Ein Foto von Stefan Netschio von Beborn Beton. Er trägt schwarze Kleidung, eine Brille mit schwarzen Rahmen und hat die Arme vor der Brust verschränkt.

„Manchmal braucht die Wut ein Ventil“ – Im Gespräch mit Stefan Netschio (Beborn Beton) über „Darkness Falls Again“ und die Themen unserer Zeit

Foto: Chris Ruiz

Wenn man über das Jahr 2023 eines guten Gewissens behaupten kann, dann wohl, dass es für Musikfans sehr ergiebig ist. Wir haben noch nicht einmal die Halbzeit erreicht und schon viele tolle Alben präsentiert bekommen. Eines dieser Alben, das man immer wieder gerne hört, ist zweifelsohne „Darkness Falls Again“ von Beborn Beton, das seit Mitte März erhältlich ist. Acht Jahre sind seit dem Vorgängerwerk „A Worthy Compensation“ vergangen. Acht Jahre, in denen so unheimlich viel passiert ist in der Welt. Das habe ich zum Anlass genommen, mal wieder mit Stefan Netschio, dem Sänger und Frontmann des Ruhrpott-Trios, zu unterhalten. Über das neue Album natürlich, aber wir spannen auch den Bogen vom Klima über gesellschaftliche Verwerfungen, von der Pandemie über Querdenker und Verschwörungstheoretiker bis hin zum Thema KI. Wie gesagt, acht Jahre sind eine lange Zeit und es gab viel zu erzählen.

Roman Empire: Seit „A Worthy Compensation“ sind es dieses Mal acht Jahre gewesen, die ins Land gezogen sind. Durch die Dinge, die in den vergangenen Jahren so passiert sind, von dem sinnlosen Krieg in der Ukraine über die Pandemie bis zur sich verschärfenden Klimakrise, fühlt sich die Zeit gleich nochmal so lang an. Wie ist es Euch ergangen, seit wir uns zuletzt an dieser Stelle unterhalten haben?

Stefan Netschio: Da wir uns ja „off the record“ öfter mal schreiben und chatten, kommt mir diese Frage etwas surreal vor, weil in der Tat sich die Zeit kurz nach Veröffentlichung von „A Worthy Compensation“ bis jetzt wie eine Ewigkeit anfühlt. Nach der Veröffentlichung eines Albums schließt man das Kapitel ja nicht ganz. Die Songs werden danach live präsentiert und Berichte, Reviews, Publikumsresonanzen und Chartplatzierungen haben immer so einen Nachklang. Letztendlich ist eine große Last von uns abgefallen, weil wir nach so langer Zeit unser Publikum wiedergefunden haben und neue Fans dazugewinnen konnten. Das war eine Zeit voller Euphorie und Genugtuung darüber, dass kein Zweifel daran aufkam, dass es das beste Album war, das wir bis dato gemacht haben. Aber irgendwann fällt man dann in ein Loch, weil sich ein Großteil des Alltags nicht mehr um das Album dreht, in der Art und Weise, wie das in den knapp zehn Jahren davor der Fall war. Wir haben ja recht lange mit Olaf Wollschläger an den Songs gefeilt, uns dann ein Label gesucht, eine Strategie und zeitgleich das Albumartwork entwickelt. Es war das erste Album nach einer sehr langen Zeit, und wir haben nichts dem Zufall überlassen und so lange an allem rumgebastelt, bis es für alle gepasst hat.

Und dann war das Baby draußen, wurde gebührend begrüßt und gefeiert. Als dann wieder Normalität im Hause Beborn Beton einzog, stellten wir uns die Frage: War das wirklich das beste Album, das wir je gemacht haben werden? Können wir dieses Niveau jemals toppen oder ansatzweise halten? Bis zu dem Zeitpunkt war von der Apokalypse noch nichts zu erahnen.

Roman Empire: Nach dem Erscheinen von „A Worthy Compensation“, wie ging es damals für Euch weiter?

Stefan Netschio: Nachdem „A Worthy Compensation“ veröffentlicht war, ging’s erst einmal auf die Bühne, um die Songs mit unseren Fans live zu feiern. Aber wir hatten unser Pulver ja noch nicht verschossen. Aufgrund der sehr positiven Resonanz zum Album entschlossen wir uns, noch eine EP nachzuschieben. Das Stück „She Cried“ hatte sich als einer der Fanfavourites herauskristallisiert und so wurde es mit Remixen verschiedener Albumtracks und einer Coverversion des Songs „The Black Hit Of Space“ von The Human League angereichert. Für diesen Track sind wir ein weiteres Mal zu Olaf ins Studio gegangen. Das dazu passende Video haben wieder unsere Freunde von ge-filmt.de bei einer Show im Oberhausener Kulttempel gefilmt. Dann, nachdem dieser Zyklus abgeschlossen war, stellten sich die drei jungen Alten, geerdet und zurück aus dem Pop-Olymp, die bereits oben genannte Frage. Können wir so weitermachen? Werden wir in der Lage sein, ein weiteres Album dieser Güte zu offerieren? In der Zwischenzeit lief der Wahlkampf um das Amt des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten und Donald Trump wurde im Juli 2016 als Kandidat der Republikanischen Partei nominiert. Ein Witz, so schien es zunächst, und ein schlechter noch dazu. Denn was im Vorfeld und im Verlauf des Wahlkampfs alles an Schlechtigkeit zutage trat, war einfach zu haarsträubend, als dass diese Kandidatur wirklich von Erfolg gekrönt werden könnte. Und plötzlich waren wir getriggert von diesem Szenario der Idiokratie, aber das sollte erst der Anfang sein …

Roman Empire: Wie habt Ihr die Pandemie erlebt? Als Musikschaffende, aber vor allem auch als Privatmensch? Hatten die Einschränkungen Auswirkungen auf Euch? Ich hörte von Musikerkollegen, die mit einer beschämend geringen Unterstützung durch den Staat über die Runden kommen mussten und sich über Plattformen wie GetNext oder Patreon durch die Unterstützung ihrer Fans ihren Lebensunterhalt gesichert haben.

Stefan Netschio: Zunächst einmal waren wir natürlich geschockt von den Bildern aus Italien und den USA, die Menschen an Beatmungsgeräten und massenhaft Leichentransporte zeigten. Unbegreiflich, wie vielerorts diese Pandemie auf die leichte Schulter genommen, bzw. als Panikmache verharmlost wurde. Natürlich waren diese Lockdowns eine neue Erfahrung, aber als passionierter Misanthrop empfand ich die Isolation anfänglich nicht unbedingt als schlimm. Unangenehm wurde es, als irgendwann klar wurde, dass die Reisefreiheit auf nicht absehbare Zeit eingeschränkt war. Wir hatten noch große Pläne, die wir dann zwei Jahre aufschieben mussten. Und als die Auflagen gelockert wurden, haben wir die Hygienemaßnahmen weiterhin strikt eingehalten, auch über das geforderte Maß hinaus. Als Musikschaffende hat uns die Pandemie insofern berührt, dass wir aufgrund der Beschränkungen nicht zusammen im Studio kreativ sein konnten. Und durch Rohstoffverknappung kam es stellenweise zu Lieferengpässen und langen Wartezeiten bei den Presswerken. Da wir aber nicht von der Musik leben, hat das nicht unsere Existenzen berührt.

Roman Empire: Die Pandemie war für manche Menschen auch der Anlass, die Masken fallen zu lassen und das, was wahrscheinlich ohnehin schon lange vor sich hin köchelte, herausplatzen zu lassen. Ich rede von Verschwörungstheoretikern, die ihre Reichweite für die Verbreitung von gefährlichem Unsinn genutzt haben – und noch immer nutzen. Teilweise werden diese Menschen zurück auf die Bühne geholt, als wäre nichts gewesen. Ich möchte keine Namen nennen, wir wissen ohnehin alle, wer gemeint ist. Die Frage jetzt: Wie würdet Ihr damit umgehen, wenn Ihr beispielsweise für ein Festival gebucht werdet und plötzlich entscheidet sich die veranstaltende Firma, besagte Verschwörungsfiguren als Headliner bzw. generell für die gleiche Veranstaltung zu buchen?

Stefan Netschio: Das ist ein sehr schwieriges Thema. Soll man seinen Konzertslot absagen? Zum einen bist du einen Vertrag eingegangen, der auf mögliche Klauseln zu prüfen wäre. Dann hast du ein Publikum, das sich auf deinen Auftritt freut und dafür bezahlt hat, dich zu sehen. Dann gibt es Bands, die von der Musik leben und durch die Pandemie lange auf so eine Auftrittsmöglichkeit gewartet haben. Natürlich ist es immens wichtig, Stellung zu beziehen und solche Bewegungen im Keim zu ersticken. Aber wo zieht man die Grenze? Gibt der Veranstalter wissentlich dem Verschwörungstheoretiker eine Plattform, um seinen Unsinn zu verbreiten? Ich würde über Konsequenzen für die zukünftige Zusammenarbeit nachdenken. Sollten sich die Verdachtsmomente konkretisieren, würde ich alle Eventualitäten ausloten, nicht mehr an diesem Festival teilnehmen zu müssen. Ich denke, dass es da immer eine Möglichkeit gibt, denn die Anzahl der Bands, die auf so einen Festivalslot wartet, ist unerschöpflich. In der sogenannten Szene quittiert das Publikum das ja größtenteils mit Gleichgültigkeit. Da zählt die Musik und nicht der Unsinn, den Musiker*innen so von sich geben.

Das ist ein ähnliches Dilemma wie mit Bands, die mit fragwürdiger Symbolik kokettieren. Was ist noch Provokation, und ab wann darf man verfassungsfeindliche Tendenzen unterstellen? Darf man nicht mehr mit Personen zusammenarbeiten, die ihren Lebensunterhalt in der ohnehin schon gebeutelten Unterhaltungsbranche bestreiten und die seit vielen Jahren als Dienstleister eines Künstlers tätig sind, der sich als Schwurbler outet? Erwachsene Personen mit intaktem moralischen Kompass, die sich in einer finanziellen Zwickmühle befinden, sind da sicherlich anders zu beurteilen als finanziell unabhängige Hobbymusiker, die sich als Support-Act für eine in Verruf geratene Person verdingen, weil sie sich von der damit einhergehenden Reichweite einen Vorteil für die eigene Karriere erhoffen. Letztendlich muss das jeder für sich selbst entscheiden. 

„Ein Klopper kommt zum nächsten und jedes Mal bäumt sich dein Hirn dagegen auf und du fragst dich, was los ist mit den Menschen?“

Roman Empire: Es gibt eine ganze Reihe ernsthafter und dringender Themen, die Ihr auf dem aktuellen Album „Darkness Falls Again“ beackert. Angefangen bei Frauenrechten (oder besser: dem Fehlen selbiger) über Akzeptanz von Trans-Personen bis hin zur Umweltzerstörung. Wer sich mit den Inhalten des Albums beschäftigt, wird eine knappe Dreiviertelstunde lang ziemlich durchgeschüttelt. Woher kam dieser Drang, diese Themen musikalisch aufzuarbeiten? Ist dieser künstlerische Umgang mit den Entwicklungen der Zeit vielleicht sogar Eure Möglichkeit, einem etwaigen Gefühl von Ohnmacht entgegenzuwirken?

Stefan Netschio: Ich glaube, treffender hätte ich es nicht ausdrücken können. Da musst du dabei zusehen, wie so ein Schwachkopf den größten Unsinn erzählt und die halbe Nation die Fahnen schwingt. Da wird öffentlich die Würde von Frauen verletzt und anstatt Rassenunruhen zu deeskalieren, wird das Pulverfass noch ordentlich befeuert. Ein Klopper kommt zum nächsten und jedes Mal bäumt sich dein Hirn dagegen auf und du fragst dich, was los ist mit den Menschen? Jugendliche demonstrieren für eine lebenswerte Zukunft und die größten Hirnis dieser Welt missachten die Zeichen von Mutter Natur und tun den Klimawandel als Spinnerei ab. Wie können wir auf eine Akzeptanz für Menschen mit diverser sexueller Identifikation hoffen, wenn Homophobie immer noch ein Thema ist? Wie leben Personen mit den psychischen Folgen einer zwangsweisen Bestimmung ihres Geschlechts nach der Geburt oder noch weitaus später? Das alles eingebettet in eine Pandemie mit ihren diversen Auswüchsen und Verschwörungstheorien: Bingo!

Und wenn du denkst, dass es eigentlich nicht schlimmer kommen kann, zettelt der nächste Spinner einen Krieg in der Ukraine an, setzt sich über das internationale Völkerrecht hinweg, begeht schreckliche Verbrechen gegen die Menschheit und destabilisiert das politische Gefüge und die Wirtschaft in Europa und der Welt. Wir bilden uns zwar nicht ein, dass unser Album irgendetwas bewirkt, ein Bewusstsein schafft, für das, was in der Welt schiefläuft, geschweige denn etwas zur Besserung der Situation beiträgt. Aber manchmal braucht die Wut ein Ventil.

Roman Empire: Mal angenommen, Euer Album könnte etwas bewirken: Was wäre das? Soll „Darkness Falls Again“ in einer Idealvorstellung überhaupt etwas bewirken oder hat es als Ventil für Eure Gedanken und Emotionen und zur Unterhaltung der Hörenden bereits seinen Job getan?

Stefan Netschio: Natürlich geben wir uns nicht der Illusion hin, dass wir als Band irgendeine Wirkung auf das Denken oder die Meinung von Menschen haben könnten. Letztendlich steht es uns auch nicht zu, anderen Menschen unsere Sichtweise aufzudrücken. Aber es war uns wichtig, Themen anzusprechen und Stellung zu beziehen. Die fortwährenden „Facepalms“ in Worte zu fassen und in eine konsumierbare Form zu bringen. Dabei ist uns bewusst, dass wir dieses Mal auch musikalisch eine weniger leicht verdauliche Kost zu Papier gebracht haben. Aber wir finden, dass das musikalische Gewand den textlichen Kontext sehr gut widerspiegelt. Daher haben wir als Opener mit „My Monstrosity“ soundmäßig gleich mal die Marschrichtung vorgegeben. 

„Diesmal waren keine dreieinhalb Minuten Popnummern angesagt, diesmal ging es vermehrt um Storytelling und emotionale Achterbahnfahrten.“

Roman Empire: Hat sich an Eurer Arbeitsweise gegenüber dem Vorgänger bzw. den Vorgängern etwas geändert? Mir scheint der Sound noch differenzierter, noch detaillierter und dynamischer zu sein. Und dass „Darkness Falls Again“ nicht nur dem Namen nach Euer bisher dunkelstes Album geworden ist, bilde ich mir nicht nur ein, oder?

Stefan Netschio: Grundsätzlich hat sich an unserer Arbeitsweise nichts geändert. Es gab zwischendurch zugegebenermaßen einen Lockdown-bedingten Downer, aber da waren die Songs schon größtenteils im Kasten und es ging nur um den Feinschliff. Wie immer entstanden die Songs in bandinternen Sessions, die Ausgestaltung von Text, Gesang und Musik geht immer Hand in Hand und die beiden Komponenten beeinflussen sich gegenseitig ständig. Der größte Unterschied zum Vorgängeralbum besteht wohl darin, dass das Verhältnis Songwriting zur Produktion beim neuen Album etwas gekippt ist. Bei „A Worthy Compensation“ hat das Songwriting weitaus länger gedauert, bei „Darkness Falls Again“ ging das zügiger von der Hand und die Produktion bei Olaf im Studio, der Feinschliff hat eindeutig mehr Zeit beansprucht. Es wurden die neuesten Mix- und Produktionstechniken und State-of-the-Art Tools verwendet und besonders viel Zeit mit der Klangformung verbracht. Wir wollten soundtechnisch mit „Darkness Falls Again“ sowohl atmosphärisch dunkler, als auch rauer und direkter werden. Das führte dazu, dass die Songs etwas opulenter, dynamischer, allerdings auch länger wurden. Diesmal waren keine dreieinhalb Minuten Popnummern angesagt, diesmal ging es vermehrt um Storytelling und emotionale Achterbahnfahrten.

Der Name des Albums stand recht früh und wir finden, dass der Titel den Inhalt ganz gut beschreibt. Aber mit „Darkness Falls Again“ war nicht etwa der Krieg in der Ukraine gemeint; der war bei der Namensgebung noch nicht entfacht worden. Es ging uns anfänglich vielmehr um die Rückkehr des rechten Populismus in der Welt. Neben den rechtsradikalen Bewegungen in Deutschland, schweifte unser Blick über Ungarn, Polen, Schweden, Italien bis zu Brasilien, der Türkei, den Philippinen und die USA. Das Ende der Amtszeit Trumps fühlte sich kurzzeitig an wie ein Hoffnungsschimmer. Lag das Gröbste nun hinter uns? Natürlich nicht. Nach wie vor, wenn nicht umso mehr, steht die Menschheit kurz davor, ihr Licht möglicherweise permanent ausgeknipst zu bekommen. Passt durchaus ins Konzept, ist aber einmal mehr Beweis dafür, wie schnell die Kunst von der Realität eingeholt wird.

Roman Empire: Eine Sache, die Hörenden Eures Albums möööglicherweise etwas sauer aufstößt, ist der Umfang der regulären Fassung des Albums. Kannst Du mir dazu etwas sagen? Bitte nicht falsch verstehen, aber als übertrieben empfindsamer Mensch, der ziemlich am Zustand der Welt leidet, war ich ganz froh, nach nur 8 Songs wieder aus dieser hoch komprimierten Behandlung dringender Themen unserer Zeit entlassen zu werden. Ich kann mir aber vorstellen, dass es nicht allen Eurer HörerInnen so geht. Was steckt dahinter?

Stefan Netschio: Als die Studioarbeiten beendet waren, hatten wir 12 Songs fertig. Wir waren mit unserem Label einig, das Album in mehreren Formaten anzubieten. Dabei war es uns sehr wichtig, auch eine Vinylausgabe im Gepäck zu haben. Um eine gewisse Klangqualität zu gewährleisten, hat man auf Vinyl nur eine bestimmte Maximalspielzeit zur Verfügung. Da die Songs aus bereits genannten Gründen etwas voluminöser ausfielen, ergab es sich, dass wir auf Vinyl bei akzeptabler Soundqualität nicht 10, geschweige denn 12 Songs abbilden konnten. Aufgrund der Rohstoffknappheit und langer Wartezeiten, bedingt durch eine extreme Nachfrage an Vinylprodukten schossen die Preise für Vinylschallplattenpressungen in die Höhe. Eine Doppelvinyl hätte vielen unserer Fans eine Preisbelastung abverlangt, die wir als unverhältnismässig erachteten. Die Rechnung mag vielleicht bei Bands wie Depeche Mode oder U2 aufgehen, aber für uns war das mehr als unrealistisch. Es gibt natürlich auch Bands, die ihre Veröffentlichungen im Eigenvertrieb oder unter ihrem eigenen Label veröffentlichen. Die können sich glücklicherweise auf andere Preise einstellen. Aber bei uns will neben der Band noch das Label, der Vertrieb und der Einzelhandel mitverdienen, bzw. für seine Arbeit bezahlt werden. Wir wollten nicht mit einem Preis von 40 € oder mehr für Doppelvinyl an den Start gehen und gleichzeitig ein CD Album mit gleicher Spieldauer für ein Viertel des Preises anbieten. Und gemischte Tracklisten/Spielzeiten kamen auch nicht in Frage.

„Außerdem schien uns die Intensität der ausgewählten Stücke ausreichend, um Hörer*innen mit knapp 45 Minuten gut auf Betriebstemperatur zu bringen.“

Nachdem wir die Songs sehr oft durchgehört hatten, kamen wir zu dem Schluss, dass das reguläre Album 8 Songs haben sollte. Und zwar auf beiden Formaten. Klar ist Vinyl immer noch ein Luxusgut, aber wer kann die Enttäuschung der Fans nicht verstehen, wenn wir ein Vinylalbum mit 8 Songs für 25 € auf den Markt bringen und eine CD mit 10 Tracks für 10 €. Außerdem schien uns die Intensität der ausgewählten Stücke ausreichend, um Hörer*innen mit knapp 45 Minuten gut auf Betriebstemperatur zu bringen. Das setzt natürlich voraus, dass ein Nerv getroffen wird und das Publikum sich mit den Songs entsprechend auseinandersetzt. Für den Konsumenten von Musik als durchlaufenden Posten zur reinen Beschallung oder oberflächlichen Unterhaltung mag das Album zugegebenermaßen etwas knapp bemessen sein. Aber das war Beborn Beton noch nie und wird es auch niemals sein: oberflächliche Unterhaltungsmusik. Unser Label schlug uns noch ein drittes Format vor, welches augenscheinlich bei anderen Künstlern vom Publikum gut angenommen wurde. Das 2CD Artbook. Viel schöne Optik und Haptik für den Fan, sowie die beiden „fehlenden“ Albumsongs und eine feine Auswahl hochkarätiger Remixe. Und damit hätten wir dann auch den Preisspagat zwischen den unterschiedlichen Formaten geschafft. Und wer genau mitgezählt hat, der kann jetzt an zwölf Fingern abzählen, dass der „Darkness“-Zyklus offensichtlich noch nicht abgeschlossen ist.

„Die KI ist nur so gut, wie der Input, den sie bekommt. Wenn Du das Ding also mit Scheiße fütterst, dann kann dabei nur Scheiße herauskommen. Andere Scheiße, aber eben Scheiße.“

Roman Empire: Sprechen wir mal über das Thema KI. ChatGPT und Ähnliches ist derzeit in aller Munde. Kürzlich habe ich von einer Band im düsterelektronischen Umfeld gelesen, die sich von der KI ein ganzes Lied hat zimmern lassen – Artwork für die Single inklusive. Peter Gabriel sieht in der KI ein Werkzeug, das man lieber nutzen als verfluchen sollte, Nick Cave hingegen hält das alles für Bullshit, weil es nur seelenlosen Müll produziere. Wie ist Deine bzw. Eure Einstellung zu dem Thema?

Stefan Netschio: Der Kollege Deadmau5 hat dazu sinngemäß gesagt: Nicht die künstliche Intelligenz ist das Problem, sie zeigt vielmehr auf, wie schlecht es um die Musiklandschaft heutzutage bestellt ist, wenn sie durch eine künstliche Intelligenz emuliert werden kann. Und genauso sehe ich das auch. Die KI ist nur so gut, wie der Input, den sie bekommt. Wenn Du das Ding also mit Scheiße fütterst, dann kann dabei nur Scheiße herauskommen. Andere Scheiße, aber eben Scheiße. Ich denke, was ein Peter Gabriel oder Brian Eno damit anstellen könnte, sähe da schon ganz anders aus. Die wirkliche Gefahr ist die Verdummung des Publikums, das unreflektiert alles, was sogenannte „Künstler“ auf den Markt werfen, als das Maß aller Dinge ansehen. Duran Duran haben vor zwei Jahren das Video zur Single „Invisible“ per KI produziert. Das war bedrückend und anders. Es hat mir nicht besonders gefallen, aber ich habe es als moderne Kunstform akzeptiert, weil der Input offensichtlich die Handschrift der Band trug.

„Und dann fragen sich wahrscheinlich auch die Leute, die mitgezählt haben, was denn da wohl noch auf sie zukommt. Darf ich leider noch nicht verraten, aber es wird geil.“

Roman Empire: Zwischen „A Worthy Compensation“ und „Darkness Falls Again“ lagen dieses Mal „nur“ rund acht Jahre. Ich möchte an dieser Stelle gerne einen Blick in die Kristallkugel werfen: Was kommt als Nächstes? Und vor allem: wann?

Stefan Netschio: Zuerst einmal schieben wir eine vierte Single nach, die im Wesentlichen neben der Albumversion des Songs drei neue Mixe und einen bekannten Mix vom Artbook enthält. Als Teaser für die, die noch unschlüssig sind, ob sie dieses Format vielleicht doch noch käuflich erwerben wollen. Wobei sie da sehr schnell zugreifen müssen, weil das Artbook limitiert ist und kurz vor dem Ausverkauf steht. Aber digital ist es ja dann trotzdem noch zu bekommen. Und dann fragen sich wahrscheinlich auch die Leute, die mitgezählt haben, was denn da wohl noch auf sie zukommt. Darf ich leider noch nicht verraten, aber es wird geil. In der Zwischenzeit werden wir hoffentlich noch einige Shows spielen. Und zu guter Letzt wird dann wieder die Frage gestellt: Ist das noch zu toppen? Ich glaube schon.

Roman Empire: Als Musiker habt Ihr „Darkness Falls Again“ zu vielen Dingen relativ deutlich Stellung bezogen, wie ich finde. Gibt es abschließend noch etwas, das Du bzw. das Ihr an dieser Stelle noch sagen möchtet, das vielleicht nicht schon über das Album ausgedrückt wurde?

Stefan Netschio: Es wäre schön, wenn die Menschheit trotz der ganzen Scheiße, die immer noch abgeht, die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufgibt, zu Sinnen kommt und die richtigen Leute das Richtige tun. Wär’ doof sonst.

Cover des Albums Darkness Falls Again von Beborn Beton.
Erscheinungsdatum
17. März 2023
Band / Künstler*in
Beborn Beton
Album
Darkness Falls Again
Label
Dependent Records
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