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NILS NILSSON – Schattenspiele (Horrorgedichte als Buch & Hörbuch)

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Das erste, was einem zu Wolfsburg einfällt, sind wohl diese lustigen Autos, die man der Liebe zur Werkstatt wegen fährt. Als nächstes womöglich eine Rockband, die in der Düsterszene in den letzten 20 Jahren zu einiger Popularität gekommen ist. Auf dem Lyriksektor sieht es dagegen nicht so doll aus. Hoffmann von Fallersleben kommt einem da eventuell noch in den Sinn, der aber vor allem Kinderlieder dichtete, wenn er sich nicht mit unserer Nationalhymne beschäftigte. Ist da denn sonst gar nüscht mehr? Doch. Wir haben hier NILS NILSSON, einen talentierten Schreiberling finsterer Gedichte. Sein Erstlingswerk „Schattenspiele“ ist im August dieses Jahres erschienen. Wie wir gleich feststellen werden, handelt es sich hierbei um ein wahres Kleinod im Bereich der Düsterlyrik.

Na gut, ok. Wolfsburg ist nicht ganz richtig. Tatsächlich residiert Nils Nilsson in Königslutter am Elm. Das ist immerhin 20 Kilometer entfernt und bis auf eine Biersorte assoziiert man wohl recht wenig mit Königslutter. In dieser beschaulichen, 15tausend Seelen beheimatenden Stadt sitzt Nilsson und schreibt Gedichte. Und was für welche! Mit 19 Jahren fing er an, die Dinge, die im Kopf herumschwirrten, auf Papier zu bringen. Anfangs nur damit das, was, wie er sagt, raus muss, auch raus kam. Lyrische Aufarbeitung ist seit jeher ein probates Mittel, um dieses oder jenes Seelenbrennen zu verarbeiten. Schaut Euch nur die ganzen Musiker der Gothic-Szene an! Die machen im Prinzip nichts anderes, nur dass sie noch Songs drumherum schrauben. Wobei die Nähe zur Musik auf andere Weise geschaffen wurde. Dazu gleich mehr. Im Laufe der Zeit, Nilsson ist inzwischen über 30, machte er seine Werke auch anderen zugänglich. Und wenn Dinge gut sind, finden sie auch Anklang. Zunächst natürlich im eigenen Umfeld, später aber auch darüber hinaus. Da ist es nur logisch, dass irgendwann der Plan reift, sie richtig einem großen Publikum vorstellen zu wollen. Das Ergebnis dieser Reise ist das vorliegende Lyrikdebüt „Schattenspiele„. Im Klappentext heißt es, dieses Buch sei für jene Menschen, die Ihr Herzblut nicht auf ihre Zäune streichen, in deren Mitmenschen niemals Einsamkeit nistet und für die alte Bäume mehr seien als Schattenspender. Klingt vielversprechend? Jopp.

Dass auf dem Buchdeckel mit dem Begriff „Horror-Gedichte“ geworben wird, legt nahe, dass wir hier nicht die sechshundertdrölfundzigsten Sammlung kitschiger Herz-Schmerz-Lyrik oder Ist-doch-alles-Mist-und-die-Welt-doof-Prosa präsentiert bekommen. Tatsächlich geht es bei Herrn Nilsson mitunter ganz schön zur Sache. „Das Rotkehlchen“ beispielsweise, behandelt eheliche Untreue und die möglicherweise mörderischen Folgen. Ein Schnitt, ihr Kehlchen rot vor Blut / der Anblick stillt des Mannes Wut. Klar soweit? Und „Wenn er fällt, dann schreit er“ ist aus der Sicht eines Kindes geschrieben, das im Begriff ist, abgetrieben zu werden. Starker Tobak? Jopp. Aber wie gesagt, um Wohlfühl-Lyrik geht es hier ja auch nicht. Neben einer ziemlich krassen, wenn auch zeitgemäßen Interpretation des Klassikers Hänsel & Gretel in „Anna und Luca„, findet Nilsson in „“Organisationsvision“ ziemlich deutliche, gesellschaftskritische Worte. Es ist in „Schattenspiele“ eben nicht alles Horror im herkömmlichen Sinne, manchmal ist ein Blick auf das aktuelle Zeitgeschehen schon Grauen genug. Und doch: in seltenen Momenten („Schutzengel„) wird es sogar etwas versöhnlich. Die kurze Verschnaufpause, in einem wahren Füllhorn ziemlich abgefahrener Ideen.

Übrigens: es gibt immer wieder Veröffentlichungen irgendwelcher „Dichter“, deren Reime mitunter so konstruiert wirken, dass mangels Talent nur „reim dich oder ich fress dich“ das Motto gewesen sein kann. An dieser Stelle kann ich Euch beruhigen: dieser Autor hier kann tatsächlich dichten. Es ist zu merken, dass er damit auch nicht erst gestern angefangen hat. Meist textet er in einem vierzeiligen Vers-Schema, welches naturgemäß über den entsprechenden Rhythmus verfügt. Manchmal sind die Verse aber auch deutlich länger. Somit gleichen die Texte dann schon eher einer düsteren Erzählung. So oder so: Nilsson beherrscht sein Fach und überlässt es seinem Publikum, Gefallen an dem vordergründigen Horror zu finden. Oder vielleicht auch an der hintergründigen Reflektion, die manchmal zwischen den Zeilen versteckt ist und sich nicht sofort offenbart.

Nun passiert es ja schon mal, dass das Lesen eines Gedichts allein noch nicht die Wirkung erzeugt, die der Autor beim Verfassen vielleicht im Kopf hatte. Damit Konsumenten dieses Büchleins komplett in die manchmal verstörende, manchmal beklemmende, manchmal provokante Welt abtauchen können, liegt eine CD bei. Diese beinhaltet die 17 Gedichte des Buches, gelesen – ach was, intoniert! – vom Braunschweiger Christian Stein (trägt solche und ähnliche Gedichte vor, während Interessierte auf einem Bootchen über die Oker schippern) und unterlegt mit dazu passender, düsterer Instrumentalmusik. Da ist sie, die besagte Nähe zur Musik. Dass die Tonqualität der Sprachaufnahmen selbst dabei nicht die beste ist, fällt nicht negativ ins Gewicht. Ganz im Gegenteil, es ist der Stimmung sogar noch zuträglich. Es versprüht somit ein bisschen diesen besonderen Flair alter Tonbandaufnahmen. Ursprünglich war geplant, die Gedichte nur als CD zu veröffentlichen, die Idee eines komplementierenden Buches manifestierte sich erst später.

Nils NilssonsSchattenspiele“ ist für einen sehr überschaubaren Beitrag von 12 Euro zu bekommen. Peanuts angesichts des kreativen Talents, das damit unterstützt wird und vor allem der Nachhaltigkeit, die man dafür bekommt. So manches Schattenspiel wirkt nämlich eine ganze Weile nach – sofern ein alter Baum tatsächlich nicht nur ein Schattenspender für Euch ist.


Künftig wird man die Stadt Königslutter am Elm hoffentlich nicht nur mit einer schmackofatzen Biersorte in Verbindung bringen, sondern bitte auch mit den Gedichten Nils Nilssons. Von mir aus könnt Ihr auch Wolfsburg damit assoziieren oder am besten beides. In regionalen Tageszeitungen wurde einstweilen schon mal der Vergleich zu Edgar Allen Poe gezogen. Es mag sich überzogen anhören, aber der Vergleich liegt tatsächlich nahe. Zusammen mit der beiliegenden CD wird hier ein stimmiges Gesamtpaket geschnürt, das ein breites Publikum anspricht: Lyrik- und Horrorfans, Hörbuchhörer und überhaupt alle, die sich dafür begeistern können, wenn Wort und Ton eine intensive Stimmung erzeugen bzw. verbreiten. Vor allem aber ist es einmal mehr ein Beweis dafür, dass es nicht zwangsläufig die seelenlosen Hochglanzproduktionen der Top-Verlage sind, die gefallen, sondern das mit Herzblut geschaffene Werk von Newcomern.



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    Roman Jasiek
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