beisteuerte. Bei all den tanzlastigen Tracks schimmern regelmäßig balladeske Perlen als Kleinod im Dunkeln hindurch. Mit diesem Cover von NSYNC wagen AP einiges und gewinnen alles. Eine sehr ruhige und grandiose Ballade, welche eben auch dieses enorme kompositorische Talent Daniel Graves zeigt, der aus diesem 90er Pophit eine tränenreiche Arie zaubert. Der Song behandelt bekanntlich das Ende einer Liebesbeziehung und rundet die Single perfekt ab. Er ist dabei nicht nur inhaltlich der ideale Konterpart zu „Ebb and Flow“, sondern setzt der Tanznummer eine Ballade im niedrigen Tempo entgegen. Dabei wechselt die Stimmung von Traurigkeit über Melancholie zu einem Gefühl der Befreiung und wieder zurück. Graves singt die Zeilen sehr eingängig; der Gesang trägt den Song. Ein kleines musikalisches Kunstwerk, welches eine Wahrheit (Achtung: THESE!) über Musik bestätigt. Nimm einen gut geschriebenen Song, dessen Umsetzung in einem bestimmten Genre dich jedoch nicht begeistert und interpretiere ihn in einem anderen Gewand neu. Plötzlich macht der Song Sinn. Hier ist der Versuch mindestens mutig und maximal gelungen.

Fans der ersten Stunde werden auch mit „Ebb and Flow“ wohl weniger warm werden. Härtere Töne und Geschrei sind schon lange zu wenig für Daniel Graves. Aber wo steht eigentlich gesetzlich geschrieben, dass ein Künstler sich seiner eigenen künstlerischen Entwicklung verweigern muss und immer dieselbe Erfolgsplatte reproduzieren soll? Eben. Diese Diskussion wäre müßig. Packt man alle fünf Singles aus dem Hause Graves seit dem letzten Album „‚Til Death“ von 2014 auf eine Platte, so ergäbe sich daraus eine circa einstündige E.P. der Extraklasse (“Never Enough“ zähle ich hier mit dazu, da dieser Song als Single zum grandiosen Re-Release von „Blood Spills Not Far from the Wound“ veröffentlicht wurde – der Song samt Remixversionen wäre sicher auch ohne diesen Langspieler als Single veröffentlicht worden. Da sich Daniel Graves seit einigen Jahren ja immer wieder kritisch zu Plänen bezüglich der Arbeit an einem neuen Album äußerte und sich eher auf einzelne Singles ’spezialisierte‘, wäre diese Aufzählung mein Appell, doch noch einmal ein Album zu schreiben. Wenngleich ich die dahinter stehende Kritik an der derzeitigen Musikindustrie und dem eher fragwürdigen Konsumverhalten von nicht wenigen Fans durchaus nachvollziehen kann. Dennoch, „Ebb and Flow“ zeigt das Können, welches in Kalifornien und in dem Genre Industrialpop steckt. Auch bei dieser Veröffentlichung kann ich nur wieder meinen ehemaligen Englischlehrer zitieren, der mich einst so treffend aufforderte: „listen and repeat“.


AESTHETIC PERFECTION - Ebb and Flow


Unter dem Pseudonym Joker Montana hat der Autor bisher eher selbst Musik „geschrieben“ als selbst über Musik zu schreiben. Doch als studierter Historiker und Germanist war es wohl nur eine Frage der Zeit sowie logische Konsequenz, die Schreibtätigkeit über die Musik als weitere Leidenschaft aufzunehmen. Musikalisch aus dem Punk und Alternative stammend, erweiterte sich das eigene Spektrum schnell über Gothic hin zu diversen Subgenre aus Metal und Electro. Dabei fühlt man sich vor allem in den härteren Gefilden wohl – Dark-Electro/Aggrotech, Noise, Industrial-Rock/Metal, Goth-Metal... Ob entspannt über Kopfhörer oder bei Konzerten eher unkontrolliert im Pulk umher springend, ist Musik doch eines der erhellendsten Ereignisse im Leben. Der Tellerrand ist dabei nie zu hoch und dennoch ist „Alles“ auch bloß keine Musikrichtung. Diskutiert werden kann ja über alles, aber gestaltet sich die bescheidene Meinung dieses Schreiberlings frei nach Jean-Jacques Nattiez: „The border between music and noise is always culturally defined […] there is no single an intercultural universal concept defining what music might be.“ und Trent Reznor: „I think there`s something strangely musical about noise.“