Foto: Michael Kanzler / AVALOST

AESTHETIC PERFECTION – ‚Til Death

Ihr kennt das bestimmt auch: Immer wieder treten Bands auf den Plan, von denen man so ein, zwei Sachen ganz nett findet, wenn sie auf einer Party gespielt werden oder auf Compilations auftauchen. Die man sich auch mal bei passender Gelegenheit live anguckt, wenn sie mit auf dem Spielplan stehen. Und bei denen man dennoch nie auf die Idee käme, ein Ticket für eines der Konzerte nur wegen ihnen zu kaufen, geschweige denn Geld in Tonträger oder Merchandise zu investieren. Einfach weil der Funke bis dato einfach nicht überspringen wollte. Irgendwann gibt man sich doch mal einen Ruck, sich näher mit dem Treiben der Band zu beschäftigen, etwa weil ein neues Album aufgeploppt ist, das – aus welchen Gründen auch immer – spontanes Interesse geweckt hat. Und dann passiert es – der Funke springt doch über! Ich nenne es den „Klaus Lage Effekt“ in Anlehnung an die 1984er Kamelle „1001 und 1 Nacht (Zoom!)“. Zuletzt geschehen beim kommenden AESTHETIC PERFECTION Album „‚Til Death“, das ich Euch nachfolgend vorstellen möchte.

Um kurz noch mal auf Klaus Lage und seinen inzwischen tot gedudelten Song zurückzukommen: Aesthetic Perfection habe ich auch gefühlte tausend Male gehört und auf dem WGT (und ähnlichen Veranstaltungen) live gesehen. Und gefühlte tausend Male ist nüscht passiert. Die „Inception“ zum Umdenken fand im September des letzten Jahres statt, als ich zwecks eines Covenant-Konzertes im Hannoveraner Musikzentrum vorstellig wurde. Daniel Graves und seine Live-Kollegen überraschten mich mit einer energiegeladenen, spielfreudigen Live-Darbietung. Zudem setzte sich auch das als Single ausgekoppelte „Antibody“ in meinen Hirnwendungen fest. Daher war ich auch tatsächlich voller Gespannung, als mir das neue Album „‚Til Death“ zu Rezensionszwecken angeboten wurde. Tja, und da hat es dann wohl Zoom! gemacht.

Das musikalische Gefilde, dem sich Aesthetic Perfection zuordnet, ist das selbst geschaffene Genre „Emo Body Music“. Was mit anderen Worten so viel bedeutet wie: es gibt unverzerrten Gesang auf die körpereigenen Musiksempfangsgeräte, genauso wie markiges Geschrei, tanzbare Beats und mitreissende Melodien. Bezüglich der inhaltlichen Ausrichtung spricht die entfernt an „Corpse Bride“ erinnernde Covergestaltung deutliche Bände. Mal in die Runde gefragt: seid Ihr Euch sicher, dass jedes Paar so glücklich und zufrieden ist, wie es die äußere Fassade vielleicht glauben lässt? Die Phrase „Bis der Tod euch scheidet“ nimmt manchmal ganz ungemütliche Wendungen an.

So. Und nu gucken wir uns die Sache doch mal im Detail an:

Happily Ever After: Das Intro. Fetzig ist hier noch viel zu wenig der Begeisterungsbekundung. Zunächst schwere Glockenklänge, dann an Militärmärsche erinnerndes Getrommel. Dröhnende Synthies im Hintergrund, normaler, kreischender und flüsternder Gesang wechseln sich ab. Wenn ich meine Taschen packen müsste um einer ungewissen, vielleicht gar nicht so bequemen Zukunft entgegen zu reisen, dann wäre dies vielleicht mein Song für die Abreise. Was wird werden? Was bleibt zurück? Oder vielleicht auch: wer?

Antibody: Ohrwurm, Tanzflächfüller und Partygranate bei Konzerten in Songunion. Ein klassisches Beispiel für den eigenwillig trockenen Electro-/Industrialsound, wie er scheinbar nur von kalifornischen Bands gemacht werden kann. Ganz gleich, ob es sich hierbei um Aesthetic Perfection, System Syn oder Imperative Reaction handelt. Neben eingängigen Hooklines begeistert Daniel hier mit dem Gegensatz aus unverfälschter Gesangsstimme und kraftvollen Geschrei.

Lights Out (Ready To Go): Beginnt mit minimalistischen Spielereien, die 80er-Plastikpop erwarten lassen, übergibt dann an sehr quietschige Synthies, herrlich analog wabernde Klangteppiche im Unterbau und gefällt anschließend schon wieder durch eine beinahe poppig anmutende Leichtigkeit. Egal ob ich an Konzerte oder Parties denke – in beiden Fällen sehe ich vor meinem geistigen Auge ausgelassen tanzende Menschen, die zu diesem Song abgehen.

Death Rattle: Die Koketterie mit dem Sound der 80er Jahre wird bei diesem Stück fortgesetzt. Während da nicht die abermals extrem knarzigen Spielereien, die ein ums andere Mal die Aufmerksamkeit erhaschen, das gelegentliche Geschrei von Daniel – man könnte sich beinahe auf dünnes Eis führen lassen. Im Tempo geht es hier wieder etwas gemächlicher zur Sache.

Big Bad Wolf: War ebenfalls schon im Vorfeld bekannt und gehört ebenfalls zu den Highlights dieses Albums. Ein zwanghaft zur Bewegung animierender Beat, schon wieder so eingängige Melodien und fesselnde Refrains – Herr Graves gibt sich definitiv alle Mühe, die Gehörgänge seines Publikums mit tollen Songs zu umschmeicheln. Das Unterfangen ist hier einmal mehr gelungen.

Showtime: Vermittelt eine eher ungemütliche Stimmung. Ich fühle mich unweigerlich an einen Jahrmarkt oder eine Kirmes erinnert, bei denen Dinge nicht so sind wie sie zu sein scheinen. Oder so als wandelte ich durch die Ruinen besagter Lokalitäten, ein Windhauch bringt ein Karussell zu drehen und in der Ferne das Echo einer Spieluhr. Hier animiert Graves also nicht den Bewegungs- sondern den Denkapparat. Auch mal schön.

Oh, Gloria!: Viel Zeit, sich dem eigenen Kopfkino hinzugeben bleibt nicht. Mit „Oh, Gloria!“ erhascht das nächste, gelungene Stück die Aufmerksamkeit des Hörer. Auch hierzu ließe es sich vermutlich ganz hervorragend tanzen.

The Dark Half: Das dritte, schon im Vorfeld veröffentlichte Stück dieses Albums. Definitiv ein Song, bei dem Daniel Graves auf Krawall gebürstet ist. Deutlich härtere Beats mit viel mehr Bumms dahinter als zuvor, deutlich gestiegener Schrei-Gehalt, dafür nicht so eingängig und auf Gefälligkeit getrimmt. Aber ey, irgendwann musste der Kuschelkurs ja auch mal vorbei sein, richtig?

The New Black: Huch? Das ist aber ganz schön futurepop hier. Macht aber nüscht. Graves baut in den Refrains ganz schön ausschweifende Melodiebrücken auf, die in den Strophen vom inzwischen gewohnten Gekreische ihren kontrastreichen Unterbau erhalten. Einer dieser Songs, bei denen ich mir gut vorstellen kann, wie dem Publikum während eines Konzertes das Mikro hingehalten wird, um lauthals mitzugröhlen. Nachdem vorher mit Nachdruck um Zugabe gerufen wurde.

Lovesick: Und noch einmal: huch! Eine leise, wehmütige Ballade, nur spärlich instrumentiert, dafür aber mit so atmosphärischen Sounds, die wie eine Verbeugung vor Jean-Michel Jarre und ähnlichen wirkt. Nachdem man sich vielleicht die ersten vierzig Minuten des Albums tanzend verausgabt hat, kann man sich hierbei endlich wohlverdient auf einem Barhocker, Sessel oder was auch immer niederlassen und Daniel bei der Selbstreflektion bezüglich des Verlustes seiner womöglich größten Liebe des Lebens zuhören. Es ist nicht der stärkste Song, der je das Hause Aesthetic Perfection verlassen hat, dokumentiert aber sehr gut die Wandlungsfähigkeit der Band.

Stillstand ist Daniel Graves‘ Sache ganz offensichtlich nicht. Mag es auch stets drei Jahre dauern, bis der geneigte Hörer neues Material geliefert kommt, so ist allerspätestens mit diesem vierten Album eines sehr deutlich geworden: es lohnt sich. Sicherlich gibt es in der Szene-Künstler, die einen deutlich höheren Ausstoß als ein Album alle drei Jahre haben. Na und? Die Zeit, die Graves in seine Mucke investiert, hat für den Konsumenten zur Folge, stets Ohrenzeuge einer Weiterentwicklung zu werden. Musikalisch muss Aesthetic Perfection mit „‚Til Death“ inzwischen zu den Top Acts kalifornischen Electro-Industrials zu werden. Die manchmal gefühlvollen, manchmal leicht poppigen Untertöne lockern den trockenen Sound, wie er scheinbar wirklich nur rund um Hollywood zu finden ist, auf und heben ihn von den Mitbewerbern ab. Dennoch werden Leute auf den Plan treten und sagen: früher war Aesthetic Perfection besser. Weil härter. Man vergleiche nur mal „A Violent Emotion“ von 2008. Stimmt, früher war Aesthetic Perfection härter. Aber heute ist es besser. Bands, die Mucke machen wie AP in vergangenen Tagen, gibt es noch immer zur Genüge. Daniel Graves möchte ganz offensichtlich heraus aus diesem Einerlei. Zwar hatte ich, wie eingangs erwähmt Aesthetic Perfection im Laufe der Jahre schon das ein oder andere Mal live gesehen, und auch zu manchem Song habe ich schon in der Disco das Tanzbein geschwungen, dennoch: stets waren immer latente Restzweifel vorhanden, ob Aesthetic Perfection das Zeug zu meiner persönlichen Oberliga hat. Mit diesem Album sind diese Zweifel beseitigt. Es ist eine musikalische Bewerbung um die Spitze.


Mit Aesthetic Perfection verhält es sich ein bisschen wie mit gutem Wein: je älter er wird und je mehr Zeit zum Reifen ihm somit angedacht wird, umso besser wird er. Daniel Graves ist mit „‚Til Death“ ein sehr ansprechendes und abwechslungsreiches Album gelungen, das dem schon seit geraumer Zeit so propagierten eigenen Stil „Emo Body Music“ endlich die richtige Tiefe verleiht. Eine ausgewogene Mischung aus Geballer, Geschrei und Gefühl, das ist es. Und am Ende dieses Jahres wird man Daniel Graves ganz Gewiss gerne bestätigen, definitiv eines der besseren Alben im Bereich Düsterelektro gemacht zu haben. Ich werde die weitere Entwicklung Aesthetic Perfections jedenfalls fortan genauer im Auge behalten. Sofern Ihr Euch auch zu den Konsumenten düsterer Electro-Mucke zählt: wenigstens eine Probehörung dieses Albums ab dem 14. Februar ist dringend angeraten. Sollte es Euch nämlich ähnlich gehen wie mir vor diesem Album, bestehen beste Chancen, dass Graves auch Euch überzeugt. Zoom und so.


Aesthetic Perfection - Til Death


Mit Aesthetic Perfection verhält es sich ein bisschen wie mit gutem Wein: je älter er wird und je mehr Zeit zum Reifen ihm somit angedacht wird, umso besser wird er. Daniel Graves ist mit „‚Til Death“ ein sehr ansprechendes und abwechslungsreiches Album gelungen, das dem schon seit geraumer Zeit so propagierten eigenen Stil „Emo Body Music“ endlich die richtige Tiefe verleiht. Eine ausgewogene Mischung aus Geballer, Geschrei und Gefühl, das ist es. Und am Ende dieses Jahres wird man Daniel Graves ganz Gewiss gerne bestätigen, definitiv eines der besseren Alben im Bereich Düsterelektro gemacht zu haben.
INHALT / KONZEPT.8
TEXTE.7.5
GESANG.7.5
PRODUKTION.8
UMFANG.8
GESAMTEINDRUCK.8.5
LESERWERTUNG.0 Bewertungen0
POSITIV.
Emo Body Music, oder: Tanzbar, eingängig und gefühlvoll
7.9
TOTAL.