Foto: François Berthier / Universal Music

AARON – We Cut The Night

Frankreich ist ein tolles Land. In Kunst und Kultur und auch kulinarischen Genüssen so unglaublich vielfältig – würde man eine Partie Stadt, Land, Fluss ausschließlich auf französische Dinge beschränken, so wäre das immer noch ergiebig genug. Einzig im Bezug auf die Musik will mir gerade nicht so übermäßig viel einfallen. Klar, da sind die alten Meister wie Berlioz oder Debussy. Und ja, auch ein paar aus der Moderne ploppen immer mal wieder auf, wenn man über Musik aus Frankreich redet. Jean Michel Jarre oder Daft Punk zum Beispiel, Terence Fixmer, Kavinsky oder Die Form. Aber sonst? Gerade im Bereich Synthie-Pop wird allenfalls noch M83 in den Raum geworfen. Ok, wir hatten hier im Blog schon ein paar Geheimtipps wie Griefjoy oder Jeanne Added. Aber insgesamt? So richtig über dem Geheimtippstatus ist man nebenan immer noch nicht hinaus, was das anbelangt. Entweder ist der Bereich in Frankreich wirklich eher dünn besiedelt oder aber es kommt einfach zu wenig über die Landesgrenze zu uns herüber. Warum auch immer. Vielleicht, weil die Entscheidungsträger in der Industrie ohnehin ebenfalls eher England und Schweden als die führenden Synthie-Pop-Hochburgen betrachten und den entsprechenden Alben aus Frankreich im Rest der Welt magere Vermarktungschancen einräumen? Was auch immer der Grund sein mag – Bands und Musiker aus unserem schönen Nachbarland haben durch die geringere Präsenz in dem Bereich stets den Vorteil, überraschen zu können. Einen Bonus, den das Duo AARON mit dem aktuellen Album „We Cut The Night“ voll ausspielt. Da die Platte auch ganz offiziell bei uns erhältlich ist, schauen wir uns das doch mal an.

So richtig viel ist über die Band, die aus Simon Buret und Olivier Coursier besteht, nicht bekannt. Man weiß, dass AaRON eine Abkürzung ist für Artificial animals Riding On Neverland. Diesen Namen trug auch ihr 2007er Debütalbum, das in Frankreich Platin abgreifen konnte. Ob nicht vielleicht sogar der biblische Aaron, der Bruder von Moses, bei der Namensfindung Pate gestanden hat, ist nicht bekannt. Aber nicht ganz auszuschließen, wenn man der Musik von „We Cut The Night“ folgt. Man weiß weiterhin, dass sie seit 2004 zusammen agieren und 2009 mit dem European Border Breakers Award (EBBA) ausgezeichnet wurden. Dass Schauspieler John Malkovich ein großer Fan der Band ist und sich nicht zu schade war, im offiziellen Video zu „Blouson Noir“ mitzuspielen. Und dass die Herren eine hohe Affinität zu Kunst und Mode besitzen. Simon Buret zum Beispiel verdingt sich neben der Musik auch als Model und Schauspieler, zudem werden die beiden auch immer wieder von Magazinen für Mode-Fotostrecken gebucht. Man könnte also guten Gewissens vermuten: das, was die beiden Herren anpacken, hat irgendwie Stil.

Und so ist es auch. Hierzulande größer in Erscheinung getreten sind AaRON mit „Blouson Noir“, einer stampfenden, flirrenden Synthie-Pop-Nummer. Kalt, grazil und distinguiert, so als sei der Song ein Model, das auf dem Laufsteg der internationalen Musikbühne in überragender Eleganz an den ganzen Mitbewerbern vorbei stolzierte. Kein Wunder, dass „Blouson Noir“ von Regisseur Colin Tilley für einen Clip für Yves Saint Laurent verwendet wurde.

Der Titel „We Cut The Night“ lässt ein dunkles Album vermuten. Und richtig: so distanziert unterkühlt, so unnahbar wie „Blouson Noir“ den Einstieg gestaltet, so bleibt es auch im Verlaufe des restlichen Albums. „Magnetic Road“ zum Beispiel ist eine schwere, fast schon erdrückende Ballade, die den Hörer unverhofft auf eine endlose Straße schickt, im australischen Outback beispielsweise oder in den Salt Flats in den USA, ringsherum meilenweit gar nichts außer ein paar Gebirgen, die sich in weiter Ferne vor dem Horizont abzeichnen – und über dir dicke, schwarze Gewitterwolken, die sich zu einem ziemlich unangenehmen Unwetter formieren. In „Maybe The Moon“ sind die Wolken dann zerbrochen und der Regen, den sie eben noch in sich trugen, spült dich weg. Was sich vielleicht nach schwer erträglicher Depri-Mucke anliest, tönt aus den Boxen in der Tat aber zugänglicher. Wie gesagt, es ist ein dunkles, ein düsteres Album, das facettenreich in schwarzen und grauen Farbabstimmungen funkelt. Aber es ist keines weswegen man Gefahr liefe, sich die Pulsadern aufzuritzen. Tatsächlich ist es manchmal sogar tanzbar. So wie in dem fast schon fröhlichen, in jedem Fall aber eingängigen „Onassis“, einer Metapher über Wiedergeburt, über Selbstfindung und das Abtauchen ins Unbekannte ohne Angst. Still sitzen zu bleiben ist hier unmöglich.

Dass „We Cut The Night“ zum Tanzen einlädt, ist aber eher die Ausnahme. Es passiert noch mal beim knarzigen Titelstück und bei „The Leftovers„, ansonsten zerschneiden AaRON die Nacht nicht, damit sie zur Feierlichkeiten zwischen zwei Dämmerungen zerrissen sei. Es ist ein Album für die Nacht, ja, aber eines von der Sorte, bei dem man sich eine Flasche Wein öffnet und die Wolken, die sich immer wieder vor den Vollmond schieben, beobachtend über das Leben sinniert. Eines von der Sorte, das man sich mittels Kopfhörern in die Gehörgänge fließen lässt, während man gesenkten Hauptes durch eine regnerische Nacht spaziert. Der Regen prasselt auf die Kapuze, springt über das holprige Pflaster der Gehwege, kräuselt die Pfützen, in denen sich die Lichter der nächtlichen Großstadt spiegeln und keiner sieht, dass das, was dort die Wangen hinunter läuft, eben nicht nur der Regen ist. Regen schmeckt selten salzig.

Foto: François Berthier / Universal Music
Foto: François Berthier / Universal Music

Die Sounds, derer sich das Duo Simon Buret und Olivier Coursier bedienen, sind schnörkellos. Zielgerichtet und ohne Umwege auf den Punkt gebracht. Ihren Songs wohnt ein eher minimalister Hauch inne; sie verzichten auf Spielereien. Meist sind es eher die pulsierenden Rhythmen, die man wahrnimmt. Die flächigen Synthies umhüllen die Hörer, die manchmal durchblitzenden Gitarren erreichen wie aus weiter Ferne das Ohr. Einer Bewegung gleich, die am Rande der Wahrnehmung passiert und bei der man nie so ganz sicher ist, ob man gerade wirklich etwas gesehen hat. Reduziert auf das Wesentliche tönt „We Cut The Night“ aus den Boxen wie dereinst frühe Alben von The Human League oder die von New Order in der Mitte der 80er. Hinter denen müssen sich AaRON übrigens nicht verstecken. Wir wissen nicht, wie künftig die Versorgung mit Synhtie-Pop aus Frankreich aussieht. Aber vielleicht haben AaRON mit „We Cut The Night“ eine Lanze gebrochen und wir kommen demnächst noch mehr derartige Mucke aus unserem Nachbarland geboten. Wenn die dann auch nur annähernd die gleiche Güte haben wie dieses Album hier, dann muss man über die Definition von Synthie-Pop-Hochburgen noch mal nachdenken. Bis dahin bleibt Frankreich der ultimative Geheimtipp.


Um das noch mal festzuhalten: „We Cut The Night“ mag tanzbare Songs beinhalten. Ja. Aber eigentlich ist es ein betörend düsteres Werk, das wohl dann viel mehr seinen Reiz entfaltet, wenn man es eben nicht in einem Tanztempel mit anderen teilt. Sondern ganz alleine und für sich entdeckt, erlebt und genießt. Der dunkle, warme Gesang als Kontrast zur kalten, distinguierten Musik, die melancholische Grundstimmung, das gelegentliche Zerreissen des musikalischen Regenhimmels durch kleine Lichttupfer – all das macht „We Cut The Night“ zu einem Album, das Genre-Freunden mit Fug und Recht zu einem der Top-Titel dieses Jahres empfohlen werden kann. Ach was, kann – muss!


AaRON - WCTN Cover


Die Sounds, derer sich das Duo Simon Buret und Olivier Coursier bedienen, sind schnörkellos. Zielgerichtet und ohne Umwege auf den Punkt gebracht. Ihren Songs wohnt ein eher minimalister Hauch inne; sie verzichten auf Spielereien. Meist sind es eher die pulsierenden Rhythmen, die man wahrnimmt. Die flächigen Synthies umhüllen die Hörer, die manchmal durchblitzenden Gitarren erreichen wie aus weiter Ferne das Ohr. Einer Bewegung gleich, die am Rande der Wahrnehmung passiert und bei der man nie so ganz sicher ist, ob man gerade wirklich etwas gesehen hat.
INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.7.5
GESANG.8.5
PRODUKTION.8.5
UMFANG.8.5
GESAMTEINDRUCK.9
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Ein kleines Meisterwerk in Sachen Synthiepop
8.3
TOTAL.