ESCAPING AMENTI - Awakening
Foto: Escaping Amenti

ESCAPING AMENTI – Awakening

von

Wertung

Inhalt / Konzept / Texte
7.5/10
Klang / Produktion
8.5/10
Kreativität
8/10
Verpackung / Artwork / Extras
7/10
Fan-Faktor
8/10
Umfang / Spieldauer
8/10
Gesang
8.5/10
Gesamteindruck
7.5/10
Total
7.9/10

Wir schreiben das Jahr 2370. Ein allumfassender Krieg hat die Welt erschüttert. Als Folge dessen wurden alle Religionen als Gefahr für die Menschheit verdammt. Alle Spuren jeglichen Glaubens wurden getilgt und niemand erinnert sich an die Zeiten in denen Gräueltaten im Namen eines Gottes verübt wurden – The Outlawing wurde dies genannt. 700 Jahre später ist die menschliche Rasse vereint und gedeiht nicht nur auf der Erde sondern kolonisiert das Weltall und alles scheint gut. Um das Erdklima zu kontrollieren wurde der einst zerstörte Mond neu erschaffen. Was natürlich gehörig schief geht und nun ein Großteil der auf der Erde verbliebenen Menschen sich unter die Erdoberfläche verkriechen muss und dort neue Zivilisationen schafft – The Hybrid-born. Einige bleiben an der verwüsteten Oberfläche – The Free-born. Die Menschheit ist also wieder für Jahrhunderte gespalten und entwickelt sich unabhängig voneinander. The Hybrid-born entdecken irgendwann im Erdinneren eine dunkle Barriere voller Energie und erwecken eine außerirdische Lebensform – die Amenti. Diese halten sich selbst für Götter und wurden auch einst von den alten Ägyptern als solche verehrt. Nun wollen diese Amenti die Welt erneut erobern. Ein Krieg zwischen Menschen und Göttern beginnt. So weit, so futuristisch.

Es handelt sich also bei Escaping Amentis Debütalbum „Awakening“ um den Auftakt einer apokalyptischen Zukunftsvision gepackt in harten schwedischen Metal. Angepriesen werden Escaping Amenti als die schwedischen Slipknot. Wenn da nicht schon jemand die Konfrontation mit „Göttern“ sucht. Nun ist ein solches Gleichnis mit Genregrößen nichts Unübliches. Lässt dies den geneigten Hörer zumindest erahnen, in welche Richtung es gehen könnte. Bei vorliegender Band muss dieser Vergleich aber differenziert erfolgen. Die Schnittmenge zwischen beiden Formationen ist am Ende doch geringer als manch einer denkt. Erstens: Beide Bands spielen Metal mit viel Gebrüll. Zweitens: Beide Bands zeigen sich jeweils nur maskiert oder bis zur Unkenntlichkeit geschminkt. Drittens: Hab ich vergessen.

Die Schweden sind laut und aggressiv und wissen so sicher einige Metalfans zu begeistern. Ohne wirklich Pause zu machen, prügeln die Mannen knapp eine Stunde wie im Wahn durch ihre apokalyptische Geschichte.

Bei der Genrespezifikation muss man jedoch schon wieder trennen. Escaping Amenti spielen eher Melodic-Deathcore als den Alternative-New-Metal-Mix der Amerikaner aus Iowa. Ich würde Escaping Amenti eher mit Bands wie As I Lay Dying oder In Flames vergleichen. Was jetzt auch keine kleinen Namen sind. Wenngleich die Grenzen zwischen den Sub-Genres verschwimmen, prügeln die Schweden mit einer ähnlichen Brutalität wie einst Slipknot auf ihrem 1999-Debüt durch die Gegend. Dazu ist das Album auch noch großartig produziert. Der Sound ist richtig schön basslastig, was mir persönlich schon einmal gut gefällt. Das Intro „Awakening“ mündet nach einem kurzen aber düsteren Instrumental nahtlos in einer aggressiven Synthie-Hook. Sofort prügeln Escaping Amenti mit allem los was sie so im Arsenal zu haben scheinen. Die Schweden kommen mit zwei Sängern – namentlich Umbra und Strife – daher. Wobei beide die Shouts übernehmen und Strife sich auch mal dem klaren Gesang bedient. Keine so innovativer Ansatz, jedoch gelungen vorgetragen. Unterlegt wird das musikalische Gemetzel gelegentlich mit diversen Synthies und Keyboardflächen.

The Gathering“ lässt einen nicht zur Ruhe kommen und auch das folgende „Our World“ wütet bedrohlich durch eben jene. Das Gedresche wird jedoch im Refrain von klarem Gesang aufgebrochen. Ebenso geht es bei „Nuclear“ weiter. Treibend und doch gelegentlich von einem Break unterbrochen prügeln die Schweden durch die Boxen. „Riptide“ erinnert mich stellenweise – vor allem im Refrain – an Pain, nur dass hier generell mehr geschrien wird. „This Will Never End“ und „Voice of Mankind“ sind wieder melodischer und letzteres hat vor allem im Refrain schon fast poppige Anleihen mit erheblichen Mitgröhlcharakter. „First Blood“ kann nicht nur auf dem Album gehört sondern auch via YouTube gesehen werden. Der Song stellt die Band mit allen Facetten vor. Harte Strophen und ein melodischer Refrain. Unterbrochen von etwas Dubstep. Et voilà: Escaping Amenti. Das folgende „Diary Pt. 1 (Seth vs. Horus)“ steht dem in nichts nach und ist noch etwas aggressiver. Bei „Memories“ stellt sich die Band jedoch von seiner ruhigen Seite vor. Die erste kleine Pause nach circa 40 Minuten apokalyptischen Krieg. Es wird balladesk und melancholisch, bevor es mit „The Depths of Amenti“ und „Echoes of the Void“ wieder zur Sache geht. Abgerundet wird das Debut der Schweden mit „The Secret of the Past“, welches noch einmal alle Elemente des Albums vereint und am Ende recht hymnisch wird.


Fazit: Escaping Amenti legen ein sehr solides Debut hin. Die Schweden sind laut und aggressiv und wissen so sicher einige Metalfans zu begeistern. Ohne wirklich Pause zu machen, prügeln die Mannen knapp eine Stunde wie im Wahn durch ihre apokalyptische Geschichte. Das inhaltlich interessante Konzept erinnert prinzipiell an bekannte Science Fiction Stories, ist in diesem musikalischen Gewand aber auch nicht so häufig zu finden. Inwieweit sich diese Geschichte weiter erzählen lässt, wird zu beweisen sein. Aber selbst Iron Maiden haben mit ihrem Eddie ja einen allseits bekannten Wiedererkennungswert. Noch so ein Vergleich mit Genregrößen. Wer Melodic-Deathcore mag sollte sich hier mal umhören. Die Platte macht Spaß, wenngleich sich das ganze nach ein paar Mal hören doch abnutzt. Beim dritten oder vierten Durchlauf entdeckt der geneigte Hörer wenig Neues. „Awakening“ ist ein unterhaltsames Album, welches aber den ganz großen kreativen Wurf vermissen lässt. Dabei ist die Platte hervorragend produziert und angemessen wütend. Andererseits soll beim Erstlingswerk ja nicht schon das ganze Pulver verschossen werden. Immerhin warten da im Dunkel jede Menge fiese Aliens.


ESCAPING AMENTI - Awakening

Unter dem Pseudonym Joker Montana hat der Autor bisher eher selbst Musik „geschrieben“ als selbst über Musik zu schreiben. Doch als studierter Historiker und Germanist war es wohl nur eine Frage der Zeit sowie logische Konsequenz, die Schreibtätigkeit über die Musik als weitere Leidenschaft aufzunehmen. Musikalisch aus dem Punk und Alternative stammend, erweiterte sich das eigene Spektrum schnell über Gothic hin zu diversen Subgenre aus Metal und Electro. Dabei fühlt man sich vor allem in den härteren Gefilden wohl – Dark-Electro/Aggrotech, Noise, Industrial-Rock/Metal, Goth-Metal... Ob entspannt über Kopfhörer oder bei Konzerten eher unkontrolliert im Pulk umher springend, ist Musik doch eines der erhellendsten Ereignisse im Leben. Der Tellerrand ist dabei nie zu hoch und dennoch ist „Alles“ auch bloß keine Musikrichtung. Diskutiert werden kann ja über alles, aber gestaltet sich die bescheidene Meinung dieses Schreiberlings frei nach Jean-Jacques Nattiez: „The border between music and noise is always culturally defined […] there is no single an intercultural universal concept defining what music might be.“ und Trent Reznor: „I think there`s something strangely musical about noise.“