SILLY – Kopf an Kopf

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Im Jahr 2010 erschien mit „Alles rot“ das erste musikalische Lebenszeichen der einstigen Ostrockband SILLY, die nach dem Tode Tamara Danz‘ in der Versenkung verschwunden zu sein schien. Zwar traten einige Bandmitglieder noch als Produzenten für heutige Größen wie Joachim Witt dann und wann in Erscheinung, aber das Thema Silly war durch. Bis „Alles rot“ erschien, die verbliebenden Silly-Mitglieder und ihre neue Frontfrau Anna Loos machten nicht nur „Alles rot“, sondern auch alles neu. In stiller Verbeugung vor dem Werk aus den Jahren 1980 bis 1996 wurde 2010 nicht versucht, sich selbst zu kopieren, sondern sich selbst neu zu erfinden. Herausgekommen ist seinerzeit ein Popalbum von großer Güte. In ein paar Tagen erscheint das zweite Album der „neuen“ Silly, „Kopf an Kopf“, das als Vollendung dieser Transformation angesehen werden kann, ja sogar muss.

Wenn ich die Musik Sillys nach ihrer „Wiedergeburt“ mit Kunst vergleichen müsste, würde ich sagen, dass sie naiver Malerei gleicht. Einfache Texte, die vordergründig so simpel scheinen, im Nachgang aber eine fesselnde Wirkung erzielen. So gesehen steht Anna Loos, die auf „Kopf an Kopf“ die meisten Beiträge geliefert hat, dem bisherigen Texter Werner Karma in nichts nach. Darüber hinaus ist es höchst begrüßenswert, dass Silly seit dem Neustart im Jahre 2010 neue, abermals ganz eigene Wege gehen und nicht versuchen, sich selbst zu kopieren. Mag sein, dass Silly zu Tamaras Zeiten mitunter viel dunkler unterwegs waren und auch gerne mal politische Botschaften in den Texten versteckt worden sind, um gegen die herrschende Klasse der DDR zu rebellieren. Aber diese Zeiten sind vorbei. Zum einen ist die DDR seit mehr als zwei Jahrzehnten Geschichte, zum anderen: wogegen wollte man denn heute auch noch rebellieren? Über unser heutiges System kann man allenfalls nur noch den Kopf schütteln. Aber damit das hier nicht zu einer Politdiskussion verkommt, wenden wir uns wieder Silly als solches zu. Das einzige Mal, wo politisches in den Texten durchschimmert, ist im Stück „Vaterland“, der berechtigten Frage, wie sehr man dieses Land lieben kann und sollte. Oder eben nicht. Ansonsten geht es Silly hier mehr um Verbundenheit. Egal ob gemeinsam gegen den Rest der Welt („Kopf an Kopf“), unsterblicher Seelenverwandtschaft („Blutsgeschwister“) oder beim ewig aktuellen Thema Liebe („Lotos“, „Deine Stärken“). Und ein Song wie „Spring“ kann nur wahrer Mutterliebe entsprungen sein.

[highlight highlight-color=“eg. #F96E5B“ font-color=“eg. #f8f8f8″]Musikalisch bewegen sich Silly auch 2013 in dem Umfeld, in dem sie sich schon auf „Alles rot“ eingerichtet haben: ein hochwertig produziertes, klangtechnisch absolut überzeugendes Gemisch aus Pop und Rock, durch die Bank weg gefällig und eingängig, ohne dabei billig oder überproduziert zu wirken.[/highlight] Oder den Eindruck zu erwecken, unbedingt Charterfolge erzielen zu wollen. Musik und Text bilden eine Einheit, die vor allem eines ist: authentisch. Manchmal, wenn wie bei „Vaterland“ die Streicher im Hintergrund ertönen, scheinen sie sich dabei sogar vor Ostrock-Kollegen wie City oder Karat zu verbeugen. Was „Kopf an Kopf“ nur noch zu einer runderen Sache macht, als es so schon ist. Sillys neue Frontfrau Anna Loos scheint sich mit dem schweren Erbe inzwischen bestens arrangiert zu haben und spielt hier noch mehr mit ihrer Stimme, als sie es auf „Alles rot“ noch getan hat. So ganz ohne eine Referenz an die unvergleichliche Tamara Danz kommt aber auch „Kopf an Kopf“ nicht aus. Waren es beim Vorgänger noch die „Sonnenblumen“, ist es hier „Ohne dich“, das wie ein musikalischer Gruß an Sillys verstorbene erste Sängerin erinnert („[…]dieser Kampf war nicht fair, kann man einen Menschen vergessen […]“). Und auch wenn ein solches Lied nicht wirklich überrascht, ja beinahe sogar erwartet wird, so haben sich die „neuen“ Silly spätestens mit „Kopf an Kopf“ von der früheren Version ihrerselbst emanzipiert. Die Zeit bleibt nun einmal nicht stehen und bringt leider Gottes immer wieder Verluste mit sich. Silly sind auch nicht stehen geblieben und haben die schweren Verluste bravourös kompensiert. Und somit empfehlen sie sich einmal mehr als echte Alternative gegenüber sachlich ähnlich gelagerten Silbermonden im Juli, die alle zwar Talent haben mögen, aber dennoch reichlich grün hintern den Ohren sind. [highlight highlight-color=“eg. #F96E5B“ font-color=“eg. #f8f8f8″]Professioneller Pop mit Anspruch schreibt sich 2013 endlich wieder Silly.[/highlight]

Fazit

Wenn eine Band ein zweites Album herausbringt, habe ich immer etwas Sorge. Vor allem dann, wenn das erste Album ein großer Wurf war, passierte es in der Vergangenheit viel zu oft, dass das Nachfolgewerk spätestens an den Erwartungen zerbrochen ist. Hatte ich diese Sorge auch beim zweiten Album der „neuen“ Silly? Nein. Zum einen, weil es ja nur im Hinblick auf das aktuelle Bandgefüge ein zweites Album ist und die Damen und Herren ansonsten aber alles gestandene Künstler sind. Zum anderen, weil Silly und Anna Loos schon auf „Alles rot“ eine viel zu homogene Einheit waren, als das hier noch ernsthaft hätte etwas schiefgehen können. Mir gefällt es, dass Anna die Federführung übernommen hat, was das Verfassen der Texte angeht. Das macht Silly nur noch mehr zu einem neuen Erlebnis, das sich immer mehr als gleichwertiges Gegenstück zur eigenen Vergangenheit etabliert. Hier werden die eigenen musikalischen Wurzeln weder kopiert noch ignoriert. Silly und Anna Loos sind auch 2013 vor allem eines: ein dolles Ding!


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  • Medium: Audio CD (22. März 2013)
  • Anzahl Tonträger: 1
  • Label: Island (Universal)
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  1. Kopf an Kopf
  2. Dein Atlantis
  3. Lotos
  4. Deine Stärken
  5. Blinder Passagier
  6. Blutsgeschwister
  7. Vaterland
  8. Deine Stimme
  9. Verkehrte Welt
  10. Die Welt wird hell sein
  11. Wo fang ich an
  12. Spring
  13. Im Kreis
  14. Im See
  15. Ohne Dich
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  1. Kopf an Kopf
  2. Deine Stärken
  3. Blutsgeschwister
  4. Vaterland
  5. Spring
  6. Ohne Dich
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SILLY – Deine Stärken from sillychannel on Vimeo.

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Links

Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.