JAN FABER - Kalte Macht
Foto: Page & Turner

JAN FABER – Kalte Macht

Gucke ich mir an, wie ablehnend Leute auf das Thema Politik reagieren und wie der Pöbel mit Glück alle vier Jahre zur Urne schlurft, um da ein Kreuzchen zur Biertrinkerpartei seines Vertrauens zu setzen, könnte ich mir vorstellen, dass ein Roman, der zu großen Teilen im Berliner Kanzleramt angesiedelt ist, nicht notwendigerweise mit Spannungsliteratur gleichgesetzt wird. Solltet Ihr das ähnlich sehen, dann bedenkt dabei bitte folgendes : Politik ist immer wieder ein Machtspiel, bei dem die Interessen weniger schon mal über den Nutzen vieler gestellt werden. Und dann und wann kommt es vor, dass diese Interessen mit buchstäblich mörderischem Eifer verfolgt werden. Und siehe da, schon kommen wir dem Anforderungsprofil für einen Thriller schon näher, nicht? JAN FABERs „Kalte Macht“ unternimmt eine abgründige Reise in die Tiefen des Berliner Regierungszirkusses. Oder ist es doch eher eine Reise in die Abgründe des Berliner Politbetriebes?

Bei Jan Faber handelt es sich um ein Pseudonym, die wahre Identität, so behauptet es der Verlag, sei nicht einmal eben diesem bekannt. Es handele sich bei dem Autoren um jemanden, der selbst genügend Zeit im Polit-Business verbracht habe. Zwei Jahrzehnte lang habe Faber beratend und strategisch für hochrangige Regierungsmitglieder gearbeitet, zusätzlich zu weiteren wichtigen Figuren aus der Wirtschaft. Zudem stünden in seiner Vita Beiträge in verschiedenen deutschen Leitmedien. Man darf wohl annehmen, dass ein Jan Faber weiß wovon er schreibt, wenn er seine Protagonistin, die junge Staatssekretärin Natascha Eusterbeck direkt ins Haifischbecken des Berliner Kanzleramtes wirft Ihr augenscheinlicher Job scheint zunächst im Zuge um sich greifenden Optimierungs- und Kostensparwahns gar nicht so abwegig. Sie soll sich einen Kopf darüber machen, wie sich die Strukturen des Amtes verbessern lassen. Daran ist nichts ungewöhnliches zu finden, immer wieder werden Externe damit beauftragt, mit frischem, ungetrübten Blick die Abläufe eines Unternehmens zu prüfen und Vorschläge zur Effizienzverbesserung einzubringen. Doch ist das im Falle von Natascha Eusterbeck nur die eine Seite der Medaille. Darüber hinaus bekommt sie von der Kanzlerin einen geheimen, wesentlich delikateren Auftrag – und wie sich herausstellen soll, auch gefährlicheren. Ihre Top Secret Mission ist es, sich einen Überblick über das Beziehungsgeflecht der Personen zu verschaffen, die im Kanzleramt ein- und ausgehen. Wer mit wem, warum und wann und so weiter. Im Zuge ihrer Arbeit setzt Natascha nicht nur ihr Privat-, sondern auch ihr Leben auf’s Spiel. Zu schnell dringt sie zu tief in Affairen vor, die sie nie hätte entdecken dürfen und weckt Hunde, die sie besser nicht hätte wecken sollen. Schneller als sie es sich versieht, ist ihr Job mit tödlichem Ernst versehen…

Grundsätzlich gilt festzuhalten: wer eine Schwäche für fein formulierte Politthriller hat, die ihren großen Reiz nicht aus irgendwelchen Knalleffekten beziehen sondern dadurch, dass sie die ganze Zeit über ein unangenehmes Gefühl der Beklemmung erzeugen, ist bei Jan Fabers Roman gut aufgehoben. Da macht es auch nichts, dass „Kalte Macht“ mit dem Problem zu kämpfen hat, dass ein paar Handlungsstränge nicht richtig bzw. nur unzufrieden zu einem Ende gebracht wurden und sich beim Grande Finale die Frage nach dem „warum das alles eigentlich?“ dezent einschleicht. Die leichte Neigung zur Langatmigkeit lässt sich gerade so verkraften. Einen Roman wie diesen kann wohl nur schreiben, wer tatsächlich die Abläufe der Regierung aus nächster Nähe boebachtet hat. Zwar nennt Faber keine Namen, natürlich nicht, es ist ja schließlich keine Reportage, aber es ist dennoch nicht schwer zu erraten, wer hier gemeint sein könnte. Gerade im Falle der Kanzlerin ist es nicht verwunderlich, dass Jan Faber darauf verzichtet, seine wahre Identität zu verraten. Die Kanzlerin dort erscheint in wenig schmeichelhaftem Licht und Ähnlichkeiten zu lebenden bzw. real existierenden Personen können zumindest hineininterpretiert werden. Dieser verschwörungstheoretische Ansatz, bei welchem die nach wie vor anhaltende Eurokrise einer besonderen Gewichtung zukommt ist es dann auch, was den größten Kick dieses Buches ausmacht. Nach Lektüre von „Kalte Macht“ ist es durchaus möglich, dass man den finanzpolitischen Themen im Weltgeschehen etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmet. Dass im Politikbetrieb alles mit rechten Dingen zu geht, daran hat auch vor Faber keiner geglaubt. Wenn es aber sein Anliegen war, mit diesem Buch zu erreichen, sich mit dem Geschehen etwas mehr auseinanderzusetzen, so dürfte er sein Ziel zumindest bei seinen Lesern ein Stück näher gekommen sein.


Wäre dies ein amerikanischer Politthriller, so wäre die Anzahl der Zivilverluste, die quasi als „Kollateralschaden“ einer Vertuschungsstrategie in den Weg kamen, deutlich höher als in diesem Fall. Und auch das Tempo sowie der Nervenkitzel. Wer also eher den amerikanischen Thrill bevorzugt, der mit Pauken und Trompeten die Verschwörungstheorien in die Welt hinausposaunt, wird hier womöglich nicht glücklich. Tatsächlich liest sich Jan Fabers Buch beinahe wie ein Insiderbericht. Auch wenn er keine bzw. nur geänderte Namen nennt, so ist schnell klar, wer gemeint ist. Und so lässt er den Leser nach etwa 440 Seiten (erschreckend) interessanter und lesenswerter Lektüre mit der unbequemen Frage zurück, wie sehr dieser Roman wohl den Tatsachen entsprechen mag – und was genau da eigentlich in Berlin, speziell im Kanzleramt, so getrieben wird.


JAN FABER - Kalte Macht