Es würde mich nicht großartig überraschen, wenn Euch der Name KARTAGON zunächst einmal nicht mehr als ein Schulterzucken entlocken würde. Jahrelang war es relativ ruhig um das Schweizer Duo Hannes und Thomas, das in der letzten Dekade vor allem mit Remixarbeiten in Erscheinung getreten war. Am Vorabend des diesjährigen Wave-Gotik-Treffens traten sie im Rahmen des “Schwarzes Leipzig Tanzt” in der Leipziger Moritzbastei zurück in die Öffentlichkeit und hatten neues Material im Gepäck. Seit letzter Woche Freitag ist das neue Album “In The Clinic” im Handel erhältlich. Schauen wir uns doch mal an, warum es Euch künftig wieder ein Glänzen in den Augen verschaffen könnte, wenn der Name Kartagon fällt.

Ich habe es gerade angedeutet: auch wenn Kartagon bei weitem nicht so präsent sind wie so manch andere Band, Neulinge in der Musikbranche sind Hannes und Thomas lange nicht mehr. Das Debütalbum Kartagons, “Natural Instincts”, erschien bereits im Jahr 2003. Doch schon viel früher, im Zeitraum von 1992 bis 1996, veröffentichten sie ebenfalls drei Alben. Damals noch unter dem Namen Panic On The Titanic. Nach dem Kartagon Debüt folgten dann die erwähnten Remixarbeiten, zudem war Thomas bei seinen Schweizer Kollegen von FAQ beschäftigt. 2011 zog man sich jedoch ins Studio zurück, um an neuem Kartagon Material zu arbeiten. Thomas hat schon recht, wenn er mir gegenüber sagt, bei dem Album sei es wie mit gutem Wein, der seine Zeit brauche um zu reifen. Die Pause von locker 10 Jahren zwischen den beiden Kartagon Alben sorgte wohl dafür, dass unter Einfluss der in der Zwischenzeit gesammelten Erfahrungen der Sound sehr gereift ist. Was für uns als Konsumenten den tollen Effekt mitbringt, dass wir ein frisches, abwechslungsreiches und sehr eigenständiges Electro-Album bekommen, das sich höchst wohltuend vom Einerlei aus verzerrten Vocals und stumpfen Geballer abhebt.

Das kurze Intro außer Acht gelassen nehmen wir doch mal den ersten Song des Albums als Beispiel: “Believer”. Die treibenden Beats mit den peitschenden Drums, die so unerhört akustisch wirken, verleihen dem Song beinahe Marschcharakter. Marschieren wir. Vorwärts. Abwärts. 😉 Dazu diese quietschigen Synthies, der erfrischend unverzerrte Gesang. Das geht einfach richtig nach vorne. Still sitzen zu bleiben ist schlicht unmöglich, man MUSS sich bewegen. Dynamisch, druckvoll, mächtig. Man möchte permanent mit der Zunge schnalzen vor Begeisterung. Oder nimmste “One Day”, das mit einem Gesangsbeitrag der Schweizer Pop-Soul-Sängerin Nubya aufgepeppt wurde und das Zeug hat, sich zum hartnäckigsten Ohrwurm in diesem Musikjahr zu entwickeln. Eine hymnische Electro-Pop-Nummer, die Besuchern des Schwarzen Leipzig Tanzt bekannt vorkommen dürfte. Da nämlich präsentierten Kartagon diesen Song den anwesenden Gästen. Die Prüfung, ob dieser Song auch live funktioniert, wurde an jenem Tage mit Bravour bestanden.

Apropos Gastsänger: beim Stück “Messiah” warten Kartagon mit einer echten Überraschung auf. Bei diesem ziemlich schweren, düsteren Song handelt es sich um ein Duett mit Tilo Wolff (Lacrimosa,Snakeskin)! Herr Wolf ist nun nicht gerade bekannt dafür, auf vielen Hochzeiten zu tanzen, daher ist die Überraschung mehr als gelungen. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass es sich hierbei ebenfalls um ein sehr mächtiges Stück handelt. Abermals eine famose Mischen aus analogen Sounds, akustischen Drums – und hey, ist das eine Hammondorgel da gegen Ende? Würde ja passen.

Dem klassischen, szene-üblichen Electropop am nächsten kommt der Song “Rescue Me”, der ebenfalls nicht nur mit einer eingängigen, fesselnden Hookline versehen wurde, sondern ganz bequem von DJs dazu genutzt werden kann, die Population auf der Tanzfläche zu erhöhen. Und so reihen Kartagon über die Spieldauer von einer Stunde, verteilt auf 13 Tracks, einen Knaller an den nächsten. Eine derart hohe Dichte an Songs, bei der sich theoretisch jeder Song (außer dem anderthalb Minuten langen Intro) als Single-Auskopplung anbietet, erlebt man selten.

Um noch einen großen Namen in den Raum zu werfen: verantwortlich für die Produktion dieses feinen Scheibchens war Daniel Myer (Haujobb, DSTR). Bekanntlich halte ich viel von Daniel als Musiker und Produzenten, dennoch würde ich behaupten wollen, dass es sich hierbei um eine seiner bisher besten Arbeiten handelt. Druckvoll, gleichzeitig dynamisch und luftig und nicht so überzogen, wie man es heutzutage zu oft hören muss. Elektronischen Songs, die wie hier mit etwas gehobenem Tempo angeschossen kommen, so zu produzieren, dass die Musik dennoch Luft zum atmen und zur Entfaltung hat, ist ein Kunststück. Was soll ich sagen? Mission erfolgreich. Kartagons “In The Clinic” begeistert demnach nicht nur durch das tolle Songwriting und Melodien, die noch lange im Kopf nachhallen, sondern auch durch eine überzeugende Produktion. Ach, wäre doch nur jedes Album ein solches Fest für die Ohren!

Abgerundet wird das Album übrigens durch eine zweite CD, dem “Deluxe Treatment”, auf der sich einige Remixe befinden. So unter anderem von Rotersand, Daniel Myer höchstselbst, DSX oder der Patenbrigade Wolff. Ihr seht, hier wurde wirklich an das Wohl des Musikpatienten gedacht. 😉

Fazit

Was gibt es abschließend zu sagen zu Kartagons “In The Clinic”? Die fette Produktion, das sichere Gespür für eingängige und tanzbare Songs, die hohe Hitdichte, die Beiträge der Gastsänger, … – all das macht dieses Album zu einem echten Volltreffer! Den Kuraufenthalt in dieser Klinik gibt es rezeptfrei beim Plattenhändler Eures Vertrauens. Und wenn Ihr mit einer unwiderstehlichen Mischung aus Electro, EBM und Synthiepop etwas anfangen könnt, solltet Ihr Euch und Euren Ohren diesen Klinikaufenthalt gönnen. Fetziges Album mit hohem Unterhaltungswert!



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