ES WAR EINMAL UND WENN SIE NICHT
Foto: Fressmann

ES WAR EINMAL UND WENN SIE NICHT

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Hörbücher, die sich mit den Märchen der Gebrüder Grimm beschäftigen, gibt es wie Sand am Meer. Mal als schlichte Lesung, mal inszeniert, mal neu interpretiert und manchmal auch zur Comedy verwurstelt – für jeden Geschmack lässt sich sicherlich die richtige Vertonung finden. An diesem Freitag gesellt sich mit ES WAR EINMAL UND WENN SIE NICHT eine weitere Hörbuchfassung hinzu. Bevor Ihr jetzt gelangweilt weiterklickt: vielleicht handelt es sich hierbei ja doch um eine interessanten Versuch, den klassischen Hausmärchen neue Seiten abzugewinnen. Schließlich werden die Märchen von bekannten Singer-Songwritern gelesen.

Olli Schulz, Enno Bunger, Jan Plewka (Selig), Marcus Wiebusch (Kettcar) – alles Namen, bei der so mancher Musikfreund vergnüglich mit der Zunge schnalzt, sobald deren Musik irgendwo gespielt wird. Für dieses Hörbuchprojekt, über das wir uns hier gerade unterhalten, konnte Initiator Wolfgang Müller noch so einige mehr gewinnen. Selbst als Sänger und Songwriter mit eigenem kleinen Label unterwegs, liest er auf dieser zwei CDs umfassenden Neuvertonung ebenfalls („Der Zaunkönig und der Bär“) und gesellt sich somit in einen illustren Kreis, das sich ein bisschen wie ein Who-is-who der aktuellen Indie-Deutsch-Pop-Szene liest. Zunächst eine Übersicht, welcher Künstler sich welches Märchen ausgesucht hat:

  • Olli Schulz – Rapunzel
  • Thees Uhlmann – Der Wolf und die sieben jungen Geisslein
  • Marcus Wiebusch (Kettcar) – Der gestiefelte Kater
  • Gisbert zu Knyphausen – Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
  • Jan Plewka (Selig) – Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein
  • Moritz Krämer – Von dem Tode des Hühnchens
  • Ingo Pohlmann – Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
  • Tom Liwa – Dornröschen
  • Kevin Hamann (ClickClickDecker) – Die Kluge Else
  • Enno Bunger – Der Wolf und der Fuchs
  • Christoph Drieschner (Tex) – Aschenputtel
  • Francesco Wilking (Tele) – Der Löwe und der Frosch
  • Markus Berges – Frau Trude
  • Niels Frevert – Der faule Heinz
  • Catharina Sieland (Cäthe) – König Drosselbart
  • Wolfgang Müller – Der Zaunkönig und der Bär
  • Désirée Klaeukens – Der Fuchs und die Katze

Damit die Aufmerksamkeit zwischen dem „Gequatsche“ nicht zu sehr sinkt, folgt nach jedem Märchen ein kurzes Musikstück von Dinesh Ketelsen, das ohrenscheinlich nur mit einer Akustikgitarre eingespielt wurde. Nichts besonderes, fürwahr, aber als kurze Pause durchaus sinnvoll. So habt Ihr als Hörer nämlich die Gelegenheit, Euch auf den neuen Inhalt, vor allem aber auf den neuen Sprecher einzustellen.

Interessant zu beobachten ist an diesem Hörbuch vor allem eines: nicht jeder Musiker taugt auch zum Hörbuchsprecher. Désirée Klaeukens beispielsweise liest „Der Fuchs und die Katze“ ziemlich abgehackt und wirkt dabei auch noch reichlich gelangweilt. Marcus Wiebusch von Kettcar, den ich persönlich als Sänger und Songschreiber sehr schätze, wirkt hingegen beim „gestiefelten Kater“ ein wenig gehetzt. Dadurch geht akzentuierte Betonung leider etwas verloren. Erfreulicherweise sind es aber eher Ausnahmen. Die meisten Sprecher machen ihren Job ziemlich gut. Tom Liwa beispielsweise sollte so etwas durchaus öfter machen. Ebenso Christoph Drieschner, dessen Vortrag des „Aschenputtels“ so klingt, als würde ein Märchenonkel mit silbergrauen Haaren, Rundbrille, über die er in den dramaturgischen Pausen hinweg seine Zuhörer anschaut, im Schaukelstuhl sitzen und lesen, während im Hintergrund ein Kaminfeuerchen knistert. Toll auch „König Drosselbart“, gelesen von Cäthe. Mal gut, dass ihr Vortrag nur knappe sechs Minuten dauert. Die Gefahr, beim Hörgenuss anzufangen mit Schnurren, sie wäre einfach zu groß geworden. Highlight dieses Hörbuchs ist aber, wenn auch wenig überraschend, Olli Schulz. Wenn man sich anhört, wie Schulz giftig zischend die böse Zauberin intoniert, kann man sich gut vorstellen, dass er den meisten Spaß an der Sache hat. So ganz ohne klitzekleine Albernheiten geht es aber nicht bei Schulz: „Rapunzel! Rapunzel! Äh… lass dein Haar herunter!“. Lässt sich schriftlich nur schwierig festhalten, ist aber ein erheiterndes Detail, an dem das Ohr hängen bleibt.

Wenigsten eine Sammlung der klassischen Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm gehört in jeden Haushalt. Dieses Hörbuch stellt diesbezüglich eine prima Möglichkeit dar. Hier wird auf unnötigen Schnickschnack verzichtet, Verniedlichungen oder weiß der Geier was sonst noch an unnützem Gemache fehlen ebenso komplett. Darüber hinaus bieten die CDs eine angenehm hohe Klangqualität, die den teilweise sehr interessanten Stimmen genug Möglichkeiten eröffnet, sich zu entfalten. Erstaunlich, wie Sprache allein einen Raum komplett ausfüllen kann.


Fazit: Bei manchen Märchen schleicht sich hier leider das Gefühl ein, als habe die Aufnahme „schnell, schnell“ gehen müssen. Sicherlich, die beteiligten Künstler waren teilweise zwischendurch auf Tour oder steckten mitten in den Arbeiten an ihren eigenen Alben. Die Anfrage von Wolfgang Müller anzunehmen, ist nicht in jedem hier versammelten Fall ein Zugewinn gewesen. Dennoch: unterm Strich ist diese Zusammenstellung verschiedener Märchen mehr als überzeugend. Die wenige Male, in denen die Qualität des Gelesenen zu wünschen übrig lässt, werden von den anderen ganz locker übertrumpft. Dafür sorgen Leute wie Bunger, Tex und vor allem aber Cäthe und Olli Schulz! Für die nahende, besinnliche Weihnachtszeit genauso geeignet wie für den Konsum über das Jahr verteilt. Darf gerne fortgesetzt werden.


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Roman Jasiek ist der Gründer und Herausgeber der AVALOST | Times. Außerdem hochgradig süchtig nach Musik, egal ob Szene-Mucke oder auch mal über den Tellerrand hinaus. Am liebsten allerdings elektronische Musik. Er reist gerne, bevorzugt mit großen Schiffen, und schreibt seit Ende der 90er mal hier, mal dort über alle möglichen Dinge. Anfangs über Comics, später über Videospiele und nun... na, Ihr seht es ja. Und wenn er nicht hier ist, dann steckt er wohl auf einem Sonnendeck.