RUMMELSNUFF – Salzig schmeckt der Wind: Retrospektive
Foto: Rummelsnuff

RUMMELSNUFF – Salzig schmeckt der Wind: Retrospektive

Ursprünglich hatten Shantys den Zweck Seeleute bei der Arbeit zu unterstützen. Der Takt wurde vorgegeben und der Arbeiter gleichzeitig angespornt. In modernen Zeiten dienen Shantys durchaus auch zur Unterhaltung und (Selbst-)Kritik. In der deutschsprachigen Musiklandschaft setzt dies wohl kaum jemand so facettenreich um wie Kapitän Rummelsnuff. Ein illustre sowie beeindruckende Gestalt und Kunstfigur. Das Rummelversum hat in den letzten Jahren ein reges Interesse geweckt und so wurde eine treue Anhängerschaft angeheuert. Zudem wird das Ein- Mann-Projekt der derben Strommusik seit einiger Zeit von Christian „Maat“ Asbach unterstützt. Da eigentlich alle musikalischen Werke vergriffen sind – mit Ausnahme des letzten Albums aus dem Jahre 2016, welches zusammen mit Maat Asbach aufgenommen wurde – ist es nun also Zeit sich eben jenem Gesamtwerk einmal retrospektiv anzunehmen.

Nun ist es zu einfach, eine Best of-Platte plump zusammen zu schustern und auf den Markt zu werfen. Denn einem Kapitän Rummelsnuff sind diese seichten Gewässer zu einfach befahrbar. „Salzig schmeckt der Wind“ ist eine musikalische Aufarbeitung eines Künstlerschaffens. Der Kompass zeigt zum Horizont und es geht voran. So wurden nicht wenige Lieder zusammen mit dem Maat neu eingespielt, neu gemastert oder umgearbeitet und so zu neuen Ufern geschifft. Das Ergebnis stellt auf Etappe eins vor allem den Shanty in den Vordergrund. Großartig und mit einer gewissen melancholischen Fernweh nimmt der Käpt’n uns mit auf eine Reise. Mit viel Akkordeon und Akkustik singt das dynamische Duo – Rummelsnuff und Asbach – Lieder auf das Meer und auf die Liebe. Das Arbeiterlied und die Sportballade, in ihren unterschiedlichen Facetten, werden wie gewohnt eingestreut und erweitern das thematische Gerüst. Diese erste Reiseetappe schippert bedächtig und grüblerisch auf kleiner Fahrt dahin. Diese grandiose Inszenierung lässt die rummelsnuffsche Denkfabrik und die eingängigen Melodien in den Vordergrund treten. Vor allem die neu eingespielten Liedern, bei denen Maat Asbach seine Stimme verstärkt einfließen lässt, begeistern. „La Rochelle“, „Wolgastrom“ und „Trägt die Woge dein Boot“ sind hier als grandiose Shantys zu nennen.

Die zweite Etappe lässt die See etwas wilder werden. Kategorisieren lässt sich das musikalische Konzept von Rummelsnuff und Asbach nicht so recht. Zum Glück. Mag es Electropunk, EBM, Avantgarde oder Strom-Shanty sein, so wird das Stilmittel Electro auf vinilo dos jedenfalls deutlicher genutzt. Auch die Stromgitarre wird stellenweise eingesetzt. So lässt uns die Kapelle das Tanzbein schneller schwingen. Auch hier sind die Neumischungen, wie „Sliwowoitz“, „Stalinallee“, „Hundmann“ oder „der Schrauber“, das Salz im Wind (oder in der Suppe?).


Fazit: (Fast) Alles neu macht der Mai und so erscheint am 11. Mai diese wirklich grandiose Werkschau auf Doppel-CD oder Doppel-Vinyl. Einiges an vergriffenem Liedgut sollte alte wie auch neue Fans des Käptn’s und seines Maats begeistern. Zudem zeigt diese Retrospektive, dass in unserer – genreübergreifend – zunehmend gleichförmigen Musiklandschaft doch noch Vielseitigkeit versteckt ist.
In diesem Sinne und den Worten von Walt Whitman: „O Captain! my Captain! rise up and hear the bells; Rise up—for you the flag is flung—for you the bugle trills“.


RUMMELSNUFF – Salzig schmeckt der Wind: Retrospektive


Unter dem Pseudonym Joker Montana hat der Autor bisher eher selbst Musik „geschrieben“ als selbst über Musik zu schreiben. Doch als studierter Historiker und Germanist war es wohl nur eine Frage der Zeit sowie logische Konsequenz, die Schreibtätigkeit über die Musik als weitere Leidenschaft aufzunehmen. Musikalisch aus dem Punk und Alternative stammend, erweiterte sich das eigene Spektrum schnell über Gothic hin zu diversen Subgenre aus Metal und Electro. Dabei fühlt man sich vor allem in den härteren Gefilden wohl – Dark-Electro/Aggrotech, Noise, Industrial-Rock/Metal, Goth-Metal... Ob entspannt über Kopfhörer oder bei Konzerten eher unkontrolliert im Pulk umher springend, ist Musik doch eines der erhellendsten Ereignisse im Leben. Der Tellerrand ist dabei nie zu hoch und dennoch ist „Alles“ auch bloß keine Musikrichtung. Diskutiert werden kann ja über alles, aber gestaltet sich die bescheidene Meinung dieses Schreiberlings frei nach Jean-Jacques Nattiez: „The border between music and noise is always culturally defined […] there is no single an intercultural universal concept defining what music might be.“ und Trent Reznor: „I think there`s something strangely musical about noise.“